Einfach mal die Ohren schließen

Warum Gehör­­schutz im Büro keine schlechte Idee ist
Bürogebäude

Was hältst du von Gehörschutz? Und wann würdest du einen benutzen? In Rock-Konzerten? Oder wenn du mal den Winkelschleifer nimmst, um ein paar Rohre durchzuflexen? Oder wenn du nicht einschlafen kannst, weil derjenige (oder diejenige) neben dir wieder so schnarcht? – Und was ist mit Gehörschutz im Büro?

Ich flexe eigentlich nie und habe zum Glück einen guten Schlaf. Bei Konzerten hatte ich auch schon Gehörschutz dabei; aber es gibt auch welche, die gar nicht so laut sind. Bei einer Gelegenheit habe ich meinen Gehörschutz jedoch garantiert dabei (oder ich ärgere mich, wenn ich ihn mal vergessen habe), nämlich in der Bahn.

Warum ich gerne Bahn fahre

Ich fahre sehr oft Bahn und meist weite Strecken – zu Interview-Terminen, Besprechungen, Veranstaltungen. Und ich mag die Bahn. Sie ist nicht übermäßig komfortabel, häufig unpünktlich, und im Zug gibt es oft komische Ansagen. (Man erfährt dann zum Beispiel, dass jetzt gerade wieder „Kühe in den Gleisen“ sind oder dass man „im Bordbistrot von einem herzhaften Frühstück erwartet“ wird…) Ich mag die Bahn trotzdem – aus einem anderen Grund: Man kann in ihr wunderbar arbeiten. Sie ist so eine Art zweites Büro für mich; eines mit klaren Vorteilen.

Telefon-Baukasten

Kein Anruf, höchstens mal auf dem Handy. Aber wenn man im Ruhebereich sitzt, kann man da sowieso nur kurz rangehen; und außerdem kann man dem Anrufer gleich erklären, dass man jetzt in der Bahn sitzt und die Verbindung vermutlich gleich abbricht (was sie dann auch zuverlässig tut). Und e-Mails abzurufen bringt auch nicht viel, weil das Internet meist zu wackelig ist, um sie zügig beantworten zu können. Also kann ich machen, was in meinem normalen Büro oft nur am frühen Morgen, abends oder am Wochenende geht – konzentriert an einer Sache arbeiten. Zum Beispiel einen Text schreiben. Wenn du von Berlin nach Köln, Nürnberg oder gar Stuttgart musst, schaffst du eine Menge Text…

Nicht ohne meinen Gehörschutz

Aber nur unter einer Bedingung: Du hast Gehörschutz dabei. Denn sonst geht konzentriert arbeiten nicht. Sonst erfährst du nur jede Menge Zeug, das mehr oder weniger spannend ist: Du bist dabei, wenn ein paar Verkaufsprofis auf dem Weg zur nächsten Schnaps-Messe die neuesten Obstbrände diskutieren. Du kannst dir anhören, wie es drei Volksmusikfreundinnen zu einem Selfie mit Florian Silbereisen gebracht haben. Oder wie eine Mutter verzweifelt versucht, ihren kleinen, klebrigen Lukas-Marcel mit Pokemon in Schach zu halten, während der in einem fort nervt und immer wissen will, wie weit es noch ist…

Bahnreisende

Mit Gehörschutz ist all das gar nicht da. Du setzt ihn ein, fährst das Notebook hoch und wirst höchstens mal gestört, wenn der Zugbegleiter dein Ticket will.

Einsam, zweisam, dreisam – im Büro

Mein Gehörschutz ist übrigens maßgefertigt. Eine Hörakustikerin hat mir Ohrabdrücke genommen. Daraus wurden dann kleine Kunststoffteilchen gefertigt, die genau in meine Gehörgänge passen und sie wunderbar abschließen. Ich höre mit den Teilchen zwar immer noch was. Aber man fühlt sich doch ziemlich für sich. Werde ich angesprochen, muss ich zumindest eines der Teilchen rausnehmen, um mich unterhalten zu können.

In meinem eigentlichen Büro trage ich keinen Gehörschutz, denn ich habe das Privileg, es mit niemandem teilen zu müssen. Dass das ein Privileg ist, ist nicht nur so dahingesagt. Bevor ich vor mehr als zehn Jahren mein Büro eröffnete, saß ich jahrelang im Büro einer Werbe- und PR-Agentur – mit vier Schreibtischen, Rechnern, Telefonen und Leuten hinter den Schreibtischen. Das Büro war nicht groß, dafür umso mehr laut. Zumindest einer von Vieren telefonierte immer. Hinzu kamen die Lüftergeräusche der Rechner, ein Kopierer, die klackernden Tastaturen… (Und Gehörschutz hatte ich damals leider noch nicht.)

Störende Geräusche einfach verdrängen?

Warum eigentlich glauben Unternehmen, dass Mitarbeiter*innen besonders produktiv arbeiten, wenn man möglichst viele von ihnen zusammensetzt – ohne Wände dazwischen?

Bürofenster mit Gitter

Man kann Geräusche – etwa das eines Lüfters – ausblenden. Das Geräusch ist dann immer noch da, es ist jedoch möglich, sich zu konzentrieren. Aber es gibt auch Geräusche, bei denen Verdrängen nicht funktioniert.

Der Lärmwirkungsforscher Professor Dr. Jürgen Hellbrück hat mir vor einigen Jahren in einem Interview folgendes erklärt: „Irgendwie muss in uns evolutionsbiologisch angelegt sein, dass wir auf bestimmte physikalische Merkmale von Schall anders reagieren. Unser ‚Muster-Erkenner‘ im Gehirn scannt gewissermaßen ständig den Schall. Sprechen ist – ähnlich wie die Musik – ein sehr einzigartig konstruierter Schall, der von Menschen ‚erfunden‘ wurde und den es sonst in der Natur so nicht gibt. Unser Gehirn erkennt ihn und macht das Arbeitsgedächtnis auf. Doch wenn zur gleichen Zeit noch andere Informationen behalten werden sollen, kommt es zu Interferenzen, die Behaltensleistung wird schlechter.“

Sinn und Unsinn von Großraumbüros

Also habe ich ihn gefragt, welchen Sinn dann eigentlich Arbeitsplätze in Großraumbüros machen, in denen ständige Störungen durch Sprech-Schall doch vorprogrammiert sind. Dazu der Lärmwirkungsforscher:

„In der Tat wären viele Arbeitsplätze wahrscheinlich effizienter, wenn man allein in einem Zimmer arbeiten würde. Aber da sind nur wenige privilegiert. Wenn Sie die Leute in Großraumbüros fragen, was sie an ihrem Arbeitsplatz stört, sind das in der Regel die Hintergrundgespräche der Kollegen, deren Telefonate, das Klappern der Tastaturen. Innenraum-Akustik hat eben zwei Seiten: Mal soll Sprache gut verstanden werden, mal soll sie möglichst nicht stören. Will ich nachdenken, möchte ich wenig Sprachverständlichkeit haben. Wenn ich mit Kollegen rede, dann soll die Sprachverständlichkeit gut sein.“

altes Telefon

„Großraumbüros“, so der Professor weiter, „macht man aus irgendwelchen wirtschaftlichen Gründen, weil sich Arbeitsplätze flexibel verändern lassen usw. Wir erforschen unter anderem, wie man in solchen Büros eine Art Inseln schaffen kann, die den Schall möglichst gut absorbieren. Und wir schauen, wie weit der Schall absorbiert werden muss, um Störungen minimal zu halten. Da geht es ja immer auch um die Kosten-Nutzen-Relation.“

Psst-Schild

PS 1: Also, wenn ich noch mal in einem Büro mit mehreren Leuten arbeiten müsste, dann wüsste ich, wie ich mir ganz einfach so eine Insel schaffen kann. Ich sage nur: Gehörschutz. (Komfortabel und maßgefertigt gibt es den bei Hörakustiker*innen. Mit einem maßgefertigten Gehörschutz im Büro ist es viel besser als diese kleinen Gummi-Pfropfen aus dem Baumarkt. Und wenn man den Schutz regelmäßig braucht, lohnt sich das absolut.)

PS 2: Die Fotos zeigen den Blick in ein Bürogebäude am Potsdamer Platz in Berlin, weiterhin ein altes Büro-Telefon und einen alten Baukasten, mit dem man sich selbst ein Telefon bauen kann. Außerdem gibt es drei symbolische Bahnreisende (die bei Zugfahrten neben dir Platz nehmen könnten), ein vergittertes Fenster mit den Buchstaben „hör“, hinter dem sich wahrscheinlich auch ein Büro befindet, sowie ein Hinweisschild aus einem Berliner Shopping-Center. (In diesem Shopping-Center gibt es für alle, die keine Lust auf Shopping haben, eine sehr schöne Rutsche, die dich über mehrere Shopping-Etagen bis nach unten bringt. Bei Benutzung dieser Rutsche solltest du jedoch darauf achten, dass man hier grundsätzlich leise rutschen muss…)


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