Die Hedy Lamarr Story (Teil 2)

Geschichte einer Hollywood-Diva und genialen Erfinderin
Aufmacher Hedy Lamarr Story

Die Hörgräte erzählt dir die ziemlich verrückte, spektakuläre und am Ende tragische Geschichte von Hedy Lamarr, die man zu ihren Lebzeiten vor allem als „Skandal-Nudel“, „Hollywood-Diva“, „schönste Frau der Welt“, „Sex-Symbol“ bzw. „Sex-Bombe“ kannte, die jedoch auch Herausragendes für das Hören mit smarter Hörtechnik geleistet hat. Wenn du den ersten Teil der Geschichte noch nicht gelesen hast, solltest du bei diesem anfangen. Sonst liest du einfach hier weiter:

Wenn du dich bei Teil 1 der Story gefragt hast, wie wir nach all dem noch beim Thema Hörtechnik rauskommen wollen, könnte ich das gut verstehen. Doch wie jemand zu sein scheint und wie er oder sie wirklich ist, kann sich sehr voneinander unterscheiden. Bei Hedy Lamarr war es wohl so. – Neben ihrer Schauspielerei und neben all diesen Beiziehungskisten, von denen man nur vermuten kann, wie glücklich oder unglücklich sie waren, hatte sie noch eine Beziehung ganz anderer Art.

Der Komponist und die U-Boot-Torpedos

Es gab da einen Herrn namens George Antheil. Sie lernte ihn 1940 auf einer Dinner-Party kennen. Und bekannt wurden sie vermutlich deshalb mit einander, weil sie eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten an sich feststellten: Sie stammten beide aus jüdischen Familien; sie liebten beide die Musik – und sie hassten beide Nazis. (Antheil war als junger Mann nach Paris gegangen und hatte von dort vor den Nazis fliehen müssen.)

Also trafen sie sich immer wieder, redeten über Kunst und Musik und freundeten sich an. Und sie redeten auch darüber, wie man die US-Armee im Krieg gegen das NS-Regime unterstützen könnte.

Wanddeko, Filmtheater Tuschinski

Man kann vermuten, dass da eins zum anderen kam. Hedy Lamarr hatte sich wahrscheinlich viel mehr von den stundenlangen Ausführungen ihres allerersten Ex-Mannes gemerkt, als der „Patronen-König“ ihr zugetraut hatte. Deshalb wusste sie auch, dass es mit der Steuerung von Torpedos ziemliche Schwierigkeiten gibt.

Damals gab es zwei Möglichkeiten: Zum einen konnten U-Boote ihre Torpedos ungelenkt abschießen. (Das wird zum Beispiel im Film-Klassiker das Boot gezeigt.) Dann war es für die Schiffe der anderen Seite jedoch noch möglich, aus der Schussbahn zu steuern. Man hatte daher erste Versuche mit Torpedos unternommen, die sich noch nach dem Abschießen über Funk steuern lassen. Das hatte jedoch nicht so richtig funktioniert, denn die Funkfrequenzen konnten vom Feind leicht gestört werden.

Tier-Deko im Tuschinski

Über solche Sachen müssen sich Hedy Lamarr und George Antheil unterhalten haben (auch wenn es vermutlich nicht oft vorkommt, dass sich eine Schauspielerin und ein Komponist über Torpedo-Steuerungen unterhalten). Und sie kamen dabei auf eine Idee: Wie wäre es, wenn man die Funkfrequenz, auf der so ein Torpedo gesteuert wird, ständig verändert? Wenn man gar nicht auf einer Frequenz funkt, sondern immer gleich wieder auf einer anderen? Dann wäre es für den Feind gar nicht möglich, ständig hinterher zu wechseln und auf immer neuen Frequenzen die Signale zu stören…

Um das zu schaffen, war jedoch Technologie erforderlich, die es noch nicht gab. Man musste die Sprünge von einer auf immer eine neue Funkfrequenz synchronisieren. Das heißt, die eine Seite (der Torpedo-Lenker) und die andere Seite (der Torpedo) müssten zur gleichen Zeit auf eine andere Frequenz wechseln, um sich auf dieser neuen Frequenz weiter zu verstehen – und immer so weiter.

Sitzecken im Filmtheater Tuschinski

Wie man dieses Problem lösen kann, dafür hatte vermutlich George Antheil die Lösung parat. Als junger Komponist hatte er in Paris experimentiert und unter anderem ein mechanisches Ballett komponiert – für 16 Pianolas (das sind selbstspielende Klaviere). Als sein “Ballet Mécanique” aufgeführt wurde, lief ein Film, und zu dem spielten diese 16 Pianloas völlig synchron. Das hatte Antheil mit Lochstreifen geschafft. Streifen mit Löchern darin liefen gleichzeitig über Rollen ab, und dadurch wurden die 16 Pianolas alle irgendwie gleichgeschaltet.

(Also, ich hoffe, du willst jetzt nicht noch genau wissen, wie das mit den Lochstreifen war. Ich weiß es nämlich nicht. Du solltest mehr über George Antheil lesen. Für die Geschichte hier ist es aber nicht so wichtig.) Wichtig ist nur, dass er und Hedy Lamarr auf die Idee kamen, dieses Prinzip auf die Torpedos zu übertragen. D. h. man nimmt die Streifen und wechselt mit den Löchern darin nicht mehr die Tasten von Pianolas sondern die Funkfrequenzen für die Torpedos.

Ein Patent für ein „geheimes Kommunikationssystem“

Die Schauspielerin und der Komponist machten sich dann tatsächlich daran, diese Idee umzusetzen. Sie entwickelten das über mehrere Monate und bekamen Kontakt zur US-amerikanischen Marine. Dann experimentierten sie mit ihrem Frequenzsprungverfahren bzw. Frequenz-Hopping (so die offiziellen Bezeichnungen) am Flottenstützpunkt San Diego. Die in der Traumfabrik wären nicht im Traum darauf gekommen, dass sich ihr Film-Star nebenbei mit der Erforschung neuester Waffentechnologie beschäftigt. Und als Lamarrs Produzenten es dann doch erfuhren, verboten sie ihr, öffentlich darüber zu sprechen. Eine Diva hatte in ihrem Verständnis schön zu sein; Genialität schien ihnen da eher fehl am Platz.

Ende 1940 hatten Hedy Lamarr und George Antheil dann genug experimentiert. Sie gingen zum National Inventors Council (in Amerika ist das der Dachverband für die Erfinder) und stellten ihre Erfindung vor. Der Vorsitzende des Verbandes, Charles Kettering, war Forschungsdirektor von General Motors. Er empfahl den beiden, sich die Idee patentieren zu lassen. Das taten sie auch – unterstützt von einem Professor für Elektrotechnik am California Institute of Technology. Am 11. August 1942 wurde das US-Patent Nr. 2.292.387 ausgestellt – für ein “Geheimes Kommunikationssystem”, das zwischen 88 Funkfrequenzen (entsprechend den 88 Tasten beim Pianola) wechselte. Hedy Lamarr und George Antheil stellten ihr Patent der US-Marine anschließend kostenlos zur Verfügung.

Saal im Filmtheater Tuschinski

Der Zweite Weltkrieg wurde jedoch ohne Einsatz des Frequenzsprungverfahrens entschieden. Vermutlich erschien es den Militärs dann doch zu gewagt, ihre Torpedos nach einem Verfahren zu steuern, dass eigentlich für Pianolas entwickelt worden war. Erst 1957 forschte das US-Militär erneut am Frequenzsprungverfahren. Und während der Kuba-Krise 1962 – als das Patent längst abgelaufen war – kam die neue Funktechnologie erstmals zum Einsatz.

Doch so richtig erfolgreich wurde die Erfindung erst zu dem Zeitpunkt, an dem sie außerhalb des Militärs genutzt werden konnte. In den 80er Jahren wurde das Verfahren zur zivilen Nutzung freigegeben. Und man erkannte nun, dass sich die Sache nicht nur für Torpedos nutzen lässt, sondern zum Beispiel auch für Funknetzwerke, für mobile Telefone und mobiles Internet. Sie alle werden vor Störungen geschützt und abhörsicher gemacht.

(In diesem Absatz noch mal eine technische Frequenz-Hopping-Beschreibung, die du lesen oder überspringen kannst, weil sie für die Story gar nicht wichtig ist: Für die Übertragung werden alle Daten bzw. Signale zuerst einmal schmalbandig moduliert und dann in einem zweiten Modulator durch einen Frequenz-Synthesizer gespreizt. Auf der Gegenseite wird an den Empfangsmodulator wieder ein Frequenz-Synthesizer angeschlossen, der die Spreizung rückgängig macht und alle Signale demoduliert. Das Spektrum des Signals ist genauso breit wie das des ursprünglichen Signals. Und die spektrale Spreizung erfolgt immer nur innerhalb winziger Zeitintervalle, da die Trägerfrequenz immer nur für einen kleinen Moment konstant bleibt. Somit ist es nicht möglich, dass ein Dritter die Signale abhören kann. Zudem ist die Störanfälligkeit der Übertragung durch diese ständigen Frequenzwechsel extrem niedrig.)

Geniale Erfindung und trauriges Ende

Heute nutzen jedes Smartphone, jedes Laptop, jedes Navigationssystem und ganz viele Hörgeräte die Erfindung von Hedy Lamarr. Sie selbst hatte von diesem späten Erfolg allerdings nicht mehr viel. Und den Film-Star Hedy Lamarr kannten die meisten da auch nicht mehr.

Der letzte Film mit ihr war Ende der 50er entstanden. Danach hatte sie das getan, was schöne Film-Diven häufig machen, wenn sie niemand mehr engagiert – sie zog sich zurück. Und sie ließ sich wiederholt operieren. Aber das half natürlich nicht viel.

Lampe im Tuschinski

Mitte der 60er bekam die Lamarr noch einige Schlagzeilen, weil sie in Los Angeles bei mehreren Ladendiebstählen erwischt worden war. Natürlich ist das ein trauriges Ende, wenn eine Frau, die mal „die schönste Frau der Welt“ hieß und nebenbei noch heimlich geniale Erfinderin war, in einem Laden irgendwelches Zeug klaut, warum auch immer…

Erst kurz vor ihrem Tod hat Hedy Lamarr doch noch mal Anerkennung erhalten. 1997 bekamen sie und George Antheil (der da aber schon tot war) einen Preis – den EFF Pioneer Award. Mit dem werden jedes Jahr Leistungen geehrt, die das Individuum (also uns alle) bei der Nutzung von Computern gestärkt haben. Und geehrt wurde das Frequenzsprungverfahrens, weil es den abhörsicheren Mobilfunk, drahtlose Netzwerkverbindungen und mobiles Internet – so, wie wir es heute kennen – überhaupt erst ermöglicht hat. Zur Preisübergabe erschien Hedy Lamarr aber nicht. Sie schickte ihren Sohn und ein Dankeschön auf einem Tonband. Drei Jahre später, am 19. Januar 2000, fand man sie tot in ihrem Haus in Florida.

Lampe und Deckenbild Kino Tuschinski

PS 1: Fotos von Hedy Lamarr gibt es im Internet jede Menge. Deshalb habe ich hier lieber Fotos vom schönsten Kino der Welt eingestellt. (Zumindest ist es mein schönstes Kino der Welt; ich kann natürlich nicht jedes Kino kennen.) Die Aufnahmen stammen aus dem „Tuschinski“ in Amsterdam. Vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit mal über dieses Kino – als eine Art besonderen Hör-Ort, der auch eine bewegte Geschichte hat.

PS 2: Wie schon beim Einstieg in den Hörgräten-Blog erklärt, geben wir Quellen nur dann an, wenn uns das zwingend geboten erscheint. Bei vielen Erkenntnissen ist schwer zu sagen, wer als erster darauf gekommen ist. In solchen Fällen verweisen wir grundsätzlich nur auf die allwissende Müllhalde Marjorie Google. Auch für den Artikel über Hedy Lamarr haben wir mehrere Quellen genutzt. Genannt werden muss der Artikel „Filmdiva Hedy Lamarr – Sexbombe in geheimer Mission“ von Danny Krigiel, der 2011 auf Spiegel-Online erschienen ist.


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