Musik formt Hirn

Was unser Gehirn mit Musik macht, Teil 4: Neuroplastizität
Illustration zu einem Beitrag über Neuroplastizität auf die-hörgräte.de

Im dritten Teil der Artikel-Serie über Gehirn und Musik ging es darum, wie der Ton, die Melodie und der Rhythmus einer Musik in die Hirnzellen (bzw. Neuronen) kommen. Doch die Wirkung, die Musik auf unser Gehirn hat, geht noch weiter. Und Musik kann Gehirne sogar verändern. Diese „hirnverändernde Wirkung“, die Neuroplastizität, soll hier interessieren.

Musik > Ton + Melodie + Rhythmus

Musik besteht aus lauten oder leisen Tönen, aus Melodie und Rhythmus. Diese Bestandteile werden an unterschiedlichen Stellen im Gehirn verarbeitet. Musik ist jedoch eigentlich noch mehr als Ton + Melodie + Rhythmus. Wenn man eine Musik nicht nur hört, sondern zum Beispiel noch ihren Takt klopft, sieht es im Gehirn gleich ganz anders aus.

Nicht nur das Hörzentrum (also dieser kleine Bereich des Temporallappen) ist dann aktiv. Durch das Klopfen kommen sensorische und motorische Informationen dazu. Und die sitzen im linken Frontal- und im Parietallappen. Hier werden die „Klopfer“ organisiert und ausgeführt. Die Hand trommelt dann z. B. den Takt auf den Tisch. Das kann sie nur, weil das Gehirn die Musik verarbeitet und auch noch in Bewegungen übersetzt.

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Je komplexer der Rhythmus wird, desto mehr Hirnareale sind gefragt. Und wenn wir die Musik auch noch mögen, wenn sie unsere Emotionen erreicht, dann kommt obendrein das Limbische System (also das Säugetiergehirn) ins Spiel.

Musik als Neuronen-Feuerwerk

Auch das ist noch nicht alles. Denn wenn es uns mit der Musik erstmal so richtig gut geht, werden Neurotransmitter ausgeschüttet. Das sind Botenstoffe. Sie übertragen die Erregung der einen Nervenzelle auf die nächste und immer so weiter.

Ein wichtiger Botenstoff ist Dopamin. Es wird bei Freude am Lernen freigesetzt. Und es macht, dass die Neuronen aktiv sind. Ein zweiter Botenstoff, das Serotonin, entsteht etwa, wenn uns eine Musik sehr gefällt. Auch Serotonin aktiviert die Neuronen. Und beide Botenstoffe befördern die Neuroplastizität.

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Stellen wir uns nun vor, dass Musik nicht nur gehört oder ihr Takt geklopft wird. Wird die Musik gespielt, gesungen oder getanzt, kommen noch mehr Hirnbereiche dazu, die alle mitmachen müssen. Nicht nur die Basics wie Ton und Lautstärke oder Feinheiten wie Melodie und Rhythmus müssen jetzt wahrgenommen werden. Das Gehirn muss auch die zeitlichen Abläufe beim Musizieren planen. Oder die Schritte beim Tanzen. Es muss sich konzentrieren. Es muss vielleicht abrufen, an was uns ein Stück (das wir vor Jahren das letzte Mal gehört haben) erinnert, es muss die Bewegungen des Mundes, der Finger, der Beine, des ganzen Körpers kontrollieren, es muss die Emotionen aktivieren und uns obendrein vermitteln: Wahnsinn! Was für ein Sound! Das alles zusammen ist im Gehirn ein Neuronen-Feuerwerk.

Hirn-OP mit Saxophon

Diese Komplexität, das Hin-und-her-Schießen der Neuronen-Blitze, kann man mit bildgebenden Verfahren sehen. In Spanien hat man einen Saxophonisten operiert. Er hatte einen Hirntumor, den die Chirurgen mit Hilfe von Musik entfernt haben: Der Musiker spielte sein Saxophon, während er am Kopf operiert wurde. (Er musste im Liegen spielen, was nicht so leicht sein soll.) Die Ärzte konnten am Monitor sehen, welche Bereiche seines Gehirns während des Spielens aktiv waren, und sie konnten den Tumor dadurch deutlich besser erkennen.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie komplex Musik im Neuronen-Netz wirkt, ist Synästhesie. Wer das hat, der hört nicht nur Töne, sondern er kann diese Töne auch schmecken oder riechen. Bei Musikern oder Komponisten soll das nicht so selten sein. Über Synästhesie will ich bei Gelegenheit mal extra schreiben.

Neuroplastizität

In jedem Fall bleibt so ein musikalisches Neuronen-Feuerwerk nicht ohne Folgen für das Gehirn. Konzentriertes Musikhören und insbesondere Musizieren verändern es nämlich. Die Nerven verschalten sich neu. Die Wahrnehmung, die Motorik und das emotionale Erleben verändern sich. Besonders stark ist diese Veränderung, wenn Kinder schon früh anfangen, zu singen oder Musik zu machen. – Immer vorausgesetzt, sie machen das auch gerne.

Illustration zu einem Beitrag über Neuroplastizität auf die-hörgräte.de

Auch später und sogar in sehr hohem Alter können sich Musik und Musizieren positiv auf die Neuroplastizität auswirken. Wichtig ist jedoch auch hier immer die Freude. Wenn man nur musiziert, weil man es muss, bleibt der Effekt aus. Und wer als Musiker zu verbissen übt, kann mitunter sogar erreichen, dass die Neuroplastizität in die falsche Richtung geht und etwa feinmotorische Fähigkeiten verloren gehen.

Wird man klüger, wenn man schon als Baby Mozart hört? Das wird behauptet, aber nachweisen lässt es sich nicht (bisher).

Nachgewiesen ist jedoch, dass Musik wie eine Brücke zwischen Fühlen und Verstehen ist. Und dass sich freudvolle Beschäftigung mit Musik auf den Erwerb von Sprache, auf das Gedächtnis und auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken kann. Heilen kann Musik auch – etwa bei neurologischer Musiktherapie, wie man sie für Schlaganfall- und Parkinson-Patienten nutzt.

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PS: Die Fotos zum Beitrag über Neuroplastizit habe ich im Berliner Musikinstrumenten-Museum fotografiert.


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