Online-Service vom Hörakustiker

Corona-Virus und Hörgeräte-Einstellungen über das Internet
Hinweisschild Abstand einhalten

Im letzten Beitrag ging’s um die Frage, warum Hörakustiker in der Corona-Krise „systemrelevant“ sind bzw. warum gutes Hören gerade unter den Gegebenheiten der Pandemie wichtig ist. Das hier ist ein Blog über das Hören mit und ohne Technik. Wir sind gerade immer noch in der Corona-Zeit. Wir erklären dir, was Online-Service vom Hörakustiker ist und warum dieser Service gerade jetzt von vielen entdeckt bzw. ausprobiert wird, obwohl es diese Technik eigentlich schon länger gibt.

Kreativität und Not

Erst einmal: Not macht erfinderisch. Wenn es nicht so weiter geht, wie bisher, dann suchen die Leute nach Lösungen und werden kreativ. Nach dem Krieg, als es nichts gab, haben sie aus allem irgendwas gemacht, um essen, sich kleiden, wohnen, überleben zu können. In der DDR, in der ich aufgewachsen bin, ging es zwar nicht ums Überleben; Hungersnot o. ä. Aber es gab Mangel, und auch das machte kreativ. Man machte z. B. aus Stoffwindeln schicke Tücher, aus alten Jeanshosen Taschen, aus Rollschuhen Skateboards usw. Es gab auch Waschmaschinen, die sich zum Aufwärmen von Würstchen eigneten oder zum Betreiben von Heißluftballons, mit denen man wegfliegen konnte…

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Krisen, Naturkatastrophen usw. waren schon immer Zeiten, in denen die Leute offen für Neues waren. Vor 200 Jahren (1816) fiel zum Beispiel der Sommer aus. In Indonesien hatte es einen großen Vulkanausbruch gegeben. Die Temperaturen sanken, der Himmel blieb ein Jahr lang grau, auch in Europa fielen die Ernten aus und es gab nichts zu Essen. Also schlachteten die Leute ihre Pferde und Karl von Drais kam auf die Idee, ein Verkehrsmittel zu bauen, das Menschen mit ihrer Körperkraft antreiben. Eigentlich hatte er das schon vier Jahre vorher gebaut, denn da gab es auch schon eine Missernte. Aber nun war die Not so groß, dass alle verstanden, warum so ein Fahrrad eine gute Sache ist. Auch als es den Leuten wieder besser ging, fuhren sie weiter Rad.

Corona und Technik

Jetzt – in der Corona-Zeit – kann man wieder miterleben, wie Leute Technik neu entdecken. Plötzlich unterhalten sich alle per Video-Chat aus dem Homeoffice. Anbieter von Kommunikationslösungen verzeichnen eine enorme Nachfrage. Vieles war schon vorher da, aber es wird nun neu gesehen. Manch einer fragt sich, warum er Video-Chats nicht schon früher ausprobiert hat, anstatt ständig auf Flughäfen rumzusitzen und auf den Flieger zum nächsten Meeting zu warten…

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Im Gesundheitsbereich gibt es dieses Umdenken auch. Eine Studie zeigt zum Beispiel, dass erstmals mehr als die Hälfte der Bundesbürger Arztbesuche über das Internet gut finden. Ein Jahr vorher waren es noch viel weniger. Obwohl es – abgesehen von Corona – ja auch Vorteile hat: Man sitzt nicht stundenlang im Wartezimmer, man kann sich nicht anstecken… Heißt ja noch lange nicht, dass man Ärzt*innen zukünftig nur noch virtuell begegnen will.

Über Online-Service vom Hörakustiker

Mit dem Online-Service vom Hörakustiker verhält es sich ähnlich wie mit Telemedizin: Auch hier gibt’s schon länger Lösungen. Auch die haben klare Vorteile. Auch hier nimmt die Akzeptanz (durch Corona) gerade deutlich zu. (Was jedoch sicherlich nicht bedeutet, dass man Hörakustiker*innen nur noch online besuchen will.)

An allen Ecken und Enden dieses Blogs kannst du nachlesen, wie wichtig es ist, dass man die Hörtechnik so bekommt, dass sie genau zu einem passt. Bei Hörgeräten ist das die Aufgabe von Hörakustikern. Sie sorgen dafür, dass die Technik perfekt am bzw. im Ohr sitzt und nicht drückt. Und sie müssen die Geräte über Software programmieren – weil jeder anders (nicht) hört, jeder in anderen Situationen hören will und ein Gehör nicht einfach gut oder schlecht ist, sondern sich ständig verändert. Genau diese Programmierung, die sich oft über Wochen und Monate erstreckt und später immer mal geprüft werden muss, die geht auch als Online-Service vom Hörakustiker.

Wie läuft Online-Service vom Hörakustiker ab?

Die Technik für so einen Service bieten einige Hörgeräte-Hersteller schon seit Jahren. Im Prinzip läuft alles über eine App und über eine Cloud, über die Daten hin und her geschickt werden. Man bekommt seine Hörgeräte vom Hörakustiker. Und wenn es mit den Hörgeräten technisch möglich ist und der Hörakustiker so einen Service macht, dann fragt er seinen Kunden, ob er das nutzen will. Will er, stellt der Hörakustiker es in der Software ein, und schon kann es losgehen.

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Meine Hörgeräte sind mit dem Mobilgerät gekoppelt. (Das sind sie sowieso, damit man sie z. B. über das Handy steuern, Musik hören oder telefonieren kann.) Wenn ich nun feststelle, dass ich irgendwo nicht gut höre, dann öffne ich die App und teile das meinem Hörakustiker mit. (Zum Mitteilen gibt es ein kleines Fragenprotokoll zum Ankreuzen oder ich kann Text schreiben.) Oder ich verabrede mich mit dem Hörakustiker zum Video-Call. Auch das läuft über die App. Beim Termin sehe ich den Hörakustiker in der App, er sieht mich, wir können uns unterhalten, ich erkläre ihm, was ich nicht so gut höre und er sitzt am Computer und kann das in der Software verbessern. Das ist im Prinzip schon alles.

Vorteil beim Online-Service vom Hörakustiker

Ein Vorteil ist, dass man für den Online-Service vom Hörakustiker nicht extra ins Hörakustik-Geschäft kommen muss, dadurch Zeit und Wege spart (und sich einmal weniger mit dem Corona-Virus anstecken kann; wobei Hörakustiker natürlich auch aufpassen, dass das nicht passiert). Wenn man Internet hat, kann man den Service an jedem Ort der Welt bekommen, also auch zu Hause.

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Der größte Vorteil ist aber ein ganz anderer – einer, der während der Corona-Krise eher keine große Rolle spielt: Man kann in der Situation, in der man schlecht hört, die Programmierung für sein Hören verbessern lassen. Das ist keine Kleinigkeit. Alternative ist nämlich, dass man Tage oder Wochen nach der Situation zum Akustiker kommt, und ihm dann beschreiben muss, wie die Hör-Situation war. Dann korrigiert er die Einstellung. Und erst, wenn man mal wieder in die Situation kommt, merkt man, ob es wirklich besser ist.

Ich habe Hörakustiker interviewt, die den Online-Service schon lange anbieten. Sie sagen alle, dieses Einstellen in der Situation selbst ist eine tolle Sache. Schon deshalb, weil es vielen Menschen schwerfällt, im Nachhinein zu beschreiben, wie sie in einem bestimmten Moment nicht gut gehört haben. Das Problem in der Corona-Krise ist allerdings: In viele Situationen, in denen Hören mit Technik oft schwieriger ist, kommen die Leute gerade gar nicht. Keine Restaurants, Familienfeiern, Vorträge, Gesprächsrunden, Theater-, Kino-, Konzertbesuche… Immerhin gibt es Fernsehen und Telefon. Da ist es auch oft schwieriger.

Bedenken und Vorbehalte

Bedenken und Vorbehalte gibt es bei neuer Technik oft. Man fragt sich, wohin das alles noch führt, wenn sich die Technik erstmal durchgesetzt hat, und lässt lieber die Finger davon… Manche Hörakustiker halten das mit dem Online-Service auch so: „Was, wenn die Hersteller auf die Idee kommen, irgendwo ein paar Techniker hinzusetzen, die diesen Service gleich mit übernehmen? Wozu braucht man dann noch Hörakustiker? Also, wer als Hörakustiker Online-Service anbietet, der sägt sozusagen am Ast, auf dem er sitzt…“

Illustration zum Artikel über Teleaudiologie

Wenn man Hörakustiker, die den Service machen, nach solchen Bedenken fragt, dann halten sie dagegen: „Man kann die technische Entwicklung sowieso nicht zurückdrehen, schon gar nicht, wenn die Kunden solche Möglichkeiten nutzen wollen. Außerdem stimmt es nicht, dass es weniger auf den guten Hörakustiker ankommt und Vertrauen nicht mehr zählt, nur weil mein Hörakustiker in einer App sitzt und nicht vor mir. Auch bei einem Arzt wäre es so.“

Wie beim Arzt geht auch beim Akustiker nicht alles übers Internet. Schließlich braucht man immer noch das Ohr, das zur Technik passen soll. Das Ohr lässt sich nicht über eine Cloud hin und her schicken. Und dass Menschen oft mehr brauchen als virtuelle Kontakte, lässt sich jetzt in der Corona-Zeit auch gut feststellen. Wir sind eben recht kompliziert gestrickt… Damit Mensch und Technik perfekt zusammenpassen, zählt Psychologie. Es geht um das Training von Fingerfertigkeiten usw. Und wenn es nicht perfekt passt, dann läuft es nicht nur ein bisschen nicht, sondern gar nicht.

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PS: Die Fotos zum Beitrag über den Online-Service vom Hörakustiker habe ich während der Corona-Krise aufgenommen. Auf diesen Schildern geht es darum, dass man sich anderen nur bis auf anderthalb Meter nähern soll.


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