Ganz Mausohr, ganz Ultraschall

Ein Besuch im größten Fledermaus-Hostel Berlins
Breitflügelfledermaus

Nach Berlin kommen nicht nur viele Touristen, sondern auch viele Fledermäuse. Touristen kann man hören; sie reden in allen möglichen Sprachen. Fledermäuse kann man nicht hören, denn sie verständigen sich mit Lauten im Ultraschall. Und genau darum geht es jetzt – um die Fledermaus, den Ultraschall und einen weiteren Hör-Ort – einen am Rande der Hauptstadt der Fledermäuse.

Wie ich schon im Beitrag über den Funkerberg und die Wiege des Radios erklärte, sind Hör-Orte Orte, die in irgendeiner Form mit dem Hören zu tun haben. Es sind nicht unbedingt die Orte, die in jedem Touristenführer stehen. Und ich schreibe nur über solche Orte, wenn ich sie spannend finde und auch tatsächlich da war.

Das alte Wasserwerk in Friedrichshagen ist so ein Ort. Friedrichshagen gehört zum Berliner Stadtbezirk Treptow-Köpenick. Und Touristen finden das Wasserwerk eher selten, Fledermäuse dafür umso besser.

Das Wasserwerk, das heute nicht mehr in Betrieb ist, liegt am nördlichen Ufer des Müggelsees, etwa 15 Fahrrad-Minuten von mir entfernt. Es war mal das größte Wasserwerk der Stadt. In einem Teil – einer Maschinenhalle – befindet sich heute ein kleines Museum. Auf den größten Teil des Wasserwerk-Geländes kommt man jedoch nur zu besonderen Anlässen – etwa zum langen Tag der Stadtnatur Mitte Juni. Und das auch nur wegen der Fledermäuse.

Ein Wasserwerk wie ein Kloster

Dabei ist es sehr schön auf diesem Gelände. Es gibt einen Zaun mit Pfeilern aus roten Ziegeln, dahinter Gebäude aus den gleichen roten Ziegeln. Hübsche Bauwerke in Neogotik mit hohen Fensterbögen, dekorierten Giebeln und spitzen Ziegeldächern, dazwischen jede Menge Grün, grüner Rasen und das Grün alter Linden und hier und da ein dickes grünes Rohr, das sich durch die Gegend schlängelt. Und es ist ruhig. Alles steht nur noch so, weil es außer Betrieb ist.

Altes Wasserwerk

Gebaut wurde das Wasserwerk Ende des vorletzten Jahrhunderts – und zwar nach dem Vorbild einer Klosteranlage. Auf den Wegen zwischen den Ziegelbauten ist es tatsächlich so friedlich, wie man es sich bei einem Kloster vorstellt; wie in einer anderen Zeit. Am langen Tag der Stadtnatur viel zudem das Sonnenlicht durch die Lindenblätter.

Ich frage mich, was die Leute damals auf die Idee gebracht hat, ihr Wasserwerk wie eine Klosteranlage zu bauen. Es gab Maschinengebäude, Nebengebäude, Wohngebäude… Und es gibt noch jede Menge spezieller Dinge, die unter der Erde versteckt sind und hübsche Namen haben: Rieseler, Reinwasserbehälter und Langsamsandfilter, die alle ursprünglich für die Aufbereitung des Berliner Wassers gebraucht wurden und heute leer stünden – wären da nicht die Fledermäuse.

Offizielles Fledermausquartier von überregionaler Bedeutung

Zwei der Reinwasserbehälter werden schon seit Jahrzehnten von Fledermäusen bewohnt – und zwar insbesondere von 50 großen Mausohren; immer nur im Winter. Anfang der 90er wurden dann auch noch die 34 Langsamsandfilter außer Betrieb gestellt. Das sind 34 lange, hohe unterirdische Bogengänge – so wie der auf nachfolgendem Foto. In einer Vereinbarung zwischen den Wasserbetrieben und der Stadt wurde ausgemacht, dass diese Gänge als Fledermausquartiere erhalten bleiben.

Langsamsandfilter

Inzwischen ist das alte Wasserwerk Friedrichshagen – neben dem in Tegel – ein Fledermausquartier von überregionaler Bedeutung, und mit mehr als 1.500 Fledermäusen das größte offizielle Fledermaus-Hostel der Hauptstadt. Das Wasserwerk steht sogar in der Liste der Flora-und-Fauna-Habitate-Gebiete der Europäischen Union, kurz FFH – also der Gebiete, in denen Tiere oder Pflanzen wohnen (sozusagen offiziell). In den unterirdischen Filtergängen wurden spezielle Einbauten angebracht (wie auf nachfolgendem Foto), an denen können die Fledermäuse dann abhängen. Neben den Großen Mausohren gibt es in den Filtern auch Fransenfledermäuse, Wasserfledermäuse, Braune Langohren, winzige Zwergfledermäuse, Breitflügelfledermäuse sowie die sehr seltenen Bechsteinfledermäuse.

Fledermausplätze

Und auch die kommen alle immer nur im Winter. Im Sommer herrscht in den Langsamsandfiltern gähnende Leere, weil die Fledermäuse ausgeflogen sind, um sonst wo Insekten zu verputzen und Fledermauskinder großzuziehen.

Am langen Tag der Stadtnatur konnte man zusammen mit einem Biologen hinab zu den Fledermausquartieren gehen, zu denen man sonst nie darf. Durch ein kleines Tor stiegen wir eine glitschige Wendeltreppe hinunter in die kalten, halligen Filtergänge…

Einstieg Langsamsandfilter

Fledermäuse gelten ja mitunter als gruselig und unheimlich – wie so kleine Vampire. Vermutlich liegt das nicht nur daran, dass sie immer nachts unterwegs sind; sondern auch daran, dass die Menschen ewig gebraucht haben, um auf die Sache mit Fledermaus und Ultraschall zu kommen. Zuvor waren diese Tierchen ein großes Rätsel. Weil niemand kapiert hat, wie es den Fledermäusen gelingt, in völliger Dunkelheit den Hindernissen auszuweichen. – Was man nicht versteht, das ist eben schnell verdächtig.

Hörbares und Nicht-Hörbares

Es ist noch keine hundert Jahre her, dass Wissenschaftler den Fledermäusen (und dem Ultraschall) auf die Schliche kamen. – Das sich Schall in Wellen ausbreitet, hatten wir schon erklärt. Wie man Hören misst, dazu folgt noch ein Artikel. Auf jeden Fall hat jeder Ton, den man hört, eine bestimmte Höhe. Diese Tonhöhe hängt ab von seiner Frequenz, die in Hertz (bzw. Hz) gemessen wird. Sehr, sehr gute, junge Menschenohren können Töne bis zu einer Höhe von 20.000 Hertz hören. Ältere Menschen schaffen es vielleicht noch bis 5.000 Hertz. Das ist dann immer noch kein Problem, denn wir unterhalten uns in einem Bereich von 500 bis 4.000 Hertz; mit 5.000 ist man also noch gut dabei.

Ultraschall ist der Bereich, der jenseits der 20.000 beginnt. Fledermäuse können tiefe menschliche Laute noch gar nicht hören, denn sie hören erst ab 1.000 Hertz. Dafür kommen sie bis 120.000 Hertz nach oben. Damit ist die Fledermaus beim Ultraschall ein ziemlicher Überflieger. Nur wenige Tiere schaffen das. (Delfine hören auch noch höher.)

Wie sich Fledermäuse zurechtfinden

Und die Fledermaus hört nicht nur jenseits der 20.000 Hertz. Sie äußert sich auch mit Ultraschall. Sie stößt sehr kurze Laute aus, die für Menschen dann natürlich nicht hörbar sind. Die Fledermaus macht diese Geräusche mit der Nase. Die Geräusche sind ihre Art, sich in der Welt zurechtzufinden.

Treffen die Schallwellen ihrer Nasengeräusche irgendwo auf, wird ein Echo zurückgeworfen. Das fängt sich die Fledermaus mit ihren großen Ohren ein und weiß sofort Bescheid. Sie hört nicht nur, ob eine Wand vor ihr ist. Sie jagt auch mit dem Echo. Sie ortet z. B. einen Käfer und weiß sofort, wie groß und wie schnell und wie lecker der ist. Und dann schnappt sie sich den Käfer. (Stell dir nur mal vor, du würdest das versuchen – mit geschlossenen Augen einen Käfer oder eine Fliege fangen… – Und Fledermäuse spezialisieren sich sogar auf das Hören von Echos, die von bestimmten Insektenflügeln zurückgeworfen werden.)

Altes Wasserwerk Friedrichshagen

Allerdings kommt die Fledermaus mit ihrer Ultraschall-Echo-Ortung nicht allzu weit, nur so sechs bis zehn Meter. Und dafür müssen die Nasengeräusche verdammt laut sein – mitunter so laut wie ein Düsenflugzeug. (Aber wie ein Düsenflugzeug, das wir nicht hören, weil seine Geräusche zwar irrwitzig laut, jedoch jenseits des menschlichen Hörvermögens liegen.)

Die Vorstellung, die eine Fledermaus von der Welt hat, ist eine ganz andere als unsere. Damit das mit den Echo-Geräuschen funktioniert, muss sie sie sehr stark bündeln. Sie nimmt deshalb immer nur wahr, was unmittelbar vor ihr ist. Das Drumherum hat sie nicht auf dem Schirm. Es ist, als würde man mit einer einzigen Kerze einen großen, finsteren Raum erkunden. Aber die Fledermaus hat ein gutes Gedächtnis. In dem speichert sie Ultraschall-Echo-Bilder und macht sich so mit ihrer Umgebung vertraut.

Der Fledermausdetektor

Will man als Mensch eine Fledermaus hören, braucht man einen Fledermausdetektor. Das ist ein kleines Gerät, das über Mikrofon die Ultraschall-Geräusche der Fledermaus aufnimmt und sie in niedrige Frequenzen übersetzt. Über einen Lautsprecher werden die Töne dann hörbar. Der Biologe hat uns das am langen Tag der Stadtnatur vorgeführt – gemeinsam mit einer Zwergfledermaus (auf dem nächsten Bild). Es hörte sich an wie ein zartes, aufgeregtes Geknatter.

Zwergfledermaus mit Ultraschalldetektor

Der Biologe hat uns auch sonst noch eine Menge erzählt. Etwa, dass Fledermausmütter ihre Jungen schon nach einem Tag hängen lassen, um Futter für sie zu suchen, und dass die Mütter sie dann unter zich anderen hängenden Jungfledermäusen wiederfinden. Die Fledermaus sieht halt sehr schlecht; und deshalb macht sie auch das mit dem Hörsinn und dem Ultraschall, außerdem mit dem Geruchssinn. Und ich weiß jetzt, dass die Zwergfledermaus die typische Ostberliner Fledermaus ist, während die Breitflügelfledermaus die typische Westberliner Fledermaus ist. (Aber frag mich nicht, warum das so ist.) Außerdem gehen durch die vielen Sanierungen in Berlin die Fledermaus-Schlafplätze verloren. Andererseits gibt es hier Hochhäuser, an deren Dächern hunderte Fledermäuse prima abhängen können; es ist also nicht alles schlecht…

Und dann hatte der Biologe noch Bert dabei – eine Breitflügelfledermaus und zugleich eine Bürgersteigfledermaus. Das heißt, Bert ist irgendwann abgestürzt, auf dem Bürgersteig gefunden und beim Biologen abgegeben worden. Jetzt wird Bert mit Mehlwürmern durchgefüttert (siehe nachfolgendes Bild) und muss sich dafür bei Führungen vorzeigen, von Kindern abtasten und für Blog-Beiträge fotografieren lassen. (Der Biologe meinte, das wäre ein fairer Deal; schließlich sei das hier eine Leistungsgesellschaft.)

Von Fledermäusen hören lernen

Mal ganz abgesehen vom Ultraschall, den wir Menschen nicht hören… – Ich finde ja, dass uns Fledermäuse zeigen, wie wenig wir über unser eigenes Hörvermögen wissen. Kannst du dir vorstellen, dass man sich mit den Ohren ebenso gut in der Welt zurechtfinden kann wie mit den Augen? Mir fällt das schwer.

Breitflügelfledermaus

Vor Jahren war ich mal zu einem Interview-Termin bei der deutschen Goalball-Nationalmannschaft. Darüber muss ich noch ausführlich schreiben. Goalball ist eine Ballsportart für blinde und stark sehbehinderte Athlet*innen. Wer noch etwas sehen kann, bekommt daher vor dem Spiel eine blickdichte Brille auf. Als ich bei der Nationalmannschaft war, durfte ich auch eine Runde mitspielen – mit so einer Brille. Ich fühlte mich absolut hilflos. Und ich hatte auf dem Spielfeld das Gefühl, der einzige Blinde zu sein. Die anderen Spieler konnten mir jederzeit sagen, wo ich bin.

Der Amerikaner Daniel Kish machte vor einigen Jahren weltweit Schlagzeilen – und zwar als „Fledermaus-Mann“. Daniel Kish fährt im Affenzahn auf dem Fahrrad durch die Stadt oder klettert allein durch die Berge – und das blind. Als kleiner Junge konnte er nach einer Tumor-Erkrankung nicht mehr sehen. Und dann hat er etwas entdeckt: das Schnalzen. Er hat begonnen, mit der Zunge zu schnalzen, auf das Echo zu hören und sich so zu orientieren. Er ist dann zum Beispiel sehr gerne auf hohe Bäume geklettert, immer weiter nach oben, bis er das Echo der Dächer nicht mehr hören konnte und nur noch Äste und Himmel um sich hatte. Heute ist Daniel Kish Aktivist und Mobilitätstrainer. Er hat Bücher über die Klick-Echoortung für blinde Menschen geschrieben und einen eigenen Verband gegründet; und er vermittelt anderen die Technik, die er als Junge entdeckt hat.

Hörgräte und Fledermaus

PS 1: Noch ein Tipp vom Biologen in Sachen Fledermaus und Ultraschall: Sollten dir nachts mal ein, zwei Fledermäuse in die Wohnung fliegen, und du traust dich nicht, sie wieder nach draußen zu tragen, dann solltest du dir gut überlegen, ob du nicht besser das Fenster schließt. Denn sollte es den ein, zwei Fledermäusen gut bei dir gefallen, ist es durchaus möglich, dass sie es umgehend ihren 70, 80 Bekannten verraten. Hören würdest du das ja nicht. Und wenn ein paar Minuten später eine Fledermaus-Party bei dir startet, wäre es leider zu spät, um das Fenster zu schließen.

PS 2: Auf den Fotos siehst du Gebäude des alten Wasserwerks in Friedrichshagen, einen Langsamsandfilter und die Einbauten für Fledermäuse, den Einstieg in den Langsamsandfilter, eine Zwergfledermaus mit Fledermausdetektor, die Breitflügelfledermaus Bert (ohne und mit Mehlwurm) und die Hörgräte.

PS 3: Fledermaus-Detektoren findest du online jede Menge. Ich habe sogar mehrere Apps gefunden, die in der Lage sein sollen, die Töne verschiedener Fledermausarten hörbar zu machen. Die Apps heißen z. B. iBats und Swiss Bats (für Schweizer Fledermäuse); es gibt sie für iOS und Android. Ich habe sie aber selbst noch nicht ausprobiert – weil ich noch nicht wieder Kontakt mit einer Fledermaus hatte. (Der Tipp mit den Apps ist zwar werblich, aber ausdrücklich keine bezahlte Werbung.)


Vorheriger Beitrag
Alt genug für Hörgeräte?
Nächster Beitrag
Über Schlappohren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Fill out this field
Fill out this field
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Mit unserem News­letter erhalten Sie regelmäßig Artikel, Geschichten und Neuigkeiten rund um das Hören mit und ohne Technik. Informationen zu den Inhalten, der Proto­kollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Aus­wertung sowie Ihren Ab­bestell­­möglichkeiten, erhalten Sie in unserer » Datenschutzerklärung

Neueste Beiträge

Kategorien

Menü