Geheimsache Beethoven

Vom berühmtesten Schlappohr der Welt (Teil 3)
Beethoven-Schaufensterdeko

Weil man diesen Artikel natürlich auch lesen könnte, ohne Teil 1 und Teil 2 der Artikel-Serie zu kennen,erneut vorab der Hinweis: Nein, es geht hier nicht um Bernhardiner-Hunde, sondern um ihn: Ludwig van, den Komponisten, das musikalische Genie und das berühmteste Schlappohr der Weltgeschichte bzw. um Beethovens Schwerhörigkeit. Im vorangegangenen Beitrag hatte ich geschrieben, dass er die meiste Zeit seines Lebens sehr krank war. Es ging um die Ursachen seiner Schwerhörigkeit und darum, wie diese begann. Und dieser dritte Beitrag dreht sich nun um die Auswirkungen von Beethovens Schwerhörigkeit.

Ein Hörproblem ist nicht nur ein Hörproblem. Es kommt immer noch das hinzu, was die Schwerhörigkeit mit einem macht. Wer erkunden will, was sie mit Beethoven gemacht hat, der stößt vor allem auf einen Text bzw. Brief (bzw. auf Zitate aus diesem Text bzw. Brief), den Ludwig van mit 32 Jahren geschrieben und zu seinen Lebzeiten vermutlich niemandem gezeigt hat. Dieser Text bzw. Brief wird das „Heiligenstädter Testament“ genannt. Beethoven hat ihn nämlich in dem Dorf Heiligenstadt geschrieben, als er dort zu einer (eher kostengünstigen) Bade-Kur war. Der Titel „Heiligenstädter Testament“ stammt übrigens nicht von ihm.

Ein Dorf und ein Brief

Heiligenstadt gehört heute zu Wien. Das Haus in Heiligenstadt, in dem Beethoven das „Testament“ geschrieben hat, ist heute das „Haus des Heiligenstädter Testaments“ oder auch das „Testamenthaus“. Oder zumindest ist irgendein Haus in Heiligenstadt heute ein Museum, in dem man sich angucken kann, wo Beethoven das Testament geschrieben hat. Denn so ganz genau weiß man gar nicht, in welchem Haus das war. Heiligenstadt war ein kleines Dorf, als sich Beethoven dort erholte. Es gab etwa 400 Einwohner. Und Beethoven soll in einem kleinen, allein stehenden Haus auf einem Hügel etwas außerhalb gewohnt haben. 90 Jahre später kam ein Mann aus dem Heiligenstädter Gesangsverein auf die Idee, man müsste aus dem Haus eine große Nummer machen. Er war sich auch sicher, das richtige Haus gefunden zu haben. Es ist aber gut möglich, dass es das echte Haus schon zu dieser Zeit gar nicht mehr gab.

Heiligenstädter Testament

Auch was der Text bzw. Brief selbst bedeutet, ist nicht so ganz klar. Geschrieben ist er an Beethovens Brüder (die ihn aber nie erhalten haben), und er hat sehr, sehr viel Pathos: „O ihr Menschen, die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erklärt…“ (Das „störisch“ hat er so wie „stören“ geschrieben und “Misantropisch” könnte man mit so was wie „Menschen hassend“ übersetzen.)

Beethoven erklärt dann, dass er überhaupt nicht so ist, wie die anderen denken. Und dass das alles nur so scheint, weil es „die geheime ursache“ gibt. Und dass er eigentlich die „Gesellschaft“ mag, aber sich „früh absondern“ musste. Und es ihm noch nicht möglich ist, „den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub…“

Über „heiße Ängstlichkeit“

Es geht also um seine Schwerhörigkeit. Damals hatten die Worte „schwerhörig“ und „taub“ noch die gleiche Bedeutung. Und von dieser Schwerhörigkeit – so Beethoven weiter – könnte er auch niemandem sagen – er als Komponist, der früher ein vollkommenes Gehör hatte.

Beethoven-T-Shirt

„Wie ein Verbannter“ müsse er deshalb leben. In Gesellschaft empfände er „heiße Ängstlichkeit“, weil er „befürchte“, jemand könnte merken, was mit ihm los ist. Er schreibt davon, wie es ihn demütige, wenn jemand von weitem eine Flöte oder das Singen eines Hirten hören könnte – und er höre das nicht. Und es schreibt von Selbstmord. Nur seine Kunst und die Tugend hätten ihn davon abgehalten, sich umzubringen.

Ein Coming-out, das keines mehr war

Ein Testament wird das „Heiligenstädter Testament“ deshalb genannt, weil Beethoven seinen Brüdern darin alles vermacht. Und weil es nach seinem Tod veröffentlicht werden sollte – auch als eine Art Coming-out eines schwerhörigen Musikers und Komponisten. Der Brief ist kein flüchtiger Brief. Er trägt sogar Beethovens Siegel. Aber Beethoven hat dort, wo der Name des einen Bruders stehen müsste, eine Lücke gelassen; vermutlich, weil er mit diesem Bruder gerade wieder Streit hatte. Der Brief ging also nie raus.

Ausschnitt Heiligenstädter Testament

Veröffentlicht wurde der Text erst, nachdem Beethoven gestorben war. Und ein Coming-out waren die Zeilen da schon lange nicht mehr. Nur ein paar Jahre nach dem Testament wusste jeder, dass Ludwig van taub war. Auch an seine „störische“ Art war man längst gewöhnt. Es gibt übrigens auch Stimmen, die berichten, dass Ludwig van diese Art schon lange vor seiner Schwerhörigkeit gehabt hätte. Aber auch das sind natürlich nur Stimmen von Menschen mit unterschiedlichsten Erlebnissen und Motiven.

Völlig klar ist, dass Schwerhörigkeit einen Menschen in seinem Wesen sehr verändern kann. Das bestätigten mir viele Interview-Partner, die eigene Erfahrungen mit Hörverlust haben. Auch Beethoven ging es so. „Seit zwei Jahren fast meide ich alle gesellschaften“, schrieb er schon ein Jahr vor dem Brief von Heiligenstadt. Später konnte er sich nicht einmal mehr normal unterhalten. Unterhaltungen gab es nur noch über die Konversationshefte, in die seine Gesprächspartner schrieben. Beethoven selbst antwortete dann meist mündlich. (Es soll über 400 solcher Heftchen gegeben haben, aber die meisten davon sind weg.)

Ein tauber Keyboarder

Vor einigen Jahren habe ich Richard interviewt. Er kommt aus den USA, ist Musiker und spielt Keyboard. Und er ist taub. Er war 20 Jahre als Musiker getourt. Und dann verlor er sein Gehör durch eine Behandlung mit Antibiotika.

Ausschnitt Heiligenstädter Testament

„Anfangs war mein Hörverlust noch relativ gering“, erzählte er mir. „Doch für mich war schon das extrem. Ich war plötzlich nur noch 1:1-Gesprächen gewachsen, konnte mich in Räumen mit vielen Menschen nicht mehr unterhalten. Von den Lippen ablesen konnte ich auch noch nicht. In den folgenden zwei Jahren verschwand mein Hörvermögen dann vollständig. Es war grauenhaft. Und es war harte Arbeit – für meine Freunde und für meine Familie. Ich weiß nicht, was ich ohne sie getan hätte. Und ich hatte vermutlich Glück, dass ich keine Prädisposition für eine klinische Depression habe. Es tat sehr weh.“

Die Schwerhörigkeit hatte auch Richard sehr verändert: „In meinem früheren Leben standen die Frauen Schlange, um mich zu küssen. Aber dann rannten sie plötzlich nur noch vor mir weg.“ – Wegen des Hörverlustes? (Das war jetzt meine Nachfrage…) – „Nein, ich denke, wegen der Art und Weise, wie ich mich selbst fühlte. Es war das, was der Hörverlust mit meinem Selbstbewusstsein gemacht hat. Ich fühlte mich nicht mehr länger wie ein attraktiver, witziger Typ. Ich fürchtete mich vor den Fehlern, die ich machen würde, wenn ich jemanden ansprach.“

Im Interview sprachen wir auch darüber, wie Richard mit seiner Schwerhörigkeit gerungen hatte. Er ging zu Ärzten, zu einem Audiologen (in den USA heißen die Hörakustiker so) und bekam immer stärkere Hörgeräte, die ihm aber auch immer weniger helfen konnten. Und wir kamen auf Beethoven.

Beethoven-Schaufensterdeko

Richard erzählte mir auch, wie sich damals sein Verhältnis zu Musik veränderte: „Die Bedeutung von Musik verkehrte sich ins Gegenteil. Vor meinem Hörverlust war Musik etwas, was mir weitergeholfen hatte, wenn ich traurig war, an einem Verlust litt. Nun aber war Musik nur noch etwas, was meine Fähigkeit zur Verständigung erschwerte. – Du betrittst einen Raum, und im Hintergrund läuft Musik. – Vor meinem Hörverlust hätte ich das geliebt. Aber als Mensch mit Hörschädigung hasste ich es. Das war nur Krach, der mir die Verständigung mit meinen Freunden unmöglich machte. Und ich war nicht der Typ, der gegen so ein Hindernis anging – der seine Freunde einfach gebeten hätte, die Musik leiser zu drehen. Ich lebte ohne Musik. Musik war nur noch eine Erinnerung. Es war brutal. Eine Zeit lang habe ich immer noch versucht, mit meinen Musiker-Freunden zusammenzusitzen, um mir das Gefühl zurückzuholen, Teil einer Band zu sein. Aber es ging nicht. Alles, was ich noch hören konnte, waren etwas Bass und Schlagzeug.“

Das Publikum und das Grauen

Vor einem Publikum Musik zu spielen und seine Musik selbst nicht mehr wahrnehmen zu können, muss wie der Tanz über einem Abgrund sein. (Ich schreibe hier bewusst nicht „hören“ sondern „wahrnehmen“, weil man Musik ja auch anders wahrnehmen kann als über das Gehör. Aber darum geht es hier gerade nicht.)

Richard erzählte mir folgendes Erlebnis: „Einmal waren wir auf der Bühne. Ich hatte die Augen geschlossen, spielte, schüttelte meinen Kopf im Takt. Irgendwann sah ich auf. Und meine Freunde blickten mich an, als hätte ich gerade meinen Verstand verloren. Ich hatte gespielt ohne jeden Sound. Der Strom war weg, und ich hatte überhaupt nichts mitbekommen. Die anderen brauchten einen Moment, um zu begreifen, was tatsächlich mit mir los war. Es war entsetzlich beschämend und zugleich traurig.“

Hörgräte und Heiligenstädter Testament

Beethoven muss ähnliche Erlebnisse gehabt haben. Bei der Generalprobe zu seiner Oper „Fidelio“ gab es ein völliges Chaos. Er ist dann – auf Empfehlung seines Assistenten – aus der Probe geflohen und nach Hause gegangen. Dort soll er sich auf das Sofa gelegt haben, beide Hände vor seinem Gesicht. Man kann nur vermuten, was er da gefühlt bzw. vor sich gesehen hat. Später soll er wieder von Selbstmord gesprochen haben.

„Seid umschlungen Millionen“

Das schwerhörige Genie und sein Publikum? – Wenn dieses Publikum die 9. Sinfonie Beethovens gehört hätte, vom Meister höchstselbst dirigiert, hätte es vermutlich nur die Köpfe geschüttelt, hätte den Eintritt zurückverlangt und wäre nach Hause gegangen. Man fand eine andere Lösung:

Als Beethovens berühmtes Werk uraufgeführt wurde, stand er als Dirigent vor dem Orchester. Er dirigierte auch. Vielleicht dachten die Leute im Publikum wirklich, er hätte das alles im Griff. Beethoven aber dirigierte allein die Musik in seinem Kopf. Er war völlig taub. Vielleicht spürte er die Schwingungen, die aus dem Orchestergraben kamen. Aber er konnte nichts hören. Hätte er so wie Richard die Augen geschlossen, hätte er nicht mal sicher gemerkt, ob das Orchester überhaupt noch spielt. Sie hätten ihn auch für verrückt gehalten. So aber sah das Orchester auf einen anderen Dirigenten, der etwas versteckt den Takt angab. Und als das Publikum begeistert jubelte, stand Ludwig van vor der jubelnden Menge – völlig allein. Er hörte auch den Applaus nicht. Dass die Leute begeistert waren, sah er erst, als eine der Sängerinnen zu ihm trat und ihn zum Publikum drehte.

Beethoven-Karte

PS 1: Richard, den ich hier in die Geschichte über die Auswirkungen von Beethovens Schwerhörigkeit eingebaut habe, hört heute mit zwei Cochlea-Implantaten (CI). Er steht wieder als Musiker auf der Bühne und arbeitet an Studio-Produktionen mit. Und er hält überall auf der Welt Vorträge, wie man mit Cochlea-Implantat einen Weg zum Musikhören finden kann. (Aus dieser Tatsache folgt schon, dass es längst nicht selbstverständlich ist, dass man es mit einem CI kann. Denn das CI wurde vor allem für das Verstehen gesprochener Worte entwickelt. – Ein anderes Thema, dem ich mich bei Gelegenheit mal ausführlicher widmen muss.)

PS 2: Die Fotos zum Beitrag über die Auswirkungen von Beethovens Schwerhörigkeit zeigen Ausschnitte aus einem Faksimile des so genannten „Heiligenstädter Testaments“ – mit und ohne Hörgräte. Außerdem gibt es wieder ein paar Beethoven-Bilder aus dem Bonner Einzelhandel sowie eines (das letzte Bild) von der Pinnwand des Kopierer-Raums im Beethoven-Archiv.

Hörgräte und Beethoven-Brief

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