Hörbrille, Knochenleitungs-Hörgerät, Taschenhörgerät…

Ein Überblick über eher seltenere Hörgerätearten
Feuerglocke

Im einem vorangegangenen Beitrag hatte ich dir schon die wichtigsten beiden Hörgerätearten vorgestellt – Hinter-dem-Ohr- und Im-Ohr-Hörgeräte. Neben diesen beiden gibt es noch eine ganze Reihe spezieller Hörgeräte-Geschichten. Die werde ich hier mal vorstellen:

Hörbrille

Hörbrillen sind selten. Aber hin und wieder trifft man jemanden, der eine hat bzw. irgendwann mal Erfahrungen damit gemacht hat. Wie der Name schon vermuten lässt, sind sie eine Mischung aus Brille und Hörgerät. Im Brillenbügeln hinterm Ohr sitzen die Technik und die Batterie. Vorne im Bügel sitzt ein Mikrofon. Manchmal gibt es dort auch noch einen Schalter für Lautstärke und Programme. Von der Technik im Brillenbügel führt noch etwas ins Ohr, um den verstärkten und bearbeiteten Schall dorthin zu übertragen (ungefähr so, wie bei einem Hinter-dem-Ohr-Hörgerät).

Außerdem gibt es Varianten, bei denen sich das Hörgeräteteil ausklinken und auf verschiedene Brillen stecken lässt; oder man kann die Bügel an verschiedenen Brillen montieren. Damit wird ein klarer Nachteil früherer Modelle ausgeräumt – musste das Hörgerät zur Reparatur, fehlte gleich noch die Brille…

Nebelhorn

Für Brillenträger könnte so eine Hörbrille also durchaus was sein – vor allem für solche, denen es unangenehm ist, neben dem Brillenbügel noch ein Hörgerät hinterm Ohr zu haben. Allerdings kenne ich sehr viele Leute, für die das überhaupt kein Problem ist. – Und ich würde das sogar aus eigener Erfahrung bestätigen (wobei ich meine Hörgeräte nur selten trage, um sie mal Journalist*innen vorzuführen; sonst brauche ich noch keine Hörgeräte). Aber das ist individuell verschieden. Die Tatsache, dass es immer wieder neue Hörbrillen gibt, spricht dafür, dass es auch Leute gibt, die sie mögen.

Taschenhörgerät

Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten 20 Jahren mal jemanden mit einem Taschenhörgerät getroffen zu haben. Man sieht die eher mal in Sammlungen mit alter Hörtechnik – etwa im kleinen Hörgeräte-Museum der Akademie für Hörakustik in Lübeck. Oder es liegt mal eins auf dem Flohmarkt herum. Aber ich treffe immer wieder Leute, die früher ein Taschenhörgerät hatten (oder die vielleicht Großeltern hatten, die so was trugen). In ärmeren Ländern, in denen schwerhörige Menschen oft froh sind, überhaut eine technische Hilfe zu haben, sind bestimmt noch viele Taschenhörgeräte im Einsatz. Und es soll auch bei uns noch einzelne, sehr stark hörgeschädigte Träger*innen von Taschenhörgeräten geben; denen diese Lösung nach wie vor Vorteile bietet.

Stark verbreitet waren Taschenhörgeräte in Deutschland bis in die 60er Jahre. Sie waren die ersten elektronischen Hörgeräte überhaupt. Zu jedem Gerät gehört ein kleines Kästchen, in dem die Technik steckt, und das – wie der Name sagt – in einer Tasche getragen wird. Neulich erzählte mir jemand von seinem Opa und dessen Taschengerät; die Oma hatte ihm dafür passende Täschchen gehäkelt, und der Opa trug die dann immer auf der Brust. Oft wurden die Kästchen aber auch unter der Kleidung versteckt. Ein Problem war dann allerdings, dass die Kleidung den Empfang ziemlich stören konnte.

Tonbandgerät

Vom Kästchen führte ein Kabel bis zum Ohr. Und in das Ohr kam ein Hörer – also ein kleiner Knopf mit einem Ohrpass-Stück, das für jeden Gehörgang maßgefertigt wurde. Ein Vorteil ist, dass der Hörer im Ohr und das Mikrofon am Kästchen sehr weit auseinander sind. Dadurch kommt es nicht zum Rückkopplungspfeifen, das bei späteren Geräten oft ein Problem war (heute eigentlich nicht mehr). Dieser Vorteil ermöglichte eine noch größere Leistung als bei den Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten bzw. HdOs. (Viele Leute nahmen aber trotzdem HdOs, weil die weniger zu sehen waren.)

Tinnitus-Masker

Unter einem Tinnitus versteht man Ohrgeräusche, die eigentlich gar nicht da sind, die man aber trotzdem hört. Vielleicht hattest du so was gelegentlich mal; das wäre völlig normal. Wenn der Tinnitus jedoch nicht mehr weg geht und richtig nervt, ist er natürlich ein Problem. (Dem Tinnitus will ich mich noch in einem extra Beitrag widmen…)

Auf jeden Fall helfen Hörakustiker*innen nicht nur, wenn das Gehör nachlässt. Viele bieten auch spezielle Angebote für eine Tinnitus-Therapie. (Wobei man inzwischen davon ausgeht, dass Tinnitus häufig mit einem geminderten Gehör zu tun hat.) Ein Tinnitus-Masker sieht eigentlich wie ein Hörgerät aus. Er nimmt aber keinen Schall auf, sondern erzeugt bestimmte Geräusche, die das nervende Ohrgeräusch überdecken sollen. Man wird dadurch vom Tinnitus abgelenkt.

Abgesehen von solchen Maskern gibt es auch viele Hörgeräte, die verschiedene Funktionen zur Linderung von Tinnitus gleich mit eingebaut haben. Und es gibt Tinnitus-Apps, die man in Verbindung mit Kopfhörern nutzen kann. – Wie gesagt, Tinnitus ist ein weites Feld, darüber muss ich noch extra schreiben.

Knochenleitungshörgerät

Auch über das Thema Knochenleitung folgt mal ein separater Beitrag. – Im Artikel über die erste Exkursion ins Ohr hatten wir beschrieben, wie der Schall über die Luft bis zum Trommelfell kommt, von wo er dann weiter transportiert werden kann. Aber Schall wird nicht nur von der Luft übertragen, sondern auch von anderem Material. (Sonst käme er ja z. B. durch keine Wand hindurch…)

Auto-Hupe

Auch unsere Knochen können Schall sehr gut weiterleiten. Und das lässt sich für Hörtechnik nutzen: Bei den meisten schwerhörigen Menschen kann das Innenohr bzw. die Hörschnecke hohe Töne nicht mehr verarbeiten. Es gibt jedoch auch Fälle von Schwerhörigkeit, bei denen das Innenohr völlig in Ordnung ist. Der Schall könnte dort problemlos verarbeitet werden. Er kommt aber gar nicht im Innenohr an. Weil es nämlich ein Problem mit der Übertragung durch die Luft gibt. Es funktioniert etwas mit dem Gehörgang oder mit dem Mittelohr nicht. Häufiger gibt es das z. B. bei Menschen mit Syndrom-Erkrankungen wie dem Down-Syndrom oder dem CHARGE-Syndrom. Zudem können Knochenleitungshörgeräte auch dann in Frage kommen, wenn das Ohr ständig entzündet ist oder wenn es Technik im Gehörgang grundsätzlich nicht verträgt.

Der Trick bei Knochenleitungshörgeräten ist, den Schall über einen anderen Weg bis ins Innenohr zu übertragen – eben über den Schädelknochen. Dafür braucht man einen Schallwandler, der den Schall in Vibrationen umwandelt. Und man braucht Druck auf den Schädelknochen. Denn nur dann kommen die Vibrationen tatsächlich durch die Kopfhaut hindurch am Knochen und schließlich im Innenohr an.

Lösungen, wie das bewerkstelligt werden kann, gibt es mehrere. Zum einen gibt es Hörbrillen mit Knochenleitung, die dann Knochenleitungshörbrillen heißen (ein beeindruckend langes Wort!). Bei diesen Brillen werden die Vibrationen über die eng anliegenden Brillenbügel abgegeben.

Klangschale

Außerdem gibt es Varianten, bei denen man ein Stirnband trägt; das kenne ich vor allem von kleinen Kindern. Und es gibt Kopfbügel. (Da sehen die neuesten Modelle ungefähr so aus wie Headsets, die man zum Joggen nehmen kann.)

Grundsätzlich gibt es bei Knochenleitungshörgeräten aber einen beschränkenden Faktor: die Übertragung durch die Haut, die nur bei Druck funktioniert. Die Haut schluckt ein Stück vom Schall, der übertragen werden soll. Eine Alternative bieten so genannte knochenverankterte Hörgeräte. Die stelle ich dir in einem Folge-Beitrag über implantierbare Hörlösungen vor.

PS: Für diesen Beitrag über seltenere Hörgerätearten habe ich mir Bilder von hübschen Dingen rausgesucht, die man hören kann – mit oder auch ohne Technik: eine alte Auto-Hupe aus Köln, eine Klangschale aus einem Technik-Museum in Peenemünde, ein Nebenhorn aus einem Heimatmuseum an der Ostsee, ein altes Tonbandgerät, das als Deko auf der Young IFA in Berlin stand, und eine Feuerglocke aus Wernsdorf bei Berlin, die laut Vereinsvorstand nur im Notfall benutzt werden darf. Auf Abbildungen von aktueller Hörtechnik verzichten wir grundsätzlich. Wenn du dir die neuesten Hörbrillen oder Knochenleitungshörgeräte anschauen willst, musst du einfach „Hörbrille“ oder „Knochenleitungshörgerät“ bei Google eingeben.


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4 Kommentare. Leave new

  • Danke für diesen tollen Blog. Macht weiter so.

    Antworten
    • MSchaarschmidt
      11. November 2018 11:03

      Herzlichen Dank! Wir machen auf jeden Fall weiter – sozusagen smart und gelassen und motiviert von solchem Feedback:-)

  • Schöner Blog und sehr gut zu lesen… aber so richtig angetan hat es mir die “Hörgräte”. Solltest Du diese mal auf einem T-Shirt verewigen gib Bescheid ☺ Wo bitte geht´s denn hier zum Hörgräten-shop??
    Herzliche Grüße pet.

    Antworten
    • MSchaarschmidt
      23. November 2018 1:16

      Herzlichen Dank, das freut mich sehr. Und die Hörgräte auf T-Shirt stelle ich mir auch sehr nett vor. Steht zwar schon auf meiner Liste, gibt es aber leider noch nicht. Und den Shop auch noch nicht. (Der steht noch nicht mal auf der Liste.) Aber wenn ich mit den T-Shirts soweit bin, gebe ich auf jeden Fall Bescheid:-)

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