Can you hear me, Mr. President?

Über amerikanische Präsidenten und Hörgeräte
Glückwunschkarten Donald Trump

Amerikanische Präsidenten und Hörgeräte? – Es liegt in der Natur der Sache, dass mächtige, ältere Herren Hörprobleme haben – und diese dann nicht einfach ignorieren können. Das Hörproblem selbst interessiert ja nicht, ob der, bei dem es sich einstellt, vielleicht der mächtigste Mann der Welt ist. Jedes Hörvermögen ist begrenzt – genauso, wie jede menschliche Macht begrenzt ist. Immerhin gibt es Hörgeräte

Ein Pistolenschuss und der „Reagan-Boom“

Eine Reihe amerikanischer Präsidenten hatten ein besonderes Verhältnis zu Hörgeräten – auf die eine oder andere Art. Ronald Reagan hatte schon vor seiner Präsidentschaft über Jahrzehnte auf dem rechten Ohr ein Hörproblem – und kein Hörgerät. Ursache war ein Pistolenschuss. Der war bei Dreharbeiten versehentlich losgegangen – in unmittelbarer Nähe seines Kopfes. – Ein 38er Revolver.

Als sich Reagan 1980 um das Präsidentenamt bewarb, war er der bis dahin älteste Kandidat. Er fühlte sich fit, aber die Frage nach seinem Gesundheitszustand wurde zum Wahlkampfthema. Seine Berater empfahlen, den Hörverlust nicht zu erwähnen. Er aber war für Offenheit. Schließlich wurde 1983 in einer Pressemitteilung des Weißen Hauses bekanntgegeben, dass der Präsident aufgrund seiner Schwierigkeiten, Sprache zu verstehen, jetzt ein Hörgerät trägt. Außerdem erklärte Reagan in dieser Mitteilung auch noch, er wolle anderen Leuten mit Hörproblemen Mut machen. Sie sollten ebenfalls welche tragen.

Die Wirkung war damals enorm. Auf dem amerikanischen Markt zog die Nachfrage nach Hörgeräten sprunghaft an. In der Hörgeräte-Industrie sprach man vom „Reagan-Boom“. Jahre später hörte Reagan dann auch auf dem anderen Ohr nicht mehr gut. Er nutzte von da an zwei Hörgeräte. Und er machte sich weiter dafür stark, dass Leute Hörgeräte tragen, wenn sie welche brauchen.

Buch "Die Hand am Ohr" und Hörgräte

Eine Pressekonferenz über Clintons Gehör

Bill Clinton war 51, als er seine ersten Hörgeräte bekam. Sehr hohe Töne hatte er schon Jahre vorher nicht hören können. Schließlich verstand er auch Sprache nicht mehr zuverlässig. Also gab der Sprecher des Weißen Hauses in einer Pressekonferenz bekannt: Der Präsident wird zwei Hörgeräte bekommen.

Die anwesenden Journalist*innen hatten Fragen, zu deren Beantwortung der Sprecher auch den Leiter von Clintons HNO-Klinik hinzuzog. (Ausführlich wiedergegeben wird diese Pressekonferenz – und auch die Geschichte von Ronald Reagan und seinen Hörgeräten – im Buch auf dem Foto, dessen Angaben unten noch folgen.)

Ich zitiere hier nur eine Frage, die ich besonders interessant fand: „Hat der Präsident die Befürchtung, man könnte die Hörgeräte als ein Zeichen der Schwäche ansehen?“ – Darauf Clintons HNO-Arzt: „Er hat das eine Zeit lang befürchtet und deswegen gezögert, Hörgeräte zu benutzen. Aber wir haben ihn überzeugen können, dass er es tun sollte.“ – Und seitdem soll Bill Clinton täglich Hörgeräte tragen. Zumindest damals hatte er besonders kleine Geräte, die komplett im Gehörgang verschwinden.

Yes we can hear!

Barack Obama brauchte (noch) keine Hörgeräte. Immerhin hat ein Hersteller von Cochlea-Implantaten ihn gleich nach Amtsantritt in einem Werbeslogan zitiert: Yes we can hear! Und auch Obama hat sich Gedanken über Hörgeräte gemacht. Anders als in Deutschland werden die von den US-amerikanischen Krankenkassen nämlich nicht finanziert bzw. bezuschusst, sondern sie müssen – von Ausnahmen abgesehen – komplett aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Obamacare hat bzw. hätte da wenig geändert. Favorisierte Lösung war vielmehr, die privaten Kosten für Hörgeräte zu senken. Ein ziemlich fragwürdiger Ansatz.

Club in Hannover

Als ich zur Hörgeräte-Messe in den USA war, sah ich in einem Supermarkt einem Mann zu, wie er sich eine Brille kaufte. Er stand vor einem Regal mit fertigen Brillen und verschiedenen Gläsern drin (d. h. nicht diese Standard-Lesebrillen oder so was). Die probierte er durch. Und offensichtlich interessierte es ihn weniger, wie er mit der einen oder anderen Brille aussieht. Es ging mehr darum, wie bzw. was er sieht. Beratung gab es nicht.

Genau das ist die Einspar-Idee, die schon unter Obama auch für Hörgeräte verfolgt wurde: so genannte OTC-Hörgeräte. Die Abkürzung steht für Over-the-Counter. Wer einen geringen bis mittleren Hörverlust hat, soll einfach ins Geschäft gehen, sich Geräte kaufen, um sie ggf. übers Internet selbst noch ein bisschen einzustellen. Einfache Technik. Die Betreuung durch den Hörakustiker (in den USA meist durch den Audiologen) fällt weg. Keine Beratung, keine Anpassung, keine Betreuung.

Donald Trump und Over-the-Counter

Für Deutschland ist ein solcher Sparansatz (hoffentlich) nicht denkbar. – Auch wenn sich das mit den OTC-Geräten vielleicht simpel anhört. Wenn man einmal miterlebt hat, wie komplex und aufwändig es sein kann, ein Hörproblem wirklich gut auszugleichen… Dann ist völlig klar, dass man diesen Service nicht einfach weglassen kann, ohne deutliche Abstriche in der Qualität hinzunehmen. Und Abstriche in der Qualität führen schnell dazu, dass die Geräte gar nicht getragen werden.

Hörgräte mit Trump

Donald Trump hat den Ansatz seines Vorgängers dennoch aufgegriffen und sich schon wenige Wochen nach Amtsantritt erstmals zu Hörgeräten geäußert: 80 Prozent der Amerikaner, die schlecht hören, könnten keine Hörgeräte bezahlen! (Was sicherlich so nicht stimmt. Denn auch in Ländern, in denen die Kassen für Hörgeräte zahlen, tragen viele Menschen mit Hörproblem keine.) Trump nannte zugleich auch diejenigen, die die Schuld an der Misere trügen – die Hörgeräte-Industrie (die übrigens zum weitaus größten Teil in Europa sitzt) und vor allem die geldgierigen Audiologen.

Keine Ahnung, ob Trump auch ein Hörproblem hat. Ich spare mir hier mal weitere Zeilen über Donald Trump. Und immerhin – er bringt mich gerade auf die Idee für einen anderen Blog-Artikel, den ich demnächst mal schreiben müsste: einen über den Zusammenhang von Hörverlust und Demenz. Es gibt da nämlich eine Reihe sehr interessanter Studien…

Galerie-Schaufenster Spiegelstraat Amsterdam

PS 1: Das im ersten Teil des Beitrags über Präsidenten und Hörgeräte zitierte Buch „Die Hand am Ohr – eine kleine Geschichte der Hörhilfen“ von Rainer Hüls ist 2009 im Innocentia-Verlag Hamburg erschienen. Es ist also inzwischen schon etwas älter. Man bekommt es aber noch. Ich kann es dennoch empfehlen und werde es hier sicherlich auch hin und wieder erneut zitieren.

PS 2: Neben dem Foto mit unserer Buchempfehlung gibt es noch zwei aus Amsterdam (eines mit etwas speziellen Glückwunschkarten und eines mit dem Schaufenster einer Galerie in der Spiegelstraat), außerdem ein Bild von einem Club in Hannover und eines, auf dem die Hörgräte belauscht, wie Donald Trump nicht versteht.


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