Mordsgeräusch

Über schauerliche Geräusche – und wie sie gemacht werden
T-Shirt mit Killer-Teddy

Ich finde es lohnend, darüber nachzudenken, wie stark die Wirkung sein kann, die sogar ganz harmlose Geräusche auf uns haben. Wobei nicht jedes Geräusch bei jedem gleich wirkt – manche aber schon.

Zum Beispiel das Geräusch, wenn ein Fingernagel über eine Kreidetafel schrammt. Wenn Frau Krolekowski (Fachlehrerin Deutsch & Russisch) früher in der Schule etwas an die Tafel schrieb, und dabei das Stückchen Kreide in ihren Fingern immer kleiner wurde… Irgendwann war die Kreide weg, ihr spitzer, roter Fingernagel ratschten über die grüne Tafel und in den Stuhlreihen schüttelten sich alle, weil wieder dieses schauerliche Geräusch den Rücken herunterlief.

Killer-Mädchen-Aufkleber

Um schauerliche Geräusche und deren Wirkung soll es auch hier gehen. – Kennst du „Psycho“ von Alfred Hitchcock? Der Film ist einer der Kino-Klassiker überhaupt. Wer „Psycho“ schon mal gesehen hat oder auch nur in Ausschnitten kennt, der behält vermutlich Bilder einer ganz bestimmten Szene vor Augen: der Duschszene.

Die berühmteste Duschszene der Kino-Geschichte

Marion Crane (Janet Leigh), eine junge Sekretärin aus Phoenix, bricht aus ihrem bisherigen Leben aus und kommt in einer verregneten Nacht in einem einsamen Motel bei einem komischen, einsamen Typen unter, der dort angeblich allein mit seiner Mutter lebt. Nun ist sie in ihrem Zimmer, legt ihren Morgenmantel ab, steigt in die Badewanne und steht unter der Dusche.

Was jetzt folgt, gilt als ganz großer Moment der Filmgeschichte: das fließende Wasser aus dem Duschkopf, darunter Marion Crane, die sich einseift. Dann gibt ist da Bewegung hinter dem weißen, lichtdurchlässigen Duschvorhang, das unheimliche Gefühl, dass hinter dem Vorhang noch jemand sein muss, eine Gestalt, deren Umrisse kurz darauf durch den Duschvorhang scheinen, bis der Vorhang zurückgerissen wird; die schwarze Gestalt mit dem Messer, das Gesicht der schreienden Marion Crane, der herabfahrende Arm mit dem Messer, der sein Ziel sucht und immer wieder trifft, bis Marion Crane in die Wanne sinkt.

Hörgräte guckt Psycho

Der ganze Film läuft auf diese eine 3-Minuten-Szene hinaus. 78 Kameraeinstellungen, 52 Schnitte; die Musik, der Sound – alles perfekt; Psycho-Thriller.

Dazu gehört auch, dass man eigentlich gar nicht sieht, wie Marion Crane erstochen wird. Man sieht ihren Schrei, das Messer, das Duschwasser, das sich mit ihrem Blut vermischt. Wie das Messer sie immer wieder sticht, sieht man nicht. Aber man hört es. Denn bei jedem Hieb mit der scharfen Klinge gibt es ein trockenes, erbarmungsloses, schauerliches Geräusch.

Das Geheimnis des Mordsgeräuschs

Was ist das für ein Geräusch, das einen beim Erleben dieser Szene derart erschauern lässt, und das diese Thriller-Phantasie so lebendig (bzw. tödlich) scheinen lässt – obwohl hier natürlich niemand ermordet wurde?

Graffito großes Auge

Kürzlich sah ich eine Reportage des Schweizer Filmregisseurs Alexandre O. Philippe über die Entstehung der „Psycho“-Mordszene. Jedes Detail wurde unter die Lupe genommen – und natürlich auch das Messergeräusch. – Tatsächlich war es das Geräusch eines Messers. Und das einer Melone.

Um das passende Schauer-Geräusch für die Messerstiche zu finden, hatte man ewig herumprobiert. Doch Alfred Hitchcock soll mit dem Sound, den seine Ton-Leute ihm vorspielten, nicht zufrieden gewesen sein – und das immer wieder. Die Ton-Leute sollen ungefähr zwei Dutzend verschiedene Melonensorten durchprobiert haben – eine nach der anderen erstochen. Bis sie endlich den Sound hatten, der auch für Hitchcock ok war. – Eine Casaba-Melone, eine Unterart der Honigmelone.

Melonen

Den Melonen-Sound und die Szene kannst du hier noch mal nachhören (bzw. sehen). – Es ist schon verrückt, welche Wirkung so ein banales Geräusch haben kann… 1960, als der Film erstmals gezeigt wurde, sollen viele Leute nach dieser Szene schreiend aus den Kinosälen geflüchtet sein. In den USA soll es sogar eine regelrechte Dusch-Phobie gegeben haben; d. h. Leute, die den Film gesehen hatten, trauten sich nicht mehr zu duschen.

Abstecher zum Geräuschemacher

Solche schauerlichen (oder auch andere) Filmgeräusche zu machen, ist heute ein ganz eigenes Handwerk – das des Geräuschemachers. Die Geräusche in Kino- oder Fernsehfilmen sind oft keine Originalgeräusche, sondern künstlich erzeugte vom Geräuschemacher oder auch Tonkonserven. Warum das so ist, hat mir der Geräuschemacher Peter Deininger in einem Interview mal so erklärt: „Bei Außenaufnahmen darf man keinen Raum hören. D. h. das Mikrofon muss sehr nah am Geräusch-Event sein. Ist es weiter weg, hört man den Raum und verliert dadurch sofort die Illusion.“

Über meinen Besuch im Aufnahmestudio von Peter Deininger in Berlin-Moabit muss ich an anderer Stelle noch mal ausführlicher schreiben. In jedem Fall muss man sich die Arbeit eines Geräuschemachers und sein Studio ungefähr so vorstellen: Man befindet sich in Räumen, in denen auf den ersten Blick das blanke Chaos herrscht. In Regalen stapeln sich bis unter die Decke Plastik-Schüsseln, Kästen, Flaschen, Kleiderbügel, leere Kabeltrommeln, Vogelkäfige, Ventilatoren, Telefone… – kurz, eine unüberschaubare Anhäufung von allem nur denkbaren Krimskrams.

Geräuschemacher-Werkstatt

Zwischen all diesem Krimskrams sitzt der Geräuschemacher vor einem Monitor, auf dem der Film läuft. Außerdem hat er Blickkontakt zu einem Tonmeister, der hinter einer Glasscheibe die Aufnahmetechnik bedient. Um den Geräuschemacher herum sind viele Mikrofone. Und je nach Bedarf holt er sich Krimskrams aus den Regalen, um damit Geräusche zu machen.

Meist macht er die Geräusche aber nur mit den Füßen. Er hat diverse Schuhe an, sehr oft Damenschuhe. Und es gibt verschiedene Fußböden – Parkett, Holz, Steinfußboden. Vor die setzt sich der Geräuschemacher und macht Schritte. – „90 Prozent meiner Arbeit sind Schritte, Bewegungen“, so Peter Deininger. „Menschen haben einfach viel mehr Varianz in ihren Geräuschen als z. B. Maschinen.“

Graffito mit Monstermann

PS: Die Fotos zeigen diesmal einen Mörder-Teddy vom Camden Markt in London, Graffitis aus dem Eingang zum U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße in Berlin, die Hörgräte beim Betrachten der Duschszene aus „Psycho“, einen Aufkleber mit einem kleinen Monster-Mädchen, Melonen vom Albert-Cuyp-Markt in Amsterdam und einen Blick in die Geräuschemacher-Werkstatt von Peter Deininger in Berlin-Moabit.


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