Auf dem Funkerberg

Ausflug zur Wiege des Radios
Fries mit Fabelwesen und Blitzen

Heute gibt es einen Ausflugstipp zu einem Hör-Ort. Es geht um die Wiege des Radios in Deutschland. Hör-Orte sind Orte, die in irgendeiner Form mit dem Hören zu tun haben. Es sind nicht unbedingt die Orte, die in jedem Ausflugsführer stehen. Ich schreibe nur über solche Orte, wenn ich sie spannend finde und auch tatsächlich da war. Deshalb sind diese Orte in aller Regel ganz in meiner Nähe – also in Berlin oder in Brandenburg.

Der Funkerberg ist schon Brandenburg und liegt ungefähr eine halbe Stunde Autofahrt von mir entfernt direkt am südlichen Berliner Ring. Er gehört zur Stadt Königs Wusterhausen, die ihren Namen davon hat, dass der König dort immer jagen war, wenn er sich vom Regieren in Berlin entspannen wollte. Es gibt in Königs Wusterhausen auch ein Jagdschloss. Aber da war ich noch nie, weil ich Jagdschlösser langweilig finde. Wenn mich einer fragen würde, was man sich in Königs Wusterhausen angucken kann, dann würde ich ihm nicht das Schloss, sondern den Funkerberg empfehlen, weil der die Wiege des Radios ist. Und wenn jemand Probleme haben sollte, den Namen Königs Wusterhausen aufzusagen, dann kann er den Ort einfach KW nennen.

Stahlmast und Heimatgefühl

Zu jeder Stadt gehört ein Stadtwappen. Wappen sind ja so eine Art Marke (oder: Bränd), und sie haben oft eine lange Geschichte. (Ich überlege gerade, ob Wappen heute noch wichtig sind. Die Stadtwappen von Hamburg oder München z. B. fallen mir sofort ein. Aber dann hört es auch schon auf…) Wie das Stadtwappen von KW aussieht, ist mir vor langer Zeit mal hängen geblieben, weil ich es irgendwie schräg fand. Es zeigt nicht etwa ein fettes Wildschwein, einen kapitalen Hirschen oder sonst irgendein symbolisches Tier, das der König damals zur Entspannung gerne abgemurkst hätte. (Rund um Berlin gibt es viele Gegenden, in denen mächtige Männer zur Entspannung Tiere abgemurkst haben…) Das Wappen von KW ist vielmehr ein Symbol für Technik und globale Vernetzung. Es zeigt eine Weltkugel. Und auf dieser Kugel stehen drei große Sendemasten.

Großer Sendemast Königswusterhausen

Einer dieser Masten steht heute noch. Er ist 210 Meter groß und wird vermutlich dennoch schnell übersehen. Es ist halt kein Fernseh- oder Funkturm, sondern einfach nur so ein Stahlding in der Landschaft. Aber für die Leute in KW ist der Mast wichtig. Die Frau in dem kleinen Museum, das es auf dem Funkerberg gibt, hat mir erzählt, dass sie sich immer freut, wenn sie von einer Reise zurückkommt, schon von weitem diesen Mast sieht und dann weiß, dass sie jetzt gleich zu Hause ist.

Der Mast steht da eigentlich auch nur noch so rum und wird gepflegt, damit er in Form bleibt. Seine einzige Aufgabe ist, ein Wahrzeichen für KW zu sein, bei den Leuten aus KW positive Gefühle auszulösen, wenn sie von weiten Reisen zurückkommen, und außerdem von einer bedeutenden Geschichte über Hörtechnik zu erzählen. Denn der Funkerberg ist die Wiege des Radios – oder genauer formuliert die Wiege des öffentlichen Rundfunks in Deutschland.

(Apropos Wiege des Radios: Die Vorstellung, dass ein Ort als Wiege bezeichnet wird, weil dort irgendeine Idee, Technologie oder sonstige Erfindung auf die Welt kam, finde ich bemerkenswert. Wiegen sind ja eigentlich was für Babys. Ich frage mich, ob es etwas damit zu tun hat, dass Männer keine Kinder bekommen können, und dass sie Ideen, Projekte oder Erfindungen dann als „ihre Babys“ bezeichnen. Nennen Frauen ihre Ideen, Projekte oder Erfindungen auch „mein Baby“?)

Von trällernden Soldaten

Es ist ja oft so, dass neue Technik-Ideen zuerst einmal der Armee vorbehalten sind. Jemand erfindet was. Dann stellen sie fest, dass das von höchster Bedeutung für die militärische Schlagkraft und die Sicherheit des Landes ist. Also bleibt die Erfindung geheim und wird nur für kriegerische Zwecke genutzt bzw. eingeplant.

Mit der Radio-Geschichte auf dem Funkerberg war es auch so. Am Anfang war alles rein militärisch. Die Armee übermittelte Nachrichten. Sehr früh wurde auch damit begonnen, Börsendaten zu übermitteln. Aber an Unterhaltung dachte noch niemand – außer vielleicht ein paar von den Funker-Soldaten. Die sollen als erste auf den Dreh gekommen sein, mit richtigem Radio anzufangen.

Ansicht der Sendersuche eines alten Ultra Planet Radios

Vermutlich war ihnen langweilig. Sie wollten nicht nur den ganzen Tag rumsitzen und auf irgendwelches militärisches Zeug warten, das einer dem anderen über die Radio-Wellen sendete. Und deshalb fingen sie an, sich die Zeit zu vertreiben. Einer hat zum Beispiel ein lustiges Lied geträllert, und der andere hat das dann im Radio gehört und sich gefreut. Sie durften sich dabei nur nicht erwischen lassen, weil lustige Lieder im Dienst nichts zu suchen hatten und es deshalb Ärger gab.

Das ging vermutlich eine ganze Weile so. Die Offiziere auf dem Funkerberg sind immer fuchsteufelswild geworden, wenn sie ihre Funker-Soldaten wieder beim Liederträllern auf den Radio-Wellen erwischt haben. Und die Soldaten haben sich ihren Spaß nicht nehmen lassen und immer weiter gemacht, sich beim Trällern sogar mit der Geige begleitet usw.

Das Weihnachtskonzert der Postbeamten

Wir gehen mal davon aus, dass es die Hör-Freude preußischer Soldaten war, die schließlich zu einem Umdenken führte. Radio wurde von einer militärischen Geheim-Angelegenheit zu einer Sache für alle. Man begann mit einer Versuchsreihe zur Übertragung von Sprache und Musik. Schließlich fand am 22. Dezember 1920 auf dem Funkerberg in KW die erste deutsche Radiosendung statt – ein Weihnachtskonzert. Es begann mit „Hallo, hallo, hier ist Königs Wusterhausen auf Welle 2700…“ Das sich anschließende Konzert wurde nicht von einem Radio-Sinfonieorchester bestritten, sondern von ein paar Postbeamte aus der Gegend, die musizierten und sangen.

Historische Aufnahme vom ersten Radio-Konzert in Deutschland

Zwischen 1916 und 1926 wurden auf dem Funkerberg insgesamt drei Sendehäuser gebaut. Man baute jede Menge Antennen-Masten, einen ganzen Antennen-Wald. In den 30er Jahren kam noch eine Netz-Ersatzanlage dazu. Zu der gehörte ein 1.000-PS-Diesel-Aggregat, damit immer genug Strom für die Radio-Übertragung da war.

Unterhaltungsradio hatte es zuvor bereits in den USA und in den Niederlanden gegeben. Die erste offizielle Sendung des öffentlichen Rundfunks in Deutschland kam drei Jahre nach dem Weihnachtkonzert der Königs-Wuserhausener Postbeamten aus dem Berliner Voxhaus, das sich in der Nähe vom Potsdamer Platz befand.

Hör-Freuden und Hetze

Dem Radio erging es wie jedem neuen Medium. Es wurde euphorisch begrüßt, kritisch unter die Lupe genommen, auf unterschiedliche Weisen benutzt – für Hör-Freuden, für Musik und Information, für Geschäfte, für Manipulation, für Propaganda und Hetze.

In den 20er Jahren entstanden immer mehr regionale Radio-Sender, und immer mehr Leute haben deren Programme verfolgt. Die Politiker der Weimarer Republik sahen das Radio eher skeptisch und stellten es unter staatliche Kontrolle. Industrie und Handel entdeckten Radio als die neue Werbeform. Ich habe z. B. mal eine 100-Jahre-Jubiläumsschrift für ein traditionsreiches Berliner Möbelhaus erarbeitet; und das hatte seinen großen Durchbruch in dieser Zeit – dank einem schmissige Werbeliedchen, das ständig im Radio lief.

altes Radioröhren

Als die Nazis an die Macht kamen, nutzten sie das ohnehin staatlich kontrollierte Radio für ihre Propaganda, machten es zum Massenmedium und erreichten so weit mehr Menschen, als in jeden Bierkeller, jeden Sportpalast und jedes Zirkuszelt gepasst hätten. Wer Jahre später im Krieg erfahren wollte, wie es tatsächlich um Deutschland steht, hörte heimlich ausländische Radiosendungen und riskierte dabei Kopf und Kragen. Es gibt die Geschichte von Jakob dem Lügner, der in einem Ghetto in Polen den anderen Kraft und Überlebenswillen gibt, indem er Nachrichten erfindet, die er angeblich mit einem versteckten Radio empfangen hat…

1.000-PS-Museumstipp

Heute gibt es Internet-Radio und Podcasts. Aber begonnen hat zumindest in Deutschland alles mit dem Funkerberg an der Abfahrt KW am südlichen Berliner Ring. Und wenn du dort mal vorbeifahren und den alten Mast sehen solltest, dann weißt du jetzt, was es damit auf sich hat. (Und das dort die Wiege des Radios steht…)

Das kleine Museum auf dem Funkerberg wird übrigens mit viel Engagement betrieben. Und es bietet eine ganze Menge: Sendeanlagen für Kurz-, Mittel- und Langwellen aus den 30er und aus den 70er Jahren, ein Modell vom früheren Antennenwald, eine Nachbildung des provisorischen Studios, in dem die Postbeamten ihre ersten Radio-Konzerte gemacht haben, ein Röhrenkabinett mit über 300 sehr hübschen Röhren, eine Sammlung alter Röhrenradios, die zum Beispiel „Undine“, „Weimar“, „Rennsteig“ oder „Dominante“ heißen… Es gibt jede Menge Technik-Zeug, von dem ich persönlich gar nichts verstehe. Es gibt aber auch eine besondere Atmosphäre, so als würde man tatsächlich ein Stück Kommunikations- und Hör-Geschichte entdecken, wenn man die Räume des alten Sendehauses I betritt.

Wenn du jetzt vorhaben solltest, mal beim Funkerberg vorbeizufahren, dann würde ich dir einen Ausflug am letzten Sonntag des Monats empfehlen. Dann schmeißen die Mitarbeiter*innen vom Funkerberg nämlich immer ihren 1.000-PS-Dieselmotor aus den 30er Jahren an. Es ist der letzte von insgesamt fünf solcher Riesenmotoren, die die Firma Deutz damals gebaut hat. Und er ist auf seine Art auch ein echtes Hörerlebnis.

1.000 PS Motor

PS: Auf den Fotos siehst du ein Stück von einem Fries mit einem mythischen Fabelwesen und einem Bündel Blitze, der über dem Eingang des Sendehauses I ist, dann den letzten Sendemast, dann ein Foto von den musizierenden Postbeamten (eine Postbeamtin scheint auch dabei gewesen zu sein) sowie einige hübsche Röhren, ein Stück von einem Radio namens „Ultra Planet“ und ein Stück vom 1.000-PS-Dieselmotor (der ganze passt gar nicht auf ein Foto…).


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