
Ich bin mir nicht sicher, ob ich als kleiner Junge einmal auf dem Elchkälbchen von Harry Christlieb saß; es ist möglich. Große Kinder sollen schon damals gerne auf dem Elchkälbchen gesessen haben. (In einem alten Journal ist über das Kälbchen vermerkt: wird „von kletterfähigen Kindern gern als Reittier genutzt“.) Mich hätten meine Eltern auf den glatten Rücken setzen und dann gut festhalten müssen. Das Elchkälbchen ist recht hoch; mit drei, vier Jahren kommst du da nicht allein drauf. Ich weiß jedoch sicher, dass das Kälbchen schon damals dort stand – am Kinderspielplatz im Tierpark Berlin. Meine Eltern erklärten mir vermutlich nicht: „Das ist ein Elchkälbchen“, denn das Wort auszusprechen, ist nicht einfach: „Elbkälbchen“, „Elfbällchen“… „Elchkälbchen“ ist der Name, den der Bildhauer Harry Christlieb seiner Tierplastik gab. Als Harry Christlieb vier Jahre alt war, bekam er Scharlach und verlor sein Gehör.
Von großen, mächtigen Tieren
Tiere anzuschauen, die man in Käfigen oder Gehegen hält, ist nicht jedermanns Sache. Die meisten Kinder mögen Tierparks und Zoos. Ein Kunde von mir, die HörPartner, veranstaltet jedes Jahr ein Sommerfest; alle Mitarbeiter können ihre Kinder mitbringen. In diesem Jahr war das Fest im Tierpark. Meine Kinder sind groß, wir waren schon lange nicht mehr dort. Also ging ich ging ich ohne sie zum Fest. Ich wollte mich im Tierpark auch ein bisschen erinnern und später den Artikel schreiben.

Als ich ein Kind war, konnten Eltern im Tierpark ihr Kind mit einem lebenden kleinen Löwen fotografieren lassen – gleich beim Elchkälbchen. Das Foto von mir und dem kleinen Löwen habe ich noch. Sonst erinnere ich mich mehr an leblose Tiere aus Stein und Metall, die keine Käfige brauchen und heute immer noch so dastehen wie vor 55 Jahren.
Einige von ihnen sind große, mächtige Tiere. Ich erinnere mich, dass sie mich beeindruckten – mit ihrer starren, bedrohlichen Gegenwart. Der Tierpark ist auch ein Ort für große, mächtige Tiere, die aus der Geschichte gefallen sind, die mit Regenten und Tyrannen zu schaffen hatten, und die nun herrenlos nur noch große Tier sind: Tierplastiken, die man als Kind mehr oder weniger gut erklettern kann.
Die Löwen des Kaisers und Stalin als Tiger
Die zweimal zwei großen Löwen, die schon damals beim Raubtierhaus standen, ließen sich gut erklettern. Einem ist deshalb oft der Löwenschwanz abgebrochen. Heute gibt es Schilder, die das Erklettern der Löwen-Gruppe I und II verbieten. Ursprünglich standen die Löwen vor dem Berliner Schloss an der Spree. Sie gehörten dem Kaiser: Nationaldenkmal Kaiser Wilhelm I., geschaffen unter Leitung von Bildhauer Reinhold Begas, gegossen in der Gießerei Gladenbeck (in Friedrichshagen bei mir um die Ecke) und 1950 von der DDR demontiert. In einem Zeitungsartikel, den ich nicht mehr finde, erzählt ein Arbeiter stolz: „Ich habe den Kaiser eingeschmolzen.“

Nur die Löwen wurden verschont. Die Waffen, Rüstungen, Munitionskörbe, Kanonen, die die Löwen am Nationaldenkmal noch unter ihren Tatzen hatten, wurden auch eingeschmolzen. Als die Löwen später im Tierpark standen, erklärte Tierparkdirektor Professor Heinrich Dathe, sie hätten früher rund um den Sockel eines „den Krieg verherrlichenden Denkmals“ gestanden und nach den vier Himmelsrichtungen geblickt: „Sie brachten symbolisch in ihrem gezeigten Verhalten gegenüber den angrenzenden Ländern die Einstellung der damaligen Regierung zum Ausdruck.“
Das tun die zweimal zwei Löwen schon lange nicht mehr. Eigentlich sind die vier nur ein Löwe – ein Südostafrikanischer bzw. Transvaal-Löwe, der im Leipziger Zoo lebte und ein begehrtes Löwen-Modell war. Nicht nur die Tierbildhauer August Kraus und August Gaul, die mit den Löwen für das Nationaldenkmal beauftragt wurden, verbrachten Tage mit Skizzenblöcken vor dem Käfig des Leipziger Transvaal-Löwen. Ganze Heerscharen bildender Künstler sollen damals vor dem Käfig gestanden haben.

Noch ein großes, mächtiges Tierpark-Tier, dem sein Herr abhanden kam, ist „Raufbold“ der Kronenhirsch. Auf den Hirsch kam kein Kind hinauf. Er ist zu groß und steht auf einem Sockel in der Freilichtbühne des Parks. Zur Bühne kamen Kinder nur, wenn eine Vorstellung war. Ich habe dort einmal Meister Nadelöhr gesehen – und den Kronenhirsch, der die ganze Zeit hinter mir und den anderen Kindern stand, hoch oben in der letzten Reihe. Wahrscheinlich heißt die Bronzeplastik gar nicht „Raufbold“ und „Raufbold“ ist der Name des echten Hirschen, nach dem der Bildhauer Johannes Darsow die sie erschaffen hat: überlebensgroß. „Raufbold“ stand in keinem Käfig Model, er war schon tot. Den Namen bekam er vermutlich nicht von Johannes Darsow, sondern von Hermann Göring, bevor der „Raufbold“ geschossen hat: am 9. Februar 1936 im Jagdrevier in der Rominter Heide (heute Grenzgebiet zwischen Russland und Polen).


„Raufbold“ war auch als lebender Hirsch groß und mächtig. Unter Jägern war er berühmt. Hermann Göring war es daher sehr wichtig, dass nur er ihn schießen darf. Dann war der Kadaver das Modell. Die fertige Hirsch-Plastik war anfangs vergoldet und stand 1937 zur Internationalen Jagdausstellung auf dem Berliner Messegelände. “Reichsjägermeister” Hermann Göring hatte dort einen großen Auftritt. Später kam der Hirsch auf Görings Waldhof Carinhall in der Schorfheide. Den Hof ließ Göring im April 45 mit Fliegerbomben sprengen. Der Hirsch blieb stehen, wurde Beute der Sowjetarmee und kam nach Potsdam – in den Park Sanssouci. Schließlich stellte man ihn in die Freilichtbühne zu Meister Nadelöhr und den Kindern, von denen ich eines war.
Viel besser als den Kronenhirschen kann man der Säbelzahntiger erklettern; man sieht es schon an seiner glänzenden linken Pranke und an den glänzenden Säbelzähnen: Generationen von Kindern ist es geglückt, über die Pranke bis zum aufgerissenen Maul des Tigers zu gelangen.


Urgewaltige Urkatze! Der Säbelzahntiger war mein Star unter den Tierpark-Tierplastiken. Seit 150.000 Jahren ausgestorben, längst nicht mehr da, aber dank neu entdeckter, von Naturforschern ausgegrabener Knochen doch wieder hier: wütend und wild um sich schlagend, kratzend, beißend. Dass der Tiger eigentlich Stalin ist, wusste ich als Kind nicht; ich wusste auch nicht, wer Stalin ist. Wir wohnten dicht an der Stalinallee, aber die hieß da schon Karl-Marx-Allee. Und Stalin, der in der Stalinallee auf dem Sockel gestanden hatte, war längst weg – in einer Novembernacht von den Soldaten der Nationalen Volksarmee abgebaut und am nächsten Morgen nicht mehr da. Seine bronzenen Einzelteile kamen in die VEB Gießereibetriebe nach Lauchhammer. Auch Stalin wurde eingeschmolzen, aber er ist auferstanden – als Säbelzahnkatze des Bildhauers Erich Oehme.
Der gehörlose Bildhauer Harry Christlieb
All die großen, mächtigen Tiere und dazwischen das Elchkälbchen von Harry Christlieb… Über ihn, der als Hermann Christlieb geboren wurde, finden sich nicht viele Informationen. Er kam in Cincinnati in Amerika zur Welt (1886), weil seine Familie dorthin ausgewandert waren. Sie kamen jedoch bald nach Deutschland zurück und lebten dann in Mölln. Weil der Junge das Gehör verliert, muss er die Familie verlassen und als Zögling in der Provinzial-Taubstummenanstalt in Schleswig leben. Dort ist Harry Christlieb ein guter Schüler. Er kann gut zeichnen und lernt gut sprechen (was für ein frühertaubtes Kind leichter war als für eines, das gehörlos geboren wurde).
Mit 15 macht Harry Christlieb eine Lehre zum Stuckateur. Er kommt an die Hamburger Kunstgewerbeschule, erhält ein Stipendium, mit dem er nach Italien reist, und er wird an der Münchner Kunstakademie aufgenommen. Mit 30 ist Harry Christlieb freischaffender Künstler in Berlin. Er gestaltet Figuren, Menschen und Tiere, und Porträtbüsten. Er gewinnt Preise. Die Taubstummenanstalt in Schleswig organisiert eine Ausstellung gehörloser Künstler und eine Mädchenplastik (Eva) von Harry Christlieb wird ausgezeichnet. Christliebs Arbeiten sind begehrt bei Sammlern und Museen. Er gestaltet Porzellanfiguren für die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM). Am beliebtesten sind seine Tiere.
Harry Christlieb ist vor allem Tierplastiker. Deshalb ist auch er oft in zoologischen Gärten, vor allem im Berliner Zoo. In einem Artikel von 1926 heißt es: „Den armen Gefangenen dort ist er ein verstehender Freund, der merkwürdig schnell das Vertrauen selbst der blutgierigsten Raubtiere gewinnt. Dort – vor den vergitterten Zwingern – steht der Künstler und beobachtet und zeichnet und modelliert, und nicht selten muß seine Linke ein Tierchen kraulen, während seine Rechte den Ton knetet und formt. So hat er einmal mit der einen Hand die Halsmuskeln eines zarten Füllens modelliert, während die andre dem jungen Tier zärtlich die Milchflasche reichte.“

Menschen, die nicht gut oder gar nicht hören, sind oft Augenmenschen. Harry Christlieb war mit Sicherheit ein sehr guter Beobachter. Auf einem Foto aus den 1920er Jahren sieht man ihn: schwarze Locken und Oberlippenbärtchen, weißer Kittel, hoher Hemdkragen, Weste und Uhrenkette. Neben ihm eine seiner Tierplastiken, eine Gazelle, die ihr Kind liebkost. (Zumindest sieht es aus, als würde die Gazelle ihr Kind liebkosen.) Die Gazellenplastik heißt „Mutterglück“.
Ein Brief Harry Christliebs an Georg Kolbe
Harry Christliebs Frau Alma ist ebenfalls gehörlos. 1932 beziehen beide ein Haus mit Garten und Bildhauer-Atelier in Kleinmachnow. Im gleichen Jahr erscheint der Film „Verkannte Menschen“, mit dem gehörlose Menschen den Hörenden zeigen wollen, dass sie anders sind, als die Hörenden es sich vorstellen – dass sie vor allem ebenso leistungsfähig sind wie die Hörenden. Zum Beweis werden im Film auch gehörlose Künstler angeführt – Beethoven und eine Pavian-Familie von Harry Christlieb im Berliner Zoo (aus hellem Sandstein, vermutlich von 1911). Harry Christlieb modellierte viele Affen. Der Film wurde ein Jahr später von den Nazis verboten.
Nach dem Krieg verliert Harry Christlieb sein Haus. Zusammen mit Alma verlässt er Berlin fluchtartig. Beide leben in einem Auffanglager für Flüchtlinge und Vertriebene in Schleswig. Warum genau sie fliehen mussten, konnte ich nicht herausfinden. Aber es gibt einen Brief, den Harry Christlieb aus Schleswig an den Bildhauer Georg Kolbe schrieb. Christlieb war sich nicht sicher, ob Kolbe ihn kennt. Also stellt er sich ihm vor und bittet den berühmten Kollegen um Hilfe: Er habe durch den Krieg Hab und Gut verloren, Haus und Atelier seien ausgeplündert worden; Fenster, Türen, Fußböden, alles sei gestohlen. Dennoch sei er vor kurzem nach Kleinmachnow zurückgekehrt. Er sei entschlossen, das Haus wieder aufzubauen, erneut in Kleinmachnow zu leben und dort zu arbeiten.
Doch um das zu schaffen, brauche er Kolbes Unterstützung: Er sei im Kulturamt in Mahlow gewesen, hätte Fotos von seinen Arbeiten vorgelegt. Es gäbe jedoch „einige politische Schwierigkeiten“, denn er sei „1932 – 1935 Mitglied der Partei gewesen, und zwar unter der damaligen Zwangslage. Mein Grossvater war Volljude, aber demnach bin ich ein 1/4 Jude. Da ich s. Zt. [seinerzeit] laut Hitler-Judenprogra[m] befürchten muß{t}, trat ich auf Anraten meiner Verwandten u. Bekannten als Mitglied in die Partei ein und wurde im Jahre 1935 nach Einreichung des arischen Nachweises aus der Partei ausgeschlossen. Während dieser Zeit habe ich niemals für die Partei gearbeitet, auch keine Parteiämter inne gehabt und mich infolge meiner Taubheit an den Kriegen nicht beteiligt. Ich blieb nur freischaffender Bildhauer u. habe nur Tierplastiken ohne politische Beziehungen geschaffen.“ – Ein „Befürwortungsschreiben“ des Kollegen – so Harry Christlieb – würde sicherlich helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden.
Von kunstliebenden Nazis und kleinen Elchen
Fohlen, Rehkitze, Äffchen, Gazellen zwischen Nazi-Ideologie und Krieg. – Die Nazis mochten die Tiere von Harry Christlieb. Er war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Bei den Großen Deutschen Kunstausstellungen im Haus der Deutschen Kunst in München waren Harry Christliebs Tiere jedes Jahr dabei. Das Haus war eine Art Geschenk der deutschen Großindustrie an ihren „kunstliebhabenden Führer“. Im Ausstellungskatalog von 1940 sieht man im Saal 8 des Hauses neben einem riesigen Adler zwei „Junge Elche“ von Harry Christlieb. Wenn man genau hinschaut, ist einer der Elche wie das Elchkälbchen aus dem Tierpark. Göring hatte in Carinhall auch Hirsche von Harry Christlieb, nur waren die nicht sehr groß.
Ob Georg Kolbe versucht hat, Harry Christlieb die Rückkehr nach Kleinmachnow zu ermöglichen, weiß ich nicht. Es wurde nichts aus dem Plan. Harry Christlieb und seine Frau zogen 1950 nach Amberg (in Ostbayern). In den 1960er Jahren war er nochmal in Berlin – und beim Elchkälbchen im Tierpark. Ich habe ein pixeliges Foto gefunden, das Harry Christlieb neben dem Kälbchen zeigt. Professor Dathe notierte: „Der Künstler freute sich bei einem gelegentlichen Tierparkbesuch über den günstigen Platz für seine Arbeit gegenüber dem Rhesusaffenkäfig.”
Harry Christlieb blieb in Amberg, wo er 1967 starb. Bis dahin schuf er noch viele Tiere. In Amberg stehen ein Reh, ein Fohlen, ein Seelöwenbrunnen und die Flamingogruppe am Kurfürstenbad. – „Wer saß denn als Kind auch auf den Flamingos und hat sogar ein Foto davon?“, hat jemand aus Amberg kürzlich auf Social Media gefragt. Die Stadt hat eine Straße nach Harry Christlieb benannt. Und im Berliner Tierpark gibt es keine Rhesusaffen mehr, aber das Elchkälbchen steht noch da, jetzt gegenüber den Meerschweinchen.
Wenn man erwachsen ist, klettert man nicht mehr auf Tierplastiken herum. Und wenn man das Elchkälbchen von Harry Christlieb von seinem Maul aus betrachtet, sieht es nicht wie ein Elchkälbchen aus, eher wie Sid, das Faultier aus „Ice Age“.

PS 1: Die Fotos zum Beitrag über Harry Christlieb entstanden beim Sommerfest der HörPartner im Tierpark Berlin. Das historische Foto von Harry Christlieb ist ein Online-Fund.
PS 2: Der zitierte Brief von Harry Christlieb an Georg Kolbe befindet sich im Georg-Kolbe-Museum in Berlin. Zitiert habe ich außerdem die Lauenburgische Heimatzeitschrift von 1926, Heft 4. Die Zitate von Professor Heinrich Dathe finden sich hier.
PS 3: Noch so eine Geschichte zu Harry Christlieb ist die von „Ricke mit Kitz“ – einer Tierplastik, die seit 2020 wieder im Schloss Cecilienhof in Potsdam steht. Als sich dort Truman, Stalin und Churchill zur Potsdamer Konferenz trafen, stand die Plastik von Harry Christlieb auch dort. Sie war umringt von Fotografen, weil die von der Plastik aus den besten Blick auf die drei Staatsmänner hatten. Später wurden Ricke und Kitz entfernt. Aber auf Filmaufnahmen von der Konferenz hat man sie wiederentdeckt. Also kamen beide zurück an ihren alten Platz. Vorher hatte man noch Einschusslöcher aus den Tieren entfernt. Die stammten noch aus der Nachkriegszeit. (Diese Story stammt vom SPSG-Blog.)

