„Sausen und Brausen“ – Acht Tinnitus-Tipps

Störende Ohrgeräusche und was man gegen sie tun kann
William Turner, Sturmbild

Tipps gegen Ohrgeräusche? – Weißt du, was ein Tinnitus ist? Hin und wieder soll so etwas jeder haben. Man hört ein Geräusch, das gar nicht da ist. Jedenfalls gibt es keinen äußeren Schall. Was man hört, ist sozusagen ein Ohrgeräusch. Häufig ist es so ein anhaltender Piepton, ungefähr so wie der Ton, der früher im Fernsehen kam, als es noch Sendepausen gab. Der Ton kann aber auch ganz anders klingen – wie ein Pfeifen, Rauschen, Knacken, Klingeln, Knarzen oder sonst was. Manche Leute haben auch mehrere Ohrgeräusche. Mir hat mal jemand erzählt, er hätte bei sich ungefähr 10 bis 15 verschiedene gezählt. (Er war sich selbst nicht mehr ganz sicher, wie viele er sind.)

Wenn so ein Tinnitus hin und wieder kommt, ist das kein Problem. Meist verschwindet das Ohrgeräusch schnell wieder. Es gibt aber auch Menschen, bei denen das nicht so ist. Wie viele das betrifft, weiß man nicht genau. Die Deutsche Tinnitus-Liga spricht von ca. drei Millionen Bundesbürgern mit chronischem Tinnitus. Mitunter liest man (deutlich höhere Zahlen – zehn Millionen oder noch mehr. Dass es keine genaue Zahl gibt, liegt wohl auch daran, dass auch ein Tinnitus, der nicht mehr weg geht, unterschiedlich belasten kann. Für viele ist er sehr belastend.

Weiterhin geht man davon aus, dass die Zahl der Leute mit Tinnitus in den modernen Industrieländern zunimmt. Tinnitus an sich ist allerdings nicht neu. Merkt man ja schon daran, dass das Wort aus dem Lateinischen stammt. Übersetzt heißt es „das Klingeln im Ohr“. Beethoven hatte Tinnitus: „meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort“. Sogar die griechische Dichterin Sappho hat schon über ihren Tinnitus gedichtet, den sie als „Dröhnen und Brausen“ beschrieb.

Hier also meine acht Tipps gegen Ohrgeräusche. – Mit kleiner Vorbemerkung: Mir ist klar, dass man auch mit diesen Tipps an Grenzen stoßen kann. Weil jeder Tinnitus anders tickt. Und weil es wirklich schlimme Tinnitus-Geschichten gibt. Aber als erste Hilfe und Orientierung sind die Tipps sicherlich geeignet:

Tipp 1 – den Tinnitus verstehen

Stell dir vor, du wachst eines Tages auf, und du hast mit einem Mal das Piepen im Ohr. Und dann merkst du, es geht nicht mehr weg. Es ist auch mittags noch da, auch am Abend, auch am nächsten Tag. Immer, wenn du lauschst, ob dieses Piepen weg ist, ist es noch da. Es piept einfach weiter. Wie irgendein Gerät, das jemand vergessen hat, auszuschalten. Und dieser jemand ist auf und davon. Und kein Mensch weiß jetzt, wo der verdammte Schalter sitzt, um diese Kiste abzustellen…

William Turner, Sturmbild

Wenn etwas stört, dann will man, dass es so schnell wie möglich aufhört. Zahnschmerzen etwa verhageln einem alles. Ganz egal, was für ein Tag das ist. Man denkt nur noch an Zahnschmerzen. Also muss man sie los werden.

Das hinterhältige an Tinnitus ist, dass er nicht wie Zahnschmerzen funktioniert – eher schon wie Phantomschmerzen; also wie Schmerzen, die keine offensichtliche Ursache haben. Und je mehr man an den Tinnitus denkt, je mehr man sich auf ihn konzentriert, desto mehr drängelt er sich in den Vordergrund.

Deshalb sollte man sich eines klar machen: Sitzt ein Tinnitus erstmal dauerhaft im Ohr, dann ist das so. Man wird ihn so schnell nicht mehr los. Mein erster Tipp ist vermutlich ziemlich irritierend bzw. enttäuschend: Du musst den Tinnitus hinnehmen. Du kannst ihn nicht einfach abschalten. Aber er lässt sich lindern. Je besser man mit seinem Tinnitus umgeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er nachlässt oder sogar verschwindet.

Tipp 2 – schnellen Lösungen misstrauen

Aus Tipp 1 ergibt sich Tipp 2: Ich möchte dir empfehlen, immer dann sehr skeptisch zu sein, wenn jemand bei Tinnitus eine schnelle Lösung verspricht. Es mag ja sein, dass jemand so eine Lösung findet. Ich habe jedoch noch niemanden getroffen, der so was erzählt hat. Ich bin hingegen schon etlichen Leuten begegnet, die solche Mittelchen probiert haben – und nichts war’s. Es hat nur Geld gekostet.

William Turner, Sturmbild

Wenn man ein wirkliches Problem hat und dringend eine Lösung braucht, ist man bereit, dafür zu bezahlen. Es gibt Leute, die ihr Geld mit den Hoffnungen anderer verdienen. Tinnitus ist in jedem Fall eine sehr individuelle Geschichte. Diese Individualität zeigt schon, warum du skeptisch sein solltest, wenn jemand sagt, dass ein Tinnitus bei Mittel A oder B ganz schnell wieder verschwindet.

Tipp 3 – Jeder Tinnitus mag Stille

Nr. 3 unserer Tipps gegen Ohrgeräusche: Seinen Tinnitus hinzunehmen, heißt natürlich nicht, auch noch dafür zu sorgen, dass es ihm möglichst gut geht. Oft liest man, dass Tinnitus durch Stress entsteht. Das stimmt nicht immer; aber Stress kann ein Auslöser sein. Und bei Stress helfen Entspannung und Ruhe. – Nur eben nicht bei Tinnitus.

Viele Menschen mit Ohrgeräuschen erleben eine ruhige Umgebung als extrem unangenehm. Weil ihr Tinnitus Stille mag. Er kann sich dann so richtig entfalten. Statt konzentriert arbeiten oder einschlafen zu können, hört man das Pfeifen, Rauschen, Knacken umso mehr. Tipp drei ist deshalb: Stille möglichst vermeiden. Auch im Arbeitszimmer. Sogar beim Einschlafen. – Aber was soll man stattdessen hören?

Tipp 4 – Lieblingsklänge finden

Wenn man Stille vermeiden soll, braucht man Geräusche. Früher hat man zum Beispiel die Anschaffung eines Zimmerspringbrunnens empfohlen. Mit dem hört man ständig dieses Plätschern, und das dämpft den Tinnitus.

Du kannst das versuchen. Ich persönlich mag keine Zimmerspringbrunnen. Und auch der ist nicht das Patentrezept bei Tinnitus. Weil – wie schon gesagt – jeder Tinnitus anders ist. Es gibt Menschen mit Tinnitus, denen neben Stille auch bestimmte Geräusche sehr unangenehm sind. Vor allem solche Geräusche, die wie ihre Ohrgeräusche klingen.

Deshalb der Tipp: Suche dir Klänge, die du als angenehm erlebst. Das kann leise Musik sein, Meeresrauschen, Vogelgesang, ein Uhrenticken (bei dem ein anderer nie im Leben einschlafen könnte) oder was auch immer. Wichtig ist nur, dass du das Gefühl hast, es passt zu dir und tut dir gut. Wie gesagt, davon geht der Tinnitus nicht weg. Aber du hältst sozusagen dagegen. Du hörst zur gleichen Zeit noch was Schönes. Und das kann den Tinnitus zumindest lindern.

Geeignet sein können hierfür übrigens Tinnitus-Apps, von denen es inzwischen eine ganze Reihe gibt. Man kann sich Musik oder Geräusche auf die Ohren spielen. Man kann sich sogar passende Klanglandschaften für verschiedene Situationen mixen und sie dann immer wieder abrufen.

Tipp 5 – den Tinnitus mögen lernen

Das klingt jetzt wahrscheinlich noch absurder als Tipp 1. (Und widerspricht scheinbar Tipp 2; das ist mit „mögen“ aber nicht gemeint.) Tatsächlich haben mir mehrere Menschen mit hartnäckigem Tinnitus so was erzählt. Sie hatten ihrem Tinnitus eine Art positive Bedeutung gegeben. Davon war er zwar nicht verschwunden. Aber es war ihnen so gelungen, den Tinnitus besser zu akzeptieren.

William Turner, Sturmbild

Der eine, ein sehr naturverbundener Mensch, erzählte mir von seinem Tinnitus-Rauschen. Er hätte einmal nachts – so wie viele Nächte vorher – wieder wach gelegen, das Rauschen gehört und nicht einschlafen können. Plötzlich stellte er für sich fest, dass das doch eigentlich absurd ist: Wenn er irgendwo in einer Hütte liegen würde, und da wäre draußen ein Bach, dann würde es ebenso rauschen wie jetzt. – Nur dass er das Rauschen eines Bachs mögen und dass es ihn einschläfern würde. Ihm ist es tatsächlich gelungen, sein Tinnitus-Rauschen von diesem Moment an anders zu nehmen als bisher. Es war dann weniger nervig. Oft ist es inzwischen auch gar nicht mehr da.

Noch verrückter fand ich die Geschichte einer Frau, die jahrelang sehr unter ihrem Ohr-Piepen gelitten hatte, und die mir mit sichtlichem Stolz erzählte, wie sie sich schließlich arrangiert hat: „Wissen Sie, ich habe mir dann immer vorgestellt, dass dieses Piepen von Außerirdischen kommt, die Kontakt zu uns Menschen suchen. Und ich habe mir gesagt, dass das doch eigentlich schön ist, wenn die uns kennen lernen wollen.“ – Soweit ich weiß, ist es mit dieser Kontaktaufnahme bis heute nichts geworden, aber die Außerirdischen haben ihr zumindest geholfen, deutlich besser mit dem Tinnitus klar zu kommen.

Tipp 6 – anders leben

Das sagt sich natürlich immer so leicht: Stress vermeiden; wenn dich von früh bis spät Stress erwartet – der Job, die Familie, die Kinder… – Doch viele Menschen mit Tinnitus berichten, dass ihre Ohrgeräusche lauter werden, wenn sie unter Stress geraten. Tinnitus kann eine Art Stress-Alarm sein. Insofern sollte man schon überlegen, was sich an der eigenen Lebensweise ändern lässt. – Wo bekommt man mal Freiräume? Wie kann man Belastungen besser wegstecken oder vielleicht sogar loswerden? Erholung, Bewegung, Ernährung… – das ganze Programm, das einem immer und überall empfohlen wird, auch wenn es oft ziemlich schwerfällt, etwas davon umzusetzen.

Tipp 7 – einen Hörtest machen

Auch das mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen: Was soll die eigene Hörfähigkeit damit zu tun haben, dass man Geräusche hört, die gar nicht da sind?! Man hört ja sozusagen sogar mehr als das, was andere hören…

Es gibt da eine interessante Erklärung. Sie trifft nicht auf alle Menschen mit Tinnitus zu. Viele Ohrenärzte und Hörakustiker sind sich jedoch sicher, dass sie für den Großteil der Menschen mit dauerhaften Ohrgeräuschen stimmt: Lässt das Hörvermögen nach, dann fehlen dem Gehirn die akustischen Reize, an die es gewöhnt ist. Es kommt nicht mehr genug rein. Dadurch entsteht eine Lücke an Hör-Eindrücken. Und diese Lücke versucht das Gehirn zu füllen – indem es Geräusche wahrnimmt, die es gar nicht gibt.

William Turner, Sturmbild

Dass unser Gehör irgendwann nachlässt, ist völlig menschlich. Darum geht es in diesem Blog immer wieder. Und weil ein Hörverlust meist schleichend kommt, bemerkt man ihn oft nicht gleich. Manche brauchen Jahre, um ihn zu merkten. Tinnitus kann hier ein wichtiger Hinweis sein. Und Klarheit bekommst du durch einen Hörtest, den du beim Ohrenarzt oder beim Hörakustiker machen kannst. (Vermutlich ist es einfacher, schnell mal beim Hörakustiker vorbeizuschauen. Das kostet dort auch nichts.)

Tipp 8 – Hörgeräte testen

Das macht dann Sinn, wenn tatsächlich ein Hörverlust festgestellt wurde. Die Hörgeräte müssen gut ausgewählt und eingestellt werden – von einem Hörakustiker oder einer Hörakustikerin. Man kann verschiedene Geräte testen und vergleichen. Auch das ist kostenlos. Wenn du testest, gehst du noch keine Verpflichtung ein, später Hörgeräte zu kaufen.

Es ist jedoch gut möglich, dass du mit den Geräten nicht nur besser hörst und verstehst – dich zum Beispiel beim Zuhören weniger anstrengen musst, sondern dass auch dein Tinnitus zurücktritt. Weil das Gehirn wieder mehr „akustisches Futter“ bekommt.

Zudem haben viele Hörgeräte eine Tinnitus-Funktion eingebaut. Mit der läuft das ungefähr so wie mit den Apps (Tipp 4); man kann sich individuell passende Klänge aussuchen, die man bei Bedarf ins Ohr bekommt. Ergänzend bieten viele Hörakustiker*innen noch spezielle Trainings an. Solche Trainings gibt es auch für diejenigen, die noch gut hören können.

PS 1: Wie schon eingangs geschrieben, sind diese Tipps eine Orientierung – aber bestimmt kein Allheilmittel oder so etwas. Tinnitus ist ein weites Feld. Vieles ist noch nicht abschließend erforscht. Und jeder Tinnitus ist sehr individuell. Falls du weitere Informationen und Adressen suchst, möchte ich dir den Kontakt zur Deutschen Tinnitus-Liga (TL) empfehlen.

PS 2: Die Bilder zum Beitrag mit unseren Tipps gegen Ohrgeräusche sind sozusagen voller Sausen und Brausen. Gemalt wurden sie alle vom englischen Maler William Turner.


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