All we hear is Radio Mama

Hör-Wissen: Vom Anfang des Hörens im Bauch
Ein Ausschnitt aus einem Regal in einem Geschäft für DVDs

Stell dir vor, du sitzt in einer Blase. Du bist ungefähr wie Major Tom in seiner Blechdose. Nur dass du die Erde nicht sehen kannst, und auch keinen Funk-Kontakt zur Bodenstation hast. Du kannst weder sehen noch sprechen. Du bist völlig außerhalb von Raum und Zeit. Und du weißt noch nicht, dass du irgendwann landen wirst, geschweige denn, wo du landen wirst. Es gibt nur einen Grund, warum du schon jetzt davon ausgehen kannst, dass es außerhalb deiner Blase noch etwas geben muss: Du hörst. Du erlebst gerade den Anfang des Hörens im Bauch.

Vermutlich hörst du ständig irgendwelche glucksenden Geräusche, weil du von Flüssigkeit umgeben bist. Aber durch die Flüssigkeit hindurch hörst du auch andere Sachen, die draußen vor sich gehen, und von denen du nichts verstehst. Und vermutlich beginnst du, ein Verhältnis zu dem zu entwickeln, was von da draußen kommt. Du könntest zum Beispiel darüber nachdenken, ob es sich lohnt, den Raum jenseits deiner Blase kennenzulernen. Ob es da draußen noch besser sein könnte als hier drinnen. Oder ob es ratsam sein könnte, deine Raumkapsel auf gar keinen Fall zu verlassen. Du beginnst sozusagen, ein Verhältnis zu dieser Welt zu entwickeln, die du noch nicht kennst. Du willst dort hin oder eben nicht. Und du hast keine Ahnung, dass du zwangsläufig landen wirst.

Die Hörgräte hat bei ihren Recherchen in den Tiefen der allwissenden Müllhalde Marjorie Google herausgefunden, dass Babys schon vier Monate vor ihrer Geburt Geräusche wahrnehmen können. Ihre Ohren sind dann bereits ausgebildet. Und sie hören vor allem, was in der eigenen Mutter vor sich geht: deren Herzschlag, deren Stimme, wie ihr Blut pulsiert, wie ihr Magen und ihr Darm arbeiten. Babys hören aber auch, was außerhalb der Mutter geschieht. Geräusche, Musik, andere Stimmen. Sie erschrecken bei sehr lauten Geräuschen und reagieren dann oft mit heftigen Bewegungen.

eine schwebende, bunt schillernde Seifenblase

Wie das mit dem Hören vor der Geburt wirklich ist, daran kann sich vermutlich kein Mensch erinnern. Jedenfalls ist mir noch niemand begegnet, der von solchen Erinnerungen berichten konnte. Aber ich habe Menschen getroffen, die sich mit diesem Thema auf die eine oder andere Art intensiver beschäftigt haben. Zu ihnen gehörte etwa Professor Dr. Werner Rizzi, Musikpädagoge an der Folkwang-Universität der Künste in Essen. Ich hatte ihn vor einigen Jahren dort besucht – insbesondere, weil ich etwas über Schlaflieder erfahren wollte. Schließlich sind Schlaflieder ja so was wie die ersten Musikerlebnisse, die man in seinem Leben hat – ganz egal, in welchem Land man geboren wurde.

Babys, Eltern und Hören

Ich fragte Professor Rizzi, welchen Stellenwert ein solches Hörerlebnis in der Beziehung zwischen Eltern und Kind hat. Und er erklärte mir: „Einen ganz starken. Vor allem auch für den Vater, der seine Beziehung ja sozusagen mehr von außen aufbauen muss, weil das Kind nicht aus ihm gekommen ist. Ich habe das bei meinen Kindern erlebt. Eine intime, stabilisierende Situation, eine Art sicherer Raum. Und das in einem Entwicklungsabschnitt, in dem das Kind ein Urvertrauen finden soll, eine Basis für späteres Selbstbewusstsein.“

Dann sprach er auch darüber, was man schon vor der Geburt hört: „Unser Hörsinn, der schon im Fötus entwickelt ist, wirkt lange vor dem Sehsinn. Sprache und Musik werden schon im Mutterleib erfahren – wenn auch gefiltert, so dass nur noch die Obertöne und ein Rauschen wahrnehmbar sind. Ende der 70er Jahre hatte ich das Glück, dem französischen Arzt Alfred A. Tomatis zu begegnen. In Paris, wo er damals gerade sein Studio hatte. Er hat – neben vielen anderen klangtherapeutischen Versuchen und Verfahren – Mütter Geschichten lesen und Lieder singen lassen – vor und nach der Geburt, und alles aufgezeichnet. Die Kinder kamen in das Studio, in dem sie Spiele, Bälle, Kuscheltiere und alle möglichen Dinge fanden. Dann wurden sie mit diesen Bändern beschallt.“

Bei diesem Experiment kam es zu einem verblüffenden Ergebnis, das eher zufällig aus einer Verwechslung der Tonbänder folgte: „Obwohl man sie eigentlich gar nicht identifizieren konnte, haben die Kinder die Stimme ihrer Mutter bereits anhand von Aufzeichnungen erkannt, die vor der Geburt entstanden waren. Für mich war das schon damals ein ganz wichtiges Indiz: Allein durch die Klangfarbe, durch zwei gesummte Töne, funkt es in der Beziehung. – Sicherlich, man sollte das auch nicht überhöhen. Es gibt diese tiefere Ebene, ein spirituelles Moment für die Beziehung zweier Menschen. Und es gibt etwas ganz Funktionales: Ich singe, weil ich will, dass das Kind endlich schläft, weil ich meine Ruhe haben will. Beide Ebenen sind drin; mal mehr die eine und mal die andere. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich selbst alle Raffinesse des Musikpädagogen aufgeboten habe, nur damit irgendwann Feierabend war.“

Radio für frühgeborene Kinder

Ein anderer Experte, der mir zum frühen Hören etwas Interessantes erzählen konnte, war der Musikproduzent und Sonderpädagoge Markus Brachtendorf aus Köln. Markus Brachtendorf entwickelt Musik-Workshops, die er mit Jugendlichen durchführt – oder auch mit Menschen, die eigentlich taub sind. Und er hat auch ein Projekt entwickelt, bei dem es um sehr frühe Hörerlebnisse geht, das Projekt RADIOMAMA.

eine schwebende Seifenblase und kahles Geäst

„Das ist ein musisch-kreatives Förderangebot speziell für früh- und extrem frühgeborene Kinder sowie insbesondere für deren Eltern, das ich gemeinsam mit dem Perinatalzentrum der Uniklinik Köln anbiete“, erzählte mir Markus Brachtendorf, der selbst Vater zweier früh geborener Töchter ist: „Ursprünglich hatte ich für meine Kinder nach Möglichkeiten früher auditiver Stimulation und Förderung gesucht. Jede frühe Geburt geht mit einer Unterbrechung der Hörentwicklung einher. Viele Untersuchungen belegen ja, dass insbesondere die Stimme der Mutter schon im Mutterleib Nähe und Bindung schafft; darüber hinaus entstehen diese nachweislich auch über die Stimmen von Vater und anderen Familienangehörigen. Ein Kind, das im Inkubator liegt, ist hingegen nur noch von technischen Klängen, vom Piepen der medizinischen Geräte umgeben.“

Für Markus Brachtendorf gab das den Anlass zum Start des genannten Hör-Projektes: „Ich habe damals Mittel und Wege gesucht, um meinen Kindern bereits in diesen ersten Tagen andere, vertraute Hörerlebnisse zu geben. Das ging so gut, dass man mich in der Klinik bat, das Konzept für RADIOMAMA zu entwickeln. Im Auftrag der Klinik produziere ich seitdem mit Eltern und Familien frühgeborener Kinder Musik, Geschichten, Gute-Nacht-Lieder und ähnliches. Über bestimmte technische Wege können diese den Kindern dann bereits im Inkubator oder im Wärmebettchen vorgespielt werden. Die Klinik bietet das kostenlos an. Viele Familien nutzen es gern. Den Kindern geben die Aufnahmen in einer fremden und mitunter sehr stressigen Umgebung Vertrautheit und Geborgenheit. Und vor allem hilft das Angebot den Eltern bei der Bewältigung dieser traumatischen Situation. Es ermöglicht Ihnen, auf kreative Art ihren Kindern mit einer für die Entwicklung und den Bindungsaufbau wichtigen „Ohrennahrung“ nah zu sein: mit ihren Stimmen.“

ein altes Radio

PS: Über das, was mir Professor Rizzi und Markus Brachtendorf noch so erzählt haben, werde ich sicherlich noch an anderer Stelle schreiben. Die hier abgebildeten Fotos zeigen Seifenblasen, die durch den Bürgerpark in Berlin-Köpenick schweben, einen Blick in das DVD-Regal eines Berliner Elektronik-Kaufhauses und ein altes Radio, das „Erfurt“ heißt.


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