Macht und Vogelgesang

Über Krieg und Frühling, wahren Reichtum und menschlichere Hörmessung
Vogel im Käfig – handgemalt auf alten Wandfliesen im Willet-Holthuysen in Amsterdam

Es ist Frühjahr und die Vögel singen, als ob es keinen Krieg gäbe und keine Pandemie, keine Hasskommentare, keine Klimakrise, keine Flüchtlingsströme, keine Kostenexplosionen und all das, was sonst so im Kopf sitzt. Wer hören kann, kann jetzt die Vögel singen hören – wie jedes Frühjahr. Manchmal scheint Vogelgesang erstaunlich und unbegreiflich.

Hast du zufällig das kleine Video gesehen, in dem eine Kohlmeise einem lächelnden ukrainischen Soldaten im Gesicht herumpickt? In London soll es im 2. Weltkrieg einen Spatzen gegeben haben, der Hitler parodieren konnte. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz meinte über ihn: “Meiner Meinung nach kann über diesen Spatz nicht überschwänglich genug geschrieben werden”. Es scheint, als hätten die Vögel beschlossen, uns mit ihrem Gesang vorzuführen: Macht und Geld sind null und nichtig. Anstatt Krieg zu führen, sollten mächtige alte Männer eine Weile den Vögeln lauschen – so lange sie das noch können.

Vogelgesang und Einkommen

Kürzlich ist eine Studie erschienen, die einen Zusammenhang zwischen dem Artenreichtum an Vögeln und der Lebenszufriedenheit von Europäern aufzeigt. (Die Studie wurde in mehreren Ländern Europas durchgeführt.) Das Ergebnis: die Wirkung der Vögel auf unser Wohlbefinden ist der unseres Einkommens auf unser Wohlbefinden vergleichbar. Ob Vögel oder Mäuse – je mehr wir davon haben, desto besser geht es uns. Mit anderen Worten: Vogelgesang macht reich!

Erklärungen? – Die Forscherinnen und Forscher vermuten, dass Vögel mit ihrem Gesang in uns positive Emotionen auslösen, unseren Stress mindern, unsere Aufmerksamkeit wiederherstellen… Denkbar ist auch, dass es uns an den Orten besser geht, an denen auch Vögel gerne bleiben – also eher eine indirekte Wirkung von Vogelgesang und eine Art Win-Win-Orte für Vogel und Mensch. In jedem Fall haben die Forscher den politischen Entscheidern empfohlen, die Vögel ernst zu nehmen – als „naturbasierte Lösungen zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit und des Wohlbefindens“.

Vogelgesang und Schwerhörigkeit

Dass der Vogelgesang bei nachlassendem Gehör zumeist unbemerkt verschwindet, hatte ich hier schon geschrieben. Bei der üblichen Altersschwerhörigkeit verliert man zuerst die hohen Frequenzen – und damit jenen Bereich, in dem viele Vögel singen. Dass diese dann nicht mehr singen, fällt oft gar nicht auf. Erstaunt sind die Leute nur, wenn sie später Hörgeräte tragen und die Vögel mit einem mal wieder da sind.

Illustration zu einem Beitrag über Macht und Vogelgesang auf die-hörgräte.de

Viele Europäer mit Hörverlust tragen keine Hörgeräte und sie hören deshalb keinen Vogelgesang. In Großbritannien zum Beispiel sollen von zwölf Millionen Erwachsenen neun Millionen keine Hörgeräte nutzen. (Für Deutschland gibt es ähnliche Zahlen.) Das brachte ein Londoner Designbüro jetzt auf die Idee, Vogelgesang mit Diagnostik von Schwerhörigkeit zu verbinden.

Hörtest mit Vogelgesang

Um das Hörvermögen zu messen, verwenden Ohrenärzte und Hörakustiker ein Reintonaudiometer. Das heißt so, weil reine Töne verwendet werden, die in der Natur gar nicht vorkommen – reine Piepstöne oder weißes Rauschen. Mit dem misst man, welche Frequenzen noch gehört werden und welche nicht mehr. Die Designer aus dem Londoner Büro wollen diese Hör-Diagnostik jetzt menschlicher machen. (Sie nennen das: „to humanise clinical processes“.) Dafür nutzen sie Vogelgesang.

Ist es seltsam, dass die Designer etwas menschlicher machen wollen, indem sie Vogelstimmen verwenden – und nicht etwa Menschenstimmen? – Mit dem Vogelgesang soll nicht nur erkannt werden, welche Frequenzen fehlen. Zugleich will man das Bewusstsein schärfen: Reine Töne, die es in der Natur nicht gibt, wird niemand vermissen; wenn man jedoch begreift, dass man Zaunkönig und Nachtigall für immer verloren haben könnte, ist es was anderes.

Vogel im Käfig – handgemalt auf alten Wandfliesen im Willet-Holthuysen in Amsterdam

Für die Hör-Messungen wurden die Vogelstimmen so verändert, dass jeder mitsingende Vogel bestimmte Frequenzbereiche abdeckt –analog zu den verschiedenen Piep-Tönen in einem herkömmlichen Test. Außerdem gibt es Geräuschkulissen.

Beim Testen betrittst du einen Raum voller Waldgeräusche. Um dich herum sind quietschgelbe Vogelhäuschen. Dann hörst du abwechselnd fünf Vögel – über Lautsprecher aus den Vogelhäuschen: Ganz oben singt der Zaunkönig (4.000 bis 8.000 Hz); er singt bis zu einer Oktave über dem höchsten Klavierton. Dann folgen die Singdrossel (3.000 bis 4.000 Hz), die Amsel (1.000 bis 2.000 Hz), der Kuckuck (350 bis 750 Hz) und die Türkentaube (250 bis 350 Hz). Türkentauben gurren je nach Gelegenheit anders. Beim Nester bauen gurren die Männchen ein zweifaches Doppel-O. Wenn die Weibchen im Nest sitzen, gurren sie was wie „Ohr Ohr“. Türkentauben hörst du auch dann noch, wenn du Sprache schon nicht mehr verstehst…

Lauschen im Walde

Die Geräuschkulisse ändert sich: Tag- und Nachtgeräusche, Regen setzt ein, Bäume werden vom Wind zerzaust, ein Gewitter rollt vorüber, ein Bächlein… Es ist jede Menge los. Du wirst nicht nass, bist jedoch mitten in der Klangwelt, die dich beruhigt, in der du dich geborgen fühlst und vielleicht etwas erinnerst.

Alle Geräusche werden über eine Software gesteuert. Die Vogelhäuschen können Informationen sammeln, mit denen der Test weiterentwickelt werden kann. Die Weltgesundheitsorganisation war von der Idee so begeistert, dass sie die Entwicklung des Tests sogar bezuschusst. Um gesund zu werden, braucht die Welt mehr Vogelgesang.

Illustration zu einem Beitrag über Macht und Vogelgesang auf die-hörgräte.de

PS 1: Die Fotos zum Beitrag über Vogelgesang zeigen Vögel in Käfigen. Die Abbildungen stammen von alten Fliesen aus der Küche vom Willet-Holthuysen in Amsterdam, einem alten Grachtenhaus aus dem 17. Jahrhundert, das in der Herengracht steht und heute ein Museum ist.

PS 2: Wenn du ausprobieren willst, ob du alle Vögel noch hörst, empfehle ich folgendes Video. Und die Originalquelle zum Test findest du hier.


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