HANDS UP!

Eine stille Ausstellung voller Verständigung, Wiener Melange Teil 2
Illustration zum Beitrag über HANDS UP auf die-hörgräte.de

Über das Verhältnis von hörender und gehörloser Welt hatte ich hier schon gebloggt, über Gebärdensprache auch. In Wien gibt es eine Ausstellung, die hörenden Besuchern eine Reise in die Welt der Stille verspricht und Berührungsängste gegenüber gehörlosen Menschen abbauen will. Sie heißt HANDS UP (also: Hände hoch!). Ich wollte schon immer mal dort hin. Also habe ich mich vor meiner Wien-Reise angemeldet und einen Termin für eine Führung bekommen. (Ohne den geht es bei HANDS UP nicht.)

„Tauche ein in die Welt der gehörlosen Menschen!“, ist einer der Slogans, mit dem HANDS UP wirbt. Eine Reise in eine andere Welt ist die Ausstellung schon deshalb, weil HANDS UP zwar mitten im touristischen Wiener Stadtzentrum liegt, jedoch unter der Erde. Man muss an der Schottenkirche vorbei und durch das Tor vom Schottenstift und dann eine Treppe hinunter in alte Kellergewölbe, in denen neben HANDS UP auch noch „Dialog im Dunkeln“ ist. Es ist dort also schon mal deutlich ruhiger, dunkler und weniger geschäftig als oben.

Durch meine Arbeit habe ich immer mal mit Gehörlosen, mit Gehörlosenkultur und Gebärdensprache zu tun. Was ich deshalb weiß, ist vor allem eines: Dass ich nicht viel über sie weiß. Oder anders gesagt: Ich kann mir vorstellen, dass Gehörlose tatsächlich in einer „anderen Welt“ der Stille leben, in die man nicht hineinkommt, wenn man hören kann. Das heißt, ich glaube, dass das mit der „anderen Welt“ wirklich stimmt und nicht nur so eine Floskel ist. Ich kann fast keine Gebärden. Und ich war skeptisch, inwieweit mir HANDS UP tatsächlich Zugang in diese Welt verschafft. Sich zu fühlen wie jemand, der nicht hören, sehen oder laufen kann, wenn man es eigentlich kann, ist ja so eine Sache…

HANDS UP – sich lautlos zurecht finden

Die Führung beginnt mit Blickkontakt. Ido, unser Guide, der die zwölfköpfige Gruppe empfängt, sucht den Blick jedes einzelnen. Und dann gebärdet er. Er begrüßt uns. Er erklärt, wo wir die Garderobe lassen können, dass wir ihm folgen sollen. Er erklärt, dass wir den Mund halten sollen, und fragt, ob wir verstanden haben. Er sagt kein Wort. Am Anfang erscheint es wie ein Spiel, dessen Regeln man einhält oder nicht. Aber der Eindruck verfliegt bald. Ido ist wirklich gehörlos. Und wer bei HANDS UP nicht außen vorbleiben will, muss mitmachen.

HANDS UP Ausstellung in Wien

Beim Betreten des Ausstellungssaales bekommt jeder einen sehr guten Kapselgehörschutz. Mit dem ist man nicht taub, aber doch ziemlich für sich. Die Ohren sind abgemeldet. Es bleiben nur noch die Augen, und mit denen kommuniziert es sich überraschend gut, wenn man sich auf Ido konzentriert, der sehr darauf achtet, dass jeder ihn versteht. Und der uns das Gefühl vermittelt, dass auch wir in der anderen Sprache nicht stumm sind – ganz ohne Gebärdensprachkenntnis.

Mimik und Körpersprache nutzen Hörende auch. Gefühle wie Freude, Wut Angst, Ekel, Trauer, Überraschung oder Verachtung werden mit Mimik überall auf der Welt verstanden. Auch Gesten sind oft universell. Nur nutzt man all das selten bewusst, während es für Gehörlose zwingend dazugehört. Ohne Körper funktioniert Gebärdensprache nämlich gar nicht. Er ist wichtig für die Grammatik. Der Oberkörper zeigt zum Beispiel Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und die Mimik zeigt etwa, ob ein Satz eine Frage oder ein Ausruf ist. Hinzu kommt noch Lippenabsehen; aber das ist keine Sprache, sondern nur eine zusätzliche Hilfe, mit der man sowieso nicht alles versteht.

HANDS UP – Einblick in fremde Sprache

Alles, was im vorangegangenen Absatz steht, hat uns Ido erklärt –ohne Lautsprache. Man erfährt bei HANDS UP, warum es für gehörlose Kinder wichtig ist, von früh an Gebärdensprache zu lernen, und dass es schon Gebärden für Babys gibt. Man beginnt, die kommunikativen Möglichkeiten des eigenen Körpers zu entdecken. (Kostet vielleicht etwas Überwindung, aber man ist ja unter sich.)

Illustration zum Beitrag über HANDS UP auf die-hörgräte.de

Den eigenen Namen mit Fingeralphabet zu buchstabieren, ist etwas mühsam. Immerhin freut man sich, wenn man herausbekommen hat, wie die anderen in der Gruppe heißen. Gehörlose haben immer noch einen Gebärdennamen, der auf ein äußeres Merkmal oder auf ein typisches Verhalten abhebt. Auch Prominente haben so einen Namen. Bei Angela Merkel ist das zum Beispiel die Raute und bei Charlie Chaplin eine Bärtchen-Gebärde.

Auch wir lernen ein Paar Gebärden (Österreich, Party, verliebt). Wir spielen Gebärden-Quiz: Heißt das nun Autogurt, Durchschnitt, Hälfte oder Kaiser? Und bei Stille Post in Gebärdensprache wird aus „Motorrad fahren“ und „Zähne putzen“ am Ende genauso ein Quatsch wie beim lautsprachlich flüsternden Stille-Post-Spiel.

HANDS UP Ausstellung in Wien

Daneben erfährt man eine Menge über Gebärdensprachen: Wie sie sich entwickelt haben, dass sie von Land zu Land verschieden sind, dass es Dialekte gibt. (Also etwa so, wie man in Österreich „Paradeiser“ statt „Tomaten“ und „Marillen“ statt „Aprikosen“ sagt.) Auch um das Verhältnis von Gebärdensprache und Gehörlosigkeit und um das Hören mit Cochlea-Implantat (CI) geht es. Dieses Thema wurde unter den Gehörlosen lange Zeit sehr kritisch diskutiert und es hat auch heute noch Konfliktstoff. Mir hat gefallen, dass das in HANDS UP sachlich und fair dargestellt wird: Das CI kann sinnvoll sein; es funktioniert aber nicht für jeden.

Stiller Alltag, stille Kultur und stille Promis

Außerdem geht es um Barrieren im Alltag, die gehörlose und hochgradig hörgeschädigte Menschen haben. Und es werden Lösungen gezeigt. Wie lässt man sich wecken, wenn man den Wecker nicht hört? Wie bekommt man mit, wenn jemand an der Haustür klingelt? Mit welcher App kann man sich Untertitel für den Kinobesuch besorgen? Wie funktioniert ein Museums-Guide mit Gebärdensprache?

Illustration zum Beitrag über HANDS UP auf die-hörgräte.de

Man erfährt etwas über die Kultur der Gehörlosen – über Gehörlosensport und die Deaflympics, die es schon fast 100 Jahre gibt, über Gebärdenpoesie und Deaf Slam. Und es gibt Party: Man startet die Musik und hört sie sehr dumpf durch den Gehörschutz. Man steht auf einer Holzplattform, spürt den Rhythmus als Vibrationen im Körper, kann tanzen und sogar mitsingen bzw. mitgebärden.

HANDS UP Ausstellung in Wien

Und es werden berühmte gehörlose Menschen vorgestellt. Natürlich Beethoven, den berühmtesten Gehörlosen überhaupt. (Wobei ich mich hier auf dem Blog schon gefragt hatte, inwieweit Beethoven von Hörenden eigentlich tatsächlich als gehörloser Künstler gesehen oder eher als „taubes Genie“ verklärt wurde.) Aber auch der Maler Francisco de Goya, der Erfinder Thomas Edison und Helen Keller sind dabei. Und noch lebende gehörlose Promis wie die Schlagzeugerin Evelyn Glennie und die Schauspielerin Marlee Matlin. Und auch ziemlich junge gehörlose Promis wie Nyle Di Marco (der Sieger von „America’s Next Top Model“) und die deutsche Schauspielerin Kassandra Wedel. In den Unterlagen zu HANDS UP steht, dass gerade dieser Teil der Ausstellung für die Gehörlosen-Community sehr wichtig ist. Denn berühmte Gehörlose sorgen dafür, dass gehörlose Menschen überhaupt sichtbar werden – also auch für die Hörenden.

HANDS UP on Tour – auch in Deutschland?

Falls du mal nach Wien kommst – einen Besuch bei HANDS UP kann ich auf jeden Fall empfehlen. Die Führung ging ungefähr eine Stunde. Ich fand es hoch interessant und kurzweilig und war erstaunt, wie viel ich erfahren konnte – ganz ohne Gehör. Erst als ich nach einer Stunde den Gehörschutz nicht mehr auf den Ohren hatte und zurück auf der belebten Straße war, merkte ich, was gefehlt hat. Außerdem war ich ziemlich erschöpft, weil es offensichtlich sehr anstrengend ist, ohne Gehör zu kommunizieren, wenn man es nicht gewohnt ist.

Übrigens, HANDS UP gibt es inzwischen nicht nur in Wien sondern auch „on Tour“. Eigentlich sollten Teile der Ausstellung schon im Beethoven-Jahr 2020 durch Deutschland reisen – zusammen mit dem Bundesjugendorchester. Es sollte Beethovenkonzerte geben und in den Pausen Einblicke in die Welt der Gehörlosen. Dann musste alles wegen Corona abgesagt werden. Aber die mobile Variante von HANDS UP gibt es seitdem trotzdem. Sie war schon in Linz und Salzburg und soll bald auch in Deutschland zu erleben sein. Wir drücken die Daumen. Mehr dazu gibt es sicherlich bald auf der Website. Und man kann „HANDS UP on Tour“ sogar selbst einladen, wenn man zum Beispiel eine Veranstaltung plant.

Illustration zum Beitrag über HANDS UP auf die-hörgräte.de

PS 1: Die Fotos zum Beitrag über HANDS UP stammen aus der Ausstellung.

PS 2: Anmelden sollte man sich unbedingt, wenn man HANDS UP besuchen will. Der Besuch macht nur Sinn mit einer Führung, und die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Weil ständig kommuniziert wird, darf die Gruppe nicht zu groß sein. Mit Kindern, die nicht mehr ganz klein sind, kann man die Ausstellung auch besuchen. Aber sie sollten offen für das Thema und gut darauf vorbereitet sein.

PS 3: Nochmals vielen Dank an Victoria Horvat und das HANDS UP Team für die Einladung!


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