Hören mit dem Bauch

Von Schall, Vibrationen und neuen Hör-Erlebnissen
Schwingungen einer horizontal gelagerten Stahlfeder

Hören mit dem Bauch? Dass es ganz unterschiedliche Möglichkeiten gibt, akustische Signale wahrzunehmen, war hier schon häufiger Thema – etwa beim elektrischen Hören mit Cochlea-Implantat oder beim Hören über den Schädelknochen, das sogar Albert Einstein eine Zeit lang beschäftigt hat. Eine ganz andere Spielart begegnete mir kürzlich auf der IFA. (Das ist die weltgrößte Show für Consumer-Electronics, früher hieß sie Internationale Funkausstellung.) Auf der IFA bin ich seit Jahren, um Journalist*innen Hörgeräte vorzustellen. Und hier traf ich Carsten Klippstein von Feelbelt – und einen Gürtel, der Hören mit dem Bauch ermöglicht.

Wie Hören mit dem Bauch funktioniert

Die Idee vom Hören mit dem Bauch hatte ein Ingenieur im Ruhestand. Vor dem Ruhestand hatte er Lautsprecher entwickelt, und danach hatte er Zeit darüber nachzudenken, wie man Musik auf eine neue Art erleben könnte. Also erfand er einen besonderen Gürtel.

In diesem Gürtel sitzt eine Prozessor-Einheit, die sozusagen der Kern der Erfindung ist. Sie wandelt Schall – also Musik, Sprache, Geräusche – in Schwingungen um. Der Schall kann dabei aus allen möglichen Geräten kommen – aus Smartphones, Spielkonsolen, Fernsehern, Computern… Die patentierte Prozessor-Einheit verwandelt den Sound in Vibrationen. Die werden an Impulsgeber übertragen, die auf der Innenseite des Gürtels angebracht sind. Die Impulsgeber muss man sich wie kleine, umgedrehte Lautsprecher vorstellen, deren Spitzen auf Bauch, Hüften und Rücken sitzen und sich ständig gegen die Haut bewegen.

Schwingungen einer horizontal gelagerten Stahlfeder

Erfasst wird der Schall im Spektrum bis 20.0000 Herz. Das heißt, es geht sogar noch deutlich höher, als ein gesundes menschliches Ohr normaler Weise hört. Die hohen Töne befinden sich im Gürtel ganz vorne, die tiefen hinten.

Von der neuen Idee zum neuen Produkt

Zuerst baute der Ingenieur in seinem Keller einen Prototyp. Dann suchte er nach Geldgebern, die bereit waren, aus dem Prototyp ein fertiges Produkt zu entwickeln. Die Geldgeber fanden sich und der Gürtel konnte somit immer weiterentwickelt werden.

Inzwischen gibt er Signale in Stereo wieder. Er kann unterscheiden, ob ein Signal von links oder von rechts kommt. Die Batterie wurde fest im Gürtel integriert. Und die Vibrationen sind so leise, dass man sie nur noch spürt – und nicht etwa hört. Letzteres würde das Hör-Erlebnis nämlich ziemlich beeinträchtigen. Die Firma Feelbelt, ein Start-up mit sieben Mitarbeitern, macht sich gerade daran, den Gürtel in den Handel zu bringen.

Was hat man vom Hören mit dem Bauch?

Wie gesagt, ging es ursprünglich darum, eine neue Form von Musikerlebnissen zu schaffen. Dass man tiefe, laute Töne als Schwingungen auch im Bauch spüren kann, ist klar. Durch den Gürtel wird diese Art Musik-Erlebnis deutlich vielfältiger.

Hinzu kamen schnell andere Verwendungszwecke: besondere Filmerlebnisse oder Video-Spiele zum Beispiel. Bei Renn-Simulationen (bzw. beim Simracing) wird mit so einem Gürtel alles noch viel realer: Man spürt das Heulen des Motors im Bauch oder die Fahrt durch das Kiesbett. Auf der IFA konnten die Besucher das selbst ausprobieren. Sogar sehr ambitionierte Simracer, die in ihre Rennsimulatoren ein Vermögen stecken, sind vom zusätzlichen Kick begeistert.

Ein Gürtel für Schwerhörige

Eine spannende Erfindung ist der Gürtel aber auch für diejenigen, die (mehr oder weniger) nicht hören können. Die Inkluencerin Cindy Klink z. B., über die ich hier schon geschrieben habe, hat den Gürtel ebenfalls ausprobiert. Sie hat zum Beispiel klassische Musik und Horrorfilme gehört. Horrorfilme fand sie vorher immer langweilig. (Wie wichtig das Hören für den Film-Thrill ist, hatten wir hier schon mal geschrieben.) Cindy Klink jedenfalls ist von dem Gürtel so begeistert, dass sie Feelbelt jetzt als Markenbotschafterin unterstützt. Sie will den Gürtel vor allem in der Schwerhörigen-Community vorstellen.

Schwingungen einer horizontal gelagerten Stahlfeder

Auch der YouTuber und Minecraft-Spieler Docm77 will helfen, den Gürtel noch bekannter zu machen; damit etwa hörgeschädigte Gamer Spiele wie Minecraft noch besser erleben können.

Das Team von Feelbelt hat noch weitere Ideen, und es gibt inzwischen eine Reihe von Kooperationspartnern, auch aus der Hörforschung. Denkbar ist zum Beispiel, dass der Gürtel von der Krankenkasse als Hilfsmittel für Hörgeschädigte anerkannt wird. Er könnte etwa hörgeschädigte Kinder beim Sprechen lernen unterstützten. Über die Vibrationen könnten die Kinder Feinheiten des Sprechens noch besser wahrnehmen. Und man könnte spezielle Gürtel entwickeln, die nur den Frequenzbereich menschlicher Sprache wiedergeben und somit die Verständlichkeit noch mehr unterstützen. Feelbelt geht es jedenfalls nicht nur darum, als Unternehmen Geld zu verdienen. Sondern auch um eine neue Idee, die Menschen mit eingeschränktem Gehör helfen kann.

Hören mit dem Bauch – der Selbstversuch

Natürlich habe ich das Hören mit dem Bauch auch selbst ausprobiert. Bei mir war das Ergebnis eher lala. Ich habe zum Beispiel „Bohemian Rhapsody“ gehört, Freddie Mercurys Stimme zitterte und kitzelte mir dabei irgendwo unterm Magen. Ich würde nicht behaupten, dass das ein grandioses Erlebnis war.

Aber ich kann ja auch (noch) hören. Zudem ist Wahrnehmung immer sehr individuell. Denken wir nur mal an Karussellfahren. Der eine mag es sehr, der andere überhaupt nicht… Ich mag zwar Karussellfahren, bin jedoch absolut kein Simracer. Aber als ich im Rennsimulator von Feelbelt saß und dann das Motorengeräusch und im Bauch hatte, war das erst ziemlich cool. Und dann erst die Fahrt durchs Kiesbett… Am besten einfach mal ausprobieren!

PS 1: Dieser Blog ist unabhängig und werbefrei. Den Gürtel von Feelbelt stelle ich hier vor, weil ich denke, dass er vor allem für Hörgeschädigte interessant sein kann, und weil es sich um eine neue Idee und die Entwicklung eines Start-ups handelt, also nicht um ein bereits etabliertes Produkt.

PS 2: Unsere Fotos zeigen prinzipiell keine Produkte. Die Fotos zum Beitrag über das Hören mit dem Bauch zeigen stattdessen Vibrationen.


Vorheriger Beitrag
Kinderversorgung
Nächster Beitrag
Meeresruh

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Fill out this field
Fill out this field
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Mit unserem News­letter erhalten Sie regelmäßig Artikel, Geschichten und Neuigkeiten rund um das Hören mit und ohne Technik. Informationen zu den Inhalten, der Proto­kollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Aus­wertung sowie Ihren Ab­bestell­­möglichkeiten, erhalten Sie in unserer » Datenschutzerklärung
[yikes-mailchimp form="1"]

Neueste Beiträge

Kategorien

Menü