Gehen und hören

Wie man zu einem Leben mit Hör-Technik kommt
Zeichnung von Leuten, die hintereinander laufen und alle rote Schirmmützen aufhaben, die Zeichnung hänt in einem Glaskasten

Hör-Wege sind Wege, die Menschen zurücklegen, um in irgendeiner Form besser hören zu können. Mitunter werden Hör-Wege auch Hör-Reise, Hör-Biografie, Versorgungsweg oder noch anders genannt. Aber ich nenne sie hier Hör-Wege und gebe ihnen eine eigene Rubrik – die mit der Schnecke am Anfang.

Hör-Wege können lang oder kurz, mühsam oder eher einfach sein. Sie können geradlinig oder auch kreuz und quer verlaufen. Oft ist so ein Hör-Weg ein ziemliches Auf und Ab. Unterwegs kann man Nerven lassen, Grenzen überschreiten, Neuland betreten, grandiose Dinge erleben, Ängste durchstehen, mitunter völlig verzweifeln oder neuen Mut fassen, an die richtigen oder an die falschen Leute geraten, Glück oder Pech haben… – Kurz gesagt, ist es mit so einem Hör-Weg nicht anders als mit jedem anderen Weg, auf dem es wirklich um etwas geht. Hör-Wege sind Drama, Action-Film, Thriller, Science-Fiction, Love-Story oder von allem was.

Hör-Wege sind immer anders

Jeder Hör-Weg ist anders. Wenn ich Menschen interviewe, die mit Technik hören, bitte ich sie immer zuerst darum, mir von ihrem Hör-Weg zu erzählen. Das mache ich seit fast 20 Jahren so. Und ich finde es dennoch nicht langweilig. Die Geschichten, die ich dann erzählt bekomme, sind jedes Mal andere. Obwohl es ja eigentlich immer um die gleiche Sache geht.

Ausschnitt einer Wanderkarte von Woltersdorf

Der Anfang eines solchen Weges ist immer die Erkenntnis, dass mit dem Hören etwas nicht stimmen kann. Das hört sich einfach an. Ich habe aber eine Menge Leute getroffen, die allein für diesen Anfang Jahre brauchten – also nur dafür, diese Erkenntnis zu bekommen und sich dann überhaupt erst einmal auf den Weg zu machen. Manchmal brauchte es ein oder zwei Jahre. Oft dauert es aber noch viel länger, zehn Jahre und mehr. Und oft kommt einem die Erkenntnis gar nicht selbst, sondern ein anderer hat sie zuerst.

Kommt man schon mit Schwerhörigkeit auf die Welt, wäre es sehr schlecht, wenn die anderen das über Jahre nicht mitbekommen. Meist sind es natürlich Eltern oder Ärzte, die es zuerst merken. Meine Interview-Partner beginnen ihre Geschichte dann nicht mit der eigenen Erinnerung, sondern mit dem, was ihnen von anderen erzählt worden ist. Jonas zum Beispiel, der 12 Jahre alt war, als ich ihn das erste Mal interviewte, erzählte mir damals folgendes:

„Ich war ein Jahr alt. Da ging ich mit meinen Eltern und meiner Oma in eine Kirche. Die Orgel spielte. Und es war so laut, dass sich alle erschrocken haben. Nur ich nicht. Die anderen wunderten sich natürlich darüber. Wir gingen dann zu einer Untersuchung. Und bei der hat man festgestellt, dass ich taub bin. Dann war ich in einer Klinik, und ich habe auf der linken Seite mein erstes CI bekommen. Hätte ich das erst mit fünf bekommen, dann könnte ich heute nicht so gut sprechen.“

Von Anfang an schwerhörig

In Deutschland und anderen reichen Ländern gibt es mittlerweile überall das sogenannte Neugeborenen-Hörscreening. Wenn alles so läuft, wie es laufen soll, wird durch dieses Screening sehr früh festgestellt, dass ein Baby nicht bzw. nur sehr wenig hört. Bei Gelegenheit macht sich die Hörgräte mal an einen Artikel zu diesem Thema.

Es gibt Menschen, die bereits mit Schwerhörigkeit auf die Welt kommen, und solche, die in den ersten Monaten bzw. Jahren ihres Lebens schwerhörig bzw. taub werden. In aller Regel nutzen sie dann Hörtechnik. Soweit ihre Erinnerung zurückreicht, leben sie mit Technik am Ohr. Und wenn ich sie frage, wie das Leben ohne ihre Technik wäre, bekomme ich meist nur sehr kurze Antworten. Natürlich wissen meine Interview-Partner, wie sie ohne die Technik hören. Das erleben sie täglich – beim Batterie-Wechsel oder in der Nacht. Aber ohne diese Technik leben? – Sie sagen dann z. B., dass das bestimmt nicht toll wäre. Aber sich das wirklich vorzustellen, fällt ihnen meist schwer. Anfangs fand ich das überraschend. Obwohl es eigentlich logisch ist.

Plötzlich nicht mehr hören

Wer von Beginn an mit Hörtechnik groß geworden ist, weiß natürlich auch nicht, wie es ist, ohne Technik gut zu hören. Die weitaus größere Zahl der Hörtechnik-Nutzer weiß das jedoch. Diese Menschen haben oft Jahrzehnte lang einfach nur gehört. Sie haben das mehr oder weniger bewusst getan. Hören zu können, war für sie so selbstverständlich, dass sie kaum einen Gedanken dafür übrighatten. Weil es einfach viele andere Dinge gab, an die man denken musste – Arbeit, Familie, all das.

So war das z. B. bei Frau J., für die Arbeit schon immer ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens war. Frau J. ist für den Waren-Ein- und Ausgang in einem großen Logistik-Unternehmen zuständig. Für sie ist es selbstverständlich – so Frau J., dass sie nicht auf die Uhr schaut, wenn wichtige Arbeiten anstehen. Aber sie weiß auch, dass Stress wahrscheinlich die Ursache für ihren Hörverlust war.

Der Hör-Weg, von dem mir Frau J. erzählte, begann Weihnachten 2006. Wie immer vor dem Jahresabschluss war in der Firma extrem viel zu tun. „Vorher hatte ich keinerlei Hörschwierigkeiten und auch keine gesundheitlichen Probleme. Aber damals hatte ich in wenigen Wochen zwei oder drei Hörstürze. Ich wollte jedoch nicht ins Krankenhaus, weil einfach zu viel zu tun war.“ – Außerdem waren die Weihnachtsferien ja schon greifbar nah: „Am Morgen des 24. Dezember wache ich auf, gehe ins Bad und drehe das Wasser auf. Mit einem Mal merke ich, dass ich das fließende Wasser nicht höre. Ich wecke meinen Mann, aber auch ihn höre ich nicht. – Mein Gehör war mit einem Schlag weg. Ich bekam Angst, fuhr zur Ärztin und dann in eine Klinik. Es war nichts mehr zu machen. Meine Ohren wollten nicht mehr. Ich blieb taub.“

Gesprächspartner wie Frau J. können eine Menge darüber erzählen, wie es ist, wenn man plötzlich ohne Gehör leben muss. Am Anfang ihres Hör-Wegs stand ihr Leben mit einem Mal Kopf. Wenn man von einem auf den anderen Tag nicht mehr hören kann, ist nichts mehr so, wie es gestern noch war. – Zumindest hat mir das jeder bestätigt, der es selbst erlebt hat. Es geht plötzlich nicht mehr so weiter wie bisher. Und man will nur noch sein vertrautes Leben zurück – das, in dem man hören konnte.

ein modernes Schild mit der Aufschrift "Way out" und ein altes Wandbild aus farbigen Fliesen, das eine Art Fensterbogen darstellt, darin steht ebenfalls "WAY OUT"

Aber verglichen mit anderen Hör-Wegen ist auch der von Frau J. eher die Ausnahme als die Regel. Zwar wissen die allermeisten Menschen, die mit Hörtechnik leben, wie es war, ohne Technik gut zu hören. Aber die meisten erleben nicht, dass sie von einem auf den anderen Tag gar nichts mehr hören. Vielmehr hören sie über Jahre immer noch ein bisschen schlechter.

Vom schleichenden Schlechterhören

Es ist meist nicht so, als hätte jemand den Schalter umgelegt. In aller Regel hört man immer noch. Viele Dinge klingen wie eh und je. Man merkt erstmal gar nicht, dass etwas fehlt. Und wenn man es merkt, heißt das noch lange nicht, dass man losgeht. Und wenn man losgeht, dann gilt wieder das, was wir eingangs schon mal gesagt hatten: Hör-Wege können lang oder kurz, mühsamer oder eher einfach sein. Sie können geradlinig oder auch kreuz und quer verlaufen…

Wie gesagt, ich finde es immer noch spannend, wenn mir jemand von seinem Hör-Weg erzählt. Weil diese Geschichten nie gleich sind. Und weil in ihnen mehr oder weniger alles vorkommt – also Drama, Action-Film, Thriller, Science-Fiction, Love-Story… Das hängt wohl damit zusammen, dass Hören mit so ziemlich allem zu tun hat, vor allem mit der Beziehung zu anderen. Hör-Wege sind Wege, auf denen es oft um sehr viel geht. Und deshalb haben sie in diesem Blog ihre eigene Rubrik.

PS: Die Fotos zeigen viele Menschen, die in einem Glaskasten unterwegs sind, außerdem einen Wege-Plan (in diesem Fall von Woltersdorf bei Berlin) und einen Hinweis, auf welchem Weg es nach draußen geht.


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