Kunst und Schwerhörigkeit

Über ein Projekt, das Menschen mit und ohne Hörverlust zusammenführt
Sackpfeifer vom Mariae-Wochenbett-Altar aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, zu sehen im Landesmuseum Hannover

Vor ein paar Wochen war ich auf der Hörgeräte-Messe oder besser gesagt: beim Kongress der Europäischen Union der Hörakustiker (EUHA). Dort bin ich jedes Jahr im Herbst; drei Tage lang geht es ausschließlich ums Hören mit Technik. Man trifft viele Leute, manche zum ersten Mal. Diesmal habe ich Gisela Hänel zum ersten Mal getroffen. Als sie mir von ihrem Projekt zu Kunst und Schwerhörigkeit erzählte, fand ich das so spannend, dass ich darüber hier schreiben wollte, also los!

Mund-Abseh-Kurse an der Volkshochschule

Gisela Hänel hatte ursprünglich Sprachheilpädagogik studiert, also Lehrerin für Kinder und Jugendliche, die sprachlich bzw. kommunikativ beeinträchtigt sind. Zu ihrem Studium gehörte außerdem auch die Kunst – also Kunstunterricht. Und mit Schwerhörigkeit hatte sie von früh an zu tun; ihre Mutter war nämlich hochgradig schwerhörig. Weil es nach ihrem Studium keine Stellen für Sprachheilpädagoginnen gab, arbeitete Gisela Hänel 20 Jahre lang in der Verwaltung. Unterrichten konnte sie dort auch: Sie gab Computer-Schulungen für Erwachsene. Anderen etwas beizubringen, machte ihr Freude. Vor mehr als zehn Jahren wurde sie jedoch in den Vorruhestand geschickt, denn die Verwaltung musste sparen.

„Ich überlegte, was ich noch tun kann. Und dann erfuhr ich, dass an der Volkshochschule (VHS) eine Lehrkraft für die Abseh-Kurse gesucht wurde“, berichtet Gisela Hänel. In Abseh-Kursen lernen schwerhörige Menschen, das Mundbild anderer gezielt zu nutzen, um etwa in Gesprächen besser zu verstehen. (Weil das Verstehen beim Absehen – anders als beim Lesen – nur eingeschränkt möglich ist, nennt man es offiziell nicht Lippen-Lesen, sondern Mund-Absehen; auch wenn die meisten Leute Lippen-Lesen dazu sagen.) Gisela Hänel hat sich beworben und ist seitdem Abseh-Kurs-Lehrerin an der VHS. Wie Absehen geht, hatte sie im Studium gelernt. Und ihre Erfahrungen mit einer schwerhörigen Mutter waren auch eine gute Voraussetzung für die neue Arbeit.

Illustration zu einem Beitrag über Kunst und Schwerhörigkeit auf die-hörgräte.de

„In der ersten Stunde erzählte ich von meiner Ausbildung. Und als ich erwähnte, dass ich auch Kunst studiert habe, fragten die Kursteilnehmer sofort, ob wir gemeinsam ins Museum gehen können. Das fand ich eine gute Idee – denn ich weiß sehr gut, dass es für Menschen mit Hörverlust nicht nur wichtig ist, optimal zu verstehen. Ebenso wichtig ist es, unter Menschen und an Orte zu kommen, an denen man tatsächlich kommuniziert. Schwerhörigkeit macht oft sehr einsam. Und Kunst bietet wunderbare Anlässe, das zu ändern. Wichtig war mir nur eins: Zu den gemeinsamen Museumsbesuchen sollten nicht nur Schwerhörige kommen, sondern auch gut Hörende.“

Kunst und Schwerhörigkeit – gemeinsam ins Museum gehen

Entstanden ist daraus ein Angebot, dass es inzwischen zwölf Jahre gibt, und das sich seitdem großer Nachfrage erfreut: „Erlebnis Museum. Das Gespräch zum Kunstgenuss“. – „Wir gehen ins ‚Museum August Kestner‘, ins Historische Museum, ins Sprengel-Museum, ins Landesmuseum oder in den Kunstverein. Der Kurs findet immer freitags statt, dann hat man in Hannover freien Eintritt. Jedes Mal gibt es ein dreistündiges Kunsterlebnis in einem anderen Museum. Zuerst arbeite ich ein Skript aus, mit dem man sich vor dem Besuch schon einstimmen kann. Wenn man weiß, worum es ungefähr geht, erleichtert das die Verständigung. Wir treffen uns, reden ein bisschen über das, was uns erwartet. Dann ziehen alle in kleinen Gruppen durch die Ausstellungsräume. Sie tauschen sich miteinander aus. Anschließend treffen wir uns erneut und schauen uns die Bilder gemeinsam an. Man kommt immer neu ins Gespräch. Am Ende geht’s gemeinsam ins Museums-Café oder in ein Café in der Nähe.“

Sackpfeifer vom Mariae-Wochenbett-Altar aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, zu sehen im Landesmuseum Hannover

Das Kursangebot zu Kunst und Schwerhörigkeit ist vor allem ein Angebot, um gemeinsam etwas zu erleben und miteinander zu reden – unabhängig davon, ob man schwerhörig ist oder nicht. Ein Plus für die schwerhörigen Teilnehmer ist, dass sämtliche Museen über so genannte FM-Anlagen verfügen – also technische Hilfsmittel, die das Verstehen mit Hörtechnik an öffentlichen Orten erleichtern. Dass es diese Anlagen jetzt überall gibt, hat auch mit Gisela Hänels Kursen zu Kunst und Schwerhörigkeit zu tun. Gemeinsam mit einem Ingenieur hat sie die Anlagen in jedem Museen vorgestellt, das noch keine hatte. Jetzt haben alle FM-Anlagen.

Einander begegnen – mit Kunst und Schwerhörigkeit

Zu jedem Kurs „Erlebnis Museum“ gehören drei Besuche an drei aufeinanderfolgenden Freitagen und in drei verschiedenen Ausstellungen. Die Kurse sind so gut besucht, dass immer mehrere parallel laufen. „Vor Corona kamen manchmal bis zu 25 Teilnehmer. Doch aktuell dürfen nicht mehr als 15 in einem Kurs sein.“

„Die Teilnehmer der Kurse“, so Gisela Hänel, „sind meist Menschen, die schon immer Freude an Kunst und Kultur hatten, die das jedoch im Berufsalltag nicht so vertiefen konnten, wie sie es sich gewünscht hätten. Mein Kurs gibt ihnen nun die Möglichkeit. Die meisten sind nicht hörgeschädigt; aber zwei bis drei sind immer dabei. Diejenigen mit Hörbeeinträchtigung kommen entweder direkt, häufig auch über die Abseh-Kurse, in denen ich das Museumsprojekt ebenfalls vorstelle. Ich möchte gerne noch mehr schwerhörige Teilnehmer gewinnen. Diejenigen, die kommen, sind darüber sehr glücklich. Kunst bietet ihnen die Chance, mit gut Hörenden ins Gespräch zu kommen, dabei auch die Dinge aus dem Abseh-Kurs auszuprobieren.“

Oft treffen sich die Teilnehmer auch außerhalb von Gisela Hänels Kursen: „Sie fahren zum Beispiel ins Museum Barberini nach Potsdam. Oder wir fahren gemeinsam zur Documenta nach Kassel. Da waren wir dieses Jahr wieder. Teilweise entwickeln sich richtige Freundschaften, weil wir uns schon so lange kennen.“

Illustration zu einem Beitrag über Kunst und Schwerhörigkeit auf die-hörgräte.de

PS 1: Die Bilder zum Beitrag über Schwerhörigkeit und Kunst sind im Landesmuseum Hannover entstanden und zeigen „Hörkunst“ bzw. einen kleinen Sackpfeifer vom Mariae-Wochenbett-Altar aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts.

PS 2: Wer in Hannover und Umgebung wohnt, ist herzlich willkommen, am „Erlebnis Museum“ teilzunehmen und eigene Erfahrungen mit Kunst und Schwerhörigkeit zu sammeln. Ob mit oder ohne Höreinschränkung – Gisela Hänel freut sich, wenn du kommst! Weitere Infos hier oder am besten auch direkt bei Gisela Hänel, Telefon: (0511) 475 388 89.


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