
Immersiv bedeutet, dass man eintaucht in eine andere Welt. Vier Tage nach der IFA war ich in der Ausstellung von Ryuichi Sakamoto; beide – die IFA und die Ausstellung – waren irgendwie immersiv, also andere Welten, in die man eintaucht; wenn es auch ganz verschieden andere Welten waren. Die IFA ist die weltgrößte Technik-Show und sie soll zeigen, was uns erwartet: „The Future is Now.“ Man läuft straight durch die Messehallen am Funkturm und direkt in die Zukunft hinein bzw. in das, was die Zukunft sein soll. In der Ausstellung „seeing sound, hearing time“, einer Retrospektive für den japanischen Komponist, Musiker, Produzenten und Medienkünstler Ryuichi Sakamoto, bewegt man sich eher in eine andere Richtung. Doch Technik-Welten sind beide.
Kleine Roboter und KI in Kinderschuhen
Ich bin seit Jahren auf der IFA, um im Auftrag eines meiner Kunden eine Woche lang Technik-Journalisten neueste Hörgeräte vorzustellen; das hatte ich auch diesmal getan. Früher war die IFA anders. Inzwischen kommen vor allem Aussteller aus Asien; fast die Hälfte der Firmen ist aus China. Viele dieser Firmen werden – direkt oder indirekt – vom chinesischen Staat finanziert oder unterstützt, sagt die KI. Produkte mit KI gibt es überall auf der IFA. Die KI steuert die Produkte, so dass sie tun, was der Algorithmus vorgibt.
Manches hat sich auf der IFA auch nicht verändert: Schon immer versuchen Ingenieure, mit Technik ein Stück Natur nachzubauen. Technik erledigt Arbeiten, die früher nur ein (natürlicher) Mensch machen konnte. Technik bereitet das Essen, steuert Fahrzeuge, macht Musik oder sauber, erzählt Geschichten, unterhält… Alles das, was früher nur Menschen konnten. Und auch die Hörgeräte-Ingenieure versuchen, ein Stück menschlicher Natur und menschlicher Fähigkeit mit Technik nachzubauen.
Auf der IFA gab es diesmal noch mehr humanoide Roboter als in den Jahren davor. Die Roboter tanzten, turnten oder spielten Fußball. Es gab Roboter, die Betten machen, aufräumen, schwere Kisten heben oder Bauteile in einer Lagerhalle suchen, finden und holen. Roboter können immer noch mehr von dem, was bisher nur Menschen konnten. Es gab auch Roboter-Hunde und Roboter, die wie Panda-Bären und Triceratops-Babys aussahen. Der kleine Triceratops-Roboter hatte grüne Augen und sehr dunkle Pupillen, die mich merkwürdig lange ansahen. Der Panda-Roboter holperte quer durch die Messehalle wie ein wildes, ausgebrochenes Tier.

Es gab Roboter, die auf der Erde saßen und nichts taten. Als ich sie dennoch beobachtete, kam sofort eine Frau vom Roboter-Messestand, die mir freundlich erklärte, dass die Akkus der Roboter leer sind, und dass ich später wieder kommen soll. Dass ihre Roboter nur herumsitzen, schien ihr peinlich zu sein. Und es gab Roboterkinder, die so groß waren wie 3- bis 4-jährige Kinder und die für Kinderzimmer bestimmt sind. Die Roboterkinder ließen sich wie 3- bis 4-jährige führen; sie gingen brav an der Hand der Mitarbeiter der Roboterfirmen. Ein Mitarbeiter hatte einen noch kleineren Roboter. Den trug er eingerollt in eine Decke auf seinen Armen.
„Ich verstehe, dass ChatGPT noch in den Kinderschuhen steckt“, schreibt der australische Musiker und Poet Nick Cave über KI. „Aber vielleicht ist genau das der aufkommende Schrecken der KI – dass sie für immer in den Kinderschuhen stecken wird, da sie immer noch einen weiten Weg vor sich hat und die Richtung immer nach vorne zeigt, immer schneller. Sie kann niemals zurückgedreht oder verlangsamt werden, während sie uns vielleicht in eine utopische Zukunft führt – oder in unsere totale Zerstörung…“
Schwarze Löcher und Klangräume
Die IFA ist schnell, laut, schrill, fordernd, voller Menschen und voller Sinnesreize, die Menschen anziehen, sie vorwärts durch die Hallen führen, leiten, locken, treiben – von einer Technik-Innovation zur nächsten. Das alles war noch in meinem Kopf, als ich vier Tage nach der IFA in die Rieckhallen kam, die zum Hamburger Bahnhof gehören, der längst ein Kunst-Museum ist.
Kunst scheint oft komplizierter als sie ist. Dabei geht es bei Kunst vielleicht gerade darum, sie nicht verstehen zu müssen (bzw. sollen oder wollen). Weil Kunst für sich genommen gar keine Antwort hat – auf das, was in der Welt vor sich geht und was noch kommt. Weil Kunst mehr ein Moment ist, in dem es nur gibt, was in dir geschieht: eine Ahnung von einer Erinnerung oder von einem Traum. Oder ein Gemisch aus beiden.

Ryuichi Sakamotos Klangräume sind so. Man betritt sie wie eine andere Welt. Als würde man aus einer lärmenden, von greller Sonne durchfluteten Straße in einen kühlen, schattigen Kirchenraum wechseln, um Ruhe zu finden. Nur sind Ryuichi Sakamotos Klangräume noch dunkler als Kirchenräume. Sie sind große, schwarz ausgekleidete Räume – wie schwarze Löcher, in denen man hört und sieht, soweit es die Kunst hergibt, und in denen man vielleicht was fühlt und erlebt.
Schwarze Löcher befinden sich gar nicht außerhalb von Raum und Zeit, sagt die KI. Ryuichi Sakamoto soll sich lange mit der Frage beschäftigt haben, wie wir Zeit erleben. Und wie Musik unsere Wahrnehmung von Zeit verändert. In seinen Klangräumen sollte Musik ganz anders sein, als die Musik, die man sonst kennt: Nicht in einer Ordnung mit Anfang und Ende; nicht wie ein Lied, ein Konzert, eine Oper. Eher wie eine Umgebung, in die man tritt, und in der man vielleicht die Zeit vergisst oder ankommt.
In der Ryuichi-Sakamoto-Ausstellung „seeing sound, hearing time“ gibt es fünf solcher schwarz ausgekleideten Räume, die mit Klang- und Video-Installationen gefüllt sind. Man kann darin sitzen – auf Bänken oder auf dem Fußboden. Und manhört. Man sieht auch – Videos, die andere Künstler für die Installationen mit Ryuichi Sakamotos Musik gestaltet haben. Aber die Videos sind nicht das, was man von Social Media gewohnt ist. Auch sie sind aus einer anderen Zeit, so dass das Auge nicht allzu viel sieht und man umso mehr hört.
Die Welt spielt Klavier: IS YOUR TIME (Ist deine Zeit – 2017/24)
Im ersten schwarzen Raum spielt ein Klavier – ein schwarzer Flügel – ohne Pianist. Das Klavier steht in einem flachen Wasserbecken. Metallstifte schlagen die Tasten an. Eine Apparatur steuert die Mechanik der Stifte. Und das Klavier gibt verstimmte, lang nachklingende Töne in den leeren, schwarzen Raum ab. Über dem Klavier ist ein Lichtfeld, eine Leinwand, wie ein Deckenfenster aus milchigem Glas vor einem sonnigen Himmel. Aus dem falschen Himmel fällt Schnee in Flocken aus Schatten.
Ich nahm mir nicht viel Zeit in diesem Raum. Er war der einzige der fünf Räume, in dem man nicht sitzen konnte. (Zumindest saß dort niemand und es gab keine Bänke.) Sonst wäre ich vielleicht länger geblieben und hätte irgendwas gespürt – hinter der Geschichte des Klavieres, die man am Eingang zum Klangraum nachlesen kann: Ryuichi Sakamoto hat das Klavier beschädigt und kaputt in einer Schule gefunden, die durch das Erdbeben von 2011 und durch den Tsunami verwüstet worden war. Die Mechanik, die die Tasten anschlägt, wird von gemessenen Erdbeben gesteuert, die es auf der Welt ständig und überall gibt. Seismologische Daten von überall her werden digital umgewandelt. Die Welt spielt also Klavier. – Ein „von der Natur gestimmtes Klavier“, wie Ryuichi Sakamoto erklärte.
Erdbeben und Vulkanausbrüche sind die lautesten Geräusche der Natur, die nicht von Menschen (und menschlicher Technik) erzeugt werden. Und Schneeflocken sind still. Ich fand es schwierig, mich auf einen Klangraum einzulassen, der so bedeutungsschwer ausgedacht wurde – und in dem man nicht sitzen kann.
Gestreiftes Klangfeld: async-immersion (2023)
Jeder Klangraum in Ryuichi Sakamotos Ausstellung ist bis ins Detail geplant. In „async-immersion“ kommt die Musik aus einem 14-kanaligen Lautsprechersystem. Im Raum spürt man den Klang viel mehr, als wenn man hier das nächste Video anklickt und dann im Ausschnitt so was wie Glockenspiel hört. In der Ausstellung ist man in den Klängen, die den Raum ausfüllen. Und man kann in der Dunkelheit sitzen, die Bilder vor sich sehen, sich fragen, was sie bedeuten, irgendeine oder keine Antwort finden, die Frage vergessen und immer noch sitzen und hören.

Auf der riesigen LED-Wand blickt man in einen Wald oder auf Wellen, die sich auf eine steinige Küste werfen, oder in Ryuichi Sakamotos Arbeitszimmer in New York: sein Klavier, Bücher, Pflanzen, Trommelstöcke. Aber man ist nicht im Wald oder in Sakamotos Studio. Man sitzt in einem Klangfeld in einer anderen Welt. Und der Wald, die Wellen, das Studio lösen sich auf zu farbigen Bildstreifen, zu einem Spektrum aus Licht und Farbe, zu elektrischem Flimmern, das lange anhält, bis sich die Streifen schließlich zu einem neuen Bild finden.
Async steht für asynchron und bedeutet in der Programmierung, dass Aufgaben unabhängig vom Hauptprogramm ablaufen können, ohne das System zu blockieren. (Das sagt die KI.) Vielleicht sollte ich mal wieder durch den Wald gehen, in dem ich – unabhängig vom Hauptprogramm – meine Schuhe durch das Laub rascheln höre?
Augenblick endlos: async-first light (2017)
Mein liebster von Ryuichi Sakamotos fünf Klangräumen. Auch weil die Musik in ihm ruhig ist – wie eine endlose, sehr ruhige Filmmusik. Ich selbst hätte in dem Raum einschlafen und später wieder aufwachen können – so wie die Menschen, die auf der Videowand zu sehen sind.

Eigene Filmaufnahmen waren in diesem Raum nicht erlaubt, deshalb gibt‘s hier nur ein Foto. Der Raum hält einen Zeitpunkt fest: Genau den Moment, in dem der Morgen beginnt, den Augenblick, in dem man nicht mehr fest schläft und noch nicht wach ist, in dem der Traum geht und der Tag noch nicht da ist. Auf der Leinwand sieht man Schlafende, Kinder, Frauen, Männer, mit geschlossenen Augen, halboffenen Mündern, im Bett, auf einer Matte im Freien. Die Schauspielerin Tilda Swinton liegt auf einem Kissen und schläft ein. Eine morgendliche Straßenlandschaft mit Palmen. Aufnahmen mit einer einfachen Digitalkamera. – Was gibt es Friedlicheres als schlafende Menschen und morgendliche Straßen?! Durch das endlose Band der Musik bleibt alles so still und friedlich, wie es ist – bis man den Klangraum verlässt.
Traumtheater: TIME, TIME (Zeit, Zeit – 2024)
Die Installation im vierten Klangraum basiert auf einem Theaterstück, das TIME heißt und traditionelles japanisches Theater aufgreift – 500 Jahre altes Theater. Die Bühne besteht aus drei großen Projektionswänden, die auf einer Fläche aus flachem Wasser stehen. Eine Musikerin, die eine alte japanische Mundorgel (Shô) spielt, schreitet langsam über eine Wand, verschwindet in der Lücke zur nächsten Wand, taucht auf der nächsten Wand wieder auf…
Das Theater hat keine Schauspieler. Die Musikerin ist nur ein wandelnder Schatten. Es geschieht nicht viel. Und was vor sich geht, führt nirgendwo hin: Man gelangt immer wieder zurück in Ryuichi Sakamotos Raum aus Klang und Zeit. Wie in einen Traum ohne Anfang und Ende.
Schwebende Gebilde und tote Tiere: PHOSPHENES und ENDO EXO (2024)
Im letzten Klangraum gibt es gleich zwei Installationen; beide mit Audio und Video, und beide haben mit Science-Fiction zu tun – also mit einer erdachten Zukunft, allerdings mit einer Zukunft, die vor langer Zeit erdacht wurde: mit dem Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“, den Jules Vernes vor mehr als 150 Jahren schrieb, und den der deutsche Filmemacher Carsten Nicolai für ein Filmprojekt nutzte. Ryuichi Sakamoto hat zwei von Nicolais Filmen mit Musik verbunden.
Man sieht Gebilde aus flimmerndem, schwebendem Licht in der Dunkelheit. Das könnte tief im Meer oder im Weltall oder in einem Traum sein. Das Licht löst sich in der Dunkelheit auf. Und vielleicht löst man sich in den Klängen, die mit der Dunkelheit den Raum füllen, am Ende sogar selbst auf und schwebt davon, wenn man nur lang genug sitzen bleibt?
Der zweite Film zeigt zu einer endlosen Reihe langsam auf- und abgehender Klavierklänge Bilder von naturhistorischen Sammlungen: ausgestopfte Tiere, Amphibien, Vögel, Skelette, akribisch beschriftet: 19755 Cross fluss bei Ossidinge, Kamerun VIII 1904, General Müller-Kreaning. Oder: 48638 Stoppelfeld am Luch Vietmannsdorf Kreis Templin Kurmark 30.7.1930 Dr. F. H. Graf Zedtwitz.
Der Text zum Klangraum erklärt, worum es Ryuichi Sakamoto in seiner Installation geht: um wissenschaftliche Neugier und um menschliche Aneignung und Kontrolle der Natur. Die Musik im Klangraum stammt aus einem Klangtagebuch, das Ryuichi Sakamoto 2021/22 aufgenommen hat – also mitten in der Corona-Zeit.
Klangkünstler, Musikstar, Aktivist
Ryuichi Sakamoto hat bis 2023 gelebt. Seine Klangräume sind in den letzten 20 Jahren seines Lebens entstanden – immer in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Sakamoto war da bereits ein internationaler Musikstar. Einer, der sich zwischen Pop, elektronischer Musik, Film, Performance und bildender Kunst hin und her bewegte.
Seine Karriere hat er als Jazzpianist begonnen. Er hat die japanische Elektropop-Band Yellow Magic Orchestra mitbegründet, die in Asien ungefähr so bedeutend ist wie Kraftwerk in Europa. Er hat Opern komponiert, ebenso einen Teil der Filmmusik für „Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci. Er hat einen Oscar, zwei Golden Globes und einen Grammy bekommen, mit Iggy Pop zusammengearbeitet, die Musik zum Film „Furyo“ komponiert, in dem er neben David Bowie eine Hauptrolle spielt. „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ aus „Furyo“ kennt vermutlich jeder. Er hat auch Klingeltöne für das Nokia 8800 komponiert.
Und Ryuichi Sakamoto war Umwelt- und Friedensaktivist. Nach der Nuklear-Katastrophe von Fukushima hat er sich gegen Atomkraft engagiert. 2014 erkrankte er an Kehlkopfkrebs. In seinen Klangräumen gibt es oft Bilder von Wellen und fließendem Wasser. „Wasser als Träger von Erinnerung und Spiegelbild“, steht im Text zur Ausstellung; und dass „zum Fluss laufen“ in China ein Bild für das Sterben ist.
Ob Ryuichi Sakamotos Klangräume mehr oder weniger große Kunst sind, weiß ich nicht. „Was meditativ zurückhaltend wirkt, betäubt gleichzeitig vom reinen Überfluss der Technik- und Medieninszenierung“, schreibt der Kritiker Julian Weber (taz); Sakamotos Klänge seien manchmal „banale musikalische Oberfläche“. Das stimmt wohl, ist aber vielleicht nicht so wichtig, wenn man „seeing sound, hearing time“ besucht und für eine Weile nichts von dem mehr da ist, was außerhalb eines Klangraumes geschieht.

PS: Die Fotos und kurzen Videos stammen aus der Ausstellung „seeing sound, hearing time“ mit Installationen von Ryuichi Sakamoto sowie dem Medienkünstler Shiro Takatani, dem Künstler und Musiker Carsten Nicolai und dem Filmemacher Apichatpong Weerasethakul im Hamburger Bahnhof in Berlin. Die Ausstellung läuft bis 20. Juni 2027.

