Gesellschaftsspiel mit Hörgeräte-Mikrofonen

Wie neueste Hörgeräte mit besonders schwierigen Hör-Situationen umgehen
Illustration zu einem Beitrag über Hörgeräte-Mikrofone auf die-hörgräte.de

Wie räumliches Hören funktioniert und wie Hörgeräte es nachbilden, wenn das räumliche Hören nicht mehr auf natürlichem Wege funktioniert, all das hatte ich in den vorangegangenen Beiträgen beschrieben. In einem Raum voller Stimmen und Geräusche immer auf das hören zu können, was tatsächlich interessiert, ist ein sehr komplexes Ding. Wer schlecht hört, kann das nicht mehr. Moderne Hörgeräte nutzen zwei Hörgeräte-Mikrofone, um dieses zielgerichtete Hören (bzw. dieses Herausfiltern) wieder möglich zu machen; zudem tauschen sich linkes und rechtes Hörgerät miteinander aus. Wie genau all das vor sich geht, das löst jeder Hörgeräte-Hersteller etwas anders. Ich erläutere es hier an einem Beispiel.

Geselliges Beisammensein und dünnes Eis

Stell dir eine Situation vor, die sich allgemein als „geselliges Beisammensein“ bezeichnen lässt. Du bist auf einem Familienfest oder auf der Weihnachtsfeier deiner Firma… – Glückwunsch, wenn diese Vorstellung in dir uneingeschränkt positive Empfindungen weckt! Falls es jedoch nicht so sein sollte, können dir die Beispiele umso besser zeigen, was so ein „geselliges Beisammensein“ an sozialen Herausforderungen bietet: Du bist an einem Ort mit vielen Menschen und stehst mit jedem hier in irgendeiner Beziehung. Jeder der anderen steht zu jedem der anderen auch in irgendeiner Beziehung. Und in jedem Wort, das hier fällt, schwingt was von den Beziehungen mit…

Ausschnitt aus einem Gemälde von einem Schüler von Filippino Lippi (1457 – 1504)

Werbefotos für Hörgeräte zeigen oft gesellige Runden: Alle an einem großen Tisch und in bester Stimmung, weil man sich so prima versteht. Werbung eben. Im wirklichen Leben geht man dort, wo es gesellig wird, mitunter auf dünnem Eis. Denn der da drüben kann den da nicht leiden. Die da nimmt dies und jenes immer gleich krumm. Und wenn die Sprache auf jenes Thema kommen sollte… – Oft geht’s um mehr als nette Freundlichkeiten. Und das wird von den Hörgeräte-Mikrofonen eingefangen oder ausgeblendet. Da ist es schon besser, wenn man nicht nur der Technik überlässt, was man jetzt hört oder nicht hört.

Und nun die Hörgeräte-Mikrofone…

Was also machen Hörgeräte-Mikrofone, wenn du zwischen den anderen sitzt, jeder mit jedem redet oder vielsagend schweigt, während irgendwo Musik spielt, Gläser klirren, Besteck klappert…? – Der exemplarisch gewählte Hörgeräte-Hersteller (den ich hier nicht nenne, weil der Blog werbefrei ist) löst es so:

Erst einmal geht die Technik davon aus, dass du dich demjenigen zuwendest, den du verstehen willst. Obendrein sind die Hörgeräte in der Lage, Sprache zu erkennen. Gesprochene Worte sind in bestimmter Höhe (bzw. auf bestimmten Frequenzen); je nach Stimmlage liegen sie etwas verschieden, aber grundsätzlich immer im gleichen Bereich. Und gesprochene Sprache hat Eigenschaften, die sie von jedem anderen Schall unterscheidet. Das ermöglicht es der Technik, alles, was Sprache ist, zu erkennen.

Illustration zu einem Beitrag über Hörgeräte-Mikrofone auf die-hörgräte.de

Naheliegend wäre nun, dass sich die Hörgeräte-Mikrofone an linkem und rechtem Ohr genau auf deinen Gesprächspartner ausrichten und dir vor allem das hörbar machen, was direkt vor dir gesagt wird. Dann wären die Hörgeräte im direktionalen Modus, also auf ein Ziel ausgerichtet: Die Sprache vor dir wird klar und deutlich, alles andere tritt zurück.

Wäre das die beste Lösung? Wenn du allein mit diesem Gesprächspartner vis-a-vis in einem voll besetzten Raum sitzen würdest, vielleicht. Dann blieben deine Hörgeräte-Mikrofone nun den ganzen Abend auf ihn oder sie ausgerichtet. Ihr könntet euch gut unterhalten. Aber uns ging es nicht um einen Abend zu zweit, sondern um viele Menschen in lauten Räumen…

Zuhören können oder zuhören müssen?

Beim exemplarisch gewählten Hersteller machen die Hörgeräte-Mikrofone in dieser Situation Folgendes: Am einen Gerät wechseln sie automatisch in den direktionalen Modus, so dass du denjenigen, dem du dich zuwendest, gut verstehst. Am anderen Gerät hingegen gehen die Hörgeräte-Mikrofone in einen Modus, der den ganzen Raum erfasst. (Man nennt das omnidirektionalen Modus.) Mit diesem Gerät hörst du also noch andere Stimmen, Besteck und Gläser, Musik

Das heißt, du bekommst auch die ganzen störenden Geräusche ab? Ja. Natürlich nicht besonders laut. Aber so, dass du sie hören kannst. Denn wenn du ohne Technik gut hören könntest, würdest du das auch hören. Und dein Gehirn würde entscheiden, ob in all dem Schall etwas Wichtiges ist oder nicht. Genau das kann das Gehirn immer noch; auch wenn du nicht mehr gut hörst.

Ausschnitt aus einem Gemälde von David Teniers (1610 – 1690)

Die Hörgeräte-Mikrofone in dieser Art einzusetzen, ermöglicht dir das Zuhören; zugleich kannst du jederzeit umschalten. Du bekommst immer noch mit, was sonst um dich herum passiert. Du könntest dich einem anderen Gesprächspartner zuwenden. Du könntest aufstehen und dich im Raum bewegen, weil du dort hinten irgendwas gehört hast. All das kannst du, weil sich dein Gehirn zwischen den verschiedenen Angeboten der Hörgeräte-Mikrofone entscheiden kann. Das Gehirn kann das leisten, was es mit intakten Ohren auch leisten musste, und was es sonst vielleicht sogar verlernen würde. Und deine Hörgeräte-Mikrofone spielen mit, indem sie sich immer wieder neu ausrichten.

Hörgeräte-Mikrofone am „Siedepunkt“

Über das, was die Hörgeräte-Mikrofone in den beschriebenen Situationen tun, ließe sich viel ausführlicher und viel komplizierter schreiben. Doch das würde nicht in diesen Blog passen. Nur eines noch:

Du bist noch einmal zurück auf der Firmenweihnachtsfeier. Die hat inzwischen den Siedepunkt erreicht. Kolleginnen und Kollegen scheinen jetzt sehr heiter. Die Musik wird voll aufgedreht. Der Chef bläst zur Polonaise und du bist heilfroh, sitzen bleiben und in ein Gespräch abtauchen zu können. Nur ist es jetzt extrem laut. Auch deine Hörtechnik hat das gemerkt und die Hörgeräte-Mikrofone eingestellt. Es ist trotzdem zu laut.

Besser vor die Tür flüchten? Das ist die Weihnachtsfeier, draußen ist es kalt. Aber du kannst jetzt dein Handy vornehmen und über die App des Herstellers die Hörgeräte-Mikrofone voll auf deinen Gesprächspartner ausrichten. Ungefähr so, als wären diese Mikrofone Taschenlampen; und die Spots der Lampen würden sich im Gesicht deines Gesprächspartners überlagern. Mit derart ausgerichteten Mikrofon-Spots könntest du deinen Gegenüber nun immer noch verstehen. Und es ist nicht auszuschließen, dass dich der andere jetzt um diese Fähigkeit beneidet, obwohl der keinen Hörverlust hat…

Illustration zu einem Beitrag über Hörgeräte-Mikrofone auf die-hörgräte.de

PS: Die Bilder zum Beitrag über das Gesellschaftsspiel mit Hörgeräte-Mikrofonen zeigen geselliges Beisammensein – Ausschnitte aus Gemälden von David Vinckboons (1576 – ca. 1631/33), David Teniers (1610 – 1690), einem Schüler von Filippino Lippi (1457 – 1504) und Jan Miense Molenaer (um 1610 – 1668).


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