Irgendwie auch ein bisschen genial… (2)

Über den gehörlosen Bildhauer Gustinus Ambrosi, Wiener Melange Teil 4
Büste des österreichischen Bundespräsidenten Karl Renner, geschaffen von Gustinus Ambrosi

Weiter geht’s mit Teil 4 der „Wiener Melange“ mit Artikeln über Hören und Nicht-Hören in Wien: Im vorangegangenen Beitrag hatte ich dir den Bildhauer Gustinus Ambrosi vorgestellt, der als Kind sein Gehör verlor, früh als großer Künstler galt, vom Kaiser und unter dem Diktator Engelbert Dollfuß gefördert wurde, später von Hitler und Albert Speer. Dann war der Krieg vorbei und sein Atellier in Wien zerstört.

Doch Gustinus Ambrosi wurde nach dem Krieg, was er schon vor dem Krieg war: ein Staatskünstler. Die Politiker des alten österreichischen „Ständestaats“ kehren zurück. Die alten Verbindungen funktionieren noch. Gustinus Ambrosi verweist auf seine Kontakte zu Thomas Mann, Romain Rolland oder Stefan Zweig. Seinem Aufnahmeantrag in die NSDAP war auch nie stattgegeben worden. Und über sein Wirken unter den Nazis erklärt er „Wirkliche Ambrosiwerke habe ich nicht schaffen dürfen, nur dekoratives.“ Also wird ihm „politisch nichts Belastendes“ bescheinigt. Und bei den neuen Machthabern kommt sein (bombastisch-pathetischer) Stil ebenfalls gut an.

Der alte neue Staatskünstler

Gustinus Ambrosi porträtiert den ersten österreichischen Bundespräsidenten, den Sozialdemokraten Karl Renner. Und er besteht darauf, dass ihm ein neues Staatsatelier zusteht (weil ihm der Kaiser das auf Lebzeiten zugesagt hatte.) Fünf Jahre nach Kriegsende beschließt der Ministerrat einstimmig, ihn mit einem Neubau zu entschädigen; inklusive Museum. – „Gustinus Ambrosi stemmt sein Atelier aus dem Granit des Staats-Budgets“, titelt eine Zeitung: Mit den erforderlichen 12 Millionen Schilling könnte man auch „zwei siebenstöckige Wohnhäuser von je 23 m Länge“ bauen.

Illustration zum zweiten Teil des Artikels über Gustinus Ambrosi auf www.die-hörgräte.de

Doch Gustinus Ambrosis Ruhm als Künstler verblasst. Die Moderne verdrängt seinen pathetischen Naturalismus, obwohl er alles tut, seinen Ruf als begnadeter Künstler hochzuhalten und jüngere Kollegen zu diskreditieren. Einen Kritiker verklagt er, weil der ihn „Bildhauer mittlerer Güte“ genannt hat. Den Bildhauer Alfred Hrdlicka nennt er einen „Sudler“ und über die Fresken des jungen Künstlers Gisbert Hoke urteilt er: „Dieser ganze Aushub aus der Gosse wird einmal liquidiert, denn die Zeit arbeitet daran, dass immer doch nur alles Echte und Gute übrig bleibt.“

Gustinus Ambrosis Urteile sind nicht nur falsch, sie klingen auch so wie das, was die Nazis über moderne Kunst gesagt haben. Vermutlich war er in den letzten Jahren seines Lebens ziemlich verbittert. Er lebte in einem Dorf in der Steiermark und hat immer noch viel gearbeitet. Geschrieben hat er auch sehr viel – vor allem Gedichte. Er muss unmäßig Energie und Schaffensdrang gehabt haben. Als er schon 76 ist, kauft er sich ein Grundstück und beginnt einen Alterssitz zu bauen – ein Haus im toskanischen Stil. Dann jedoch wird er krank. Er erlebt, wie seine Kräfte schwinden, und das kann er vermutlich nicht ertragen. Er trinkt eine Flasche mit Kupfersulfat aus dem Giftschrank in seinem Atelier und stirbt einen Tag später.

Bildhauer, Dichter – und Musiker?

Wie gesagt, hab ich mich gefragt, welche Rolle die Gehörlosigkeit bei Gustinus Ambrosi gespielt hat – für sein künstlerisches Schaffen und für ihn als Künstler. Das kann man nur mutmaßen. Er hat oft vom Musizieren gesprochen – also von dem, was er als ertaubtes Kind nicht mehr konnte. Beim Dichten musiziere er in Worten und beim Bildhauen musiziere er „in Stein und Bronze“. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang eine Sammlung mit Gedichten, die er als junger Mann begonnen und erst 56 Jahre später kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat: die „Sonette an Beethoven“.

Büste des österreichischen Bundespräsidenten Karl Renner, geschaffen von Gustinus Ambrosi

Das Buch sei „ein Hymnus auf das zum Glück erzwungene Schicksal einer Vernichtung durch Taubheit, was zur Glorie umgewandelt, Beethovens Leben darstellt“, sagt der Klappentext. Und über den Dichter selbst sagt der Klappentext: „Denkt man, wie unglücklich sich taube Menschen empfinden, – dieser Künstler schreibt fast ein Menschenleben lang einen Hymnus auf sie. Dieses Buch wird als ein Dokument d’Humain in die Geschichte der Lyrik aller Zeiten eingehen. Das ist gewiss!“

Gustinus Ambrosi und Beethoven

Den Gedichtband hab ich antiquarisch bekommen. Ich lese gerne mal Gedichte, aber die von Gustinus Ambrosi sind ziemlich schwülstig. Ich hatte über Beethovens Taubheit geschrieben: Dass es mir vorkommt, als würde man sie oft nicht als das darstellen, was sie eigentlich war, sondern eher als eine Art Heiligenschein. Das leidende Musiker-Genie, das „seine Drangsal ‚übersteht‘ und durch die Überstehung erstrecht brausend jubiliert“ (Klappentext). Ich glaube nicht, dass Beethoven das selbst so erlebt hat. (Natürlich kann niemand sagen, was er erlebt hat.)

Illustration zum zweiten Teil des Artikels über Gustinus Ambrosi auf www.die-hörgräte.de

„Den bittern Kelch der Taubheit trank ich gern, wußte ich doch: du warst mir niemals fern, eher wird fern mir Himmel! Heimat! Leben!“, dichtet Gustinus Ambrosi. Seine Sonette sind wie ein Zwiegespräch des einen tauben Genies mit dem zweiten. Klar ist das tragisch: Beide haben erlebt, wie es ist, das eigene Hörvermögen und damit die Musik zu verlieren.

„…doch deine Seele ging ganz nahe neben mir die ganze Zeit o Beethoven!“ – Ich kann mir vorstellen, dass in Gustinus Ambrosis Kopf tatsächlich ein Leben lang Beethovens Musik saß und nachwirkte. Und dass ihm Beethovens Erfolg als tauber Komponist Mut machte. Aber Gustinus Ambrosi trägt auch sehr dick auf. Nicht jeder gehörlose Mensch leidet. Und in den 56 Jahren, in denen Gustinus Ambrosi an den Sonetten geschrieben hat, gab es viel größeres Leid als das, was er als Gehörloser und als protegierter Staatskünstler erlebt hat. Er selbst sagt ja, dass die Taubheit ein Leiden ist, das er gerne trägt, wenn er dafür „bei Beethoven“ sein kann – also irgendwie so wie Beethoven; auch so ein bisschen genial.

Illustration zum zweiten Teil des Artikels über Gustinus Ambrosi auf www.die-hörgräte.de

PS: Die Fotos zum zweiten Teil des Beitrags über Gustinus Ambrosi habe ich ebenfalls in der Ausstellung „Auf Linie“ im Wien Museum MUSA gemacht: Gustinus Ambrosis Büste vom ersten österreichischen Bundespräsidenten, dem Sozialdemokraten Karl Renner, sowie ein Foto, das zeigt, wie Karl Renner Gustinus Ambrosi für die Büste Modell steht.

Illustration zum zweiten Teil des Artikels über Gustinus Ambrosi auf www.die-hörgräte.de

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