Akustische Gewalt (1)

Über die Posaunen von Jericho und andere Geräusche des Krieges
Streetart, Brick Lane in London

Erika ist 83. Sie sagt, sie würde nie vergessen, wie die Bomber geklungen haben, die sie nachts als kleines Mädchen in einem Keller sitzend gehört hat. Das Geräusch sitzt tief in ihrem Kopf. Manchmal abends kommen Frachtmaschinen vom BER, deren Klang Erika an den der Bomber erinnert. Aber an die Geräusche des Krieges käme das nicht heran, sagt sie. Auch Kriegslärm aus Filmen sei mit dem Geräusch von damals nicht vergleichbar; denn das ist nur Filmgeräusch.

Kriege, Hunde und Glocken

Die Geräusche des Krieges sind nicht erst mit der Erfindung von Maschinen, Sprengstoff oder Flugzeugen zu besonderen Geräuschen geworden. „Die ländliche Soundscape war einst still“, schreibt der Klangforscher und Komponist R. Murray Schaffer. „Sie erfuhr aber zwei grundlegende akustische Einbrüche: den Kriegslärm und den ‚Lärm‘ der Religion.“

Das lateinische Wort „bellum“ (Krieg) hängt mit dem niederdeutschen und altenglischen Wort „bell(e)“ zusammen, was so viel wie „Lärm machen“ bedeutet. Das führt nicht nur zu „bellen“. (Also dem, was Hunde machen; im Mittelhochdeutschen konnten auch Löwen, Kühe und andere Tiere bellen.) Eine Verbindung gibt es ebenso zum englischen Wort „bell“, also Glocke.

Streetart, Brick Lane in London

Lange bevor es Maschinen gab, waren Kriege und Glocken die lautesten, von Menschen erzeugten Geräusche. Im damaligen Erleben müssen diese Geräusche so besonders und einschneidend gewesen sein, dass beide sogar einen gemeinsamen Wort-Ursprung haben.

Frühe Geräusche des Krieges

Kriegslärm entstand nicht nur durch den Klang der aufeinandertreffenden Waffen, das Schießen von Pfeilen oder die Schreie der Getroffenen. – „Armeen, die sich für eine Schlacht schmückten, boten ein visuelles Schauspiel, aber die Schlacht selbst war ein akustisches Ereignis“, schreibt Schaffer. „Zum Lärm von aufeinanderprallendem Metall kamen Schlachtrufe und Kriegstrommeln hinzu, um den Feind in Schrecken zu versetzen.“ Man trommelte, sang, schrie, um einander zu verunsichern, zu ängstigen und zu schwächen.

Illustration zu einem Beitrag über die Geräusche des Krieges auf die-hörgräte.de

Auch die Geräusche des Krieges sind eine Waffe. In Legenden können diese Geräusche für sich genommen so gewaltig sein, dass sie Festungen einstürzen lassen: „Da erhob das Volk ein Kriegsgeschrei, und man blies die Posaunen“, heißt es in der Bibel über die Eroberung der Stadt Jericho. „Und als das Volk den Schall der Posaunen hörte, erhob es ein großes Kriegsgeschrei. Da fiel die Mauer um, und das Volk stieg zur Stadt hinauf, ein jeder, wo er gerade stand. So nahmen sie die Stadt ein.“

Geräusche des Krieges als Waffe

Sieben Tage sollen die Posaunen getönt haben. Ob die Mauern von Jericho tatsächlich von diesem Klang einstürzten, wurde hinterfragt und erforscht: Posaunen gab es damals noch nicht. Im antiken griechischen Bibeltext erklingen im Bericht über die Eroberung Jerichos noch Kriegstrompeten. Und im ursprünglichen hebräischen Text waren es rituelle Widderhörner, wie sie von Priester geblasen wurden.

Egal, ob posaunt oder trompetet; dass gemauerte Wände vom Schalldruck aus Blasinstrumenten bersten, gilt als unmöglich. Vielleicht hatte man die sieben Tage genutzt, um unter den Mauern zu graben, bis sie einstürzten; und durch den Lärm hat es niemand gemerkt…

In der Neuzeit wurde versucht, Schallkanonen zu entwickeln; soweit bekannt, ist das nicht gelungen. Die Posaunen von Jericho sind jedoch ein frühes Beispiel dafür, wie Geräusche des Krieges gezielt als Waffe eingesetzt wurden. In Kriegen gab es diese „Schall-Waffe“ schon immer; sie zerstörte keine Mauern, aber sie wirkte. Die Osmanen z. B. führten auf ihren Eroberungszügen Militärkapellen mit. Geblasen wurde auf Kegeloboen, den Zurnas.

Illustration zu einem Beitrag über die Geräusche des Krieges auf die-hörgräte.de

Zuerst hörte man, dass sich der Krieg nähert. Er beendete die Stille und wurde raumfüllend. (Erinnert sich noch jemand an Vuvuzelas, die bei der Fußall-WM in Südafrika aufkamen, und die niemand mochte, weil sie die akustische Stadion-Atmosphäre – also die Schlachtengesänge, das Jubeln usw. – vollständig auslöschten?)

Technische Geräusche des Krieges

Jeder Krieg klang anders. Mit neuen Formen der Kriegsführung und mit dem Aufkommen neuer, noch wirkungsvollerer, effizienterer Waffen veränderte sich der Lärm. Gleich blieb hingegen, dass jeder Krieg ein Wechsel von Stille und Lärm ist. Man lauscht in eine angespannte Stille. Oder es ist still und der Lärm sitzt noch in den Ohren. Vielleicht wie ein unglaublicher Alptraum aus Klängen.

Mit der Entwicklung der Maschinen hat sich die Welt, die wir hören, grundlegend verändert. Das gilt insbesondere für die Geräusche des Krieges. Geld in „militärischen Fortschritt“ zu stecken, schien schon immer eine lohnende Investition. Krieg war schon immer „Innovationstreiber“.

Den Klang von Mörsergranaten gab es ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Krimkrieg 1853/56 gilt als erster moderner Krieg, weil beide Seiten (Russland einerseits, das Osmanische Reich mit Frankreich und Großbritannien andererseits) sich mit Mörsergranaten beschossen. Beim Fliegen durch die Luft sollen die Granaten wie zwitschernde Kibitze geklungen haben. Und die Soldaten lernten, die Geschosse am Klang zu erkennen, um sich rechtzeitig vor ihnen schützen zu können.

Ein paar Jahre später, im amerikanischen Bürgerkrieg, gab es neben den Artilleriegeschossen erstmals Maschinenwaffen, die schnell hintereinander feuerten…

Streetart, Brick Lane in London

PS 1: Die Fotos zum Artikel über die Geräusche des Krieges zeigen Streetart, die ich rund um die Londoner Brick Lane fotografiert habe.

PS 2: Als Quellen zu den Geräuschen des Krieges habe ich genutzt: Gerhard Paul „Trommelfeuer aufs Trommelfell. Der erste Weltkrieg als akustischer Ausnahmezustand“, bpb.de 2016; Bernd Ullrich „Der Krieg – ein rücksichtsloses Geräusch. Der Lärm des Zweiten Weltkrieges“, in „Sound der Zeit: Geräusche, Töne, Stimmen, 1889 bis heute“, Wallenstein Verlag 2014; R. Murray Schafer „Die Ordnung der Klänge. Eine Kulturgeschichte des Hörens“, Schott Verlag 2010.


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