Kinderversorgung

Auswachsen mit eingeschränktem Gehör, Teil 6: 18 wichtige Punkte über Hörgeräte für Kinder
Klingelkäfer

Das Wort „Kinderversorgung“ klingt sehr seltsam. Man könnte sich fragen, ob Kinder versorgt werden oder mit Kindern versorgt wird. Wenn Pädakustiker*innen von Kinderversorgung sprechen, dann meinen sie mit Sicherheit, dass Kinder mit Hörgeräten (oder andere Hörtechnik) versorgt werden. Im sechsten Teil unserer Blog-Serie über das Aufwachsen mit eingeschränktem Gehör geht es um Hörgeräte für Kinder. Hier die wichtigsten Punkte:

1. Hinter-dem-Ohr-Geräte

Kinder bekommen fast immer Hörgeräte, die hinter dem Ohr sitzen (sie heißen Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte oder kurz HdO). Diese Geräte haben Platz für mehr Technik und für größere Batterien, die länger halten, bzw. für Akkus. Als Hörgeräte für Kinder sind HdOs perfekt: Es kommt seltener zu Rückkopplungen (Pfeifen) oder Rauschen. Sie sind sehr bequem, gehen nicht so schnell verloren, sind robust, einfacher zu handhaben und leichter zu reinigen.

2. Ohrpassstück

Damit die Verbindung zwischen Hörgerät und Ohr perfekt ist, wird ein Ohrpassstück (eine Otoplastik) gefertigt. Das Passstück ist aus weichem Kunststoff. Dafür nimmt man einen Abdruck aus Silikon. Und weil Kinder ständig wachsen, braucht man für schwerhörige Kinder nicht nur ständig neue Schuhe, sondern auch ständig neue Ohrpassstücke. Die braucht man sogar noch häufiger als neue Schuhe; bei Babys und Kleinkindern bis zu acht Mal im Jahr.

3. Im-Ohr-Geräte

Manchmal findet man den Hinweis, dass sich als Hörgeräte für Kinder auch Im-Ohr-Geräte anbieten, weil die nämlich unauffälliger sind und die Kinder dann nicht gehänselt werden. Abgesehen davon, dass diese Geräte bei Kindern ansonsten ganz viele Nachteile haben (man verliert sie schnell, sie müssten ständig neu gebaut werden, weil das Ohr wächst…), finde ich dieses Argument bzw. diese Sichtweise sehr problematisch.

Trichterling

4. Auswahl der Hörgeräte für Kinder

Nahezu alle großen Hersteller bieten spezielle Hörgeräte für Kinder. Größere bekommen oft auch Geräte, die nicht speziell für Kinder sind. (Und Jugendliche wollen natürlich keine Hörgeräte für Kinder mehr; das funktioniert nicht anders als bei bedruckten T-Shirts für Kinder o. ä.) Die Hörgeräte bekommt man kostenlos für einige Tage mit nach Hause und kann sie ausprobieren – auch Hörgeräte für Kinder. Man kann auch verschiedene Geräte miteinander vergleichen. Dafür sollte man sich genügend Zeit nehmen.

5. Entscheidung

Wie Hörgeräte aussehen, ist für die meisten Kinder sehr wichtig. Oft ist das sogar wichtiger als die Frage, wie sie funktionieren oder wie sie sitzen. Wenn verschiedene Hörgeräte ausprobiert werden, sollte man deshalb darauf achten, dass die Kinder wirklich testen und nicht nur nach Aussehen entscheiden. (Also Hörgerät ans Ohr, ohne dass das Kind sieht, mit welchem Gerät es gerade hört.)

6. Einstellung

Alle Kinder-Hörgeräte sind heute digital. Pädakustikerin bzw. Pädakustiker programmieren sie am Computer über eine Software. Schon vielen Erwachsenen fällt es schwer, ihrem Hörakustiker zu beschreiben, wie das Hörgerät noch besser eingestellt werden soll. Hörgeräte für Kinder perfekt einzustellen, wenn die Kinder noch nicht mal sprechen können, ist natürlich noch anspruchsvoller. Es darf zu keinen Rückkopplungen kommen, es müssen die richtigen Frequenzen verstärkt werden… Rückmeldungen von Erwachsenen sind da sehr wichtig. Auch die Einstellung braucht Zeit. Man geht dafür nicht nur einmal zum Pädakustiker. Es kann Wochen dauern. Und man sollte immer wieder zur Nachkontrolle. Anfangs jeden Monat, später alle drei.

7. Sicherheit

Hörgeräte für Kinder müssen besonders gut vor Hitze und Kälte, Nässe und Dreck geschützt sein. Üblicher Weise haben sie eine Nano-Beschichtung – innen und außen. Diese Beschichtung weist Staub und Feuchtigkeit ab. Baden gehen sollte man mit den Geräten aber nicht. Außerdem muss bei Kinderhörgeräten das Batteriefach sicher verschließbar sein, denn Batterien lassen sich verschlucken. Manche Geräte haben extra LEDs, damit die Eltern sofort sehen, ob die Geräte überhaupt an sind.

8. Verlust

Hörgeräte sind klein und nicht billig. Man kann sie schon mal verlieren. Bei kleinen Kindern können Clips und Stirnbänder zusätzlich sichern. Man kann Hörgeräte heute ggf. auch mit einer App orten und wiederfinden. Und man sollte sie auf jeden Fall versichern; das bieten Pädakustiker*innen meist gleich mit an.

Tutfisch

9. Schickes Aussehen

Das ist bei Hörgeräten für Kinder wie gesagt sehr wichtig. Und zwar nicht nur, weil das Gerät gefallen sollte. Das Kind trägt sein Hörgerät jeden Tag und überall. Es ist ganz entscheidend, wie es die Technik selbst erlebt, ob sie irgend so ein Ding ist, das man mitschleppen muss, oder ob man sie mag. Ob sie zu einem gehört… Designer*innen, Pädakustiker*innen usw. machen sich daher jede Menge Gedanken, wie Hörgeräte für Kinder passend und einzigartig aussehen können. Es gibt bunte Geräte, verschiedene Motive, Aufkleber. Die Ohrpassstücke gibt es in diversen Farben, auch mit Strass, Schmucksteinen und anderem Dekor. Sicherheits-Clips und Stirnbänder gibt es natürlich auch in Schick und mit diversen Designs. Bei kleinen Kindern nimmt man unterschiedliche Farben für die Passstücke, damit sich links und rechts besser unterscheiden lassen. Geht’s um schickes Hörgeräte-Design, sind Kinder schon lange Trendsetter.

10. Tragekomfort

Wenn das Kind seine Hörgeräte mögen soll, dann dürfen sie nicht drücken, reiben, nerven. Das ist nicht anders als bei Schuhen. Und die Technik hat man nicht nur auf der Straße an sich, sondern den ganzen Tag. Niemand mag Dinge, die den ganzen Tag am Kopf drücken. Auch darum kümmern sich Pädakustiker*innen. Wenn was drückt, sollte man immer wieder hingehen.

11. Pflege

Menschliche Körper sind eine sehr ungünstige Umgebung für Technik, denn sie schwitzen, bewegen usw. Für Kinder gilt das vermutlich doppelt. Die Technik muss sehr viel vertragen, und sie muss daher auch gut gepflegt werden. Bis Kinder das tatsächlich allein können, sollten die Eltern die Technik pflegen. Das ist nicht viel anders als beim Zähneputzen.

12. Sichtbarkeit

Für Erwachsene war und ist es oft wichtig, Hörgeräte zu bekommen, die möglichst niemand sieht. Ich denke, für ein Kind macht es einen großen Unterschied, ob es lernt, dass es seine Hörgeräte verstecken muss, oder ob es lernt, dass es sie zeigen sollte. Wer lebt schon gerne mit dem Gefühl, ständig etwas an sich verstecken zu müssen. Offensiv ist natürlich besser. Die Technik offen zu zeigen, hat auch den Vorteil, dass andere mit den Geräten die Schwerhörigkeit selbst wahrnehmen und sich darauf einstellen können.

Handfamilie

13. Information

Mit der Sichtbarkeit einher geht die Information. Andere sollten die Hörgeräte nicht nur sehen, sie sollten auch Bescheid wissen. Kita-Betreuer oder Lehrern müssen wissen, was bei einem schwerhörigen Kind und bei seiner Hörtechnik zu beachten ist. Weil es nicht so viele schwerhörige Kinder gibt, haben Lehrer häufig keine Ahnung. Also muss man über Hörgeräte für Kinder reden, aufklären, informieren – oft sogar immer wieder.

14. Zusatztechnik

Sehr wichtig ist gerade bei schwerhörigen Kindern zusätzliche Technik, die die Funktion von Hörgeräten (oder auch Hörimplantaten) erweitert. Da geht es um Funk-, Bluetooth und (oder) Induktionssysteme. Klassiker ist die FM-Anlage. Alternativen können externe Mikrofone usw. sein. Wie das alles genau funktioniert, wäre ein Extrabeitrag. Die Zusatztechnik hilft, damit das Kind vor allem in akustisch schwierigen Situationen bestmöglich hört, den Lehrer im Unterricht sicher versteht, den Trainer beim Sport, die Eltern in einem fahrenden Auto, den Fernseher…

15. Mobile Vernetzung und Apps

Smarte Hörgeräte – also solche, die man mit Mobilgeräten koppeln kann – sind für Kinder extrem hilfreich. Nicht nur für Größere, die z. B. Musik oder Telefonate vom Handy in die Hörgeräte bekommen. Mit den Hörgeräte-Apps können die Eltern kleiner Hörgeräte-Kinder jederzeit regeln, wie das Kind hört, etwa Höhe und Lautstärke verändern, Programme wechseln. Sie können in der App sehen, ob Batterie oder Akku noch voll sind, ob es technische Probleme gibt, ob ein Zubehör tatsächlich verbunden ist. Sie können überprüfen, ob das Hörgerät in Kita oder Schule genutzt wurde. Sie können das Hörgerät orten, wenn es irgendwo liegengeblieben ist. Sie könnten sogar aus dem Urlaub oder von jedem Punkt der Welt Kontakt mit dem Pädakustiker aufnehmen, damit Probleme in der Geräteeinstellung aus der Ferne behoben werden.

Hörgeräteschwan

16. Kosten

Für die Anschaffung von Hörgeräten und zusätzlicher Hörtechnik haben die Krankenkassen bei Kindern besondere Regeln. Wenn der Ohrenarzt Hörgeräte verordnet, werden sie natürlich von der Krankenkasse bezuschusst. Genauere Informationen gibt es beim Pädakustiker, der genau weiß, wie man was beantragen muss.

17. Nur ein Teil vom Ganzen

Hörgeräte helfen schwerhörigen Kindern. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Hörgeräte allein lösen nämlich nicht alle Probleme, sie müssen vielmehr Teil einer ganzheitlichen Lösung sein. Das Kind braucht noch mehr – und das individuell. Es braucht vielleicht einen Logopäden für die Sprechentwicklung, Frühförderung, einen Psychologen… Eltern sollten sich da gut informieren, denn sie sind die besten Experten für ihr Kind.

18. Grenzen

Es kann passieren, dass ein Kind auch mit stärksten Hörgeräten nicht (mehr) hört bzw. versteht. Dann müssen natürlich andere Hilfen her. Cochlea-Implantate (CI) oder andere Hörimplantate ermöglichen heute vielen Kindern von früh an ein Leben in der hörenden Welt. Auch die Möglichkeit zum Erlernen der Gebärdensprache ist ein Thema, mit dem sich Eltern stark schwerhöriger Kinder auseinandersetzen sollten. Es geht nicht unbedingt um die Frage Hörtechnik oder Gebärdensprache, beides kann sinnvoll sein.

Sprachbanane

PS: Die Fotos zum Beitrag über Hörgeräte für Kinder zeigen Hör-Wesen aus einer Kreativ-Werkstatt, die ich vor etlichen Jahren für schwerhörige Kinder und Jugendliche in der Berliner Margarethe-von-Witzleben-Schule organisiert habe. Zu sehen sind ein Klingelkäfer, ein Trichterling, ein Tutfisch, eine Handy-Familie, ein Hörgeräte-Schwan und eine Sprachbanane.


Vorheriger Beitrag
Was machen Pädakustiker?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Fill out this field
Fill out this field
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Mit unserem News­letter erhalten Sie regelmäßig Artikel, Geschichten und Neuigkeiten rund um das Hören mit und ohne Technik. Informationen zu den Inhalten, der Proto­kollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Aus­wertung sowie Ihren Ab­bestell­­möglichkeiten, erhalten Sie in unserer » Datenschutzerklärung

Neueste Beiträge

Kategorien

Menü