Zukunft der Hörakustik

Ausblicke für angehende Hörakustiker*innen, Ausbildungsserie Teil 6
Klangkopf beim EUHA-Kongress 2021

Zukunft der Hörakustik? – In den vorangegangenen fünf Beiträgen dieser längsten unserer Artikelserien ging es darum, wie man Hörakustiker*in wird und was man im Anschluss an die Ausbildung machen kann. Ein Fazit: Hörakustik ist ein Beruf mit Zukunft (schon wegen der vielen schwerhörigen Leute…). Aber stimmt das auch? Wer sich in der Hörakustik-Branche umhört, hört auch Meinungen, die für das Gegenteil sprechen. Hellsehen kann niemand. Also, wenn wir hier schon für einen Ausbildungsberuf werben, müssen wir auch der Frage nach der Zukunft der Hörakustik auf den Grund gehen. Wer will schon etwas lernen, was keine Zukunft hat?!

Zukunft der Hörakustik? – Berufswelt im Wandel

Tatsache ist, dass sich die Berufswelt heute so schnell verändert wie nie zuvor. Es gibt immer neue Berufe, meist mit beeindruckend klingenden Namen (Call Center Agent, Facility Manager, Real Estate Broker…) Berufe, die es jahrhundertelang überall gab, führen nur noch ein Nischendasein oder verschwinden. Das betrifft nicht nur alte Handwerksberufe wie Seiler, Kürschner oder Böttcher. Auch Bäcker backen nicht mehr selbst. Wer braucht noch Schriftsetzer? Wenn man „Drucker“ googelt, findet man Kaufangebote für Maschinen…

Technologie hat viele Berufe völlig verändert oder sogar überflüssig gemacht. Gerade Handwerksberufe wurden von industrieller Fertigung und Importen an den Rand gedrängt. Mitunter rächt sich das, weil man die Handwerker plötzlich wieder braucht und sie nicht mehr da sind. In vielen Bauhandwerken z. B. herrscht seit Jahren Fachkräftemangel.

Technologie ersetzt eben nicht alles. Auf der anderen Seite gibt es Handwerksberufe, die durch neue Technologie befördert wurden. Dazu zählen vor allem die Gesundheitshandwerke, also sowas wie Zahntechniker, Optiker, Orthopädietechniker – und eben auch Hörakustiker. Die Digitalisierung brachte eine „Hörgeräte-Revolution“. Statt die Geräte weiter mit Schraubenzieher einzustellen, begann man, sie am Computer zu programmieren… Diese Revolution liegt schon ein Vierteljahrhundert zurück, so dass sich viele Hörakustiker*innen nicht mehr daran erinnern können.

Friseure, Hörakustiker und die Befürchtungen

Ich denke, je näher eine Tätigkeit Menschen kommt, je mehr sie die Individualität eines Menschen berücksichtigen muss, desto weniger kann sie allein von Maschinen übernommen werden. – Könnte ein Roboter den Lehrer in der Schule ersetzen? Würdest du dir von einem Roboter die Haare schneiden lassen? Um anderen die Arbeit von Hörakustikern zu erklären, finde ich den Vergleich mit einem Friseur in gewisser Weise ganz passend. Haare schneiden ist ähnlich individuell wie Hörgeräte einstellen. Viele Leute legen großen Wert darauf, immer von der gleichen Friseurin die Haare geschnitten zu bekommen. Beim Hörgeräte-Anpassen ist ein solches Vertrauensverhältnis ebenso wichtig.

Werbeaufsteller für den Future Friday EUHA-Kongress 2021

Dennoch haben manche Hörakustiker*innen die Befürchtung, man könnte sie nicht mehr brauchen und durch Technik ersetzen: Ohren werden mit Technik ausgemessen, individuell passende Hörgeräte werden von Technik gefertigt und die Programmierung der Geräte läuft über das Internet; am besten stellt man sich die Hörgeräte über eine App selbst ein usw.

Dass das technisch prinzipiell geht, glaube ich. Dass daraus etwas wird, was Menschen dazu bringt, mit Hilfe von Technik wieder gut zu hören, glaube ich nicht. Dafür sind Mensch und Hörsinn zu kompliziert gestrickt. Rico, ein Hörakustiker-Meister, den ich zur Zukunft der Hörakustik interviewt habe, sieht das ähnlich. Er geht jedoch auch davon aus, dass sich die Hörakustik in der Zukunft weiter verändern wird.

Blick in die Zukunft der Hörakustik

Ein entscheidender Punkt ist Ricos Ansicht nach die Entwicklung der Technik, mit der wir es täglich zu tun haben, auch der Hörgeräte-Technik: „Ich denke, wenn wir heute telefonieren, dann tun wir das immer noch so wie im 19. Jahrhundert“, erklärte mir Rico. „Wir haben zwar keine Kurbel mehr, aber wir nehmen das Telefon und halten es uns ans Ohr. Das wird sich ändern. Zugleich wird das Smartphone immer mehr zu einer Schnittstelle zwischen dem Menschen und dem Wissen der Welt. Wenn ich früher in der Schule einen Vortrag halten musste, ging ich zur Bibliothek und habe Lexika durchsucht. Heute bekomme ich das alles auf einen Klick. Es ist eigentlich immer noch unfassbar. Das gesamte Wissen der Welt passt in eine Hosentasche. Und dieses Wissen kann uns erreichen – über das Ohr.“

Und dann erklärte mir Rico, dass es in einigen Jahren keine Hörgeräte mehr geben wird: „Das klingt jetzt vielleicht revolutionär“, meinte er. „Aber es wird einfach der Lauf der Geschichte sein. Denn wir werden dann alle etwas am Ohr tragen – wie auch immer dieses Etwas heißt. Und es wird drei Dinge lösen: Es wird mich bei der Kommunikation mit Familie und Freunden oder im Beruf unterstützen, etwa in geräuschvoller Umgebung. Zum zweiten wird es mein Gehör vor Lärm schützen. Und zum dritten wird es einen beginnenden Hörverlust ganz nebenbei ausgleichen. Darüber hinaus werden diese Geräte kabellos viele weitere Anbindungen ermöglichen, die nicht unmittelbar mit dem guten Hören zu tun haben.“

Foto zum Beitrag über die Zukunft der Hörakustik auf die-hörgräte.de

Diese zukünftige Ohrtechnik wird jeder nutzen. Und den Hörakustikern könnte dann eine ganz besondere Rolle zukommen: „Wir als Hörakustiker sind sozusagen seit Anfang der 60er Jahre Vorbereiter dieser Entwicklung hin zur Technik im Ohr“, so Rico. „Und wir sind deshalb auch gut beraten, uns heute mit dieser Perspektive auseinanderzusetzen. Wir verkaufen schon jetzt smartes Hören, übermorgen will es jeder haben.“

Sich mit der Entwicklung entwickeln

Dafür – so mein Gesprächspartner weiter – sei es jedoch auch wichtig, die technologischen Trends mitzugehen, als Hörakustiker*in das eigene Know-how mit der Technik weiterzuentwickeln. Man dürfe die Entwicklung nicht verpassen. Sonst würde man nämlich irgendwann aufwachen und feststellen, dass es solche Produkte schon in jedem Handy-Shop zu kaufen gibt – nur eben viel schlechter und in 0-8-15, nicht so perfekt individualisiert, wie es nur Hörakustiker*innen hinbekommen.

Der Hörakustiker müsse auch in Zukunft dafür sorgen, dass Mensch und Hörtechnik perfekt zusammenpassen. Er muss diese Technik konfigurieren. – „Und er wird sich um die Kunden mit stärkerem Hörverlust kümmern. Für leichte Hörverluste gibt es in den USA schon heute Produkte, für die ich keinen Akustiker mehr brauche. Den Akustiker brauche ich perspektivisch nur noch für hochgradig hörgeschädigte Kunden. Sie benötigen auch weiterhin Medizinprodukte. Aber unser Markt wird kleiner werden – wenn wir es zulassen. Denn wir können diese multifunktionalen Produkte auch selbst anbieten. Wir könnten auch Lösungen zur Kommunikation im Büro anbieten…“

Berater rund ums Gehör

Rico meint sogar, er könne irgendwann dann nicht mehr „nur“ Hörakustiker sein. Schließlich könne er sich doch auch aus seinem Beruf heraus weiterentwickeln: „Der Begriff ‚Hörberater‘ wird heute mitunter für Quereinsteiger (in der Hörakustik – d. R.) oder für Lehrlinge verwendet. Aber ich finde, wir Hörakustiker sollten zugleich Hörberater sein. Wir könnten das gesamte Thema übernehmen, alles, was die Technik im Ohr betrifft. Genau hier sehe ich die Zukunft der Hörakustiker – und auch die der Hörgeräte-Industrie.“

„Es wird sich vieles ändern“, so mein Interview-Partner abschließend. „Alle Dinge, die man heute im Media Markt bekommt, kann man ebenso online bekommen und sich nach Hause liefern lassen. Auch beim Supermarkt wird es so kommen. Was jedoch bleiben wird, sind die komplizierten Prozesse, die die Kunden weder verstehen wollen, noch verstehen müssen. Aber sie brauchen jemanden, der ihnen die Möglichkeiten vorstellt, und der ihnen hilft, die Vorteile zu nutzen. Hier können wir Hörakustiker ansetzen. Wir können Berater sein, die dem Kunden erklären, wie er optimal mit der Außenwelt kommuniziert, welche Produkte es gibt, wie er sein Gehör schützen kann, wie er all seine Audio-Quellen über Bluetooth nutzen kann und wie er obendrein auch noch ein nachlassendes Gehör ausgleicht. Für uns bliebe also genug zu tun.“

Hörgräte in Kiel

PS: Die Fotos zum Beitrag über die Zukunft der Hörakustik zeigen einen Klangkopf, Plakate zum „Future Friday“ vom EUHA-Kongress (der größten Hörgeräte-Messe der Welt), das Lübecker Holstentor im Vorbeifahren und die Hörgräte, die gerade zu neuen Ufern lauscht.


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