Mutter, Vater, taubes Kind

Über den Film „Mandy“ des britischen Regisseurs Alexander Mackendrick
Illustration zu einem Beitrag über den Film „Mandy“ des britischen Regisseurs Alexander Mackendrick

Alte Filme sind wie Raumkapseln, mit denen man in eine frühere Zeit kommt. Mit dem Film „Mandy“ reist man mehr als 70 Jahre zurück. Zuerst erscheint ein Muskelmann, der einen riesigen Gong schlägt. Dann läuft der Vorspann und dazu ein Kinderreim: „One potato, two potatoes, three potatoes, four. / Five potatoes, six potatoes, seven potatoes, more.” Schließlich ertönt schmissige Orchestermusik und in einer runden, sich öffnenden Blende erscheint der eigentliche Film in Schwarz-Weiß: Mandy, ein kleines, vielleicht anderthalb Jahre altes Mädchen, sitzt in einer Badewanne und wird gewaschen.

Der Film „Mandy“ entstand 1952 in Großbritannien, kam im gleichen Jahr dort und bald darauf in zahlreichen weiteren Ländern in die Kinos, auch in Deutschland – West und Ost. Ein altes Plakat vom (DDR-) Progress Film Vertrieb wirbt mit einem Kleinmädchengesicht und dem Titel: „Mandy – eine Mutter kämpft um das Glück ihres Kindes“. Das klingt dramatisch. Der Film „Mandy“ ist ein Spielfilmdrama.

Der Film „Mandy“ – „schmerzliche Aspekte angeborener Taubheit“

Zur Handlung des Films sei eine (damalige) Inhaltsangabe zitiert: „Ein von Geburt an taubes Kind, einfühlsam gespielt von der siebenjährigen Mandy Miller, wird einer Spezialschule in Manchester anvertraut, in der es mühsam sprechen und sich im Kreise gleichaltriger Spielgefährten wohlzufühlen lernt. Dieser Lernerfolg führt die entzweiten Eltern wieder zusammen.“ Das ist ausreichend kurz. Das ganze Beziehungs-Hin-und-Her zwischen Harry und Christine Garland (Mandys Eltern), Harrys Eltern (bzw. Mandys Großeltern), dem Lehrer Dick Searle usw. gehört ebenfalls zum Film „Mandy“, ist hier aber nicht interessant – einige Figuren sind es schon.

Die New York Times schrieb damals über den Film „Mandy“ von Alexander Mackendrick: „Herr Mackendrick ging den schmerzlichen Aspekten angeborener Taubheit bei einem Kind von dem Punkt an auf den Grund, an dem die Eltern bemerken, dass ihr Kind nicht in der Lage ist, zu hören bis zu dem Moment, in dem die Sechsjährige erstmals ihren Namen ausspricht. … Obwohl natürlicherweise von der kleinen Miss Miller, der alle Herzen zufliegen, in den Schatten gestellt, verdienen die Erwachsenendarsteller in diesem Film ebenfalls vollständige Anerkennung.“

Der Film „Mandy“ – die Hör-Diagnostik

Wie gesagt, wir sind in einer anderen Zeit. 70 Jahre sind ungefähr ein Menschenleben. Mandy Miller, die Hauptdarstellerin, ist aktuell 79. Der Film „Mandy“ ist überraschend realistisch.

Szene aus dem Film „Mandy“ des britischen Regisseurs Alexander Mackendrick, gemixt mit einem Foto aus einem alten Berliner Schulgebäude

Das Drama beginnt, als Christine Garland (Phyllis Calvert) an ihrem kleinen Mädchen zweifelt bzw. verzweifelt: Mandy sollte längst sprechen, sie spricht nicht. Man sagt sich: „The more intelligent they are, the slower they start.” (Je intelligenter sie sind, desto langsamer starten sie.) Die Mutter testet ihr Kind mit dem Radio, mit einem Quietsch-Tier. Das Kind reagiert nicht. Christine teilt ihre Ängste mit Ehemann Harry (Terence Morgan). Der testet Mandy ebenfalls, das Kind scheint zu hören. Doch als er hinter Mandys Rücken ein Tablett scheppernd zu Boden fallen lässt: keinerlei Reaktion.

“If she’s really deaf, stone-deaf, she’ll be dumb, too”, sagen sich die Eltern. (Wenn sie tatsächlich stocktaub ist, wird sie auch stumm/dumm/doof sein. – ‚dumb‘ kann man so oder so übersetzen, weil es all das bedeutet.) Der Arzt, der Mandy untersucht, erklärt den schockierten Eltern: „Dies ist einer jener interessanten Fälle, in denen sich der Hörnerv während des pränatalen Lebens nicht entwickelt hat. Das nennen wir einen angeborenen Zustand.“ – Ihre Tochter sei also ein „sehr interessanter Fall, aber nicht ungewöhnlich“, resümiert Christine Garland bitter. Die Zuschauer erfahren, dass eines von 16.000 Kindern taub geboren wird. Und dass es für diese Kinder spezielle Schulen gibt – Tagesschulen oder Internate.

Trautes Heim und Gehörlosenschule

Wie man die Gehörlosigkeit eines kleinen Kindes feststellt, hatte sich auch etliche Jahrzehnte nach dem Film „Mandy“ nicht verändert. Heute gibt es Neugeborenenhörscreening. Noch in den 2000er Jahren wäre ein Kind, das gehörlos geboren wurde, im Schnitt erst mit drei Jahren als taubes Kind erkannt worden. Mandy wird deutlich früher erkannt. Sie lebt jedoch in einer Zeit, in der es (zumindest für Kinder) noch nicht einmal Hörgeräte gibt; die gab es auch in England erst einige Jahre nach dem Film.

Illustration zu einem Beitrag über den Film „Mandy“ des britischen Regisseurs Alexander Mackendrick

Das bei Eltern – so wie bei Christine und Harry Garland – nach einer solchen Diagnose eine Welt zusammenbricht, ist immer noch so (zumindest bei hörenden Eltern). Die Gehörlosenschule mit Internat kommt nicht in Frage. Mandy wird beschützt und weggeschlossen. („She needs care, gentleness, kindness and understanding that can only be provided at home.”) Fünf Jahre lang ist Mandy bei ihren Großeltern. Die (nun schon große) Mandy spielt allein auf dem Hof hinter hohen Mauern. Im Privatunterricht soll sie das Fingeralphabet lernen. Dass sie dennoch kaum kommuniziert, scheint kein Problem zu sein. Bis das Kind fast von einem Lastwagen überfahren wird…

Nun ist Mutter Christine klar, dass mit Mandy etwas geschehen muss. Gegen den Willen ihres Mannes sucht sie den Kontakt zur Gehörlosenschule und trifft dort den Lehrer Dick Searle (der in Deutschland zu dieser Zeit Taubstummenoberlehrer wäre und von Jack Hawkins gespielt wird). Mandys Mutter begegnet erstmals gehörlosen Kindern, die (zumindest ihren Namen) sprechen können. Und sie begegnet der alten Lehrerin Jane Ellis, gespielt von Nancy Price.

Nancy Price kommt eigentlich aus einer noch früheren Zeit als der Film „Mandy“. Sie hatte schon in Stummfilmen gespielt und „Mandy“ war ihr letzter Film (mit 70). Die alte Lehrerin gibt Christine Garland bereitwillig Einblick in die Förderung gehörloser Kinder. Doch als die Mutter sie fragt, ob ihre Tochter später ein normales Leben führen kann, versteht die Lehrerin sie nicht. Christine Garland erfährt schier Unglaubliches: Die alte Lehrerin ist selbst taub.

Der Film „Mandy“ – die Entdeckung der eigenen Stimme

Mandys Mutter ist nun voller Hoffnung und zu allem entschlossen. Sie begehrt (in den frühen 1950ern!) auf gegen Harry + Schwiegermutter und bringt ihr Kind in die Gehörlosenschule. Doch in Schule und Internat scheint Mandy fehl am Platz. Sie weicht den anderen Kindern aus. Sie verweigert sich, weint nachts, schreit, reagiert mit Gewalt, wenn sie sich nicht mehr zu helfen weiß. Schuldirektor Dick Searle will das Kind schon aufgeben. Die alte Lehrerin Jane Ellis lässt die Hoffnung nicht fahren. Und Christine Garland geht aufs Ganze: Sie verlässt ihren Mann, nimmt sich ein Zimmer in der Nähe der Schule, damit die Tochter bei ihr wohnen und tags den Unterricht besuchen kann.

Szene aus dem Film „Mandy“ des britischen Regisseurs Alexander Mackendrick, gemixt mit einem Foto aus einem alten Berliner Schulgebäude

Dann eine entscheidende Szene: Die junge Lehrerin Miss Crocker (Patricia Plunkett) versucht Mandy Laute zu entlocken: Lehrerin und Kind pressen ihre Lippen gegen einen prallen Luftballon. Die Lehrerin: „Bä-bä-bä-bä-bä.“ Mandy soll die Vibrationen auf dem Luftballon spüren und es ihr nachmachen. Mandy will nicht, sie weint, schreit, schmeißt eine Tasse zu Boden; doch Miss Crocker, modern und verständnisvoll, nimmt Mandy das nicht übel, sondern gibt ihr noch eine Tasse, damit sie die auch zerschmeißt, weiter schreit und so die eigene Stimme entdeckt. Wieder bekommt Mandy den Luftballon an die Lippen. Und tatsächlich macht auch sie jetzt: „Bä-bä-bä-bä-bä“.

Miss Crocker wird Mandy weitere Laute entlocken. Sie wird ihr dafür die Hand an den Hals oder ans Gesicht legen, je nachdem, wo der Laut zu spüren ist. Sie wird Mandy die Laute auch an ihrem Hals und in ihrem Gesicht ertasten lassen. Schließlich sagt Mandy „Mummy“ und am Ende des Films sogar ihren eigenen Namen. Und bei Dick Searle lernt sie Mundabsehen. Sagt er „Tür“, zeigt sie die Tür, sagt er „Kamin“, zeigt sie den Kamin usw.

Der Film „Mandy“ und was heute nicht mehr geht

„Alle, die an den Dreharbeiten zu diesem Film in Manchester beteiligt waren, möchten den Leitern und Mitarbeitern der Royal Residential Schools for the Deaf ihre Dankbarkeit und Bewunderung für ihre Arbeit zum Ausdruck bringen“, heißt es im Vorspann. – Der Film „Mandy“ wurde in den Räumen der Deaf-School von Manchester gedreht. Es spielen sogar echte Gehörlose mit. – Nicht Mandy Miller und Nancy Price; das kleine taube Mädchen und die gehörlose alte Lehrerin werden beide von hörenden Darstellerinnen gespielt – heute ein No-Go. Aus heutiger Sicht erstrecht undenkbar: Die hörende Nancy Price spielt eine taube Lehrerin, die der hörenden Christine Garland zeigt, wie gut taube Menschen sprechen können, wenn sie es denn gelernt haben. Nämlich so gut, dass die Hörenden gar nicht mehr merken, dass sie taub sind.

Es sagt viel über die Sichtbarkeit gehörloser Menschen aus, wenn sie sich nicht mal in einem Film selbst spielen dürfen… Immerhin waren die Kinder, auf die Mandy in der Schule trifft, tatsächliche Schülerinnen und Schüler der Deaf-School. Und der Film ist 70 Jahre alt. Es ist leicht, den Stab über eine Zeit zu brechen, die lange zurückliegt. Ich finde es zu einfach und unfair, den Machern eines Filmes vorzuwerfen, dass sie 70 Jahre hinterher sind – wenn sie tatsächlich 70 Jahre hinterher sind.

Das gleiche gilt für Gehörlosen-Pädagogen in einem 70 Jahre alten Film. Wie Mandy sprechen lernt, nennt man heute die orale oder die oralistische Methode. Weil die aus Deutschland stammte, nannte man sie auch die deutsche Methode. Gehörlose Kinder wurden konditioniert, Lautsprache so gut wie möglich zu sprechen – so, dass man ihnen möglichst nicht anmerkt, dass sie gehörlos sind. Das wurde als Chance gesehen, Gehörlose in die Kommunikation einer hörenden Welt einzubeziehen. Für die Kinder war es sicherlich alles andere als schön. Es war Drill. Heute wird gefragt, welche psychischen Folgen das hatte. Vor allem ging die Methodik mit einem Verbot der Gebärdensprache einher, die aus den Schulen verbannt worden war. Sie ist die Muttersprache der Gehörlosen.

Illustration zu einem Beitrag über den Film „Mandy“ des britischen Regisseurs Alexander Mackendrick

In den Szenen in der Royal Residential School for the Deaf wird nirgendwo gebärdet. Das entsprach dem damaligen pädagogischen Konzept; ebenso kann man davon ausgehen, dass die Kinder sich – außerhalb des Films – nicht an dieses Konzept gehalten haben. Bis dieser Konflikt auf eine Kinoleinwand kommt, wird es noch Jahrzehnte dauern.

Andererseits scheint der Film durch den engen Kontakt zur Schule in vielen Details sehr genau: die Räumlichkeiten, die Methodik mit Mundabsehen und Lautsprachvermittlung… Die taube Lehrerin erklärt einer jungen Erzieherin, sie müsse sie beim Sprechen ansehen, weil sie taub sei und sonst nicht verstehe… Dem damaligen Publikum erschien der Film „Mandy“ wie ein Dokumentarfilm.

Der 7-jährigen Mandy Miller, die durch die Rolle der Mandy Garland zu einem „Kinderstar“ wurde, bescheinigten Kritiker eine „wunderbare Performance“ und Einfühlungsvermögen. In einem Interview erzählt die 76-jährige Mandy Miller, dass sie während der Dreharbeiten überhaupt erstmals tauben Kindern begegnet sei. Es sei ein wirklich außergewöhnliches Erlebnis gewesen. Sie erinnere sich an den fehlenden Sound in den Klassenräumen und an Kinder, die in ihrem Alter waren und mit denen sie spielte, bei denen sie jedoch immer das Fehlen eines unmittelbaren verbalen Kontaktes spürte.

Szene aus dem Film „Mandy“ des britischen Regisseurs Alexander Mackendrick, gemixt mit einem Foto aus einem alten Berliner Schulgebäude

PS 1: Die Fotos zum Beitrag über den Film „Mandy“ zeigen Filmszenen gemixt mit Bildern aus einem alten Berliner Schulhaus.

PS 2: Hier noch ein Ausschnitt aus dem Film. Den kompletten Film finde ich nur als CD zum Kaufen und auch nur auf Englisch (mit Untertiteln).

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PS 3: Die 7-jährige Mandy Miller wurde durch den Film „Mandy“ zu einem Kinderstar. Sie wurde sogar der Queen vorgestellt, die daraufhin zu einer Begleitung sagte: „Oh, this is Mandy. Do you remember?“ Als Kind und Teenager hat Mandy Miller in mehreren Kinofilmen und im Fernsehen gespielt; sie war jedoch niemals mehr so erfolgreich wie als taubes Mädchen im Film „Mandy“.


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