Generation CI

Über das Erwachsenwerden mit elektrischen Ohren
Generationen auf Fotos

Weißt du, was die Generation X, Y oder Z ist? Weißt du, zu welcher der drei du ggf. selbst gehörst? Wenn nicht, wirst du es in diesem Beitrag auch nicht erfahren. Aber es gibt zich Bücher darüber. In diesem Betrag erfährst du hingegen etwas über die Generation CI. Über die steht sonst nirgendwo was. Der Begriff Generation CI fiel mir irgendwann bei meiner Arbeit ein, und er ging mir danach nicht mehr aus dem Kopf. Das brachte mich auf die Idee zu diesem Blog-Beitrag. Falls du ihn weiterliest, lernst du die Generation CI ein wenig kennen.

Cochlea-Implantate (CI)

Klar, dass ein Begriff wie der von der Generation CI etwas mit Hören zu tun hat; sonst wäre er kein Thema für den Hörgräten-Blog. Die Abkürzung CI steht für Cochlea-Implantat. Was das ist, darüber habe ich schon ausführlich gebloggt. Hier nur so viel: Ein CI kann Menschen, die hochgradig schwerhörig bzw. taub sind, ein Leben in der Welt des Hörens ermöglichen. Diesen Menschen können selbst die stärksten Hörgeräte nicht mehr ausreichend helfen.

Ein CI funktioniert grundsätzlich anders als ein Hörgerät. Der Schall wird nicht einfach nur bearbeitet und verstärkt. Er wird durch ein Implantat in elektrischen Strom umgewandelt. Winzige Elektroden, die im Innenohr sitzen, geben fortlaufend kleine Stromstöße ab. Und dem Gehirn gelingt es, aus diesen kleinen Impulsen einen Höreindruck zu formen.

Generationen auf Fotos

Der erste Mensch, dem erfolgreich ein CI implantiert wurde, war 1978 der Australier Rod Saunders. Er hatte sein Gehör durch einen Verkehrsunfall verloren. Heute gilt die CI-Operation als Routine-Eingriff. Aber anfangs konnte keiner so recht sagen, ob die Versorgung mit dem CI tatsächlich den gewünschten Erfolg bringt. Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit dem australischen Professor Grame Clark geführt, der Saunders damals operiert hat. Er gestand mir: „Ich habe damals nicht erwartet, dass es zwangsläufig funktionieren würde.“ Er hat mir auch erzählt, dass Rod Saunders damals viel mehr als einfach ein Patient war. Er war zugleich wie ein Mitglied im Forscherteam, das sich auf eine Behandlung mit unbekanntem Ergebnis einließ.

Cochlea-Implantate für Kinder

Die ersten CI-Patient*innen waren alle erwachsen. Und sie hatten ihr Gehör oft schon vor längerer Zeit verloren. Einigen dieser frühen CI-Patienten bin ich ebenfalls schon begegnet. Sie erzählten, wie sehr sie damals darunter gelitten haben, nicht mehr hören zu können. Sie lebten oft über Jahre sehr isoliert, weil ihnen die gewohnte Sprache fehlte. Und sie waren deshalb auch bereit, sich implantieren zu lassen.

Illustration zur Generation CI

Wenn du dir vorstellen willst, wie es ihnen ging, kann ich dir z. B. unsere Artikel-Serie über Beethoven empfehlen. (An dieser Stelle: Es macht einen großen Unterschied, ob jemand schon immer nicht hören konnte und gewohnt ist, in Gebärdensprache zu kommunizieren, oder ob man hörend gelebt hat, und dann nicht mehr hören kann. CI-Versorgungen bei Erwachsenen, die zuvor nie gehört haben, werden mitunter zwar auch gemacht. Das ist aber eher selten, und die Erfolgsaussichten sind auch andere.)

Mit dem CI hören können aber auch viele Kinder, die gehörlos zur Welt kommen. In Deutschland werden die meisten dieser Kinder heute schon sehr früh mit dem CI versorgt. Aber Kinder zu implantieren, war für die Mediziner noch ein anderer Schritt als die OP bei Erwachsenen durchzuführen. Schließlich können kleine Kinder sich noch nicht selbst entscheiden. Entscheiden müssen die Eltern. Und für die Ärzte, die die ersten Operationen an Kindern vornahmen, war es ein Wagnis. Auch sie waren schließlich verantwortlich. Niemand konnte voraussagen, wie sich ein Kind mit einem CI entwickelt. Dass Kinder gehörlos leben können, war hingegen klar. Und Gehörlosigkeit ist nicht lebensbedrohlich. Es ging also keinesfalls darum, das Leben der Kinder zu retten, es ging „nur“ darum, dass sie hörend leben können.

Foto-Installation Groß Schönebeck, Schorfheide

Mitte der 80er begann der schon erwähnte Professor Grame Clark auch damit, Kinder mit einem CI operierte. 1988 wurde auch in Deutschland erstmals ein gehörloses Kind implantiert – von Clarks Kollegen Professor Ernst Lehnhardt. Graeme Clark meinte im Interview: „Die erste Herausforderung bestand damals darin, zu entscheiden, wie jung wir die Kinder operieren können. 1990 hatte ich die schwere Entscheidung zu treffen, ob wir bereits ein 2-Jähriges operieren. Zum damaligen Zeitpunkt war es nicht einmal klar, ob man den Hörverlust in diesem Alter exakt diagnostizieren könnte. Aber nach reiflichem Nachdenken entschied ich, die Operation an einem kleinen, 2-jährigen Mädchen zu machen – Sian Neame.“ Er erzählte auch noch, er hätte damals eine zuverlässige Methode entwickelt, um eine frühe Diagnose bei ganz kleinen Kindern zu machen. Und er sei sich sehr sicher gewesen.

Die Generation CI

In den 90ern wurden dann immer mehr gehörlos geborene Kinder mit Cochlea-Implantaten versorgt, teilweise schon im ersten Lebensjahr. Noch etwas später setzte sich durch, dass Kinder, die auf beiden Seiten nichts hören, auch zwei Cochlea-Implantate bekommen. Und in Deutschland wurde eine bundesweite Frühdiagnostik eingeführt, das sogenannte Neugeborenen-Hörscreening.

In meinem Job treffe ich immer wieder junge CI-Träger*innen, die in den 90er Jahren geboren und schon in den ersten Lebensjahren mit dem CI versorgt wurden. Sie gehören also zur ersten Generation, die mit dem „elektrischen Ohr“ groß geworden ist – und genau deshalb scheint mir auch der Begriff von einer Generation CI passend. Was sie mir von ihrem Leben mit Hörschädigung erzählen, finde ich sehr spannend – und deshalb passt es auch nicht mehr in diesen Artikel (und gibt bei Gelegenheit noch eine Menge Stoff für weitere Blogbeiträge). Hier nur so viel: Sie erzählen oft, dass sie sich ein Leben ohne ihr Implantat nur schwer vorstellen könnten; und dass ihr Leben dann ganz anders wäre. (Aber da muss ich an anderer Stelle noch weiter ausholen – und auch differenzieren.)

Generationen auf Fotos

Das australische Mädchen Sian war eine der ersten dieser Generation von CI-Träger*innen. Professor Clark ist ihr später noch begegnet. Er erinnerte sich, dass Queen Elizabeth (die ja auch Königin von Australien ist) mal bei ihm zu Besuch war, und dass Sian sie mit begrüßt hat. Aus dem Mädchen sei da schon eine „gebildete, bodenständige junge Lady“ geworden. Sie hätte dann geheiratet und sich vor ihrer Hochzeit auf dem anderen Ohr mit einem zweiten CI versorgen lassen. Auch da sei sie zu diesem Zeitpunkt eine der ersten gewesen. Und sie hätte ihm anschließend gesagt: „Das war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“

PS: Die Bilder zum Beitrag über die Generation CI stammen von einer großen Installation mit alten Fotos, die in Groß Schönebeck in der Schorfheide stand.


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