„Tanzend in die Welt des Fühlens eintauchen”

Über den Zugang zu Musik und Tanzen ohne Gehör
Die Tänzerin von Georg Kolbe

Musik erleben und Tanzen ohne Gehör? – Wie man Musik mit einem Hörverlust hören bzw. nicht hören kann, darüber haben wir hier schon mehrfach gebloggt – zum Beispiel im Zusammenhang mit Beethoven. Aber Tanzen kam kaum einmal vor. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als sich Katja Fiebig neulich bei mir meldete. Sie tanzt nämlich Tango, und sie gab mir dazu ein Interview.

Katja Fiebig ist von Geburt an Taubheit grenzend hörbehindert. Das heißt, sie konnte als Kind noch tiefe Töne hören, insgesamt nur 8 Prozent von dem, was jemand ohne Hörverlust hört. Sie kam in den 70ern zur Welt. Damals gab es noch kein Neugeborenen-Hörscreening, bei dem das Gehör von Babys gleich nach der Geburt getestet wird. Katja Fiebig war schon vier, als man ihren Hörverlust diagnostizierte. „Bis dahin habe ich alle Leute wohl mit großen Augen angeschaut. Die Kinderärztin versicherte meinen Eltern immer wieder, ich sei Spätentwickler. Sie meinte: ‚Das Reden kommt schon noch!‘”

Die Tänzerin von Georg Kolbe

Schließlich stellte eine HNO-Ärztin die Diagnose, und von da an lebte Katja Fiebig mit Hörtechnik: „Ich begann, meine Welt mit einem Hörgerät auf dem rechten Ohr zu erkunden, was mir nicht leichtfiel. Das Gewicht war lästig und mein Ohr musste nun ungewohnte laute Geräusche ertragen. Ich habe das Gerät sehr oft vom Ohr gezogen und dann unter den strengen Blicken der Eltern wieder aufsetzen müssen.“

Später bekam Katja Fiebig auch auf dem anderen Ohr ein Hörgerät. Aber ihr Gehör ließ im Laufe der Zeit weiter nach. Heute ist sie vollständig taub. Sie trägt seit einigen Jahren zwei Cochlea-Implantate und sie kommuniziert mit Gebärdensprache und über Lautsprache – mit Mundabsehen.

Musik „wie eine Programmiersprache erforschen“

Dass man mit stark eingeschränktem Gehör auch Gefallen an Musik findet, ist nicht selbstverständlich. – „Zu Musik und Tanz bin ich erst als Teenager gekommen“, so Katja Fiebig. „Nach der Grundschulzeit in einer Berliner Sonderschule für hörbehinderte Kinder wechselte ich an eine Regel-Schule. Dort gab es als Wahlpflichtfach Kunst oder Musik und ich entschied mich kurioserweise für Musik.“

Die Tänzerin von Georg Kolbe

Grund für diese Entscheidung war, dass sie etwas „erkundschaften“ wollte, was sie bis dahin kaum kannte. Sie sagt, sie wollte damals Musik erforschen wie eine Programmiersprache.

„In meiner Familie beobachtete ich als Kind die Erwachsenen, die immer so ‚glückselig‘ schienen, wenn sie Schallplatten oder musizierende Bands hörten. Da wollte ich mehr dazu wissen. Als 9-jährige bekam ich auf mein Drängen hin zu Weihnachten eine Plastik-Orgel. Und ich hatte mit Notenlesen begonnen. Später kam Klavierunterricht hinzu. Das wollte ich lernen, schon weil ich für das Wahlpflichtfach Musik mindestens ein Instrument spielen musste.“

Eine eigene Form der Musikwahrnehmung

Katja Fiebig hat so einen Zugang zu ihrer eigenen Form der Musikwahrnehmung gefunden. Sie nimmt Musik bis heute anders wahr als die meisten Menschen. Das funktioniert bei ihr – so wie bei vielen Gehörlosen – viel mehr als bei Menschen, die gut hören, über den Sehsinn und über den Tastsinn.

Tänzerin von Georg Kolbe

Was sie mit ihrer Hör-Technik von Musik wahrnimmt, beschreibt sie als „Geräuschkulissen‐Brei“. – „Allenfalls der Rhythmus, der Beat, lässt mich die Musikeigenschaft erahnen. Wenn ich es ganz genau wissen will, schaue ich mir die Musikstücke in Noten an, denn das hilft mir wie das Lesen in einem Buch – und damit bin ich wieder beim visuellen Erfassen.“

Über das Tanzen ohne Gehör

Zum Tanzen kam Katja Fiebig mit 14. Damals begann sie mit Ballett. – „Beim Unterricht nahm ich einen Luftballon in die Hände, um so die Musik bzw. den Rhythmus wahrzunehmen. Zumindest nahm ich den Ballon immer zu Beginn eines mir unbekannten Musikstückes.“ – Danach hatte sie den Takt des Stückes verinnerlicht und sie brauchte den Ballon nur noch gelegentlich.

Tänzerin von Georg Kolbe

Als sie 18 war, hörte sie auf mit Ballett. Für die Vorbereitung auf die Abiturprüfung musste sie erst einmal Basketball spielen. Und nach dem Abi ging es um die Ausbildung, und das Tanzen lag weiter auf Eis. Aber acht Jahre später hat sie es wieder für sich entdeckt – vor allem den Tango Argentino.

„Ich war bei einer Tango-Argentino-Aufführung im Metropol-Theater und dachte, das wäre doch etwas, was ich lernen könnte. Heute bin ich auf verschiedenen Milongas in Berlin unterwegs. Mein Tangotraining ist in Kreuzberg und in Spandau.“

Tänzerin von Georg Kolbe

Nur im Moment kann wegen Corona kein Tango-Tanzen stattfinden. – „Da ist das social d(ist)ancing maßgeblich. Die Tangoszene leidet sehr darunter. Es gibt Angebote für Online-Unterricht und auch ‚Online Milongas‘ per Live-Stream-Schaltung. Das ersetzt jedoch nicht die Atmosphäre bei Live-Musik oder Live-Begegnungen.“

Musik mit allen Sinnen erleben

Auf die Frage, was ihr Tanzen bedeutet, fällt Katja Fiebig vieles ein: „Schwingungen mitnehmen, Emotionen fühlen, Geschichten tanzend erzählen, Spazierengehen und dabei einen Rhythmus spüren, tanzend in eine Welt des Fühlens eintauchen, beim Tanzen Fragen stellen und durch den bzw. die Tanzführende*n bzw. Tanzfolgende*n Antworten bekommen.“

Und was bedeutet ihr das Musikhören mit der Technik? – „So kann ich einen Zugang zu dem bekommen, was alle Menschen lieben und was sie bewegt: Musik. Ich kann daran teilhaben. Dass Musik uns nicht allein nur über das Ohr, sondern mit allen Sinnen, die wir haben, erreichen kann, das möchte ich gern hervorheben: Musik wahrnehmen ist nicht nur hören, sondern auch: fühlen, spüren, erleben. Technik ist ein Teilbereich für mich: es ist gut zu wissen, was kann ich nutzen. Wie funktioniert die Technik zum Hören. Dennoch: Wenn ich eine Live‐Band ‚sehen‘ kann, sehe ich auch die ‚Seelen‘ der Instrumente und damit auch den ‚Geist des Tangos‘. Durch die Musiker kann ich die Musik visuell erfassen, und kann dann tanzen. Das ist mir nach wie vor wichtig!“

Tänzerin von Georg Kolbe

PS 1: Auch für Tanzen und Musikerleben gibt es immer neue Technik, zum Beispiel den SoundBuddy. Das sind wasserdichte Bluetooth Lautsprecher, die eine Massagefunktion haben. Die Vibrationen unterstützen die taktile Wahrnehmung von Musik. – „Das habe ich gerade getestet. Es kann mir helfen, dem auditiven Eindruck von der Musik, der bei mir nur ein ‚Klangbrei‘ ist, mehr Details zuzuordnen.“

(PS zum PS: Dieser Blog ist werbefrei und das ist lediglich ein Tipp von Katja Fiebig für Musikhören und Tanzen ohne Gehör.)

PS 2: Die Fotos zum Beitrag über Musik und Tanzen ohne Gehör zeigen die Tänzerin des Bildhauers Georg Kolbe. Sie steht im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie, und seit ich während meines Studiums mal einen Vortrag über sie halten musste, freue ich mich immer, wenn ich sie mal wiedersehe.


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