Das allgegenwärtige Mysterium

Über ein tolles „Hör-Buch“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw
Die Hörgräte mit einer Illustration aus dem Buch „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw

Bücher, die über das Hören informieren, gibt es schon viele, und oft stehen die gleichen Dinge drin. Im Buch von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw, das „HÖREN“ heißt, stehen auch Dinge drin, die man schon in vielen anderen „Hör-Büchern“ nachlesen konnte. Aber das ist nicht der Grund, warum wir es hier vorstellen. Es geht nicht um viele neue Fakten, eher um ein besonderes Erlebnis – und um Wissensvermittlung, die scheinbar einfach, und gerade deshalb nicht so leicht zu machen ist.

Sätze wie Türen in einen neuen Raum

Wer das Buch von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw nur runterliest, ist in einer viertel Stunde fertig. Auf jeder Seite stehen nur ein, zwei kurze, prägnante Sätze. Aber die haben es in sich. Sie sind wie Türen, die in die Welt des Hörens führen. Hören erscheint in diesem Buch wie ein Raum, den man zwar kennt, den man hier jedoch zugleich neu entdecken kann – sogar dann, wenn man sich schon lange mit dem Thema Hören beschäftigt.

Über manche der kurzen Texte kann ich lange nachdenken, zum Beispiel: „Die Stimme der Natur ist noch immer dieselbe. Wir hören sie so, wie sie schon unsere Urgroßeltern gehört haben.“ Oder über das: „Manchmal verstehen wir uns nicht. Dann fühlen wir uns einsam. Aber man kann eine gemeinsame Sprache finden und den anderen sogar ohne Worte verstehen.“

Orchestergemüse, Knallkrebs und Stille

Natürlich werden in „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw alle Basics des Hörens vorgestellt, also dass das Ohr einen Gehörgang, ein Trommelfell und eine Schnecke hat, dass man Schall nicht sehen kann, dass man die Lautstärke in Dezibel und die Tonhöhe in Hertz misst usw.

Ganz nebenbei erfährt man noch Dinge, die man vielleicht tatsächlich noch nie gehört hat. Zum Beispiel, wie ein Teremin gespielt wird (indem man die Hand in der Luft bewegt), oder dass die Gruppe The Vegetable Orchestra ihre Stücke auf geschnitztem Gemüse spielt, aus dem nach jedem Konzert eine Suppe gekocht wird. Oder dass der Grashüpfer sein Ohr auf dem Knie hat. Oder dass das lauteste Tier entweder der Pottwal oder der Knallkrebs ist. Und dass die Wachsmotte bis zu 300 Kiloherzt hoch hören kann, und dass es 7.000 Sprachen gibt, die alle anders klingen (außerdem 150 Gebärdensprachen). Oder wo der Unterschied zwischen einem Tonmeister, einem Toningenieur und einem Tontechniker ist. Oder dass der Architekt David Hanawalt und der Sounddesigner Willialm Close ein Haus gebaut haben, dass die Klänge der Natur drum herum verstärkt: Durch die Fenster hört man die Geräusche des Windes noch deutlicher und Regen auf dem Dach klingt wie Trommeln.

Illustration zur Rezension des Buchs „HÖREN“ auf www.die-hörgräte.de

Auch die Stille bekommt in „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw ihren Platz. („Manchmal finden wir in der Stille, wonach wir lange gesucht haben, und hören das wirklich Wichtige: wie das Klopfen zweier Herzen.“)

Poetische Bilder für ein unsichtbares Thema

Noch mehr als anregende Sätze und interessante Informationen zählt bei „HÖREN“ jedoch die besondere Atmosphäre, die die Designer und Illustratoren Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw in ihrem Buch geschaffen haben. Der Leser wird vor allem zum Betrachter. (Oder die Leserin zur Betrachterin.)

Wie schwierig es ist, Hören in Bildern einzufangen, darüber hatten wir hier schon geschrieben. Zur „Bilder-Hör-Welt“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw gehören schöne, poetische Bilder, die etwas anschaulich machen, was man ja eigentlich gar nicht sehen kann… Ein Mann mit Regenschirm, der durch einen strömenden Regen aus Geräusche-Worten (ächzen, gackern, heulen, klirren usw.) geht. Eine Harfe, deren Schallwellen wie kleine Blüten aussehen. Überhaupt verschiedenste Formen von Schallwellen

Bilder mit Worten zu beschreiben (wie wir das hier gerade versuchen), hat natürlich Grenzen. Und die paar Bildchen hier im Artikel geben nur einen ersten Eindruck. Deshalb sollte man sich „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw doch besser kaufen, es in Ruhe ansehen und dabei einen Kosmos entdecken, vielleicht staunen und überrascht sein.

Vom Urknall bis zur eigenen Stimme

Jede neu aufgeschlagene Doppelseite bringt kleine Entdeckungen. Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw spannen den Bogen von der großen Stille und dem Urknall* (als dem Beginn des Universums und des Hörens) bis zum Finden unserer eigenen Stimme (nach der Geburt) und zum ersten Erkunden der Welt durch das Hören. Dazwischen liegen weitere Hör-Stationen: Man gelangt in ein buntes Orchester, in den vielfältig klingenden menschlichen Körper, in ein von Geräuschen durchdrungenes Haus, in eine lärmende Stadt, in tönende und lauschende Natur, und dabei blüht, sprudelt, tropft, rinnt, flutet der Schall überall…

Also: „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw ist ein kleines Buchkunstwerk und eine poetische Entdeckungsreise, die die Hörgräte wärmstens empfehlen kann. Ist das Buch ein Kinderbuch? Es ist sicherlich ein tolles Buch für Kinder. Aber es ist auch ein prima Geschenk für Erwachsene – zum Beispiel für solche, die sich beruflich mit dem Thema Hören beschäftigen, und für jene, die gerne hören.

*Im Buch gibt es sogar einen Link, unter dem man sich Urknallgeräusche anhören kann – so wie sie der Physiker John G. Cramer berechnet und rekonstruiert hat. Den Link haben wir hier übernommen.

Die Hörgräte mit einer Illustration aus dem Buch „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw

Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw

Beide wurden 1984 geboren, und sie leben und arbeiten in Lwiw (in der Ukraine). Nach ihrem Studium an der Nationalen Akademie der Künste gründeten sie das Studio Agrafka und arbeiten seitdem als Autoren, Designer und Illustratoren. Zusammen haben sie zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben, illustriert und gestaltet. International erfolgreich sind ihre Bücher in 22 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bologna Ragazzi Award 2018.

PS 1: Die Bilder zum Buch „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw zeigen die Hörgräte mit dem Titel und mit einigen der Buchseiten.

PS 2: „HÖREN“ von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw, übersetzt aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, ist 2021 im Verlag Gerstenberg erschienen, ISBN 978-3-8369-6051-9, 56 Seiten, Preis 20,00 Euro.


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