Herr Meyer

Über erstaunliche Geräusche, gehörte Erinnerungen und eine Philosophie der kleinen Dinge
Illustration zum Artikel über Herrn Meyer, einen Hörgeräte-Nutzer, auf die-hörgräte.de

Leute zu ihrem Leben mit Hörtechnik zu interviewen, gehört zu meiner Arbeit. Ich finde, das ist was Besonderes: Man begegnet Menschen, wie zum Beispiel Herrn Meyer, die man nie zuvor gesehen hat. Man setzt sich mit ihnen in eine ruhige, gemütliche Ecke. Es gibt Kaffee, Wasser, manchmal Kekse oder Kuchen. Man stellt sich vor, macht das Diktiergerät an und los geht’s.

Man fragt den anderen, wie er zu seiner Hörtechnik gekommen ist, wie er gemerkt hat, dass er nicht mehr gut hört, was er mit der Hörtechnik wieder hört (oder auch nicht), wie die Technik sein Leben verändert hat. Der Gegenüber erzählt all das. Dabei geht es um unangenehme Erfahrungen, die man mit der eigenen Schwerhörigkeit hatte. Oft geht es um Scheu, Scham, Ängste, mit denen ein Interviewpartner erstmal klarkommen musste, um Erlebnisse mit Partner oder Partnerin, Familie, Freunden, Kollegen usw. Es geht um ziemlich private Angelegenheiten.

Und jedes Mal ist es eine andere Geschichte. Kein Mensch und kein Leben gleichen einem zweiten. Und weil man immer schwerhörig ist, wenn man schwerhörig ist, verändert die Schwerhörigkeit ziemlich viel. Manchmal ist sowas schnell erzählt, weil sich der andere an all die Momente, in denen er nicht mehr und dann doch wieder hören konnte, gar nicht so genau erinnert. Er weiß dann zum Beispiel nur noch, dass er in Gesprächen wieder mitreden oder die Vögel im Park wieder hören konnte. Doch manchmal gehen die Geschichten auch zwei Stunden; der andere könnte immer noch weitererzählen und ich könnte ihm immer noch zuhören. Das kommt selten vor. Für die meisten ist Hören selbstverständlich. Was Hören bedeutet, merken sie erst, wenn sie es vermissen. Hören sie später mit Technik, ist es wohl – mehr oder weniger – wieder selbstverständlich.

Scheinbar ist es nicht leicht, detailliert zu beschreiben, wie es ist, wieder zu hören. Dafür muss man das neue Hören sehr aufmerksam und detailliert erlebt haben – so wie Herr Meyer. Ihm hätte ich noch lange zuhören können. Dass er das Hören mit der Technik so aufmerksam erlebt, hat wohl mit seinem früheren Beruf zu tun; zumindest vermutet Herr Meyer das.

„Man will sich nicht die Blöße geben.“

Herr Meyer ist 80. Zum Interview kommt er mit dem Fahrrad. Wir sind im Hörakustik-Geschäft verabredet, in dem er schon lange Kunde ist. Herr Meyer lebt seit sieben Jahre mit Hörgeräten. Diesmal gibt es zum Interview auch Kuchen. Aber der muss warten, weil es sehr schwierig ist, ein Interview zu führen und gleichzeitig Kuchen zu essen.

„Dass ich schlecht hörte, ging schon so fünf Jahre“, erzählt er mir. „Das ist ja ein schleichender Prozess. Lange schob ich das auf die Bundeswehr; dort hatte ich mal ein Knalltrauma. Ich habe vieles nicht mehr gehört – den Wecker, die Türklingel. Und ich war schnell ausgelaugt, bei Feiern zum Beispiel. Dann sagt man: ‚Es ist schon spät, wir müssen nach Hause…‘ – Ich habe mich lange mit meinem Hörverlust arrangiert, viele Bücher gelesen, diverse Kopfhörer angeschafft, eine neue Türklingel gekauft. Bei der bellte immer der Hund, und den hab ich gehört. Zum Teil ist es sogar angenehm, nicht zu hören. Auf das Geräusch von klapperndem Geschirr kann ich verzichten. Und in Gesellschaft lacht man eben mit, auch wenn man nicht weiß, worüber. – Man will sich nicht die Blöße geben. Und dann kommt der Moment, in dem man merkt, jetzt wird es peinlich. Also kapselt man sich ab – nicht nur von der Partnerin und von anderen Menschen, sondern auch von ganz vielen Dingen.“

Auge aus der Ausstellung „DARK MATTER“

Herrn Meyers Frau war sein Hörverlust sicher aufgefallen. Aber angesprochen sie hat das Thema nie. – „Vielleicht hat sie sich nicht getraut“, meint Herr Meyer und lacht. „Ich hingegen habe ihr oft gesagt: ‚Kannst du mal etwas lauter sprechen?‘ – Die große Gefahr ist, dass die Beziehung Schaden nimmt, weil man die Kommunikation auf das Notwendigste beschränkt. Dann denkt sie vielleicht: ‚Meine Kollegen verstehen mich, aber mein eigener Mann nicht.‘ – Sowas ist natürlich schrecklich. Man muss aufpassen, dass man nicht total vereinsamt.“

„Opa, bist du schwerhörig?“

Diejenige, die Herrn Meyer auf seinen Hörverlust ansprach, war seine Enkelin. – „Sie war damals fünf und fragte eines Tages: ‚Opa, bist du schwerhörig?‘ – Kindermund tut Wahrheit kund. Sie war zu Besuch und hatte mir schon dreimal gesagt, dass sie Hunger hat. Doch ich hatte nichts mitbekommen. Das war so ein Moment des Erschreckens. Auf einmal geht man in sich und weiß: So geht das nicht weiter! Dann habe ich erstmal einen Online-Hörtest gemacht. Es war ein frustrierendes Ergebnis.“

Also ging Herr Meyer zum Ohrenarzt, der einen Hochtonsteilabfall diagnostizierte, und dann in das Hörakustik-Geschäft. Das hatte er sich ausgesucht, weil die Website freundlich aussah, und weil es ein Verwandter empfohlen hatte. „Der Hörakustiker hat ausgiebig mit mir gesprochen“, erzählt Herr Meyer. „Er hat noch mal genau gemessen, mir verschiedene Geräte vorgestellt und die Funktionen erläutert. Wichtig war mir damals schon, dass ich die Hörgeräte auch über das Handy steuern kann. Da bin ich so ein bisschen Computer-interessiert. Und der Sound war mir wichtig; dass ich wieder verstehe. Als ich zum ersten Mal mit den Geräten auf die Straße ging, bin ich fast erschrocken. Ich habe die Lautstärke erstmal reduziert.“

Doch dann ging Herr Meyer auf „Entdeckungstour“ – mit dem Fahrrad durch den Wald: „Damit der Fahrtwind nicht so stört, hatte ich ein Tuch über den Geräten. Und dann im Wald die Naturlaute – die Vögel, das Rauschen in den Bäumen, die Kiesel unter den Sohlen… – Das Hören mit den Geräten war wie der Wechsel von einem Kofferradio aus den 60er Jahren auf eine HiFi-Anlage. Die Technik ist phantastisch. Die Gespräche mit meiner Frau wurden wieder intensiver. Ich konnte wieder ganz anders reagieren. Das macht natürlich auch Spaß. Irritierende Situationen gab es nicht mehr. Mein Tinnitus verschwand. Und ich habe wohl wieder deutlicher gesprochen. Auch meine eigene Stimme hatte ich vorher nicht mehr so gehört.“

„Anfangs war das ein bisschen wie mit neuen Zähnen“

Herr Meyer entschied sich für Hörgeräte, die hinter dem Ohr sitzen. Und für maßgefertigte Otoplastiken, also für Ohr-Passstücke, die anhand eines Ohrabdrucks individuell gefertigt wurden und daher genau in sein Ohr passen. – „Anfangs war das ein bisschen komisch – wie mit neuen Zähnen“, sagt er. „Man muss sie länger tragen, um sie nicht mehr zu spüren. Ich habe meine Geräte von Anfang an viel getragen. Heute nehme ich sie nur noch zum Schlafen raus. Und wenn ich am Tag allein zu Hause bin, genieße ich auch mal die Ruhe. Wenn ich Staub sauge, muss ich das nicht hören. Aber wenn ich Musik höre, setze ich sie ein. Dann merke ich gleich wieder den Unterschied und kann mich daran freuen.“

Illustration zum Artikel über Herrn Meyer, einen Hörgeräte-Nutzer, auf die-hörgräte.de

Seiner Enkelin die Hörgeräte zu erklären, sei relativ einfach gewesen, sagt Herr Meyer: „Man nimmt das Gerät: ‚Guck mal, das ist ein Hörgerät. Willst du mal hören?‘ – ‚Oh ja!‘ – Man hält es ihr vorsichtig ans Ohr, damit sie es wahrnehmen kann. Und dann war das Erstaunen groß: ‚Opa, das ist aber laut!‘ Auch sonst bin ich gleich ziemlich offen mit meinen Geräten umgegangen und habe sie anderen gezeigt. Ein Kollege aus dem Chor bekam gerade auch welche.“

Herr Meyer singt Bass im Kirchenchor von Staaken-Gartenstadt. – „Falsch gesungen hatte ich durch meinen Hörverlust übrigens nicht“, meint er, „zumindest hat das nie jemand gesagt. Schwierig wurde es nur, wenn der Chorleiter ansagte, welches Lied wir singen. Da musste ich immer beim Nachbar gucken… – Ich war ignorant mir selbst gegenüber. Und ich habe auf vieles verzichtet. Was brauche ich denn Hörgeräte – mit knapp 70?!“

„Die Geräusche rufen mir ins Gedächtnis, wie es früher war.“

Erst durch das Erlebnis mit der Enkelin sei er in sich gegangen, sagt Herr Meyer. Doch dann sei das für ihn eine spannende Geschichte geworden: „Durch das Erlebnis, nicht mehr hören zu können, nehme ich heute viel bewusster wahr – Geräusche, die man vorher nicht vermisst hat, das Plätschern des Wassers oder den Klang von Weingläsern. – Ja, Rotwein mit einem Stück Käse; vielleicht zum Mozart! – Oder das Knarzen der Dielen im Haus. Das Knacken vom Lichtschalter. Und das Rauschen der Toilettenspülung. Holla, die Waldfee! Da dachte ich erstmal: Was ist das denn?! – All diese Dinge sind jetzt wieder da. Und sie rufen mir auch ins Gedächtnis, wie es früher war.“

Auge aus der Ausstellung „DARK MATTER“

Dass einen wiedergewonnene Geräusche in frühere Zeiten zurückversetzen können, finde ich spannend. – „Das ruft plötzlich was hervor“, so Herr Meyer. „Fantasien, Träume – da spielt sich sehr viel ab. Man kommt zurück in die Kindheit, sieht etwas. Ich bin sehr auf Bilder orientiert. Nach der Schule habe ich Bau- und Möbeltischler gelernt, und wenn ich heute irgendwo Holz rieche, dann sehe ich die alte Werkstatt vor mir. Und in ‚Bilder einer Ausstellung‘ von Mussorgski gibt es diese Triangel. Wenn ich die jetzt wieder höre, macht mich das glücklich; dann sehe ich das Tor von Kiew.“

Sich so zu erinnern, ist Herrn Meyer wichtig: „Mit der Gegenwart hat man in meinem Alter gewisse Schwierigkeiten. Aber die Vergangenheit zählt doch auch. Die ist vielleicht stärker präsent als die Zukunft. Im Alter lernt man nicht mehr so viel Neues. Dadurch vergeht die Zeit viel schneller. Aber wenn man neu hört, kommt man auf eine andere Zeitschiene. Es ist anders, als wenn man nur noch im Sessel hockt. All die kleinen Geräusche waren vorher wie weggewischt. Heute kann ich sie genießen – wie einen Blumenstrauß.“

„Die kleinen Dinge sind Teil meiner Philosophie.“

Vielen sind Alltagsgeräusche wohl nicht so wichtig wie Herrn Meyer. – „Aber mich versetzen sie nun in Erstaunen“, sagt er. „Das verjüngt auch. Hoffentlich verlernt der Mensch nicht dieses Erstaunen! Und diese kleinen Dinge sind Teil meiner Philosophie. Ich war Krankenpfleger und habe eine Station für Patienten mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen geleitet. Dort lagen Menschen, die sich eigentlich nicht mehr äußern konnten. Man spricht sie immer wieder von der Seite an, probiert etwas und beobachtet: Kommt eine Reaktion? Man entwickelt eine Sensibilität für Kleinigkeiten, für nonverbale Zeichen.“

Dann erzählt mir Herr Meyer von Willi, einem seiner Patienten, der eine schwere Multiple Sklerose hatte. – „Er konnte sich nicht mehr bewegen. Und für ihn war es das Schönste, wenn man seine Hand nahm und mit den Spitzen seiner Finger über sein Gesicht strich. Ein ganz kleiner Impuls; aber für ihn eine ganz große Wirkung. Auch Musik kann so eine Wirkung haben. Menschen mit einer Sprechstörung zum Beispiel können Lieder singen. Sprechen sie, versteht man sie kaum. Aber wenn ich mit meinem Akkordeon kam und Volksweisen gesungen habe, dann sangen sie mit. Die Lieder kannten sie alle. Und sie waren in der Lage, Worte wiederzugeben – als Gesang. Das funktioniert über ein anderes Hirnareal. Auch bei Menschen mit Demenz funktioniert es.“

Illustration zum Artikel über Herrn Meyer, einen Hörgeräte-Nutzer, auf die-hörgräte.de

30 Jahre war Herr Meyer Krankenpfleger. – „Mit 65 habe ich aufgehört – für ein Vierteljahr. Dann saß ich zu Hause und dachte: Du bist nichts mehr wert. Also habe ich ins Internet geschrieben: ‚Krankenpfleger, schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen…‘ Eine Woche später kam das erste Angebot. Ich habe dann drei Jahre für eine Leasing-Firma gearbeitet – in ganz unterschiedlichen Krankenhäusern. Auch das war hochinteressant. Danach habe ich noch zwei Jahre bei einem ambulanten Pflegedienst geholfen. Dann fand ich: Jetzt ist mal Schluss.“

„Sind Sie ein anspruchsvoller Hörgeräte-Nutzer, Herr Meyer?“

Heute organisiert Herr Meyer noch ein bisschen in der Kirche mit. Und er liest viel und schreibt – Märchen, Liebesgedichte und anderes. Außerdem ist er in einer Fahrradgruppe und in einer Motorradgruppe – bei den „Runzel-Rockern“. – „Inzwischen sind dort alle älter geworden. Aber wir waren sehr aktiv, haben das Dach der Kirche vom Moos gesäubert usw.“

Motorrad fährt Herr Meyer immer noch – Suzuki Intruder Chopper. – „Das ist so ein mittelgroßes Teil, fast zu schwer. Ich muss gucken, dass ich damit nicht umfalle. Die hat eine Kardanwelle und fährt mit 120 noch relativ ruhig. Letztens bin ich mal 160 gefahren. Aber dann muss man den Lenker ganz schön festhalten, vor allem bei Wind. Das fahre ich nur über kurze Strecken.“

Ich frage Herrn Meyer auch, als welche Art Hörgeräte-Nutzer er sich beschreiben würde? Ist er eher so die anspruchsvolle Sorte? – „Wenn ich an die Musik denke, würde ich das schon sagen“, meint er. „Ich höre viel Beethoven, Mozart, Mussorgski, aber auch Elton John, Pink Floyd oder Blues. Ich habe eine Stereoanlage mit getrenntem Verstärker, Vorverstärker usw. Und ich höre nach wie vor Schallplatten, weil das ein besonderes Erlebnis ist. Dann pinsele ich den Staub von der Platte, lege den Hebel um und der Plattenspielerarm senkt sich langsam… Das ist wie eine Vorbereitung aufs Hören. Aber ich höre auch Spotify. Nur Musikstreaming in die Hörgeräte nutze ich nicht. Für Telefonate ist das Streaming aber prima.“

Gerade hat sich Herr Meyer neue Hörgeräte gekauft. Er fand nämlich: „Jetzt musst du mal wieder was machen, damit dir der Genuss des Hörens erhalten bleibt. Ich höre jetzt sogar das Knirschen, wenn ich durch Schnee laufe. Das ist eine Sinfonie für sich, Donnerwetter! Aber vielleicht hatte ich das mit den alten Geräten nur nicht gehört, weil bei uns selten Schnee liegt.“

Auge aus der Ausstellung „DARK MATTER“

PS 1: Die Fotos zum Beitrag zeigen Augen aus der Ausstellung DARK MATTER. Für Intensivpatienten, die intubiert sind, beatmet werden und nicht sprechen können, sind die Augen oft die einzige Möglichkeit, um sich mit anderen zu verständigen. Man nutzt deshalb Eye-Tracking-Systeme: Technologie ermöglicht durch gezielte Augenbewegungen und das Ansteuern von Bereichen auf einem Bildschirm zu kommunizieren. Mir schienen diese Augen gut zur Geschichte von Herrn Meyer zu passen.

PS 2: Fotos von Personen gibt es auf dem Hörgräten-Blog höchstens mal, wenn es sich um nicht mehr lebende bzw. um historische Personen handelt. Wenn du wissen willst, wie Herr Meyer aussieht, findest du mein Interview mit ihm hier – inklusive einiger Fotos, die ich von ihm gemacht habe.


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