Richtungshören mit Technik

Über das Erkunden von Räumen mit Mikrofonen
Illustration zu einem Beitrag über Richtungshören mit Technik auf die-hörgräte.de

Wie räumliches bzw. Richtungshören funktioniert, hatte ich hier beschrieben. Aber was, wenn es nicht mehr funktioniert? In diesem Beitrag geht es darum, wie man das Richtungshören mit Technik nachbaut.

Richtungshören und Mikrofone

Wenn das Gehör nachlässt, fällt es zunehmend schwerer, Geräusche zu orten. Schon das allein kann zum Problem werden. Man hört vielleicht noch die Fahrradklingel, weiß jedoch nicht, aus welcher Richtung das Fahrrad heranrollt. Mit dem Richtungshören geht jedoch auch eine weitere wichtige Fähigkeit verloren: die Fähigkeit, Worte oder Geräusche gezielt aus anderen Worten oder Geräuschen herauszufiltern, sich in einem Raum mit einem Mix aus Schall auf einen ganz bestimmten Schall zu konzentrieren. Genau das kann nämlich ein gutes Gehör. Diese natürliche Fähigkeit mit Technik nachzubauen, ist sozusagen die Königsdisziplin für Hörgeräte-Ingenieure.

Um Schall aufzunehmen, braucht man ein Mikrofon. Mikrofone verwandeln Schall in elektrische Signale. Ihre Entwicklung ist nicht von der der Telefone zu trennen – und auch nicht von der der Hörgeräte. Der clevere Alexander Graham Bell etablierte nicht nur das Telefon, er meldete auch ein Patent für ein Mikrofon an (das er eher nicht selbst entwickelt hatte). Und er baute ein Hörgerät für seine schwerhörige Frau. (Bell war eigentlich Sprachtherapeut und Gehörlosenlehrer. Es gibt noch mehr über ihn zu erzählen – ein andermal.)

„Mikrofon“ ist griechisch und bedeutet etwa „kleine Stimme“. Kein Hörgerät ohne Mikrofon. Früher nahmen Hörgeräte den Schall einfach auf, verstärkten ihn und gaben ihn zum Ohr. Rundherum wurde jeder Schall aufgenommen. (Man nennt das „omnidirektional“.) Und bestimmte Höhen (bzw. Frequenzen) wurden hervorgehoben. Für Richtungshören und Filtern brachte das jedoch wenig.

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Später konnte man den Schall auch digital bearbeiten, die Chips wurden immer leistungsfähiger, und die Geräte bekamen zwei Mikrofone. Das ist auch heute noch der Standard. Die zwei Mikrofone können sich gezielt ausrichten – zum Beispiel auf den Gesprächspartner, der vor einem sitzt. (Das nennt man dann „direktional.“) Man kann sich auf die Worte des Gegenübers konzentrieren und hat dadurch schon mal deutlich mehr Richtungshören.

Beidohriges Richtungshören – neueste Technik

Die Hörgeräte-Mikrofone können sich je nach Situation unterschiedlich ausrichten bzw. zwischen omnidirektional und direktional wechseln. „Omni“ steht für alle bzw. alles (wie bei Omnibus, der so heißt, weil da alle mitfahren dürfen.) Sind die Mikrofone im omnidirektionalen Modus, dann nehmen sie Schall aus allen Richtungen auf bzw. die ganze Welt. (Man sagt auch, sie sind dann kugelförmig ausgerichtet.)

Wechseln die Mikrofone in den direktionalen Modus, nehmen sie einen bestimmten Schall gezielt auf, alles andere eher nicht. Und immer wird das, was die einzelnen Mikrofone liefern, miteinander abgeglichen und daraus ein Signal berechnet. Computer-Chips können das im Bruchteil einer Sekunde. Stimmen und Nebengeräusche werden unterschieden. Die Lautstärke wird automatisch angepasst. Störende Geräusche werden unterdrückt. Akustische Situationen werden erkannt, und das Hörgerät stellt sich automatisch auf sie ein.

Schild mit Richtungshinweis im Tuschinski-Theater in Amsterdam

Und es ist nicht mehr nur ein (also: 1) Hörgerät. Die Hörgeräte arbeiten jetzt binaural – also „beidohrig“. Das heißt, sie stimmen sich per Funk miteinander ab und arbeiten wie ein gemeinsames System (an das man obendrein noch weitere Technik koppeln kann, zum Beispiel das Handy.)

Richtiges Richtungshören – Technik und Hirn

Tolle Möglichkeiten; und zugleich weitere Herausforderungen an die Technik: Denn dass ich dem einen zuhören kann und alles andere nicht hören muss, ist ja erstmal prima. Aber woher wissen die Hörgeräte, wer der ist, dem ich zuhören will? Und woher wissen sie, was ich nicht hören will? Vielleicht will ich gar nicht denjenigen hören, der vor mir sitzt? Oder den, der am lautesten spricht? Vielleicht interessiert mich genau das Geräusch, von dem die Hörgeräte meinen, es würde nur stören? Und selbst wenn das nicht der Fall ist, und mein Interesse und das technische Richtungshören genau zusammenpassen… – Was, wenn ich meine Meinung ändere? Wenn derjenige, der mir die ganze Zeit was erzählt, allmählich nur noch nervt? Und wenn irgendwo im Raum jemand erscheint, dem ich viel lieber zuhören würde?!

Schild mit Richtungshinweis im Tuschinski-Theater in Amsterdam

Solche Fragen stellen sich nicht, wenn man natürlich gut hören kann. Doch Hörtechnik ist eben nicht Natur, und sie muss für all das eine Lösung bieten. Wie es am besten gelingt, in anspruchsvollen Hörsituationen gezielt zuzuhören, das ist so komplex, dass jeder Hersteller hierfür eigene Ansätze verfolgt und weiterentwickelt. Vieles kann die Technik heute übernehmen, ganz automatisch. Eine entscheidende Frage ist jedoch: Was lässt man die Technik übernehmen? Inwieweit kann sie überhaupt entscheiden, was gehört und was nicht gehört werden soll?

Bei einem intakten Gehör entscheidet das ja nicht das Ohr – sondern das Gehirn. Und bei einem nachlassenden Gehör spielt zumeist das Ohr nicht mehr mit. Das Gehirn hingegen hat kein Problem – wenn es nur wieder die Klanginformationen bekommt, die ihm früher das Ohr liefern konnte.

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PS 1: Wie so eine Hersteller-Lösung für Richtungshören und Filtern aussieht, das erkläre ich im nächsten Artikel anhand eines Beispiels.

PS 2: Die Bilder zum Beitrag über das Richtungshören zeigen Schilder, die die Richtung zeigen. (Fotografiert habe ich sie im Tuschinski-Theater in Amsterdam – das große Gebäude rechts auf dem letzten Foto.)


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