Albert Einsteins Hörgerät (Teil 1)

Vom Hören mit Knochen und Zähnen
Totenschädel mit Kopfhörer

Forscher und Erfinder sind auch nur Menschen. Und sie können (bzw. konnten) deshalb auch hören – mehr oder weniger gut. Vielleicht liegt es daran, dass sich viele von ihnen irgendwann mal tiefer gehender mit Hören bzw. Schall oder Akustik beschäftigt haben – auch wenn sie sonst in ganz anderen Bereichen geforscht oder erfunden haben. Wer hören kann, hört ja ständig, selbst im Schlaf. Man hat den Schall also immer um sich her. Wer es gewohnt ist, sich den Kopf über die Dinge um sich her zu zerbrechen, der gerät mit seinen Gedanken zwangsläufig irgendwann an den Schall und beginnt über ihn zu grübeln. (Und sei es nur, weil so ein Schall gerade nicht zulässt, dass man klare Gedanken für andere Dinge findet…) Und schon ist wieder was erforscht oder erfunden.

Technische Hörhilfen, mit denen Schlappohren wieder besser hören können, haben natürlich auch mit Schall zu tun. Auch solche Technik wurde häufiger von bekannten Forschern und Erfindern erdacht – oft eher so nebenbei. So lief das wohl auch bei Albert Einsteins Hörgerät, um das es in dieser und den nächsten beiden Wochen hier geht. Bevor es tatsächlich um dieses Gerät geht, muss ich erstmal weiter ausholen.

Umleitung über den Schädelknochen

Im Blog-Beitrag über Schall und Wellen hatte ich schon erklärt, dass Schallwellen nicht nur durch die Luft, sondern noch durch viele andere Materialien schwingen. In jedem Hörer bzw. Lautsprecher o. ä. gibt es eine Membran. Die bewegt sich und versetzt Luft in Schwingungen. Es geht da immer um Schall – und um Wellen, mit denen sich der Schall ausbreitet. Wie unsichtbare Meereswellen, die durch die Luft ziehen.

So eine Membran kann ihre Schwingungen aber auch an anderes Material übertragen. Und in dem breiten sich die Wellen dann ebenfalls aus. Die Schallwellen gehen durch Wände, Türen und Fenster – oder auch durch Knochen… Man kann die Schwingungen im Material spüren – etwa die Vibrationen bei einem Rockkonzert. Spüren können das auch Menschen, die taub sind.

Unser Gehör hat innen Luft und Flüssigkeit. Rund herum sind Wände aus Knochen, über die die Schallschwingungen ebenfalls übertragen werden. Bei vielen Schlappohrigkeiten (bzw. bei vielen Hör-Schwierigkeiten) liegt das Problem im Innenohr. Wenn der Schall dort nicht mehr verarbeitet wird, dann ist es egal, ob er durch die Luft und die Flüssigkeit im Ohr kommt oder durch den Schädelknochen.

(Jetzt folgt ein Bild mit Albert Einstein, der Queen und dem Papst, obwohl in diesem Absatz gar nicht mehr von Albert Einstein die Rede ist. Aber hin und wieder braucht man halt ein Bild. Ich finde ja, dass dieses Bild deutlich zeigt, warum es nicht nur Vorteile hat, sehr berühmt zu sein. Wer sehr berühmt ist, läuft Gefahr, irgendwann als Plastik-Püppchen in einem Schaufenster zu stehen…)

Promi-Plastik-Püppchen

Ist das Innenohr jedoch in Ordnung, und es gibt ein Problem mit der Ohrmuschel bzw. im Gehörgang oder im Mittelohr, dann kann der Schall eine Umleitung nehmen – wie bei einer gesperrten Straße: eine Umleitung aus Schädelknochen. Man kommt auf anderem Weg ans Ziel, also ins Innenohr.

Was dort ankommt, ist dann der Knochenschall. (Mit Knochenschall sind also nicht irgendwelche Knacklaute gemeint, sondern Schall, der vom Knochen übertragen wird.)

Tonbandstimmen, Ohrenärzte und Dirigenten

Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, dass sie ständig auch über ihre Knochen hören. – Hast du dich schon mal gefragt, warum deine Stimme ganz anders klingt, wenn du sie als Ton-Mitschnitt hörst? – Genau: Knochenschall. – Weil deine Stimme normaler Weise auch von deinem Knochen übertragen wird, hörst du sie immer mit Knochenschall. Vom Band klingt sie dann total fremd, weil der Knochenschall wegfällt. – Natürlich immer nur für einen selbst. Alle anderen hören deine Stimme ja sonst auch ohne deine innere Knochenleitung.

Wenn jemand schlecht hört, dann kann zum Beispiel der Ohrenarzt mit Hilfe der Knochenleitung ziemlich gut feststellen, wo das Problem liegt. Funktioniert nämlich die Weiterleitung über den Knochen noch, dann liegt das Problem nicht in der Hörschnecke (bzw. im Innenohr), sondern irgendwo davor, im Gehörgang oder im Mittelohr.

Auch andere Berufsgruppen kennen den Trick mit dem Knochenschall. Dirigenten etwa sollen die Angewohnheit haben, sich eine Stimmgabel direkt auf den Schädel zu setzen, um den Kammerton A zu hören.

Vom Hören mit den Zähnen

Dass Schallübertragung auch über den Knochen möglich ist, weiß man schon ziemlich lange. Der Italiener Girolamo Cardano war Arzt, Philosoph, Mathematiker, Traumdeuter und noch einiges mehr. Er hat vor ungefähr 500 Jahren die nach ihm benannte Kardanwelle erfunden. Und er soll auch entdeckt haben, dass man mit den Zähnen hören kann. – Ich überlege gerade, wie du das im Selbstversuch am besten nachprüfen könntest. – Auf eine Stimmgabel beißen?

Ludwig van Beethoven, das vermutlich bekannteste Schlappohr der Weltgeschichte, hat so etwas Ähnliches gemacht, als er nach und nach sein Gehör verlor und deshalb sehr verzweifelt war. Beethoven hat einen Holzstab an seinen Flügel montiert. Auf den hat er beim Spielen gebissen, um die Töne besser zu hören. (Mit Beethoven, der auch verschiedene andere Hörhilfen nutzte, will ich mich bald mal intensiver beschäftigen. Hier nur so viel: Die Umleitung über Zähne und Knochen konnte ihm leider nicht wirklich helfen, weil sein Hörproblem eben im Innenohr lag.)

grüner Beethoven als Hologramm

In den USA wurde Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts das sogenannte Osophon erfunden – ein Apparat, mit dem Hörgeschädigte die Schallschwingungen über die Zähne aufnehmen konnten. Dafür musste man auf Gummi-Pole beißen. Und das möglichst nicht zu fest, damit die Schwingungen optimal auf den Kopf übertragen wurden. Gedacht war das Osophon nicht für Gespräche, sondern zum Hören von Telefonaten und insbesondere von Radio-Sendungen; das Radio begann ja damals gerade.

Die Anfänge der Knochen-Hör-Technik

So richtig durchgesetzt hat sich das Hören mit Zähnen dann aber nicht. Vermutlich auch, weil nur wenige Jahre später erste Knochenleitungshörgeräte vorgestellt wurden – ebenfalls in den USA. Was das für Hörgeräte sind, hatte ich schon in einem früheren Artikel beschrieben. Die ersten dieser Geräte funktionierten mit einem Vibrator, den man sich hinter das Ohr bzw. an die Schläfe hielt. Das war natürlich auch nicht perfekt. Man hatte zwar nichts mehr zwischen den Zähnen, musste sich dafür aber einen Vibrator an den Kopf halten. Und es gab noch einen Nachteil: Die Schwingungen vom Vibrator kamen nicht direkt am Knochen an. Sie mussten zuerst durch Haut und Gewebe. Dadurch ging einiges an Schall verloren. – An diesem Punkt kommt nun Einsteins Hörgerät ins Spiel – nach dieser Vorgeschichte dann im zweiten Teil des Beitrags.

Einstein-Radiergummis

PS: Die Fotos zum ersten Teil meines Artikels über Einsteins Hörgerät zeigen einen Schädel mit Kopfhörer vom Camden Market in London, Einstein mit Queen Elisabeth II. und Papst Johannes Paul II. in einem Krimskrams-Laden in Amsterdam, zwei fröhliche Backenzähne, die ich an einer Zahnarztpraxis in Bad Zwischenahn fotografiert habe, ein Hologramm mit einer Büste Ludwig van Beethovens sowie Einstein-Radiergummis aus dem Technik-Museum in Wien.


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