Irgendwie auch ein bisschen genial… (1)

Über den gehörlosen Bildhauer Gustinus Ambrosi, Wiener Melange Teil 4
Illustration zum Artikel über Gustinus Ambrosi auf www.die-hörgräte.de

Teil 4 der „Wiener Melange“ mit Artikeln über Hören und Nicht-Hören in Wien: Gustinus Ambrosi war ein Zufallsfund. Ich hatte vor der Reise nach Wien noch nie von ihm gehört. Sein Foto hing in der HANDS UP Ausstellung bei den berühmten Gehörlosen. Dann begegnete er mir gleich nochmal – in der Ausstellung „Auf Linie“ im Wien Museum MUSA, einer Ausstellung über Nazi-Kunst und NS-Kunstpolitik in der Region, die die Nazis die Ostmark nannten: Ein Foto von einem Mann mit wilder, weißer Mähne, markanter Nase, markantem Kinn; unter buschigen Augenbrauen ein entrückter Blick. Fast wie die Bilder von Beethoven. Also irgendwie auch ein bisschen genial.

Gefeierter Künstler und schillernde Persönlichkeit

Eine Zeit lang galt der Bildhauer und Dichter Gustinus Ambrosi tatsächlich als Genie. Man hielt ihn für einen der bedeutendsten Künstlern Europas und verglich ihn mit Michelangelo und Auguste Rodin (also mit wirklich bedeutenden Bildhauern). Gustinus Ambrosi kennt kaum noch jemand. Er war kein schlechter Bildhauer. Vor allem wegen seiner Porträts von mächtigen Männern wurde er geschätzt. Was er vielleicht noch besser konnte als Bildhauen oder Dichten war, sich mit diesen Männern zu arrangieren – und das immer wieder neu. Und er war, was man heute „eine schillernde Persönlichkeit“ nennt. Und er war gehörlos.

In seinen ersten Lebensjahren konnte August Ambrosi noch hören. Er wächst in Eisenstadt und in Prag auf – in einer musischen Familie. Sein Vater ist Hauptmann, malt auch, leitet einen Chor und komponiert. Seine Mutter schreibt Gedichte und spielt Klavier. Der Junge lernt Geige und tritt schon mit sechs in einem Quartett auf. Dann erkrankt er an Gehirnhautentzündung. Genau an seinem siebten Geburtstag ist er taub: „Das letzte, was ich hörte, war die Stimme des Arztes: Gnädige Frau, meine Kunst ist zu Ende, er muss sterben. Gestorben ist aber nur meine liebe arme Geige, die ich dann zertrümmerte.“

Illustration zum Artikel über Gustinus Ambrosi auf www.die-hörgräte.de

So hat Gustinus Ambrosi seine Ertaubung Jahrzehnte später beschrieben. Man kann sich fragen, was davon stimmt und wo die Selbstinszenierung beginnt. Dass Gustinus Ambrosi sich selbst als eine Art Gesamtkunstwerk inszeniert hat, ist offensichtlich. (Und heute tun das ja viele.) Interessant finde ich, darüber nachzudenken, welche Rolle seine Gehörlosigkeit dabei spielte. Andererseits ist seine Geschichte so verrückt, dass man sich das kaum ausdenken kann:

In Prag besucht er die Taubstummenschule und beginnt danach eine Lehre beim größten Bildhauer- und Stuckateur-Unternehmen. Nach dem Tod des Vaters setzt er die Lehre in Graz fort und besucht die Meisterklasse. Mit 15 wird er Zeuge eines Unfalls, der ihn bewegt und inspiriert: Eines Tags stürzt neben ihm ein Dachdecker ab, fällt in die Tiefe und liegt tot und mit offenem Mund auf dem Boden – „als wollte er noch etwas sagen“.

Gustinus Ambrosi – Liebling der Mächtigen

Mit der Plastik vom „Mann mit dem gebrochenen Genick“ beginnt der Erfolg. In kürzester Zeit wird aus dem Bildhauerlehrling ein großer Künstler. Mit 19 bekommt Gustinus Ambrosi den Staatspreis. Mit 20 gibt ihm Kaiser Franz Joseph ein Staatsatelier auf Lebenszeit. Als sich die Monarchie auflöst, findet er neue mächtige Bewunderer. Nachdem er eine Büste von Mussolini geschaffen hat, darf er sich „Commendatore“ nennen. Er hat Ateliers in Rom, Paris, Köln und Aufträge überall in Europa. Er steht im Kontakt mit Stefan Zweig, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann… Bei der III. Biennale in Rom präsentiert er im Auftrag von Österreich Arbeiten von Gustav Klimt und Egon Schiele. Er porträtiert die Päpste Pius XI. und Pius XII. und den Kanzler Engelbert Dollfuß. Der ist Austrofaschist – also Faschist, aber gegen die deutschen Nazis. Die übernehmen ab 1938 auch in Österreich die Macht – was Gustinus Ambrosi in Schwierigkeiten bringt. Sein Dollfuß-Denkmal in Graz wird zerstört und er für einige Tage verhaftet.

Plastik von Gustinus Ambrosi aus der Ausstellung „Auf Linie“, Museum MUSA Wien

Dann aber gelingt es ihm, sich auch mit dem neuen System zu arrangieren. Obwohl die österreichischen Nazi-Kunst-Funktionäre, die jetzt das Sagen haben, alles tun, um seinen Erfolg zu verhindern, indem sie ihn denunzieren: Gustinus Ambrosi sei nicht nur Anhänger des alten Systems gewesen, er hätte es sogar „in einer speichelleckerischen Art verherrlicht und verhimmelt.“ Sein Aufnahmeantrag in die NSDAP wird erstmal zurückgestellt. Aber Gustinus Ambrosi hat mächtigere Gönner. Hitler hält ihn für einen der „befähigtsten Bildhauer Deutschlands“, er will dem „Staatskünstler“ ein Atelier in Linz errichten lassen. Und Gustinus Ambrosi trifft sich immer wieder mit Albert Speer. Der gibt ihm den Auftrag für mehrere Plastiken, die im Garten der „Neuen Reichskanzlei“ in Berlin stehen sollen: Brunnenfiguren und eine „Jungfrau mit Kuh“.

Für die Versammlungen, zu denen sich die bildenden Nazi-Künstler Wiens im Künstlerhaus treffen, entschuldigt er sich hingegen: „Ich bin schon vierzig Jahre taub, so vollständig taub zwar, dass ich keinen Kanonenschuss höre, selbst wenn ich neben der Kanone stehe.“ – Bei den Versammlungen würde immer nur geredet und er würde doch nichts verstehen. Und bei den Abstimmungen würde er nicht mal wissen, worüber abgestimmt wird. – „So oft ich einen Kollegen bat, mir den Gesprächsstoff aufzuschreiben, tat er es unwillig, obzwar dieser das Glück hat, Ohren zum hören zu haben, während sie bei mir nur ein das Gehör vortäuschender Kopfschmuck sind. Solchen Grundes auch fühlte ich mich immer nur gedemütigt und um meine Leiden um meine Taubheit nicht noch unerträglicher zu machen, habe ich mich zurückgezogen.“

Die schönste Kuh von Kitzbühl

Der Entwurf für die „Jungfrau mit Kuh“ sieht ziemlich schräg aus. Fotos zeigen, wie die Kuh dem Meister Modell steht. (Die Kuh hatte 1942 den Wettbewerb um die schönste Kuh von Kitzbühl gewonnen.) Doch dann war der Krieg vorbei. Aus dem Garten der „Neuen Reichskanzlei“ wurde nichts mehr und Gustinus Ambrosis Staatsatelier in Wien war zerbombt und geplündert. Über 600 seiner Werke wurden vernichtet.

Plastik von Gustinus Ambrosi aus der Ausstellung „Auf Linie“, Museum MUSA Wien
Illustration zum Artikel über Gustinus Ambrosi auf www.die-hörgräte.de

PS 1: Die Fotos zum ersten Teil des Beitrags über Gustinus Ambrosi habe ich in der Ausstellung „Auf Linie“ im Wien Museum MUSA gemacht.

Ausstellung „Auf Linie“, Museum MUSA Wien

PS 2: Den zweiten Teil der Geschichte von Gustinus Ambrosi gibt es dann in zwei Wochen.


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