Geschichten vom Radio

Über Rainer Suckows Buch „Eine Prise Funkgeschichte. Fünfzig Geschichten aus hundert Jahren Rundfunk“
Foto zu einem Beitrag über Rainer Suckows Buch „Eine Prise Funkgeschichte“

Rainer Suckow kenne ich von der IFA in Berlin. Er ist Radio-Fan und macht selbst Radio. Ich war die letzten Jahre immer auf der IFA, um Journalisten was über Hörgeräte zu erzählen. So haben Rainer und ich uns getroffen. Auf seinem Kanal gab es sogar einen Live-Talk von der IFA, nur über Hörgeräte. Und als Rainer mir erzählte, dass er sich für das Museum auf dem Funkerberg bei Königs-Wusterhausen engagiert und an einem Buch über Funkgeschichte schreibt, weckte das mein Interesse; dieses „Radio-Buch“ wäre ein tolles Thema für den Blog. Als es fertig war, bekam ich sogar ein Rezensionsexemplar. Hier nun mein Beitrag zu „Eine Prise Funkgeschichte“.

Funkgeschichte – jede Menge Erfindungen und Erfinder

Radio ist ein bisschen wie Hören – also zumindest für diejenigen, die hören können: Gefühlt ist es schon immer da und irgendwie allgegenwärtig. Erst beim Lesen der 50 kurzen Kapitel von „Eine Prise Funkgeschichte“ wurde mir bewusst, in wie viele Lebensbereiche das Radio eigentlich hineinreicht – in Kultur, Politik, Alltag. Anders als Fernsehen geht Radiohören fast immer und überall. Radio läuft oft nebenbei – auch wenn gearbeitet wird. Es ist jederzeit abrufbar. Und obwohl man dem Radio oft sein nahendes Ende vorausgesagt hat, ist es immer noch da.

Zum einen ist die Funkgeschichte, die Rainer Suckow in seinem Buch vorstellt, natürlich Technikgeschichte. Der Leser erfährt jede Menge über die Entwicklung der Radio-Technik, über die ersten Tonaufzeichnungen mit dem Phonographen, über Empfangsantennen und selektive Empfänger, über den Ursprung des Amateurfunks, über die erste Schiffsrettung per Funk, über Nachrichtenübertragung per Satellit oder die ersten Autoradios. Die wogen übrigens 15 Kilo und waren ungefähr so teuer wie ein Drittel des eigentlichen Autos.

Foto eines alten Röhrenradios aus dem Funkerberg-Museum Königs Wusterhausen

Wie bei jeder großen Erfindung, gibt es auch in der Funkgeschichte zahlreiche Technik-Pioniere, die das Radio mit neuen Ideen voranbrachten. Neben bekannten Erfindern und Ingenieuren wie Alexander Stepanowitsch Popow, Ernst Voss (dem Gründer der Deutschen Welle), Ferdinand Braun (der im Prinzip auch die erste Halbleiterdiode entwickelte), Heinrich Hertz oder Nikola Tesla widmet sich „Eine Prise Funkgeschichte“ weniger bekannten Namen, etwa der Radio-Pionierin Isolde Hausser, die nicht nur für die Entwicklung der Röhren in der Firma Telefunken maßgeblich war, sondern auch für die der medizinischen Kurzwellen-Behandlung.

Der höchste Sendemast der Welt, die Erfindung des Musikradios und, und, und

Ebenso ein wichtiges Thema in Rainer Suckows kleiner Funkgeschichte sind bedeutende Radio-Programme und Sender. Man erfährt, wie nach dem Ersten Weltkrieg und während der Weltwirtschaftskrise der Wirtschaftsrundspruch Börsenkurse verbreitete, warum die Entstehung des UKW-Radios in Deutschland eine nachkriegsbedingte Notlösung war oder das in der BBC, der erfolgreichsten Sendeanstalt der Welt, Nachrichten anfangs noch im Frack verlesen wurden, damit deren Seriosität gewahrt bleibt. Natürlich darf auch das legendäre Weihnachtskonzert vom 22. Dezember 1920 nicht fehlen. Über die erste Radioübertragung in Deutschland vom Funkerberg in Königs Wusterhausen hatte ich hier schon geschrieben.

Foto zu einem Beitrag über Rainer Suckows Buch „Eine Prise Funkgeschichte“

Auch Kurioses hat die Funkgeschichte zu bieten. Da geht es etwa um den größten Sendemast der Welt, mit 646 Metern doppelt so hoch wie der Eiffelturm, der in den 70er Jahren in Polen stand und 1991 innerhalb weniger Sekunden komplett einstürzte. Ebenso erfährt man, wer der erste amtliche Radiohörer in Deutschland war, dass die erste Fußball-Live-Übertragung ein Spiel des SC Preußen Münster gegen Arminia Bielefeld war oder wie das DDR-Radio in den 80er Jahren Computerprogramme mittels akustischer Signale übertrug.

Dass Radio auch als Triebfeder kultureller Entwicklung fungierte, wird zum Beispiel im Kapitel über die Entstehung der Hitparade und der Radio-Charts klar. Auch wenn Streamingdienste und Influencer für den Erfolg eines Songs heute wichtiger sind – das Musikradio, wie wir es immer noch kennen und lieben, geht ebenfalls auf die populären Radio-Rankings der 60er Jahre zurück.

Funkgeschichte – staatliche Kontrolle und das Radio als Medium der Freiheit

Dass Berlin und sein unmittelbares Umland für die Funkgeschichte und die Etablierung des Radios in Deutschland eine einzigartige Rolle spielten, ist ebenfalls vielfältig Thema: das einstige VOX-Haus am Potsdamer Platz und das Haus des Rundfunks, der Berliner Funkturm, die Funkausstellung, die als Radio-Messe begann und sich zur weltweit größten Elektronik-Show IFA entwickelte, der Fernsehturm als „Deutschlands größter Antennenträger“… Und wer schon immer mal wissen wollte, warum auf vielen alten Radio-Skalen neben Weltstädten wie London und Paris auch die brandenburgische Kleinstadt Zeesen aufgeführt ist, dem gibt „Eine Prise Funkgeschichte“ ebenfalls Antwort.

Foto zu einem Beitrag über Rainer Suckows Buch „Eine Prise Funkgeschichte“

Sehr interessant ist, wie sich Radio von Beginn an im Spannungsfeld zwischen Reglementierung und Freiheit befand. Im November 1918 senden die Arbeiter- und Soldatenräten von Königs Wusterhausen aus – bis das Funkwesen im Folgejahr vom Staat übernommen wird. Die Nazis nutzen das Radio als modernes, reichweitenstarkes Medium für ihre Propaganda; zugleich riskiert man Kopf und Kragen beim „Abhören feindlicher Sender“. Nach dem Krieg ist es vor allem das Radio, das Nachrichten und Musik durch den Eisernen Vorhang bringt.

Welche wichtige Rolle das Jugendradio DT 64 in der Wendezeit der DDR hatte, wird ebenso berichtet, wie die Geschichte des legendären britischen Piratensenders „Radio Caroline“, der fast drei Jahrzehnte von einem Schiff aus Popmusik spielte und so die bis dato stocksteife Radiolandschaft des Königreichs aufmischte. Als „Medium, das sich seine Freiheit sucht“ beschreibt der Autor das Radio.

Warum sich ein Besuch auf dem Funkerberg nun umso mehr lohnt

Also: Rainer Suckows „Eine Prise Funkgeschichte“ hat auf 160 Seiten viel zu bieten: geballtes Radio- und Technikwissen, Erhellendes, Überraschendes, Lesens- und Wissenswertes. Das alles ist sachkundig und – auch für Technik-Laien wie mich – gut verständlich aufgeschrieben. Zudem gibt es am Ende ein Personenregister; man kann das Buch auch als kleines Nachschlagewerk nutzen.

Foto eines alten Röhrenradios aus dem Funkerberg-Museum Königs Wusterhausen

„Eine Prise Funkgeschichte“ ist 2020 im Berliner Bebra-Verlag erschienen und fand schon so viele Leser, dass es aktuell nur noch wenige Print-Exemplare zu kaufen gibt. Als E-Book gibt es „Eine Prise Funkgeschichte“ auch. Und Rainer hat mir verraten, dass es auf jeden Fall noch Bücher im Museum auf dem Funkerberg gibt. Einen Besuch an der „Wiege des deutschen Radios“ hatte ich hier sowieso schon empfohlen. Nun also noch ein Grund, dort mal vorbeizuschauen.

Buchcover und Hörgräte

PS: Die Abbildungen zum Beitrag über „Eine Prise Funkgeschichte“ zeigen schöne alte Radioapparate, von denen es im Museum auf dem Funkerberg noch viel mehr gibt; außerdem die Hörgräte mit Rainer Suckows Buch.


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