Klingende Drahtesel

Fahrradklang bzw. Fahrräder und Akustik
Illustration zum Beitrag über Fahrradklang

Fahrrad und Akustik? Auf das Thema Fahrradklang bin ich eigentlich nur gekommen, weil ich zuvor über Autos und Akustik gebloggt hatte. Doch während bei Autos die Akustik nahe liegt, weil man sie zumindest in den Städten immer und überall (mehr oder weniger) hören kann, scheint es mit Fahrrädern etwas schwieriger zu sein. Was sind überhaupt ein Fahrradklang? Ist das die Fahrradklingel? Aber die hört man ja nicht ständig. Sind es irgendwelche Schleifgeräusche? Die hört man nur, wenn mit dem Fahrrad irgendwas nicht stimmt.

Fahrräder haben vielleicht nicht das eine, typische Geräusch. Sie haben keinen Motor, der ihre Akustik dominiert. (Von E-Bikes reden wir hier nicht.) Ein wichtiger Punkt beim Zusammenhang von Fahrrad und Akustik ist: Fahrräder sind leise. Sie sind keine Maschinen. Oder besser gesagt: Du selbst wirst in Verbindung mit deinem Rad zu einer Art Maschine. Der Fahrradklang ist sozusagen ein unmittelbar von Menschen gemachter Klang.

Ein Geräusche-Fotoshooting

Vor einigen Jahren bekam ich den Auftrag, das Konzept für eine PR-Kampagne zu entwickeln. Es ging um Cochlea-Implantate (kurz CI) und um Geschichten von Menschen, die mit CI leben. Unter anderem sollten bei einem Foto-Shooting Porträts von ihnen gemacht werden. Ich habe schon in anderen Beiträgen geschrieben, was Cochlea-Implantate sind. Hier nur so viel: Sie können Menschen den Zugang zum Hören ermöglichen, die selbst mit stärksten Hörgeräten nicht mehr ausreichend verstehen.

Abbildung zum Artikel über Fahrradklang

Die CI-Träger*innen, die beim Shooting mitmachten, waren ganz verschieden. Ein kleines Mädchen, das gerade in die Schule kam, ein junger Mann, der mitten im Studium steckte, eine Frau, die fast 80 war, früher als Schneiderin gearbeitet hatte und sich ihre Blusen immer noch selbst nähte. Ich kam auf die Idee, die Foto-Porträts mit einer kleinen Geschichte zu verbinden. Jeder sollte zum Shooting einen alltäglichen Gegenstand mitbringen, den er oder sie gerne hört. Das Mädchen brachte ein pinkfarbenes Keyboard mit. Die alte Schneiderin hatte die Platte von einem Schlagerstar dabei, dessen Songs sie schon als junge Frau gehört hatte. Und dann war da der freundliche Herr S., Mitte 60, pensionierter Zahntechniker und leidenschaftlicher Sportler. Doch beim Geräusche-Gegenstand, den Herr S. zum Shooting mitbrachte, hatte ich Erklärungsbedarf.

Herr S. und sein Lieblingsgeräusch

Herr S. brachte zum Fotoshooting sein Rennrad mit. Auf dem fährt er jeden Tag. Er trainiert, ist extrem fit und startet gemeinsam mit seinem Team bei den sogenannten Jedermanns-Rennen. Ich verstand, dass das Rad ein wichtiger Teil seines Lebens ist. Aber wo bitte war das Geräusch? An diesem Rad gab es nicht mal eine Klingel…

Doch Herr S. verstand meine Nachfrage nicht. Oder besser gesagt: Er verstand gar nicht, warum mir das mit seinem Geräusch nicht klar war. Sein Lieblingsgeräusch war der Freilauf seines Hinterrades. Die Laufräder der verschiedenen Hersteller klingen nämlich alle etwas anders, erklärte er mir. In einem Fahrerfeld könne er die verschiedenen Marken sogar an ihrem Klang heraushören. Seines würde zum Beispiel surren. Es sei ein richtig guter, angenehmer Klang und ganz wunderbar, dieses Surren zu hören.

Fahrradräder

Für Herrn S. gehörte dieses Geräusch irgendwie zum Radfahren dazu. Und er hatte diesen Fahrradklang aufgrund seiner starken Schwerhörigkeit Jahre lang nicht mehr wahrnehmen können. Erst mit dem CI war es für ihn wieder da.

Fahrradklang – der Sicherheitsaspekt

Später habe ich Herrn S. noch ausführlich zum Thema Radsport mit Hörtechnik interviewt. Er hört auf einem Ohr mit CI und auf dem anderen mit Hörgerät. (Das nennt man dann bimodale Hörversorgung, also eine Versorgung mit zwei (bi) unterschiedlichen Modi bzw. Technologien). Er benutzte beim Fahren sogar noch ein Mikrofon bzw. trägt das einer seiner Teamkollegen. Der kann ihm dann Dinge direkt in die Hörtechnik flüstern, selbst wenn er zich Meter vor oder hinter ihm fährt.

Außerdem berichtete Herr S., wie wichtig Hören beim Radfahren für die Sicherheit ist. Das gilt natürlich nicht nur für Radfahrer, sondern auch für Fußgänger, denen Radfahrer auf der Straße begegnen. Fahrräder sind eben leise. Fahrradklingeln sind hoch. Und wer ein gemindertes Gehör hat, der hat meist zwei Handicaps: Er hört hohe Töne nicht mehr, und er kann Töne auch nicht mehr zuverlässig orten. Wenn in einer Stadt wie Berlin z. B. ein eiliger Fahrradkurier unterwegs ist, dann klingelt der eben nur einmal…

Mobil oder nicht mobil, das ist die Frage

Apropos Berlin – ich hoffe fest darauf, dass dem Fahrradfahren in meiner Heimatstadt noch eine große Zukunft bevorsteht, und das nicht nur aus akustischen Gründen. Wie bereits beschrieben, scheint die Stadt gerade unter ihrem Autoverkehr zu kollabieren. Ich bin selbst Autofahrer. Aber die Idee des Autos stößt hier einfach an ihre Grenzen. Es macht in meiner Stadt oft gar keinen Sinn mehr, mit dem Auto zu fahren. Man steht nur im Stau, weiß nie, wann man ankommt, findet keinen Parkplatz, lässt endlos Nerven, und wenn man Pech hat, muss man wieder in die Werkstatt, weil der Platz für die eigene Karre zu klein war – Schuld oder nicht Schuld, egal.

Fahrradschrott aus einerr Gracht

Ich habe das Fahrradfahren für mich entdeckt und fahre mein Rad, wann immer es geht. Radfahren bringt ein bisschen Bewegung. Und ich finde, es bringt einen spannenden Perspektivwechsel, weil du die Welt, in der du dich bewegst, ganz anders wahrnimmst als in einem Auto. Und was ganz wichtig ist: Radfahren ist tatsächlich Mobilität. Du kommst voran. Ich fahre an endlosen Schlangen wartender, stockender Autos vorbei und erlebe dabei mitunter tatsächlich so was wie ein Gefühl von Freiheit.

Weiße Geisterräder und Normalität

Das Problem in einer Stadt wie Berlin ist jedoch, dass du als Radfahrer sehr gefährlich lebst (hier die Statistik). Anders als in Städten wie z. B. Amsterdam war Radfahren in Berlin traditionell eher eine Art Randerscheinung. Es fehlt an sichern Radwegen. Es gibt täglich schwere Unfälle. Allein im vergangenen Jahr starben 45 Menschen. An den Stellen, an denen der tödliche Unfall passiert ist, wird dann zur Mahnung ein weißes Fahrrad, ein Geisterrad aufgestellt.

ein Fußgängerschild - Illustration zum Beitrag über Fahrradklang

Dennoch werde ich den Eindruck nicht los, dass diese Unfälle in manchen führenden Köpfen der Stadt immer noch als eine Art Kollateralschaden eingeordnet werden. (Ein Kollateralschaden ist ein Schaden, der nicht beabsichtigt ist und nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ziel der Aktion steht, aber dennoch in Kauf genommen wird; ein Wort aus dem Krieg.) Unfälle mit Radfahrern sind sozusagen ein trauriger aber hinnehmbarer Nebeneffekt von Autoverkehr. Nicht viel anders als der Lärm, der ebenfalls ein hinnehmbarer Nebeneffekt von Autoverkehr ist. Höchste Zeit, das alles einmal gründlich zu hinterfragen!

PS 1: Die Fotos zum Beitrag über den Fahrradklang stammen aus Amsterdam: Fahrradräder, Fahrräder, die aus den Grachten geholt wurden, eine Fahrradklingel mit Nijntje, dem berühmtesten holländischen Kaninchen…

PS 2: Das Thema Mobilität und Hören finde ich spannend, und ich will darüber auch noch mehr bloggen – später mal.


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