Nicht-Hören trifft Manga

Über den Film „Silent Voice“ der japanischen Animatorin und Filmregisseurin Naoko Yamada
Fische, die durch Filmszenen schwimmen

Als Kind liebte ich Anime-Filme aus Japan. Das ist schon lange her. Damals nannte man die noch „japanische Trickfilme“. Lief einer in Fernsehen oder Kino, hab ich den nicht verpasst. Doch irgendwann war diese Leidenschaft vorbei. Ich habe keine Ahnung von Mangas. Die Filme von damals fielen mir erst jetzt wieder ein, weil ich auf den Film „Silent Voice“ stieß. In dem sollte es um einen Jungen und ein gehörloses Mädchen gehen, also um Hören und Nicht-Hören, außerdem um Mobbing. Und der Film „Silent Voice“ wurde sehr gelobt. Also warum ihn nicht hier vorstellen?!

Um es gleich vorwegzusagen: Als ich den Film dann sah (er geht immerhin zwei Stunden), habe ich mich bald gefragt, ob ich nicht einfach abbreche. Sollte mich jemand fragen, ob er den Film „Silent Voice“ sehen muss, bekommt er von mir ein klares: Nein! Eigentlich habe ich keine Lust, Verrisse zu schreiben. Schade um die Zeit! Aber „Silent Voice“ ist nicht nur ein schlechter Film. Er wurde viel beachtet, weil er ein Thema aufgreift, über das es nicht viele Filme gibt, schon gar keine Animes. Gibt es nicht viele Filme, prägen die wenigen Filme die Vorstellung von einem Thema umso mehr. Sind sie schlecht, ist es schlecht. Daher der Beitrag.

„Silent Voice“ oder „Schuld und Sühne“

Was ist so schlecht am Film „Silent Voice“? – Zuerst einmal die Story, die so wirr ist, dass ich sie hier kaum wiedergeben kann (und möchte). Angekündigt wird „Silent Voice“ als Geschichte des Oberschülers Shōya, der in seiner Grundschulzeit der Mitschülerin Shōko wegen ihrer Gehörlosigkeit das Leben schwermachte. Doch nach Shōkos Schulwechsel wird Shōya (also der Junge) selbst zum Ziel von Mobbing und später muss er das alles irgendwie aufarbeiten. Dabei geht es um Freundschaft und Liebe und Hass und Verzweiflung. Darum, dass Shōya sich umbringen will oder auch Shōko sich umbringen will, aber von Shōya gerettet wird, wobei dann Shōya selbst vom Balkon stürzt usw.

Illustration zu einer Rezension über den Anime-Film „Silent Voice“ auf die-hörgräte.de

Das nur als kleiner Auszug dessen, was im Film „Silent Voice“ passiert. Neben Mobbing sollen auch Teenager-Selbstmorde in Japan ein wichtiges Thema sein (so die Kritiken). Vermutlich sind im Film auch noch andere Themen versteckt. Vor allem geht es immer wieder um Schuld. Der gefühlt häufigste Satz des Films lautet: „Es tut mir leid.“ Nicht immer ist klar, warum er fällt.

Vielleicht hat diese ganze krude Geschichte auch etwas damit zu tun, dass dem Film „Silent Voice“ eine gedruckte Manga-Serie zugrunde liegt – also eine Serie aus Teilen mit jeweils eigenen Storys, die nun in zwei Stunden hineinpassen mussten. Doch solche Erklärungen werden den Film nicht retten.

Shōya, Shōko und ganz viele andere

Nächster Schwachpunkt des Films: seine Figuren. Es gibt viele Figuren im Film „Silent Voice“. Neben Shōya und Shōko ringen noch jede Menge andere mit ihrer Schuld. Es lernt ständig jemand Gebärdensprache, um sich etwas weniger schuldig gegenüber Shōko fühlen zu müssen. Shōko selbst fühlt sich auch schuldig. Zum einen, weil Shōya vom Balkon fällt, als sie sich umbringen will. Und zum zweiten vielleicht auch, weil sie taub ist; dieses ständige Taubsein – so lässt der Film vermuten – ist für andere wirklich belastend…

Oder habe ich den Film „Silent Voice“ da nur falsch verstanden? Das will ich nicht ausschließen. Das Problem der Figuren ist nämlich, dass man sie zwangsläufig falsch versteht, wenn man sie wirklich verstehen will. Diese Figuren sind nicht nur zahlreich und ständig von großen Gefühlen getrieben, sie sind vor allem nicht stimmig.

Fische, die durch Filmszenen schwimmen

Zum Glück reicht es für diesen Blog aus, den letztgenannten Punkt anhand des Mädchens Shōko kurz zu betrachten, besser gesagt, anhand der Art und Weise, wie sie mit anderen kommuniziert.

Schriftsprache? Lautsprache? Gebärdensprache?

Zum einen nutzt Shōko ein Konversationsheft, in das sie Sätze schreibt bzw. schreiben lässt, damit die anderen der Klasse sie verstehen. Das ist eine alt bewährte Methode; Beethoven hat es auch so gemacht. Zudem rührt es natürlich, wenn das „arme taube Mädchen“ allen anderen liebe Sätze zeigt, und die anderen dann so gemein sind, weil sie ja doch nichts mitkriegt. – Aber wie stimmig ist das? Würde man ein hochgradig hörgeschädigtes Kind mit einem solchen Heft in eine Klasse hörender Kinder setzen? Welche Chance hätte es, mit diesem Heft dort sozial zu bestehen oder überhaupt zu lernen? Und woher kann Shōko überhaupt so gut schreiben?

Als Hörgeschädigte ist Shōko so eine Art „eierlegende Wollmilchsau“; also von jedem was dabei: Sie kann einerseits gut Japanisch, kann andererseits jedoch nicht mal einen Satz wie „Ich liebe dich.“ richtig bilden. Grammatisch falsch sprechen kann sie den Satz, weil man ihr irgendwann Lautsprache vermittelt hat. Grammatikalisch korrekt formulieren kann sie hingegen dann schriftlich – also im Heft oder später mit Smartphone. Und dann kann sie noch gebärden. (Von Beginn an? Oder soll sie die Sprache erst gemeinsam mit den anderen Kindern lernen, damit sie das Heft nicht mehr brauchen? Es ist nicht ganz klar.) Und Shōko hat Hörgeräte, die ihr Shōya ständig wieder wegnimmt, bis das irgendwann sogar den Lehrern auffällt, die sich ansonst jedoch auffällig zurückhalten. Im Klassenraum setzen sie Shōko nicht einmal in die erste Reihe; dort könnte sie das Lippenbild des Lehrers am besten absehen. (Zugegeben, Anime-Figuren zeigen eher wenig Lippenbild.)

Illustration zu einer Rezension über den Anime-Film „Silent Voice“ auf die-hörgräte.de

Bin ich da zu pingelig? Schließlich ist das nur ein Kinderfilm, in dem ein Mädchen schlecht hört und die anderen hässlich zu ihm sind…?!

Nein! Denn dass diese Figur so „unlogisch hörgeschädigt“ ist, wie sie ist, bleibt ja nicht ohne Folgen. Und zwar sowohl für die Handlung, als auch für das Bild, das beim (jungen) Publikum entsteht. Es ist sehr unglaubwürdig, dass ein gehörloses Mädchen einem hörenden Jungen vermitteln will, dass sie ihn liebt, und ausgerechnet dieser wichtige Satz von ihm (der für sie Gebärden gelernt hat) falsch verstanden wird. Es ist unwahrscheinlich, dass immer wieder die teuren Hörgeräte weggenommen und diese dann stillschweigend ersetzt werden. Es ist ebenso unglaubwürdig, dass Schüler reihenweise beginnen, von sich aus Gebärden zu lernen, um sich besser mit Shōko zu verständigen. Und vor allem: Alles zusammen ergibt keinen Sinn.

Wem oder was nutzt Hörschädigung?

Der Film „Silent Voice“ handelt das komplexe Thema Nicht-Hören eher „sachlich großzügig“ ab. Es scheint nur darum zu gehen, der Figur Shōko alles an „Hörschädigung“ mitzugeben, was gegebenenfalls für die Story genutzt werden kann: Hörgeräte sind in dieser Story vor allem deshalb gut, weil man sie rausreißen und aus dem Fenster schmeißen kann. Und Gebärdensprache ist gut für die Story, weil die jeder lernen kann, der es gut mit dem Mädchen meint. Und Shōkos Schriftsprache ist gut für die Story, weil sie ja nicht nur (ständig!) Vögel oder Fische mit Brot füttern soll. Man muss das Mädchen wenigstens so gut verstehen, dass sie in die Klasse aufgenommen und dann von ihr gemobbt werden kann – für die Story.

So, das reicht jetzt zum Film „Silent Voice“. Und wie gesagt: Ich habe keine Ahnung von Mangas. Aber ich interviewe oft junge Menschen mit Hörschädigung. Von denen ist zwar niemand so seltsam hörgeschädigt wie Shōko. Aber diejenigen von ihnen, die eine Schule mit gut hörenden Kindern besucht haben, berichten fast alle von Mobbing-Erfahrungen. Das hat oft mit Nicht-Wissen und falschen Vorstellungen zu tun. Ein gut gemachter Anime-Film mit einer glaubhaften hörgeschädigten Heldin (bzw. Held) könnte da ein Stück Abhilfe schaffen. Für den Film „Silent Voice“ bleibt mir nur zu sagen: Es tut mir leid.

Fische, die durch Filmszenen schwimmen

PS: Weil das Mädchen Shōko im Film „Silent Voice“ sehr oft Fische füttert, gibt es zu diesem Artikel Fische, die durch Filmszenen schwimmen.


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