Scampi am Ohr?

Über Erfahrungen mit Hörakustikern und Hörakustikerinnen (Teil 1)
Geräusche aus dem Victoria & Albert Museum London

Über Hörakustiker*innen hatten wir auf dem Hörgräten-Blog schon häufiger geschrieben – zum Beispiel im Zusammenhang mit Gespenstern. Hörakustiker haben eine wichtige Aufgabe: Sie müssen Mensch und Technik so zusammenbringen, dass es perfekt passt. Jeder Mensch ist anders und jedes Ohr hört anders. Es gibt nicht viele technische Produkte, die sich so sehr für einen ganz bestimmten Menschen einstellen bzw. anpassen lassen wie Hörgeräte. Und es gibt nicht viel Technik, die derart eng und dauerhaft an (bzw. in) einem Menschen verbleibt. Deshalb sammelt jeder, der Hörgeräte bekommt, Erfahrungen mit Hörakustikern. Um diese soll es jetzt gehen.

Es kommt vor, dass TV-Magazine über die Arbeit von Hörakustikern berichten, und es dabei nicht besonders fair zugeht. (Ich habe neulich erst selbst miterlebt, wie ein nicht besonders fairer TV-Beitrag entstand.) Das ist ein anderes Thema und hier nur wichtig, um zu zeigen, dass viele Leute nicht wissen, was Hörakustiker genau machen; auch manche Journalist*innen wissen das nicht. Deshalb ist es hilfreich, wenn Journalisten Fragen stellen und gut zuhören; meist machen sie das auch.

Bestatter-Blog und Hörgeräte-Blog

Fragen kann man zum Beispiel Peter Wilhelm. Peter hatte früher auch keine Ahnung, was Hörakustiker machen – er wusste mehr darüber, was Bestatter machen. Deshalb kenne ich ihn auch schon lange. Peter war früher Bestatter und er schreibt den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Bestatter-Blog. Weil ich früher mal mit Bestattern zu tun hatte, kannte ich den Blog schon lange, bevor ich Peter im letzten Jahr begegnet bin (er – also der Blog – steht auch in meiner Blog-Rolle). Die Bestatter-Geschichte ist wieder ein anderes Thema. Begegnet bin ich Peter, weil er inzwischen noch einen Hörgeräte-Blog schreibt, Hörgeräte testet, Infos über Hörgeräte teilt und eine Menge Erfahrungen mit Hörakustikern gesammelt hat.

Geräusche aus dem Victoria & Albert Museum London

Beim Interview, das ich mit Peter für eine Hörakustik-Fachzeitschrift führte, war es naheliegend, die Frage zu stellen, wie ein Bestatter zur Hörakustik kommt. – „Das Thema Elektronik fand ich schon immer interessant“, hat er mir erklärt. „Hörgeräte sind auch kleine Elektronik. Und als ich selbst schwerhörig wurde, begann ich, mich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe mir Fachbücher gekauft, viel Zeit bei Hörakustikern zugebracht, Schulungen bei Hörgeräte-Herstellern besucht. Inzwischen traue ich mir zu, zu verstehen, welche Probleme andere Menschen mit Hörgeräten haben. Ich kann eine ganz gute Brücke zwischen den Anwendern einerseits sowie Akustikern und Herstellern andererseits schlagen.“

Peters Erfahrungen mit Hörakustikern

Wenn Leute feststellen, dass ihr Gehör nachlässt, dann scheuen sie sich oft erstmal, ins Hörakustik-Geschäft zu gehen. Solche Berührungsängste hatte Peter nicht: „Ich wusste, dass die Geräte nicht mehr so groß sind. Und obwohl ich vor allem links schlecht hörte, war mir klar, dass ich auf beiden Seiten ein Gerät brauche. Wie unterschiedlich Hörakustiker sind, wusste ich nicht. Meinen hatte ich gewählt, weil er einen guten Parkplatz hatte. Er war auch sehr freundlich.“

Wirklich gut waren Peter Wilhelms erste Erfahrungen mit Hörakustikern aber dennoch nicht: „Was mich irritierte, war so ein Übergang: Anfangs fühlte ich mich wie ein gut behüteter Patient. Dann war ich auf einmal der Kunde. Ich war ahnungslos und habe einfach vertraut. Und im Nachhinein gewann ich das Gefühl, dass es mehr darum ging, mir ein bestimmtes Hörgerät zu verkaufen, dass der Akustiker von vornherein im Auge hatte.“

Geräusche aus dem Victoria & Albert Museum London

Welche günstigeren Alternativen es vielleicht gegeben hätte, sei nie Thema gewesen, so Peter: „Als ich nach einem Kassengerät fragte, wurde mir so ein beigefarbener Klotz von 1990 gezeigt. Mir war klar, dass ich mir bestimmt nicht so eine Art Scampi hinters Ohr klemmen werde… Bei mir führte das dazu, dass ich immer, wenn ich irgendwo unterwegs war, in ein Hörakustik-Geschäft gegangen bin. Ich habe mich umgesehen, mich beraten lassen und festgestellt, dass das auf ganz verschiedene Weise passiert. Ich war sehr angetan, dass es nicht überall so oberflächlich zugeht. Dass sich viele Akustiker mit großer Empathie darum bemühen, das Beste für den jeweiligen Kunden herauszuholen. Und dass sie sich der Tatsache bewusst sind, dass sie mit jedem Hörgerät Gewinn machen, und es nicht immer das Teuerste sein muss.“

Von „Scampis“ und „Sozialhörgeräten“

Darüber, was ein gutes Hörgerät kostet, habe ich auf diesem Blog auch schon geschrieben. Anmerken muss ich hier jedoch, dass das mit dem „Scampi“ noch vor dem Zeitpunkt war, als die gesetzlichen Krankenkassen ihre Zuzahlungsregelungen erneuert haben. Hörgeräte, die die Kasse voll übernimmt, dürfen nicht mehr wie „Scampis“ oder „Fleischbananen“ aussehen. Und sie müssen auch eine solide Technik haben.

Bei seinen Besuchen in Hörakustik-Geschäften macht Peter Wilhelm aber auch heute hin und wieder nicht so gute Erfahrungen mit Hörakustikern: „Wenn ich nach Kassengeräten frage, kommt es mitunter immer noch zu Reaktionen, die ich nicht redlich finde. Dass sind dann die ‚Geräte für die Hartz-IV-Empfänger‘, die ‚Sozialgeräte für die armen Leute‘: ‚Also, wenn Sie gar nicht mehr vor die Tür gehen, dann reicht das…‘ – Das stimmt natürlich nicht. Ich empfehle meinen Lesern immer, beim Testen mit Kassengeräten anzufangen. Und dann tastet man sich an die Leistungsklasse, die man wirklich braucht. Natürlich benötigt man auch einen Hörakustiker, der alles gut einstellt.“

Peter Wilhelm findet, dass mitunter noch zu wenig über Möglichkeiten und Alternativen aufgeklärt wird: „Die Unzufriedenheit mit Hörgeräten resultiert zu 90 Prozent aus Ungeduld. Entweder ist der Kunde ungeduldig, oder der Akustiker will schnell mit First Fit* versorgen. Und den vermeintlichen Einwänden der Kunden wird oft zu schnell nachgegeben. Anstatt dem Kunden zu erklären, dass er die Geräte erstmal ein halbes Jahr tragen muss, ehe er wirklich gut zurechtkommt.“ (*First Fit ist eine ganz schnelle 0-8-15-Hörgeräte-Einstellung.)

Geräusche aus dem Victoria & Albert Museum London

PS 1: Im zweiten Teil dieses Beitrags geht es noch weiter um Peter Wilhelms Erfahrungen mit Hörakustikern und um seinen Blog. Auf die Bestatter kommen wir auch noch mal zurück.

PS 2: Die Bilder zum Beitrag über Erfahrungen mit Hörakustikern und Hörakustikerinnen zeigen Klänge, die man (natürlich) nicht hören kann. (Diesmal sind sie aus dem Victoria and Albert Museum in London.) Der Hörgräten-Blog hat so seine eigenen Bilder… – also zum Beispiel keine Bilder von neuen Hörgeräten und auch keine Porträts (höchstens mal historische). Wenn du wissen willst, wie Peter Wilhelm aussieht, dann besuch doch seinen Hörgeräte-Blog.


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