Alles Sprachbanane?

Wie man Worte immer schlechter verstehen kann
Bananenstaude

Viele Leute meinen, wenn man noch etwas hört, dann versteht man auch noch. Aber so ist es nicht. Hören und Verstehen sind nämlich nicht dasselbe. Erklären lässt sich das gut mit Hilfe einer Banane – nämlich mit der Sprachbanane. Genau um die geht es hier.

(Anmerkung vorab: In einem vorhergehenden Beitrag hatte ich schon über Fleischbananen gebloggt. Daher der Hinweis, dass es sich zwar sowohl bei Sprachbananen als auch bei Fleischbananen um Bananen handelt, die etwas mit dem Hören zu tun haben und eigentlich kein Obst sind. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen diesen beiden Bananenarten gibt es jedoch nicht. D. h. du musst den Beitrag über die Fleischbanane nicht zwingend gelesen haben, um diesen Beitrag über die Sprachbanane zu verstehen.)

Bananenplantage

Jeder hört anders – gut oder weniger gut

Ich hatte schon beschrieben, wie sich Schall in Wellen ausbreitet, und dass diese Wellen dann eine bestimmte Lautstärke (bzw. einen Schalldruckpegel) und eine bestimmte Höhe (bzw. Frequenz) haben. Und ich hatte die Verhöhrer erklärt. Das heißt, ich hatte erklärt, wie es kommt, dass jemand Worte versteht, die gar nicht gesagt wurden – also etwa „Keule“ statt „Eule“ oder „Beule“. Die Sprachbanane verbindet all diese Themen. (Klingt jetzt komplizierter, als es ist.)

Bananenblätter

Also: Im Prinzip hört jeder Mensch auf seine Art. Das heißt, es gibt nicht ein gutes Gehör und ein schlechtes Gehör, von denen man dann das eine oder das andere hat. Vielmehr gibt es auf dieser Welt Milliarden menschlicher Ohren, die alle unterschiedlich hören – gut oder weniger gut. Auch wenn man nicht perfekt hört, ist es oft gar kein Problem. Ein Problem wird es insbesondere dann, wenn man gesprochene Worte nicht mehr versteht.

Ein Diagramm für Lautstärke und Höhe – und eine Banane

Ob der Wind in den Blättern rauscht, sich das Telefon meldet oder draußen eine Feuerwehr vorbeifährt – wenn wir hören, dann hören wir jedes Geräusch mit einer bestimmten Lautstärke und mit einer bestimmten Höhe. Das lässt sich sehr schön in einem Diagramm darstellen:

Diagramm mit Sprachbanane

Die senkrechte Achse ist die Lautstärke (in Dezibel oder dB). Die waagerechte Achse ist die Höhe (in Hertz oder Hz). Und schon kann man jedes Geräusch irgendwo in das Diagramm packen. Das Brummen eines Kühlschranks oder raschelnde Blätter sind leise; wobei der Kühlschrank eher tief klingt, Blätterrascheln eher hoch. Ein Presslufthammer oder ein Flugzeug sind laut; wobei der Presslufthammer deutlich tiefer tönt als eine Flugzeugturbine usw. – Aber wie du siehst, haben wir in unserem Lautstärke-Höhe-Diagramm weder einen Kühlschrank noch ein Flugzeug – sondern nur eine Banane (und eine Hörgräte, aber die interessiert jetzt gerade nicht).

Bananen sind eigentlich stumm und machen auch sonst keine Geräusche. Doch das interessiert jetzt gerade auch nicht. – Die Banane markiert nämlich nur genau den Bereich, in dem Menschen sprechen. Ob du A oder E oder U sagst, oder auch S oder F oder P – jeder dieser Laute steckt irgendwo in der Banane. Und sie stecken da nicht nur irgendwie alle drin. Ob Selbstlaut bzw. Vokal oder Mitlaut bzw. Konsonant – jeder einzelne Laut hat seinen festen Platz in der Sprachbanane. Die tiefen Sprachlaute wie A, E, O, U, I liegen eher im Zentrum der Banane, also mehr oder weniger in der Krümmung. Und alles, was beim Sprechen hoch klingt, liegt eher am oberen Rand bzw. mehr in Richtung der Bananen-Spitze. Dort sind die ganzen Konsonanten wie F, S, K, W, Z.

Blüte eines Bananenbaums

Wenn ein Stück der Banane flöten geht

Vermutlich bringt es dir noch nicht so viel, wenn du weißt, dass jeder Mucks, den du von dir gibst, einen Platz in einer Banane hat… Aber jetzt der entscheidende Punkt: Lässt ein Gehör im Laufe eines Lebens langsam nach, dann gehen dabei in der Regel immer mehr hohe Töne verloren. Die Hörschnecke im Innenohr kann sie einfach nicht mehr verarbeiten. Die hohen Töne kommen somit auch nicht mehr im Gehirn an. Sie sind einfach nicht mehr da. So, wie du schon bisher keinen Ultraschall hören konntest (obwohl der immer um dich herum war), bekommst du jetzt auch die hohen Töne nicht mehr mit, die du früher einfach hören konntest.

Dass es so weit kommt, ist kein Beinbruch oder so was – sondern völlig normal. Augen, Haare, Zähne – der ganze Körper verändert sich im Laufe eines Lebens. Warum sollten die Ohren da eine Ausnahme machen?

Bananenbaumstumpf

Diese Veränderung im Gehör bedeutet: Es fehlt ein Stück von der Diagramm-Fläche. Meist fehlt anfangs nur ein Streifen ganz oben. Das ist der Bereich, in dem die Grillen zirpen und die Wellen von Vogelstimmen und Geigen durch die Luft schwingen. – Man merkt nicht unbedingt, wenn die Grillen nicht mehr zirpen oder die Vögel nicht mehr singen.

Aber der fehlende obere Diagramm-Streifen wird größer. Es gehen immer mehr von den hohen Tönen flöten. Bis irgendwann auch etwas von der Sprachbanane fehlt. Es ist selten, dass gleich die ganze Banane weg ist. Meist fehlt nur die Spitze. – Und mit ihr die Sprach-Laute, die normaler Weise dort sitzen: F, S, K, W, Z usw. Dir fehlen also die Konsonanten bzw. Mitlaute.

Bananenstaude und Blüte

A, E, O, U, I sind hingegen alle noch da. Die hören wir unverändert. Nur: Was soll dein Gehirn damit anstellen, dass es noch ein U und ein E hört?! Es weiß dann natürlich nicht mehr, ob der andere gerade „Kuppe“, „Puppe“ oder „Suppe“ gemeint hat. Genau hier geht es also los mit den Verhörern.

Was tun, wenn die Konsonanten weg sind?

Manch einer glaubt ja, dass man bei Leuten, die schlecht hören, nur lauter sprechen muss. Aber das hilft wenig. Es kann hilfreich sein, deutlicher zu sprechen. Aber dass die Lautstärke nicht viel bringt, ist nach dem, was wir bisher zur Sprachbanane erklärt haben, eigentlich ganz logisch: Du kannst ein A oder ein U schreien, kein Problem. Nur sind A und U Vokale; und die werden ja sowieso immer noch gehört. Doch jetzt versuche mal, ein Z oder ein F zu schreien! Und?! Du kannst schreien, so laut du willst; wenn Z oder F weg sind, sind sie weg.

Das einzige, was hier noch helfen kann, sind gute und vom Hörakustiker gut eingestellte Hörgeräte. Die machen die Worte nämlich nicht einfach lauter. Vielmehr nehmen sie sich die hohen Sprach-Laute und verschieben die auf eine Höhe, die das jeweilige Ohr noch verarbeiten kann. Mit Grillenzirpen, Vogelgesang oder Geigen machen die Geräte es übrigens auch so. Und dann erinnert man sich zum Beispiel daran, dass es früher schon mal Grillen und Vögel gab…

Blatt eines Bananenbaums

PS: Neben dem Sprachbanane-Diagramm gibt es in diesem Beitrag noch ein bisschen Natur zum Entspannen – Bilder von Bananen-Plantagen auf der kanarischen Insel La Palma. Dort sind Bananen neben Tourismus die wichtigste Einnahmequelle. Und wenn der Ozean-Wind durch die Bananen-Blätter weht, dann raschelt es sehr hoch. Im Diagramm läge dieses Rascheln also oberhalb der Sprachbanane.


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