Verhörer und Schwerhörigkeit

Wie aus Eule Keule oder Beule wird
"Fauchen verboten"

Was, dieser Zug fährt Richtung Hühnchen??? Der Kellner empfiehlt tatsächlich einen Eisbärsalat? Und im Fernsehen niest der Dritteltürmer den Anschusspfeffer??? – Kannst du dir vorstellen, was Verhörer sind? Man könnte sie auch Falsch-Versteher nennen. Es sind Worte, die man hört, obwohl sie gar nicht gesagt wurden. Und der Sinn dessen, was eigentlich gesagt werden sollte, wird durch diese Worte natürlich völlig entstellt. Es ist ein großer Unterschied, ob Liebe, Hiebe oder Diebe verstanden wird bzw. gemeint war – oder eben Eule, Keule bzw. Beule.

Dass du mal was anderes verstehst, als eigentlich gesagt wurde, ist absolut normal – und mitunter auch ganz lustig. Es ist menschlich, Fehler zu machen, und es ist smart und gelassen, über sich selbst lachen zu können, wenn man einen Fehler gemacht hat.

Das Gehirn als Lückenfüller

Für gelegentliche Verhörer gibt es zudem eine simple Erklärung: Wir hören sowieso nie alles von dem, was wir verstehen. Von gesprochenen Worten nehmen wir meist nur einen Teil wahr. Das passiert schon dann, wenn die Worte, die wir hören, zwar gemeint, aber gar nicht gesagt wurden. Wir hören dann zum Beispiel das Wort „Leben“, obwohl der andere so was wie „Lehm“ gesagt hat. Oder wir hören das Wort „Abend“, obwohl der andere „Ahmd“ gesagt hat.

Dass die Verständigung trotzdem noch funktioniert, haben wir unserem Gehirn zu verdanken. Das Gehirn ist ein ziemlich guter Lückenfüller. Es ordnet alles so, dass es seine Richtigkeit hat. Es denkt sich die fehlenden Teile dazu und sortiert das genuschelte Zeug je nach Zusammenhang und Situation, bis es Sinn macht. Und das so schnell, dass wir es nicht mal merken. – Normaler Weise. Und normaler Weise stößt das Gehirn dabei nur selten an Grenzen. Und wenn es an Grenzen stößt, dann gibt es eben: einen Verhörer bzw. Eisbärsalat.

Wie Eisbärsalat entsteht

Verhörer entstehen, wenn man zu viel von dem, was gesagt wird, nicht versteht. Das Gehirn macht dann immer noch seinen Job. Es gibt sich die größte Mühe und denkt sich die Teile dazu, die ihm das Gehör nicht geliefert hat. Aber es liegt leider falsch. Die Leerstellen sind einfach zu groß. Das Gehirn bekommt zu wenig rein, um die Lücken noch richtig füllen zu können. Und so wird aus München Hühnchen und aus Eisbergsalat ein Eisbärsalat.

Eisbär Knut (ausgestopft)

Im Beitrag über Schlappohren hatte ich schon geschrieben, wie man nicht hören kann. – Ich glaube, dass sich viele Leute gar nicht vorstellen können, wie es ist, nicht gut zu hören. Und deshalb merken sie mitunter über Jahre nicht, dass sie selbst schlecht hören.

Wenn man nicht mehr gut hört

Wichtig ist: Man hört meist noch eine Menge, wenn man nicht mehr gut hört. Man versteht auch noch eine Menge. Man versteht jedoch auch eine Menge Bahnhof – oder eben Eisbärsalat. Davon versteht man mit der Zeit sogar immer mehr…

Hörgräte im U-Bahnhof

Wieso das so ist, kann man sich mit Hilfe einer Banane erklären – mit der so genannten Sprachbanane, die du keinesfalls mit der bereits thematisierten Fleischbanane verwechseln solltest. (Beide sind Bananen und haben mit dem Thema dieses Blogs zu tun; sie sind jedoch nicht mal entfernt mit einander verwandt.) Was die Sprachbanane ist, erzähle ich dir in einem weiteren Artikel.

In 13 Schritten zum Bahnhofversteher und Dauer-Verhörer

In diesem Beitrag malen wir uns lieber erst einmal aus, was passiert, wenn man Tag für Tag immer mehr Bahnhof bzw. Eisbärsalat versteht:

  1. Wer Bahnhof versteht, dem fahren die Sätze wie rastlose Züge durch den Kopf, zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, ohne auch nur einen Moment zu halten.
  2. Man weiß dann zwar, dass da gerade ein Zug durchgerast ist. Aber das ist auch schon alles. Man hat keine Ahnung, wohin die Reise geht. Und man hat schon gar keine Chance, auf den Zug aufzuspringen und mitzufahren.
  3. Wenn man Bahnhof versteht und einem so ein Satz ICE-mäßig durch den Kopf saust, dann könnte man natürlich nachfragen: „Entschuldigung, wie bitte? Ich steh grad auf dem Schlauch. Was habt ihr eben gesagt?“ – Und wenn man Glück hat, fährt der ICE-Satz dann noch einmal ein.
  4. Blöd ist dann allerdings, wenn er genauso schnell durchsaust wie beim ersten Mal. Oder wenn man zwar fürs erste kapiert, wohin die Reise geht, aber der nächste und der übernächste Satz sind dafür schon wieder auf und davon.
  5. In einem solche Fall geht dann nämlich nur wieder: „Entschuldigung, wie bitte? Ich steh grad auf dem Schlauch. Was habt ihr eben gesagt?“ Und immer so weiter.
  6. Wenn man das von 5. oft genug gesagt hat, braucht man es eigentlich nicht mehr zu sagen. Weil die anderen längst wissen, dass man gerade auf dem Schlauch steht. Weil man nämlich immer auf dem Schlauch steht.
  7. Also sagt man es lieber nicht zu oft und tut einfach so, als wäre man voll dabei. Man sagt dann zum Beispiel immer nur noch: „Hm.“ Oder: „Ja.“ Oder auch: „Ja, ja.“ Das fällt relativ oft nicht groß auf und kommt nur dann blöd, wenn die anderen wissen wollen, ob man lieber Fisch oder Fleisch isst oder warum man zu allem nur „Ja.“ oder „Ja, ja.“ sagt.
  8. Und wenn man Eisbärsalat versteht, kann man das – wie eingangs beschrieben – natürlich mit Humor nehmen; am Anfang jedenfalls. Dann lacht man einfach mit den anderen. Weil ja eigentlich doch klar ist, dass sich kein Eisbär in zu einem Salat zupfen lässt.
  9. Aber wenn es dann immer so weiter geht, kommt man aus dem Lachen sozusagen gar nicht mehr raus. Man läuft halt Gefahr, zu einer echten Lachnummer zu werden.
  10. Also läuft das mit dem Bahnhof und das mit dem Eisbärsalat unterm Strich auf ein und dasselbe hinaus: Lieber die Klappe halten! Eh noch irgendwer merkt, dass du wieder nur auf dem Schlauch stehst, sei lieber still! Mach dich möglichst unsichtbar!
  11. Die beste Möglichkeit, um sich unsichtbar zu machen, ist: gar nicht da zu sein.
  12. Schließlich hat man ja mit der Zeit so seine Erfahrungen. Man kennt diese typischen Situationen – im Job, bei Feten und Familienfeiern oder in Vorträgen, Meetings, beim Skat- oder beim Mädelsabend. All die Situationen, in denen man jedes Mal Gefahr läuft, auf dem Schlauch zu stehen und sich zum Löffel zu machen. Die Momente, in denen man sich sonst wie anstrengen muss, um zu verstehen – weil es laut ist, weil die jungen Leute heute so undeutlich sprechen, weil selbst die Nachrichtensprecher nur noch nuscheln… Und dann macht man all das einfach nicht mehr mit.
  13. Schade eigentlich! (Aber falls du ihn noch nicht kennst, kannst du jetzt gerne unseren Blogg-Beitrag über Gespenster und Hörakustiker lesen…)
weiße Eule

PS 1: Keule, Eule und Beule ist übrigens ein Reim aus einem sehr bekannten Hörtest für Kinder. Seit ich für diesen Test mal eine Pressemitteilung verfasst habe, die übrigens ebenfalls „Keule, Eule, Beule“ hieß, geht mir das nicht mehr aus dem Kopf – weil es sich so schön reimt, und weil ich da immer an Märchen denken muss – mit Räubern, die im dunklen Wald zwischen Eulen hausen und sich mit ihren Keulen Beulen hauen.

PS 2: Die Fotos in unserem Beitrag sind keine Verhörer, sondern sollen diese nur illustrieren: Das erste Bild stammt aus dem Lastenaufzug des Peter-Behrens-Baus in Berlin-Oberschöneweide (ursprünglich einmal Sitz der Autofabrik NAG). Der Eisbär war zu seinen Lebzeiten sehr berühmt, ist jedoch leider – wie viele Stars – nicht sehr alt geworden; aus ihm wurde zwar kein Salat, aber er steht heute ausgestopft im Naturkundemuseum. Außerdem gibt es noch ein Foto von der Hörgräte in einem Berliner Bahnhof (U-Bahnhof Märkisches Museum) und eine – gleichfalls ausgestopfte – Eule aus dem Natural History Museum London (weil Eulen gut hören können und weil sie sich so schön auf Beule und Keule reimt.)


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