Zwitscher-App

Über das Hören und Erkennen von Vogelstimmen
ausgestopfte Vögel, die wild durcheinander flattern

Vogelgesang ist schon schön; vor allem nach einem langen, ungemütlichen Winter. Selbst wenn die Sonne noch auf sich warten lässt und wenn es draußen wieder nur grau ist. Mit dem Gezwitscher weiß man wenigstens, dass es nicht ewig so weitergeht…

Vogelstimmen bringen Zuversicht. – Das funktioniert natürlich nur dann, wenn man das Zwitschern auch hören kann. Das wiederum ist nicht selbstverständlich, da jedes Gehör mit den Jahren nachlässt. Auch wenn du dann immer noch hörst; es kann sein, dass dir die hohen Töne fehlen. Zumindest läuft das bei den meisten Ohren so, wenn sie nach und nach nachlassen.

Vogelgezwitscher ist dann eines der ersten Dinge, die weg sind. Das hat mit den kleinen Härchen in der Hörschnecke zu tun, die irgendwann so ausgegurkt sind wie die Borsten einer alten Zahnbürste. Wir gehen darauf an anderer Stelle noch ein.

Alle Vögel sind noch da?

Natürlich, du könntest dir sagen, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt als Piepmätze. Ob Politik und Business, berufliches Fortkommen, Partnerschaft… – für viele wichtigen Lebensbereiche haben Piepmätze bestenfalls untergeordnete Bedeutung. (Das blaue Twitter-Vögelchen lassen wir hier mal außen vor.)

Aber wenn ich Leute interviewe, die über ihren Weg zum Hören mit Technik berichten, fällt mir auf, dass sie eigentlich immer auf Vogelgezwitscher kommen: Manche erzählen, dass sie die Vögel irgendwann nicht mehr hören konnten. Noch viel häufiger wird erzählt, dass die Vögel mit der Technik auf einmal wieder da waren.

Ich vermute, dass Vogelgesang für viele mit gutem Gehör auch nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Er ist so selbstverständlich, dass gar nicht auffällt, wenn er mehr und mehr verblasst. Erst wenn er plötzlich zurück ist, bemerkt man, was vorher gefehlt hat.

Klaus Selmke zum Beispiel, der Schlagzeuger der Rockband CITY, hat mir so was erzählt. Er trägt seit einiger Zeit Hörgeräte, sogar beim Konzert unter seinen Kopfhörern. Eigentlich hätte er solche Geräte schon viel länger gebraucht. Und das mit dem Vogelgesang war ihm besonders aufgefallen, weil er nördlich von Berlin an einem See wohnt – mitten im Vogelschutzgebiet, also sozusagen zwischen lauter Vögeln.

„Man hört immer und überall Vögel; nur ich hatte die über Jahre nicht mehr gehört“, erzählte er mir. Vogelstimmen sind für ihn so eine Art Lieblingsbeispiel, mit dem er anderen erklärt, wie er mit der Technik wieder hören kann: „Bei uns im Garten kann ich die Vögel jetzt sehr genau räumlich zuordnen – und das nicht nur in der Stereo-Achse, sondern auch über oder hinter mir. Das ist schon toll“, so der Schlagzeuger.

Lausiges Hör-Bewusstsein

Mal abgesehen davon, ob wir das Gezwitscher hören können oder nicht… – Dass es uns oft gar nicht auffällt, wenn die Vögel nicht mehr singen, spricht dafür, dass es da noch ein anderes Problem gibt. Es geht um das Hör-Bewusstsein, also darum, wie bewusst wir unsere Umwelt eigentlich mit den Ohren erleben. Und um es gleich zu sagen: Dieses Hör-Bewusstsein ist heute oft lausig.

Gut, vielleicht ist dein Hör-Bewusstsein etwas weniger lausig als meins… Es spricht jedoch einiges dafür, dass Menschen in Industrieländern – und insbesondere Stadtmenschen – in den letzten Jahrzehnten immer besser darin geworden sind, nicht mehr so viel hinzuhören. Das ist so eine Art Strategie, um im modernen Alltag klarzukommen: Man sitzt den Tag über im Großraumbüro und entspannt sich anschließend im Straßen-Café. Das fortwährende Gequatsche der Kollegen blendet man möglichst aus, ebenso die Fahrgeräusche der Autos, die auf der Hauptverkehrsstraße neben dem Café vorbeiziehen. Man hört auf das, was interessant ist, und versucht, alles andere nicht zu beachten, denn es ist nicht wichtig. Vogelstimmen sind dann natürlich auch nicht so wichtig. Man hat Politik und Business, den Job oder sonst wen im Kopf. Oder man will den Kopf einfach mal freibekommen und abschalten.

Nachgefragt beim Bioakustiker

Ich muss gestehen, dass es nur wenige Vögel gibt, die ich an ihrer Stimme erkennen könnte. Also Krähe, Kuckuck, Taube, Spatz und hämmernder Specht gehen noch; bei Amseln, Drosseln und Lerchen ist bei mir definitiv Schluss.

geordnete Vögel

In einem Interview mit Dr. Karl-Heinz Frommolt habe ich mich erkundigt, ob das nur mir so geht. Karl-Heinz Frommolt ist Bioakustiker – also ein Wissenschaftler, der mit Tierstimmen forscht, und er leitet das Tierstimmenarchiv des Berliner Naturkundemuseums, das zur Humboldt-Universität gehört.

Er stimmte mir zu, dass die Vogelstimmen-Unkenntnis allgemein ist: „Auf dem Lande gab es früher so ein Grundwissen, welche Vögel wie singen. Ich möchte sogar bezweifeln, dass diese Kenntnis dort noch vorhanden ist. Immer weniger Leute arbeiten direkt in der Natur. Noch gibt es einen Kreis von Menschen mit guten Kenntnissen: die Jäger, die Freizeitornithologen, deren Zahl in den letzten Jahren jedoch nicht gerade gewachsen ist.“ – Selbst unter Wissenschaftlern hätten die Kenntnisse inzwischen deutlich nachgelassen: „Vor 20, 30 Jahren gab es viele Zoologen, die ins Gelände gingen und dort fast jede Tierart zuordnen konnten. Heute gibt es immer mehr Spezialisten, die ihre kleine Tiergruppe sehr gut kennen, aber darüber hinaus kaum noch etwas.“

Meine Großeltern, die keine Zoologen aber sehr naturverbunden waren, wären vermutlich entsetzt über so viel Unkenntnis. Gut, ich könnte mich damit trösten, dass meine Großeltern nicht mal wussten, was man mit einem Computer macht. Als die damals aufkamen, nannte mein Großvater sie nur Compatter (also wie Gevatter, nur eben mit Com-), und Compatter waren ihm wohl ziemlich unheimlich.

Also: Warum soll man den Gesang eines Grünfinken von dem eines Gartenrotschwanzes unterscheiden, wenn man noch nicht mal gerafft hat, wie die GSDVO geht?! (Die GSDVO ist die neue Datenschutz-Grundverordnung…)

Unbekannte Flugobjekte, die singen

Zum Schreiben habe ich mich heute raus gesetzt. Köpenick gehört zwar zu Berlin, ist aber schon sehr grün. Es gibt einige Vögel, die ich in diesem Moment höre. Keine Ahnung, wer da jetzt singt…

Ich stelle mir gerade vor, dass hier lauter kleine unbekannte Flugobjekte irgendwo über mir gelandet sind und fortlaufend kommunizieren, jedes auf seine Art: absolut unverständlich. Unter einander scheinen sie sich aber alle prima zu verstehen. Nur ich bin außen vor.

Immerhin bin ich mir sicher, dass Amsel, Drossel und Star jede/r auf ihre bzw. seine eigene Art singt. Andererseits könnten sie sich natürlich auch abgesprochen haben. Der Buchfink könnte heute wie der Eichelhäher klingen, die Amsel hätte ihre Stimme gegen die der Blaumeise getauscht und morgen machen sie es noch ganz anders. Die könnten hier den permanenten Vogelstimmen-Fake abziehen, und ich würde das nicht mal merken und weiter an neue Kanäle, Vernetzung, Kommunikation und so was denken; während ich im Real Life akustisch längst abgehängt bin…

zwei Dodos

Doch es gibt noch Hoffnung! Schließlich lässt sich mit Digitalisierung einiges anstellen – auch für das Hör-Bewusstsein. – Für die Hörgräte ist die Stärkung deines Hör-Bewusstseins ja sozusagen eine Herzenssache. Und das Berliner Naturkundemuseum bietet dir jetzt eine kostenlose App an. Die findest du im App Store und bei Google Play. Sie heißt offiziell Naturblick, aber ich nennen sie die Zwitscher-App.

Like den Buntspecht!

Die Zwitscher-App hat eine Funktion die sich „Lauterkennung Vögel“ nennt. Sie hat auch noch andere Funktionen, die mich bisher nicht so überzeugt haben. Aber die Lauterkennung ist wunderbar: Man hört irgendwo ein paar Vögel singen. Man drückt die Aufnahme, muss ein paar Sekunden lang störende Geräusche vermeiden, und weiß danach, dass man sich sehr wahrscheinlich zwischen einer Kohlmeise, einem Buchfinken, einer Amsel und einer Stockente befindet. – Das zumindest hat gerade meine Analyse mit der Zwitscher-App ergeben.

Ob die Analyse hinhaut, kann man gegenchecken, indem man sich die Profilbilder der Vögel in der App anschaut und ihre Tweets abhört. (Nach diesem Gegencheck vermute ich, dass die Stockente eigentlich ein Krankenwagen war, der ein paar Straßen weiter vorbei fuhr. Aber die anderen drei stimmen. – Also: Ab jetzt erkenne ich euch alle, ihr Vögel!)

Mir gefällt diese App. Mit einem Mal fängt man an, sich auf einzelne Vogelstimmen zu konzentrieren. Man beginnt sozusagen, ihnen zu folgen – und sie zu liken.

PS: Die Fotos zeigen wild durcheinander sitzende Vögel und schön geordnete Vögel, außerdem Dodo aus dem Natural History Museum in London. In dem Museum ist Dodo (bzw. die Dronte) übrigens eine Art Star – fast so beliebt wie der mechanische Tyrannosaurus Rex. Aber wie Dodos Stimme geklungen hat, weiß niemand. Der oder die Dodo (Ich finde ja, dass Dodo weiblich ist, aber Wikipedia ist anderer Meinung.) lebte auf Mauritius und ist um 1690 ausgestorben. Dodos Problem war wahrscheinlich, dass sie keine natürlichen Feinde hatte. Sie konnte weder fliehen noch sich wehren, und dann kamen Menschen auf die Insel und brachten Haustiere und Ratten mit… Dodo ist also ein toter Star.

PS zum PS: Um das Foto von Dodo zu machen, musste ich ziemlich lange anstehen, weil eine Gruppe kleiner Schulkinder andächtig vor der Vitrine stand und gar nicht mehr gehen wollte. Dass Dodo in England und anderen Ländern so populär ist, hat mit „Alice im Wunderland“ zu tun, das aber erst 175 Jahre nach Dodos Aussterben geschrieben wurde. Dort spricht Dodo bei einer Tierversammlung sehr feierlich und sagt so schwergewichtige Sätze wie: „In dem Fall stelle ich den Antrag, dass die Versammlung sich vertage und zur unmittelbaren Anwendung von wirksameren Mitteln schreite.“


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