Schreien zwecklos

Über den Film „Sound of Metal“ des US-amerikanischen Regisseurs Darius Marder
Illustration zu einem Beitrag über den Film „Sound of Metal“ auf die-hörgräte.de

Ruben ist Schlagzeuger. Gemeinsam mit Lou steht er auf der Bühne. Die beiden sind eine Band, und sie sind ein Paar. Seit vier Jahren ist das so. Sie leben zu zweit in einem Wohnmobil, fahren von Auftritt zu Auftritt und sind froh, dass sie sich gefunden haben. Früher ging es ihnen beiden nicht gut. Und die Musik, die sie in der ersten Szene des Films „Sound of Metal“ spielen, kündet davon. Lou singt nicht, ihr Gesang und die verzerrten Klänge ihrer Gitarre sind ein wütender Aufschrei nach Nähe und Geborgenheit. Und Ruben, der hinter ihr am Schlagzeug sitzt, mit nacktem, verschwitztem Oberkörper, trommelt mit aller Kraft, verleiht dem Aufschrei einen ebenso wütenden, kraftvollen Rhythmus, bis der Song verklingt, bis zur Erschöpfung.

Geschrien wird im Film „Sound of Metal“ noch häufiger. Ruben wird schreien und wütend schlagen – gegen eine Wand, auf einen Donut usw. Doch das wird dann niemand hören, nicht einmal er selbst. Ruben verliert sein Gehör.

Sound of Metal – hören mit ertaubten Ohren

Plötzlich hört Ruben fast nichts mehr. Die Kaffeemaschine, der Mixer, die Dusche, alles, was eben noch da war, ist mit einem Mal weg; ebenso die Sprache und die Musik. Die sind nur noch ein leises, tiefes etwas, dessen Rhythmus gerade noch erkennen lässt, was es wäre, wenn man hören könnte. Im Film „Sound of Metal“ wird das sehr eindringlich erlebbar, weil der Sound immer wieder von der hörenden Welt in Rubens kaum bzw. nichtmehr hörbare Welt wechselt. Man hört dann mit seinen Ohren.

Collage mit dem Bild einer Filmszene aus „Sound of Metal“ und einem Gegenstand aus Metall

Ruben hatte wahrscheinlich einen Hörsturz. Plötzlich nichts mehr zu hören, ist nicht die häufigste Form, das Gehör zu verlieren; meist ist ein Hörverlust schleichend. Aber es kommt vor, dass das Gehör von einem Moment auf den nächsten weg ist, und dass es auch nicht mehr zurückkehrt. Plötzlich ist die Welt still, alles steht in Frage. Die Suche nach dem Ausweg ist das eigentliche Thema im Film „Sound of Metal“.

Ruben sträubt sich mit ganzer Kraft gegen das, was offensichtlich ist: seine Taubheit. Er will sein altes Leben zurück. Er erfährt von der Möglichkeit einer Cochlea-Implantation; also gibt es eine Lösung. Doch die kostet viel Geld. Ruben will hoffen: Sie könnten weiter touren, bis das Geld reicht, es wird schon irgendwie gehen… Blinder Optimismus und nackte Verzweiflung. Lou hingegen ist klar, es kann so nicht bleiben. Sie liebt Ruben, sie muss ihm helfen und sie muss ihn verlassen. („Ich liebe dich!“ – „Du bist mein Herzschlag!“ – „Verdammte Scheiße!“)

Sound of Metal – zwischen hörender und gehörloser Welt

Lou begleitet Ruben in eine Gehörlosen-Community und lässt ihn dort. Er soll hier die Hilfe finden, die er braucht – und die er auf keinen Fall annehmen will. Er will „zurück“. Die Gemeinschaft hingegen ist ein Ort der Stille und der Gebärdensprache. – „Wir suchen nach Lösungen im Gehirn, nicht in den Ohren“, erklärt ihm Joe, der väterliche Chef der Community.

Ruben sperrt sich. Und weil das nichts bringt, arrangiert er sich. Er wird Teil der Gemeinschaft, lernt Gebärden, betreut gemeinsam mit der Lehrerin Diane die Kinder der Gehörlosenschule, schließt Freundschaften, ist akzeptiert und erträgt sogar die Aufgaben zur Selbstreflexion, die Joe ihm aufgibt. Ruben schätzt das neue Leben in der Gemeinschaft, doch er will es nicht – nicht für den Preis seines früheren Lebens.

Illustration zu einem Beitrag über den Film „Sound of Metal“ auf die-hörgräte.de

Deshalb beschafft er sich das Geld für die Operation. Er fährt heimlich zur CI-OP und muss die Gemeinschaft daraufhin verlassen. Joe zieht eine klare Grenze: Gehörlosigkeit ist kein Zustand, der repariert werden muss. Diese Tatsache sei die Basis für die Gemeinschaft. Er wünscht Ruben, dass er mit dem CI glücklich wird. Und er schmeißt ihn raus. Ruben erhält Cochlea-Implantate. Doch ein Happy End wird das nicht.

„Sound of Metal“ – ein Film gegen das CI?

Man könnte den Film „Sound of Metal“ als einen Film gegen Cochlea-Implantate verstehen. Das wäre sehr platt. Die eigentliche Qualität des Films ist, dass er eben nicht eindeutig ist. Und dass er Fragen stellt, die sich nicht leicht beantworten lassen: Was lässt einen glücklich und geborgen sein, und wie wichtig ist dabei das Gehör? Ist Gehörlosigkeit eine Behinderung oder wird man nur behindert – in einer hörenden Welt? Wer sind wir dadurch, dass wir hören oder nicht hören können? Und inwieweit können neueste Technik und Medizin daran etwas ändern?

Nicht mehr hören zu können, ist immer ein Verlust mit weitreichenden Folgen. Das ist anders, als wenn man noch nie hören konnte oder schon immer mit Technik gehört hat. Man kann sich nicht einfach sagen: „Ich akzeptiere diesen Verlust nicht und mache so weiter.“ Es geht nicht so weiter. Man muss sich neu finden.

Collage mit dem Bild einer Filmszene aus „Sound of Metal“ und einem Gegenstand aus Metall

Darum geht es im Film „Sound of Metal“. Und ob am Ende die völlige Stille oder das Hören mit dem CI steht, ist zweitrangig. Auf jeden Fall wird es nicht mehr so sein, wie es war. Die Technik wird den alten Zustand nicht wieder herstellen. Vor allem aber erspart sie nicht die Auseinandersetzung mit sich selbst.

„Sound of Metal“ – ein Faktencheck

Der Film „Sound of Metal“ lässt nicht nur miterleben, was ein Hörverlust im Alltag und für das soziale Leben bedeutet. Er bietet vor allem einen guten Zugang zu den psychischen Herausforderungen dieses Verlustes. Er zeigt das Leben tauber Menschen und das Verhältnis von hörender und gehörloser Welt inklusive der Ambivalenzen. Das wird dicht erzählt. Interessante Aspekte – etwa das Verhältnis von Hörverlust und Suchterkrankungen – werden wie beiläufig miterzählt.

Und die Darstellung ist glaubhaft. Der Hörverlust, der Besuch beim Audiologen, die OP, die Aktivierung des CI-Prozessors, die größten Herausforderungen des neuen technischen Hörens… – alles passt. Und kleine Unstimmigkeiten erscheinen hinnehmbar: Eine CI-OP gilt heute als Routine-Eingriff; doch dass Ruben ohne kurzen Klinikaufenthalt in die Community zurückkehrt, wird kaum möglich sein. Etwas unstimmig ist auch, dass er sich das Geld für die Versorgung mit Mühe selbst beschaffen muss, dass er sich dann jedoch gleich auf beiden Seiten ein CI implantieren lässt. – Aber wie gesagt: Innerhalb der Story scheint mir das hinnehmbar.

Zu Rubens Hören mit dem CI muss ich jedoch etwas anmerken: Es ist toll, wie der Film „Sound of Metal“ Rubens Hörverlust hörbar macht, indem er zwischen seiner stillen und der hörenden Welt wechselt. Und es ist verständlich, dass der Film diesem Prinzip treu bleibt, als Ruben mit Cochlea-Implantaten hört. Zugleich führt die Simulation des CI-Hörens schnell zu falschen Schlüssen, und der Film lässt diese (leider) auch zu.

Sound of Metal – auch mit CI kein Happy-End?

Bei der Aktivierung des Prozessors hört Ruben verzerrte Sprache. Er ist sichtlich enttäuscht. Die Audiologin ändert die Einstellung. Ruben sieht immer noch unglücklich aus. Daraufhin sie: Es sei eben nicht das natürliche Hören, er müsse sich erstmal gewöhnen.

Das ist einerseits richtig, andererseits auch nicht. Was und wie jemand mit dem CI hört, ist extrem individuell. (Deshalb ist es schwer bzw. problematisch, es nacherlebbar zu machen.) Und das Hören mit dem CI ist immer ein Lernprozess über Monate und Jahre. Es geht nicht einfach um „gewöhnen“, so wie man sich an ein paar Schuhe gewöhnt, die anfangs etwas unbequem sind. Vielmehr geht es darum, dass das Gehirn lernt, Stromimpulse mit erinnerten Höreindrücken zu verknüpfen. Das gelingt ihm (erstaunlicher Weise) meist mehr als weniger gut. Und es ist klar, dass eine Partysituation oder Musik (die der Zuschauer dann auch mit dem vermeintlichen CI-Hören hört) extreme Situationen sind, die CI-Träger Grenzen spüren lassen (nicht immer!). Doch vieles wird mit der Gewöhnung tatsächlich wieder so klingen, wie es früher klang. Vor allem wird man sehr wahrscheinlich wieder Lautsprache verstehen. Wenn die Akustikpasst, versteht sie Ruben auch. Mit Lous Vater kann er sich bereits problemlos unterhalten, selbst wenn der sich von ihm abwendet.

Illustration zu einem Beitrag über den Film „Sound of Metal“ auf die-hörgräte.de

Vor einiger Zeit führte ich ein Interview mit einem US-amerikanischen Rockmusiker, der nach 20 Jahren auf der Bühne durch falsche Medikamente völlig ertaubte, der sich später mit Cochlea-Implantaten versorgen ließ und heute wieder Konzerte gibt. Das schreibt sich jetzt so schnell, ist jedoch (auch) eine lange Geschichte. Nimmt man allein Rubens Gehör und dessen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung, dann gäbe es die Chance auf eine ebensolche (lange) Fortsetzung inklusive Happy End: Ruben könnte sein früheres Leben mit Lou, das Reisen und die Konzerte, irgendwann weiterführen. Der springende Punkt ist jedoch: Es wäre trotzdem ein anderes Leben. Denn Ruben ist nicht mehr der, der er einmal war – mit und ohne Cochlea-Implantat.

Collage mit dem Bild einer Filmszene aus „Sound of Metal“ und einem Gegenstand aus Metall

PS 1: Die Bilder zum Artikel „Sound of Metal“ zeigen Filmszenen, gefiltert und gemixt mit Metall – einem alten Silo, einer Metallplatte, einem Gitter, einem Pfahl…

PS 2: Ich habe mir überlegt, auf diesem Blog hin und wieder auch Filme vorzustellen, in denen es ums Hören (bzw. Nicht-Hören) mit und ohne Technik geht. „Sound of Metal“ ist also der Anfang einer losen Folge.

PS 3: Der Film „Sound of Metal“ zählt nicht zu meinen Lieblingsfilmen, dafür ist er mir zu sehr auf ein großes Kinopublikum zugeschnitten, zu sehr „Hollywood“ sozusagen. Doch auch das ist individuell. Der Film ist gut gemacht und klärt auf. Und wenn er dann noch viele Leute erreicht, ist das sehr okay. Ich kann den Film allen empfehlen, die sich für die Themen dieses Blogs interessieren.


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