Nicht so wie Beethoven

Über Alexander Görsdorfs Buch „Taube Nuss“
Blick von einer Brücke ins Wasser

Über Beethoven, das berühmteste Schlappohr der Welt, gibt es auf diesem Blog inzwischen jede Menge. Beim Schreiben der Beethoven-Artikel fiel mir ein, dass ich auch mal über Alexander Görsdorf bloggen müsste – bzw. über Alexander Görsdorfs Buch „Taube Nuss“.

Dass einem Alexander Görsdorf einfällt, wenn man über Beethoven bloggt, ist nicht ganz abwegig. Denn er ist auch sehr schwerhörig, und er hat jahrelang einen Blog geschrieben (Link in meiner Blog-Rolle), der „Not Deaf like Beethoven“ heißt. (Vielleicht schreibt er diesen Blog auch immer noch, aber soweit ich gesehen habe, ist da seit längerer Zeit kaum noch was erschienen. Ist hier aber auch nicht wichtig.) Vielmehr geht es um das Buch. Das gibt es zwar auch schon etwas länger, ich finde es aber nach wie vor wichtig. Deshalb hatte ich es sogar rezensiert. Die Rezension war jedoch für eine Hörakustik-Fachzeitschrift, und die lesen natürlich nur Hörakustiker*innen.

Über das Bücher-Rezensieren

Hin und wieder schreibe ich mal eine Buchrezension, aber eher selten. Wenn ich eine schreibe, hat das Buch immer was mit Hören zu tun. Buchrezensionen zu schreiben, ist eher aufwändig, weil man für ein, zwei Seiten Text erst ein ganzes Buch lesen muss. (Zumindest mache ich das so…) Nicht immer ist vorher klar, worauf man sich einlässt. Ich habe ehrlich gesagt weder Lust noch Zeit, ein Buch zu lesen, das mich nicht überzeugt, mich langweilt und nervt, um anschließend eine Rezension zu verfassen, in der es darum geht, wie wenig überzeugend, langweilend oder nervend dieses Buch ist.

Blick von einer Brücke ins Wasser

Bei Alexander Görsdorfs Buch „Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen“ wusste ich vorher ungefähr, worauf ich mich einlasse. Ich kannte ja schon seinen Blog, den ich toll fand. Und vom Buch wusste ich, dass viel Material aus dem Blog eingeflossen war.

Wie der Blick von einer Brücke

„Einen Menschen zu hören, war für mich, als stünde ich auf einer Brücke und blickte auf einen Fluss herunter. Als tauchte dort ab und zu etwas an der Oberfläche auf, würde mitgerissen und verschwände gleich wieder. Zu kurz, um es wirklich zu erkennen.“

Das Zitat habe ich ausgewählt, um zu zeigen, warum ich das Buch empfehlen kann. Weil Alexander Görsdorf nicht nur weiß, wie es ist, schwerhörig zu sein. Er kann auch sehr genau beobachten. Und er kann das, was er erfahren hat, genau beschreiben. Sogar in poetischen Bildern. Das geht in die Tiefe – um beim Bild vom Fluss zu bleiben. Und es ist zugleich wirklich erhellend.

Blick von einer Brücke ins Wasser

Mit einer Schwerhörigkeit zu leben, ist das eine. Darüber zu schreiben – und zwar so, dass es auch andere lesen mögen, vor allem auch Nicht-Schwerhörige – ist etwas ganz anderes. Gerade für diejenigen, die gut hören, ist solche Lektüre wichtig. Wer von uns Hörenden denkt schon darüber nach, wie es einem mit einer Behinderung geht – wenn man die nicht mal sehen kann.

Aus dem Leben einer tauben Nuss

Alexander Görsdorf (bzw. der Held seines Buches „Taube Nuss“, der ja nicht 1:1 Alexander Görsdorf sein muss) war von Kindheit an schwerhörig. Er weiß also nicht, wie es ist, sein Gehör zu verlieren. (Den meisten Menschen, die mit Technik hören, geht es anders.) Dafür hatte der Autor von früh an unzählige Erlebnisse, wie man sie nur mit Schlappohrigkeit machen kann:

Blick von einer Brücke ins Wasser

Bei Kindergeburtstagen hat er das „Stille-Post-Spiel“ hassen und bei Besuchen im Freibad das Spritzwasser fürchten gelernt (letzteres wegen der Hörgeräte). Er erkennt Mitmenschen an ihren Mündern. Er kennt sich aus mit der Akustik von Salatbesteck. Er weiß, dass sich die Suche nach einem geeigneten Wecker zu einer wahrhaften Odyssee gestalten kann und welche Schwierigkeiten Hörtechnik beim Sex bereitet. Und er ist in seinen Geschichten oft zweisam einsam – selbst bei Neumond im Lavendelfeld. Er ist der einzige Stammgast im wahrscheinlich miesesten Café der Stadt – wegen der tollen Akustik. Und er beschreibt die ständige Furcht vor Fragen, die schnelle Antworten verlangen, und die daher immer nur bloßstellen, weil man sie doch nie versteht.

Blick von einer Brücke ins Wasser

„Der Held in „Taube Nuss“ lebt ein Leben voller ungehörter und damit unerhörter Begebenheiten. Ein Leben, in dem der tägliche Besuch beim Bäcker ausgeklügelte Strategien erfordert, in dem Telefone oder Wechselsprechanlagen absurde Situationen hervorrufen, in dem man seinen Mitmenschen als Streber oder Frauenversteher, als Pedant oder Partyschreck, als Sonderling und seltsamer Typ, als voll daneben oder sturzbetrunken erscheint – und doch eigentlich „nur“ schwerhörig ist.“ (Das war jetzt mal ein Zitat aus meiner Rezension für die Fachzeitschrift.)

Anders taub als Beethoven?

Nicht so taub wie Beethoven? – Man kann mutmaßen, was Görsdorf eigentlich auf den Titel für seinen Blog gebracht hat. In dem vergleicht er sich immerhin mit Ludwig van und sagt, dass er nicht so bzw. anders taub ist als der. Man könnte vermuten, dass es mit der Hörtechnik zu tun hat, die Beethoven noch nicht hatte. (Am Ende seines Buches berichtet Alexander Görsdorf auch über seine Erfahrungen mit dem Cochlea-Implantat.) Ich glaube aber, dass es noch um etwas anderes geht:

Blick von einer Brücke ins Wasser

Das Buch bzw. der Blog von Görsdorf sind nämlich genau das Gegenteil von dem, was Beethoven mit diesem Text bzw. Brief bezweckte, den er nie abgeschickt hat. Beethoven wollte, dass dieser Brief (heute nennt man ihn Heiligenstädter Testament) erst gelesen wird, wenn er tot ist. Damit die Leute nach seinem Tod erfahren, warum er so anders war als sie, einer, der irgendwie nie dazu gehörte.

Beethoven wollte nicht, dass die Leute erfahren, dass er schwerhörig ist. Auch als sie es längst wussten, haben alle mitgeholfen, seine Behinderung so gut es ging zu verstecken. Man muss sich diesen Moment vorstellen, in dem er seine 9. Sinfonie dirigiert hat: vor einem voll besetzten Konzertsaal und völlig einsam, weil er weder das Orchester noch den Jubel hören konnte, und weil die Musiker von einem anderen dirigiert wurden. Aber er stand auf dem Podium und dirigierte die Musik in seinem Kopf, nur für sich.

Europas Hymne wurde von einem Gehörlosen komponiert.

Ich finde, dieser Satz beschreibt eine großartige Tatsache. Und es ist ein tolles Zeichen. Man muss sich nur klar machen, dass Beethoven nicht so ein abgehobenes, überirdisches Genie war, sondern ein sehr bedeutender Komponist und ein gehörloser Mensch. Beethovens Zeit war für so ein Coming-out aber gar nicht bereit. Und für Beethoven selbst war dieses in gewisser Weise wohl auch nicht denkbar.

Blick von einer Brücke ins Wasser

Aber bei Alexander Görsdorf geht es genau darum. Er schreibt kein „Testament“ für die Nachwelt. Er schreibt für jetzt gleich – für dich und mich. Über seine Erlebnisse schreiben zu können – so erfährt man gleich zu Beginn, war eine Art Coming out, ein Sich-selbst-finden, dem ein langer, ganz und gar nicht leichter Weg vorausging. „Ihn derart gemeistert zu haben, dazu kann man den Autor von „Taube Nuss“ nur beglückwünschen!“

Empfehlung – auch für „flotthörige“ Leser

Der Satz mit dem Glückwunsch stammte wieder aus der Rezension. Und weil man nicht alles zweimal schreiben muss, übernehme ich die letzten beiden Absätze auch gleich noch:

Blick von einer Brücke ins Wasser

„Schon dieser Blog (also der in der Blog-Rolle) ist absolut lesenswert. Und „Taube Nuss“ ist es ebenfalls. Denn Görsdorf gelingt es wie vielleicht keinem vor ihm, die eigene Hörschädigung zum Thema des Schreibens zu machen – in vielen kurzweiligen Episoden, in einer eigenen Sprache, sehr offen, immer in der Schwebe zwischen Komik und Tragik, auf jeden Fall unterhaltsam, mitunter mit dem Mut des Verzweifelten, jedoch ganz bestimmt niemals so verzweifelt wie Beethoven es einst war.

Dem „flotthörigen“ Leser bietet „Taube Nuss“ eine große Chance: Er erhält eine wirkliche Ahnung davon, wie stark das Nicht-Hören-Können in vielfältigste Lebensbereiche eingreift, wie es Biografien prägen und zum Schicksal werden kann. Und er begegnet einem oft tragikomischen Helden, der durch sein ungehörtes Leben stolpert, und dabei doch stark und selbstbewusst geworden ist, der kein Mitleid einklagt sondern Verständnis fordert – über alle Grenzen des Hörens hinweg.“

Buchcover und Hörgräte

PS 1: Alexander Görsdorfs Buch „Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen“ ist im Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek bei Hamburg erschienen, und zwar 2013. – Und um das auch noch mal zu sagen: Dieser Beitrag ist keine bezahlte Werbung. Er ist überhaupt nicht bezahlt. Meine ursprüngliche Rezension erschien in der Hörakustik-Fachzeitschrift Audio Infos.

PS 2: Die Bilder zum Beitrag über Alexander Görsdorfs Buch “Taube Nuss” zeigen diesmal: das Buch selbst mit Alexander Görsdorf auf dem Cover und der Hörgräte daneben, sowie passend zur zitierten Textpassage Blicke von Brücken in fließendes Wasser – genauer gesagt sind es alles Blicke in Amsterdamer Grachten.


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