Ohren abschneiden

Warum man besser nicht auf seine Ohrmuscheln verzichten sollte
Martialische Tierfallen – Illustrationen zum Beitrag über „Ohren abschneiden“ auf die-hörgräte.de

Ohren abschneiden? Zugegeben, dieses Thema klingt sehr martialisch. (Martialisch ist ein Wort, das mit Krieg zu tun hat und vom Kriegsgott Mars abstammt.) Wir hatten hier schon mal einen Beitrag über Mordsgeräusche, in dem es unter anderem um die Duschszene in „Psycho“ und um zerhackte Casaba-Melonen ging. Sonst ist dieser Blog nicht martialisch, der Beitrag hier ist es ein wenig.

Mr. Skull Face: Bitte einmal Ohren abschneiden?

Anlass, über das Thema Ohren abschneiden nachzudenken, gaben mir Medienberichte über einen Mann aus Brandenburg, der sich Mr. Skull Face nennt (also Herr Totenkopf-Gesicht). Anlass für diese Berichte war die äußere Erscheinung von Mr. Skull Face. Er ist nicht nur sehr tätowiert, trägt Implantate im Unterarm (ein Chip) und auf der Stirn (kleine Hörner aus Kugeln), sondern er hat sich auch seine Zunge spalten und seine Ohren abschneiden lassen. Motivation: Das Schönheitsideal von Mr. Skull Face ist laut den Berichten ein menschlicher Totenkopf. Durch das Ohren abschneiden etc. wolle er „seinen Selbstwert verbessern“. Er sei „nur eine Person, die gerne ihren eigenen Weg geht.“ Der sei auch noch nicht beendet und die Entfernung der Nasenspitze und das Tätowieren der Augen bereits geplant. Seine Ohren hätte Mr. Skull Face jetzt in einem Glas bei sich zu Hause.

Es geht mir hier nicht darum, ob man ohne Ohren spooky bzw. gruselig oder totenkopfartig oder ungewohnt oder sonst wie aussieht. Interessanter finde ich die Tatsache, dass das eigene Aussehen überhaupt ein Grund sein kann, um sich freiwillig bzw. gerne die Ohren abschneiden zu lassen.

Danh Vo, Installation „Twenty-Two Traps“

(Den Umstand an sich finde ich schon extrem spooky. Wenn ich über Ohren abschneiden nachdenke, muss ich automatisch an eine Film-Szene aus „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino denken, in der Mr. Blonde (einer der Gangster) einem Polizisten das Ohr abschneidet. Die Szene soll von einem Italowestern (Django) inspiriert sein und auf der DVD von „Reservoir Dogs“ gibt es sie als Bonus-Material in mehreren Varianten. Ich schätze zwar Tarantino, aber bestimmt nicht wegen dieser Szene… Wenn man nach ihr googelt, landet man wieder bei Mr. Skull Face.)

Ohren abschneiden: Styling oder Schandmahl

Für mich ergibt das mit Mr. Skull Face und seinem „Ohren abschneiden“ keinen rechten Sinn. In den Medienberichten steht, dass er Schwierigkeiten mit der Jobsuche und dem Liebesleben hat, und das es ihm nichts ausmachen würde, dass ihn alle anstarren. Ich frage mich, was er eigentlich wirklich will und welches Problem er hat. Dem Schönheitsideal eines Totenschädels entspricht man meiner Meinung nach früh genug – und dann voll und ganz. Warum sollte man schon zu Lebzeiten damit anfangen?

Ohren abschneiden an sich ist nicht neu. Dass sich das jemand freiwillig antut, kam vor. (Über Vincent van Goghs schreibe ich lieber mal extra.) Aber Ohren abschneiden aus ästhetischen Gründen? Dazu konnte ich zumindest nichts finden.

Martialische Tierfallen – Illustrationen zum Beitrag über „Ohren abschneiden“ auf die-hörgräte.de

Was sich findet, ist die Strafe, das Schandmahl: Im alten Rom wurden Sklaven die Ohren abgeschnitten. Julius Cäsar ließ Kriegern, die sich was zu Schulden kommen ließen, Nase und Ohren abschneiden. Vom späten Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert gibt es Ohren abschneiden als Strafe in zahlreichen Rechtsschriften. Entlaufenen oder arbeitsunwilligen Knechten wurden die Ohren abgeschnitten, denn dann konnten sie ja immer noch arbeiten. König Friedrich I. von Preußen ließ desertierten Soldaten die Ohren abschneiden. Ohren abschneiden gab es als zusätzliche Strafe für diejenigen, die an den Pranger gestellt oder des Landes verwiesen wurden. Ohren abschneiden gab es über viele Jahrhunderte für Diebstahl, Gotteslästerung, das Tragen verbotener Waffen. Oft wurde nur ein Ohr abgeschnitten, seltener gleich beide, oft auch bei Frauen.

Ungehorsam = „Ohren ab!“

In der mittelalterlichen Rechtsprechung kommt Ohren abschneiden oft auch als sogenannte „spiegelnde Strafe vor“ (also im Sinne von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“) Geahndet wurde damit nicht nur, dass jemand einem anderen das Ohr abgeschnitten oder verletzt hatte. Sondern z. B. auch Gotteslästerung oder ein Meineid, weil die ja sozusagen das Gehör des anderen verletzt hatten. Ebenso derart bestraft wurden unerlaubtes Lauschen oder Ungehorsam (also: nicht hören). Saddam Hussein ließ tausenden irakischen Männern die Ohren abschneiden, weil sie von der Armee desertierten oder nicht in den Krieg wollten.

Danh Vo, Installation „Twenty-Two Traps“

Das abgeschnittene Ohr war (ist) eine Warnung – für den Bestraften, dem ggf. schlimmere Strafen blühen, und für alle anderen. Ohren abschneiden bedeutet, dem anderen Schmerz zuzufügen, ihn zu entehren, ihn öffentlich bloßzustellen, ihn zu diskriminieren. Im Mittelalter wurde das Ohren abschneiden oft öffentlich vollstreckt – zur Abschreckung. Es gehörte zu den Aufgaben des Henkers; selten musste der Verurteilte sich die Ohren selbst abschneiden. Das abgeschnittene Ohr wurde an der Richtstätte aufgehängt.

Ohren abschneiden ästhetisch – armer Hund!

Dass man aus rein ästhetischen Gründen Ohren abschneidet, kennt man eher von bestimmten Hunderassen. Beim Kupieren wird eine Schablone auf die Schlappohren gelegt und mit einem Skalpell schneidet man zwei Drittel Ohr ab. Dabei werden Nervenstränge und Adern durchtrennt. Und dann wird dafür gesorgt, dass der Rest des Ohres aufrecht steht, damit z. B. ein Dobermann so aussieht, wie er in der Vorstellung eines Dobermann-Besitzers aussehen muss, damit er ein richtiger Dobermann ist.

Mal abgesehen davon, wie wunderbar Schlappohren sind – das Kupieren von Hundeohren steht in Deutschland schon lange unter Strafe. Bestraft wird auch, wenn man mit seinem Hund ins Ausland fährt, um ihm dort die Ohren abschneiden zu lassen. Und die Tiere werden durch das Abschneiden der Ohren nicht nur gequält und traumatisiert. Ihnen wird auch ein Teil ihrer natürlichen Hörfähigkeit genommen.

Ohrmuschel und Fingerabdruck

Im Beitrag über Trichter und Ohrmuscheln hatte ich schon geschrieben, warum es Blödsinn ist, seiner Katze Yoda-Ohren zu kaufen. Mr. Skull Face bringt mich wieder auf die Ohrmuscheln: In den Medienberichten heißt es, es sei nicht bekannt, ob er durch die Amputation seiner Ohren jetzt körperliche Beeinträchtigungen hat. Und hier muss die Hörgräte doch einhaken:

Natürlich, er hat. Weil Ohrmuscheln nämlich mehr Funktion haben als Haare, die man trägt oder nicht (und die ursprünglich natürlich auch eine Funktion hatten). Unsere Ohrmuschel – dieses Gerüst aus elastischem, kunstvoll geformtem Knorpel – ist dazu da, Schallwellen aufzufangen. Und sie hilft uns, diese Schallwellen zu lokalisieren.

Martialische Tierfallen – Illustrationen zum Beitrag über „Ohren abschneiden“ auf die-hörgräte.de

Die Natur hat sich eine Menge gedacht, als sie uns Ohrmuscheln gab. Jede dieser Muscheln hat Wölbungen, Vertiefungen, Zipfel, Höckerchen, Höhlen. Jede ist unterschiedlich stark eingerollt, hat als Anhängsel knorpellose, unterschiedlich ausgeprägte Ohrläppchen usw. Das alles ist absolut einzigartig. Jede Ohrmuschel ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Es gibt Krimis, in denen Täter oder Täterin anhand eines Ohrabdrucks überführt werden. Und jede Ohrform sorgt für einzigartiges Hören. Sie ist ein natürliches Filtersystem, in dem der Schall unterschiedlich gebrochen, gesammelt und in den Gehörgang geleitet wird. Im Übrigen wachsen unsere Ohrmuscheln ein Leben lang.

Hören mit und ohne Ohrmuschel

Ohrmuscheln sind nicht umsonst nach vorne hin ausgerichtet. Ob ein Geräusch von links oder rechts kommt, hören wir, weil wir zwei Ohren haben. Aber um herauszufinden, ob es von vorne oder von hinten, von oben oder von unten kommt, brauchen wir Ohrmuscheln.

Es stimmt zwar, dass Ohrmuscheln im Laufe unserer Entwicklung etwas an Bedeutung eingebüßt haben; sie sind heute nicht mehr so beweglich wie bei vielen Tieren, für die die Bewegung der Ohren extrem wichtig ist. Mit den Stellmuskeln unserer Ohren können wir nichts mehr anfangen – außer vielleicht ein bisschen Ohren wackeln. Dennoch sind sie wichtige Trichter, ohne die die Schallwellen direkt in den Gehörgang dringen und dann schwieriger zu hören und zu verstehen sind.

Dass das funktioniert, weiß eigentlich jeder: Die älteste Hörhilfe der Welt ist die Hand am Ohr. Sie erhöht den Schalldruckpegel (also: die Lautstärke) um etwa 15 Dezibel. Wer schlecht hört, legt die Hand oft intuitiv ans Ohr – um die Ohrmuschel zu vergrößern. Dass das hilft, scheint uns unbewusst völlig klar. Als die „Großmeister im Nichthören“ sollten wir es uns besser auch mal bewusst machen. Nicht dass das Ohren abschneiden noch Mode wird.

Danh Vo, Installation „Twenty-Two Traps“

PS: Die Fotos zum Beitrag über Ohren abschneiden zeigen auch Martialisches – nämlich eine Installation von Danh Vo, einem dänischen Performance- und Konzeptkünstler, die ich in einer Ausstellung im Gebäude der Wiener Secession gesehen habe: Twenty-Two Traps (also 22 Fallen).


Vorheriger Beitrag
Über Patienten und Kaninchen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Fill out this field
Fill out this field
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Mit unserem News­letter erhalten Sie regelmäßig Artikel, Geschichten und Neuigkeiten rund um das Hören mit und ohne Technik. Informationen zu den Inhalten, der Proto­kollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Aus­wertung sowie Ihren Ab­bestell­­möglichkeiten, erhalten Sie in unserer » Datenschutzerklärung

Neueste Beiträge

Kategorien

Menü