Beethoven und die Musik im Kopf

Vom berühmtesten Schlappohr der Welt (Teil 5)
Ausschnitt Klimt Beethovenfries

Taub komponieren? Ein Musik-Genie, das nicht hören kann? (Auch für den fünften und letzten Teil unserer Artikel-Serie hier noch einmal der Hinweis an die unkundigen Leser*innen: Es geht hier – wie schon im ersten, zweiten, dritten und vierten Teil – nicht um fröhliche Bernhardiner-Hunde, sondern um ihn: Ludwig van, den Komponisten, das musikalische Genie und das berühmteste Schlappohr der Weltgeschichte.) – Und nachdem ich mich im vorangegangenen Teil Beethovens Ärzten, seinen Therapien sowie der von ihm genutzten Hörtechnik gewidmet habe, suche ich zum Schluss Antwort auf eine weitere wichtige Beethoven-Frage: Wie war das überhaupt möglich – taub komponieren? Wie konnte jemand wie Beethoven, ein 100%-iges Schlappohr, diese Musik erschaffen?

Ist doch ganz einfach? Beethoven war eben ein Genie? Einer, bei dem etwas zündet? So ein Götterfunken vielleicht? – Sorry, ich glaube, das ist Blödsinn. Genauso, wie es Blödsinn ist, dass man nur geniale Dinge hervorbringen kann, wenn man ordentlich an der Welt leidet. Ich glaube, das hat mit Beethoven selbst überhaupt nichts zu tun. Das hat vielmehr damit zu tun, was andere aus ihm gemacht haben. Weil sie die Geschichte vom tauben Genie so anrührend fanden. Oder warum auch immer.

Saal mit Beethovenfries

Musik im Kopf

Während ich das hier schreibe, klimpert auf YouTube Beethoven. Es gibt Leute, die ständig und überall Musik hören, auch unterwegs. Ich finde es mal ganz nett, Musik zu hören und die Welt wie einen Film an mir vorbeiziehen zu lassen. Aber eigentlich ist es mir lieber, die Welt zu hören, in der ich unterwegs bin. Und ich kann auch dann noch Musik hören – ganz ohne Musik.

Ausschnitt Beethovenfries, Gustav Klimt

Ich bin mir nicht sicher, ob das jeder kann. Aber vermutlich doch. Ohrwürmer kennt bestimmt jeder, der hört. Ich habe nicht nur gelegentliche Ohrwürmer, sondern auch sonst was für Musik im Kopf, wenn ich das will. Mitunter sogar, wenn ich es nicht will. Das ist dann sozusagen eine lästige Sorte Ohrwürmer.

Bei sehr musikalischen Menschen soll das mit der Musik im Kopf besonders stark ausgeprägt sein. Sie erleben die Musik dann ungefähr wie eine Halluzination. Von Tschaikowski zum Beispiel habe ich gelesen, dass er wegen der Musik in seinem Kopf oft nicht einschlafen konnte. So was soll sich sogar nachweisen lassen. Die Wirkung der eingebildeten Musik auf das Gehirn kann genauso stark sein wie die Wirkung wirklicher Musik.

Taub sein und Musik machen

Taub komponieren? Wie hört man Musik, wenn man nicht hören kann? Ganz entscheidend ist vermutlich, ob man Musik früher schon mal hören konnte. Beethoven konnte – und er hatte die Musik im Kopf.

Ich kann mir vorstellen, dass man in einer Situation wie der von Beethoven vergisst, ob die Musik, die man hört, durch das Ohr kommt oder im Kopf entsteht. Theorien sagen, dass das bei Beethoven so war.

In jedem Fall glaube ich, dass es sich lohnt, weiter über Beethovens Schwerhörigkeit nachzudenken. Auch weil man so lernen kann, zu welchen Leistungen Menschen mit gravierender Behinderung in der Lage sind. Und zwar nicht, weil sie irgendein göttlicher Funke getroffen hat. Sondern einfach, weil sie es können. Weil es eben keinesfalls so ist, dass jemand, der etwas nicht kann, etwas anderes dann zwangsläufig auch nicht kann. Auch wenn das in unsere Vorstellungen überhaupt nicht passt – weil diese Vorstellungen noch zu begrenzt sind.

Beethovenfries

Evelyn Glennie zum Beispiel gilt als beste Vibraphonistin und Perkussionistin der Welt. Sie ist seit ihrem zwölften Lebensjahr gehörlos. Ich habe von einem Pianisten gelesen, der Beethoven immer mit Ohrstöpseln spielt. Er hat das Gefühl, seiner Musik so näher zu sein, sie besser verstehen zu können. Das klingt vielleicht komisch. Ich finde es dennoch spannend. Man sieht bzw. hört Dinge anders. Und man sucht Antwort auf Fragen, die vielleicht noch niemand gestellt hat.

Die Vorstellung vom Genie, bei dem Schönheit und Leiden zusammengehören, ist Unsinn. Genauso wie die Vorstellung, dass es ruhmvoll und ehrenhaft ist, für eine große Sache zu leiden – oder gar zu sterben. Das haben sich Leute ausgedacht, die keine Ahnung vom Leiden haben. Oder solche, denen es gut ins Konzept passt. Wenn ich sowas höre, denke ich an eines der wenigen Gedichte, die ich auswendig kann. Es ist von Franz Hodjak, einem Dichter aus Siebenbürgen. Es heißt „optik“, und es ist nur ganz kurz. Deshalb passt es sogar als Ohrmän-Hörspruch (obwohl es nicht direkt mit Hören zu tun hat):

Ein Interview mit Beethovens Seelenverwandtem

Am Ende meiner Beethoven-Artikel-Serie muss ich noch darüber schreiben, dass ich schon mal einen Seelenverwandten von Beethoven interviewt habe. Es ist Dr. Harald Seidler. Er ist HNO-Arzt und langjähriger Präsident des Deutschen Schwerhörigenbundes (DSB). Er ist selbst seit seiner Kindheit hochgradig hörgeschädigt. Er hat deshalb die Entwicklung der modernen Hörtechnik über mehr als 50 Jahre mit eigenen Ohren erlebt. Zur Zeit des Interviews hörte er mit einem Cochlea-Implantat (CI) auf dem einen und einen sehr starken Hinter-dem-Ohr-Hörgerät auf dem anderen Ohr. Und er spielt seit seiner Kindheit leidenschaftlich gerne Klavier – am liebsten Beethoven. Nach einem sehr, sehr langen Interview – von dem ich vielleicht noch an anderer Stelle berichte – hat er mir an seinem Flügel Beethoven vorgespielt. Das war ein besonderes Erlebnis!

Klimt Beethovenfries, Ausschnitt

Zuvor hatte er mir erzählt, wie er damals als schwerhöriges Kind zur Musik gekommen ist: „Meine Geschwister spielten alle Klavier. Ich war der Jüngste und begann gleichfalls, darauf herumzuspielen. Also schickten mich meine Eltern trotz aller Zweifel zum Unterricht. Intuitiv machten Sie das Beste, was sie tun konnten. Das Klavierspiel war mein Hörtraining. Das gab mir einen mächtigen Schub. Ich profitiere bis heute davon. Mein Musiklehrer hatte mir vorher erklärt: ‚Harald, du singst besser nicht mehr mit. Du bist ein Brummbär!‘ – Pädagogisch eine Katastrophe! Aber das Klavierspiel half mir, dieses Defizit auszugleichen. Ich durfte sogar mit dem Schulorchester auftreten. Es ist so wichtig für Hörgeschädigte, dass nicht nur ihre Kommunikation gefördert wird, sondern auch andere Talente gesehen werden, künstlerische, sportliche…“

Beethovenfries

Weil ich wusste, dass Dr. Seidler von sich selbst sagt, er sei ein Seelenverwandter Beethovens, habe ich ihn natürlich auch danach gefragt. Darauf er: „Mein Seelenverwandter wurde Beethoven durch das Klavierspiel. Ich bekam eine klassische Ausbildung – Mozart, Beethoven, Bach, Chopin und Schumann. Vor allem Beethovens Spätwerk gefiel mir sehr; anfangs aus einem Gefühl heraus. Mittlerweile ist mir das klar. In seinen späten Werken sind die bassbezogenen Komponenten überproportional vertreten. Seine Hörschädigung prägte seine Kompositionen. Als Hörgeschädigter merkt man das ganz besonders. Damals war bei mir bei 4 KHz Schluss. Inzwischen trage ich seit acht Jahren ein CI. Ich habe dadurch wieder Zugang zu den hohen Frequenzen. Beethoven wäre heute sicherlich auch CI-Kandidat.“

Beethovenfries

PS: Die Fotos zum letzten Teil meiner Artikel-Serie zu Thema taub komponieren stammen übrigens vom berühmten Beethoven-Fries von Gustav Klimt. Den kann man sich in der Secession in Wien anschauen.

Saal mit Beethovenfries

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