Ohren-Lehre

Lernen im Hörakustikgeschäft, Ausbildungsserie Teil 2
Fräsen im Hörakustikfachgeschäft

Einen Beruf lernen im Hörakustikgeschäft? Was macht man da und wie läuft das ab? Nachdem wir uns im Teil 1 der Ausbildungsserie gefragt haben, wie man überhaupt auf die Idee kommt, Hörakustiker zu werden, geht es jetzt um die Frage, was man als Azubi im Hörakustikgeschäft lernt. Wie gesagt, ich habe mich für diese Artikel-Serie mit Tessa und Max unterhalten, die gerade bei „Hörakustik Mustermann“ ihre Hörakustiker-Ausbildung machen…

Lernen im Hörakustikgeschäft – drei Jahre dual

Zuerst einmal: Die Ausbildung zu Hörakustiker bzw. Hörakustikerin dauert drei Jahre. Und sie ist dual, also zweigleisig: Man lernt und arbeitet zum einen im Hörakustikgeschäft, zum anderen in der Berufsschule – in acht Blöcken, jeweils vier bis fünf Wochen lang. Die Berufsschule ist in Lübeck, und für diese Artikel-Serie war ich dort und hab mich umgesehen. Aber in diesem Teil bleiben wir im Hörakustikgeschäft.

„Anfangs ist man nur im Geschäft und lernt dort erstmal die Grundlagen“, so Tessa. „Man lernt den Umgang mit den Menschen, die ins Geschäft kommen, und die handwerklichen Grundlagen. Man lernt, wie man einen Hörtest und verschiedene andere Messungen macht. Später kommt dann auch die Anpassung der Hörgeräte dazu. Ohrabdrücke abnehmen, um daraus Ohrstücke zu fertigen, Ohrstücke bearbeiten, fräsen. Die ganzen praktischen Sachen lernt man im Betrieb und die Theorie vor allem in der Schule.“

Alltag beim Lernen im Hörakustikgeschäft

Hörakustikgeschäfte gibt es eigentlich überall. Man bemerkt sie nur nicht, wenn man noch keine Hörgeräte braucht und auch sonst nichts mit Hörgeräten zu tun hat. Früher wären sie mir auch nie aufgefallen; heute übersehe ich keins mehr…

„Im Geschäft bin ich zusammen mit einem Hörakustiker-Meister und zwei Hörakustiker-Gesellinnen“, berichtet Max. „Morgens geht es pünktlich los. Um 9 Uhr öffnet unser Laden, aber wir sind schon eher da, um alles vorzubereiten. Aufschließen, den Passanten-Stopper rausstellen, alles vorbereiten, damit die Kunden kommen können. Die meisten Kunden kommen mit Terminen. Andere wollen nur mal einen Hörtest machen, einen Schlauch gewechselt haben, Batterien kaufen. Um all das kümmert man sich. Manchmal muss auch Büroarbeit erledigt werden.“

Illustration zu einem Beitrag über das Lernen im Hörakustikgeschäft auf die-hörgräte.de

Tessa ergänzt: „Wenn jemand Hörprobleme hat, geht er oft zuerst zum Ohrenarzt. Der untersucht das Gehör und gibt ihm eine Verordnung für Hörgeräte. Diese Verordnung braucht man ja, damit die Krankenkasse was bezahlt. Und mit der Verordnung kommt er zu uns ins Geschäft. Dann wird noch mal gemessen, wie gut derjenige hört, und danach beginnt die Beratung.“

Hörakustikgeschäft und Hörakustikunternehmen

Mitunter besteht ein Hörakustik-Unternehmen aus einem einzelnen Geschäft (man nennt das auch „Einzelkämpfer“). Oft gehören mehrere Geschäfte zu einem Unternehmen; das können zwei, fünf, zehn oder auch noch viel mehr sein. Unser Hörakustik Mustermann ist ein Familienbetrieb, also ein Unternehmen, das einer Familie gehört, die das Unternehmen auch leitet.

„Zu unserem Unternehmen gehören der Laden, in dem ich bin, und noch drei weitere Geschäfte, alle im Umkreis von vielleicht 30 Kilometern“, so Tessa. „Im Geschäft bin ich im Moment nur mit einer Meisterin. Aber auch zu den Leuten in den anderen Filialen habe ich Kontakt, vor allem zu den anderen Azubis. Außer Max und mir gibt es noch zwei. Das ganze Team ist eher jung und alle kommen gut miteinander aus, auch der Chef ist in Ordnung. Wenn es mal eine Frage oder irgendein Problem gibt, kann man jederzeit anrufen.“

Lernen im Hörakustikgeschäft: Menschen, Menschen, Menschen

Im Kern geht es in Hörakustikgeschäften immer darum, Menschen zu ermöglichen, wieder besser zu hören und zu verstehen. Weil jeden Tag andere Menschen mit anderen Wünschen und Sorgen und mit anderen Ohren kommen, wird es nie langweilig. Zumindest sagen das Tessa und Max.

Fräsen im Hörakustikfachgeschäft

„Die meisten Leute, die zu uns kommen, sind älter“, so Tessa. „Sie haben das, was man umgangssprachlich eine Altersschwerhörigkeit nennt. Ihre Ohren lassen einfach nach. Aber es gibt auch jüngere Leute, die zu uns kommen. Die Gründe sind ganz verschieden. Sie haben vielleicht zu viel und zu laut gefeiert. Oder sie hatten eine Krankheit. Und es kommen auch Kinder mit ihren Eltern. Die meisten Erwachsenen müssen sich erstmal überwinden, bevor sie etwas gegen ihre Hörprobleme machen. Es dauert eine Zeit, bis sie zu dir finden, und dann brauchst du immer noch Geduld. Anfangs sind sie oft skeptisch. Sie denken zum Beispiel, dass wir ihnen jetzt unbedingt sehr teure Hörgeräte verkaufen wollen. Sie haben auch sonst falsche Vorstellungen. Man muss ihnen viel erklären. Manchmal ist das eine Kunst.“

„Viele Kunden, die zu uns kommen, sind anfangs ratlos“, ergänzt Max. „Manche hoffen, dass sie vielleicht noch gar keine Hörgeräte brauchen… Man muss ihnen zuerst mal erklären, wie man ihnen helfen kann. Und man muss Vertrauen aufbauen. Man lernt, wie man auf jeden einzelnen eingehen kann. Man muss ihn abholen, ein Gefühl dafür entwickeln, was für ein Mensch vor einem sitzt, sich auf ihn einstellen. Wenn ein Kunde Hörgeräte bekommt, hat er mehrere Termine, bei denen man ihn wiedersieht. Mit der Zeit lernt man ihn besser kennen. Man erfährt viel mehr, als wenn man nur irgendwas verkaufen würde. Mit seinen Hörgeräten erlebt der Kunde auch ständig was; das erzählt er mir dann. Die Beziehung wird dadurch ziemlich intensiv.“

Hörakustik-Hightech für die Ohren

Neben den Menschen spielt Technik eine große Rolle – winzige Hightech-Hörgeräte, mit denen man sich bestens auskennen muss, die man programmieren muss, die sich außerdem mit dem Smartphone verbinden lassen und die neben gutem Hören noch weiterer Dinge ermöglichen.

Illustration zu einem Beitrag über das Lernen im Hörakustikgeschäft auf die-hörgräte.de

„Der Kunde wird erstmal getestet und beraten“, erläutert Max. „Man erfährt, wer er ist und wie er hört. Man zeigt ihm, welche Hörgeräte am besten zu ihm passen. Dann bekommt er die ersten Geräte zum Testen mit nach Hause. Er probiert sie ein paar Tage aus. Und er stellt fest, dass es Situationen gibt, in denen es besser oder schlechter funktioniert. Dann ist wichtig, dass er all das erzählt, wenn er wieder zu uns kommt. Dieses Feedback hilft uns, die Geräte besser für ihn einzustellen.“

Die richtige Beratung und die spätere Anpassung sind für das bessere Hören entscheidend. – „Auch das teuerste Hörgerät hilft nicht, wenn es schlecht eingestellt ist“, so Tessa. „Hören ist bei jedem Menschen anders. Deshalb müssen Hörgeräte für jeden angepasst werden. Und man sollte ruhig mal verschiedene Hörgeräte ausprobieren.“

Solides Handwerk lernen im Hörakustikgeschäft

Mensch und Technik sollen bestens zusammenpassen. Diese Anpassung ist ein wesentlicher Teil der Arbeit. Man lernt, die Geräte zu programmieren und ihr Design zu variieren – und zwar so, dass jedes Gerät genau zum Ohr des Hörgeräte-Trägers passt. Das ist solides Handwerk; genauer gesagt: Gesundheitshandwerk. Und Handwerk kann nur, wer es lernt.

„Man muss zum Beispiel auf jeden Fall Fräsen lernen“, sagt Max. „Und bei den kleinen Ohrstücken ist das schon Feinarbeit. Das lernst du nicht von heute auf morgen. Auch Löten habe ich bei mir im Geschäft noch gelernt, obwohl das heute nur noch selten gemacht wird.“

„Zum einen muss man die Hörgeräte über ein Softwareprogramm am Computer einstellen können, und zum anderen geht es auch darum, dass die Geräte perfekt sitzen“, ergänzt Tessa. „Man macht z. B. Ohrabformungen oder Ohrpass-Stücke. Man erledigt kleine Reparaturen. Und man lernt, dass die Kunden mit ganz verschiedenen Problemen kommen. Es geht immer darum, eine Lösung zu finden.“

Lernen im Hörakustikgeschäft: „wirklich das Schönste“

Wenn man alles gelernt hat, und wenn man es schafft, einem Menschen mit eingeschränktem Gehör genau die richtige Lösung zu geben, dann ist das ein wirklich tolles Gefühl, so meine Gesprächspartner.

„Schön ist, wenn ein Kunde sich wirklich freut“, so Tessa. „Anfangs sind die Leute skeptisch. Aber wenn sie wieder besser hören, macht sie das glücklicher und zufriedener. Das zeigen sie oft auch. Es ist wirklich mit das Schönste. Man bekommt das Gefühl, dass die eigene Arbeit für den anderen wichtig ist.“

Fräsen im Hörakustikfachgeschäft

PS: Die Fotos zum Artikel über das Lernen im Hörakustikgeschäft zeigen, wie die kleinen Gehäuse von Im-Ohr-Hörgeräten oder auch Ohrpass-Stücke gefräst werden.


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