Bilder vom Hören (Teil 2)

Über Missverständnisse beim Bild von einem Schrei
Abbildung zum Beitrag über Munchs Schrei hören

Im ersten Teil des Beitrags über Bilder vom Hören ging es darum, wie schwierig es ist, bildlich darzustellen, dass jemand hört. Der Versuch solcher Darstellungen führt leicht zu Missverständnissen, wie sich auch an einem sehr berühmten „Hör-Bild“ zeigen lässt – nämlich an Edvard Munchs „Der Schrei“.

Kannst du Munchs Schrei hören? – Das Bild „Der Schrei“ des norwegischen Malers ist eines der berühmtesten Gemälde der modernen Malerei. Eigentlich ist es nicht nur ein Gemälde, wie du schon an den hier gezeigten Schrei-Ausschnitten sehen kannst. Munch hat den Schrei im Laufe von 17 Jahren immer wieder neu gemalt; bekannt sind vier Gemälde und eine Lithografie, die in Varianten immer wieder das gleiche zeigen: eine Person, die mit gekrümmtem Körper auf einer Brücke steht, die sich die Hände auf die Ohren presst und ihren Mund und die Augen weit aufreißt.

Emoji mit Kunstgeschichte

In der Zeit nach seiner Entstehung wurde das Bild zu einer Art Schlüsselerlebnis für ganz viele junge Maler; gerade auch in Deutschland. Es gilt heute als eines der teuersten Bilder überhaupt. Und es ist so berühmt, dass man sogar ein Emoji aus ihm gemacht hat. (Glaube, das hat kein anderes Gemälde geschafft…)

Emoji in Anlehnung an Munchs Schrei

Aber genau da sind wir auch schon beim Missverständnis. Denn so offensichtlich es ist, dass Munchs „Schrei“ und das Scream-Emoji was mit einander zu tun haben, so offensichtlich ist auch, dass es hier einen entscheidenden Unterschied gibt: Sieh dir nur mal an, wo der „Schrei-Smiley“ seine Hände hat…

Gut, Smileys haben keine Ohren. Aber wenn wir mal annehmen, dass sie irgendwo doch welche hätten, dann bestimmt nicht da, wo das Scream-Smiley die Hände hinhält! Man hat die Hände einfach etwas nach unten versetzt. Das Scream-Smiley hält sich also nicht die Ohren, sondern das Kinn. Und es schreit.

Abbildung zum Beitrag über Munchs Schrei hören

Irritation zwischen Hören und Schreien

Bei Munchs Bild hatte ich ehrlich gesagt nie so richtig verstanden, warum jemand, der schreit, sich zugleich die Ohren zuhält. Warum sollte man das machen? Es ist nicht gerade praktisch, sich die Ohren zuzuhalten, wenn man schreien muss. Ich bin noch niemandem begegnet, der in so einer Haltung geschrien hätte. Wenn ich mir die Ohren zuhalte, weil mir mein eigener Schrei zu laut ist, gäbe es schließlich eine viel bessere Möglichkeit, mir Ruhe zu verschaffen: Ich lasse das mit dem Schreien einfach. – Mein Gefühl war deshalb immer, dass es gar nicht die Figur selbst sein kann, die schreit.

Abbildung zum Beitrag über Munchs Schrei hören

Aktuelle Meldung: Wer schreit?

Als vor einigen Wochen eine Meldung kam, in der das British Museum erklärte, wer auf dem Bild schreit bzw. nicht schreit, fragte ich mich, was der Wert einer News ist, die etwas berichtet, was mir schon immer irgendwie klar war. Offensichtlich gab es da ein Missverständnis, dass an mir vorbeigegangen war – und genau deshalb fand ich die Meldung dann doch interessant.

Also, falls du auch zu denen gehören solltest, die glauben, dass die Figur auf dem Bild schreit: Sie schreit nicht. Und sie macht dafür etwas anderes, was in diesem einen Moment ihr Verhältnis zur Welt mehr bestimmt, als alles, was sie außerdem vielleicht auch gerade noch macht: Diese Figur hört.

Mit allen Sinnen – oder von Sinnen

Genau genommen, ist natürlich auch das nicht ganz richtig. Denn die Figur hält sich ja die Ohren zu. Der Schrei ist ihr also zu laut. Und die Figur reißt die Augen weit auf. Der Schrei scheint also auch sichtbar zu sein. Denn würde man bei plötzlichem, extrem starkem Lärm die Augen weit aufreißen? Oder würde man sie eher mit schmerzverzerrtem Gesicht fest zusammenkneifen? Und wie laut kann eine norwegische Landschaft mit einem weiten Himmel, einem Fjord, einem Ufer und einer Brücke überhaupt sein?

Abbildung zum Beitrag über Munchs Schrei

Der Schrei ist nicht einfach ein Schrei. Abgesehen von der Figur (die aber nun mal nicht schreit), dem Wasser und den Vögeln gibt es auf dem ganzen Bild keine weitere, mögliche Schallquelle. Die Figur steht an einem Ort, an dem man eigentlich nichts hören sollte als den Wind, die Wellen, vielleicht einen Vogel – und die dennoch schreit, hörbar, sichtbar, spürbar. Das ganze Bild besteht aus Schall und Wellen. Die Figur selbst krümmt sich wie eine Welle. Sie erlebt den Schrei mit allen Sinnen. (Man könnte auch sagen, sie ist von Sinnen, denn sie hört etwas, was ein anderer in genau diesem Moment vermutlich nicht hören würde.)

Schrei der Natur

“Ich fühlte den großen Schrei in der Natur.” Das hat Edvard Munch an den Rand einer Lithografie von „Skrik“ geschrieben. Und bei einem der Gemälde vom „Schrei“ schrieb er mit Bleistift eine Notiz in den Himmel: „kann nur von einem verrückten Mann gemalt worden sein“.

Die Meldung aus dem British Museum, in der jetzt noch mal erklärt wurde, dass die Figur beim Schrei nicht schreit, verweist außerdem auf einen Tagebucheintrag, den Munch notiert hat – ein Jahr bevor er die erste (und berühmteste) Version vom Schrei gemalt hat: “Ich ging mit zwei Freunden die Straße entlang – die Sonne ging unter – plötzlich wurde der Himmel blutrot – ich machte eine Pause, fühlte mich erschöpft und lehnte am Geländer – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen – meine Freunde gingen weiter, ich blieb zitternd vor Angst zurück. Und ich fühlte, dass ein gewaltiger unendlicher Schrei durch die Natur ging.”

Abbildung zum Beitrag über Munchs Schrei

PS 1: Ich finde, wer nicht daran glaubt, dass man Bilder auch hören kann, der sollte sich Edvard Munchs „Schrei“ noch mal genauer ansehen – so lange, bis er oder sie Munchs Schrei hören kann.

PS 2: Die Abbildungen zum Beitrag über „Munchs Schrei hören“ zeigen diesmal Ausschnitte aus den verschiedenen Versionen von „Skrik“ – und natürlich das Scream-Emoji.


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