Die Hedy Lamarr Story (Teil 1)

Geschichte einer Hollywood-Diva und genialen Erfinderin
Hedy Lamarr Story 1

Interessierst du dich für Technik? Eher nicht so? Dann keine Sorge! Das hier wird nicht sehr technisch. In diesem Blog geht es eher wenig technisch zu. Und dieser Beitrag ist mehr eine Geschichte – eine ziemlich verrückte, spektakuläre und am Ende auch tragische: In dieser und in der kommenden Woche erzählt dir die Hörgräte von einer Frau, die einmal in der ganzen Welt berühmt war – doch zugleich von der Welt ziemlich verkannt bzw. falsch eingeschätzt wurde und später ganz in Vergessenheit geriet: Hedy Lamarr.

Du hast den Namen noch nie gehört? Ich sag ja, dass sie in Vergessenheit geriet… Aber die Geschichte ist es absolut wert, erzählt zu werden. Und in den Blog passt die Geschichte nur deshalb, weil sie mit Hör-Technik zu tun hat. Dazu vorab eine Kleinigkeit, und dann die Geschichte:

Smarte Hörgeräte und eine Weltberühmtheit

Im Artikel Der Fluch der Fleischbanane hatte ich schon von modernen Hörgeräten erzählt, die auch smarte Hörgeräte genannt werden. Wie jedes Hörgerät müssen sie von Hörakustiker*innen genau auf ihren Träger eingestellt werden, und dann hört und versteht man wieder besser.

Aber das ist nicht alles. Smarte Hörgeräte kann man auch koppeln. Sie lassen sich mit dem Handy, mit dem Fernseher und mit anderer Technik verbinden, ganz ohne Kabel. Musik, Telefonate, der Ton eines Films, Nachrichten, Ansagen… alles wird mit sehr gutem Klang quer durch die Luft in die Hörgeräte gesendet, so wie es dir gefällt. Du kannst diesen Sound sogar mit den Stimmen und Geräuschen um dich her mixen – ganz einfach am Handy und wie du es magst. Du kannst es auch für jedes deiner Ohren anders mixen. So gesehen ist das noch besser als jeder Kopfhörer…

Filmtheater Tuschinski

Soweit die smarten Hörgeräte, die inzwischen der Trend bei Hörtechnik sind. Damit es soweit kommen konnte, musste jedoch eine entscheidende Sache geklärt werden: Wenn immer mehr Menschen Hörgeräte tragen, mit denen sie quer durch die Luft ihre Telefonate, ihre Musik, ihre Ansagen usw. bekommen, wenn also all diese Klänge hin und her durch den Raum schwirren… Wie lässt sich dann sicherstellen, dass man nur das in den Hörgeräten empfängt, was auch tatsächlich für einen selbst bestimmt ist?

Das ist eine entscheidende Frage, die wir jetzt erstmal so stehen lassen. Und nun die Geschichte von Hedy Lamarr, die eigentlich Hedy Kiesler hieß, aus Wien stammte und später mal so weltberühmt war, dass ihr die Medien gleich eine ganze Reihe aufsehenerregender Titel verliehen: „Skandal-Nudel“, „Hollywood-Diva“, „schönste Frau der Welt“, „Sex-Symbol“ und „Sex-Bombe“. All das hat mit Hörtechnik natürlich nicht viel zu tun.

Ein Skandal und schmückendes Beiwerk

Beginnen wir mit einem Skandal. Den gab es, als 1933 der Film „Symphonie der Liebe“ (späterer Titel „Ekstase“) des tschechischen Regisseurs Gustav Machatý in die Kinos kam. Der Film rief die Sittenwächter nicht nur deshalb auf den Plan, weil in ihm die junge Hauptdarstellerin – eben jene Hedy Kiesler – mehrere Minuten lang nackt zu sehen war. „Ekstase“ war auch der erste Spielfilm, der eine Liebesszene mit einem „Film-Orgasmus“ auf die Leinwand brachte. (Zu sehen war bei diesem allerdings ausschließlich das Gesicht der Akteurin.)

Papst Pius XI. verurteilte den Streifen öffentlich. In den USA wurde der Film ebenso verboten wie in Nazi-Deutschland. Hier wurde er 1935 in wenigen Kinos und in gekürzter Fassung gezeigt, verbunden mit der Warnung „Dieser Film ist jugendverderbend“. Es kam zu Tumulten. Doch auch wenn der Streifen finanziell floppte, Hauptdarstellerin Hedy Kiesler verhalf er zu weltweitem Ruhm. (D. h. sie galt fortan schon mal als Skandal-Nudel, Sex-Symbol und Sex-Bombe.)

Filmtheater Tuschinski, Lampen

Und dabei entstammte sie einer wohlhabenden, jüdischen Familie. Sie kam 1914 als Tochter eines Bankdirektors und einer Konzertpianistin zur Welt, war in der Donau-Metropole aufgewachsen und hatte dort die Schauspielschule besucht. Sie soll schon hier – wie auch in ihrer späteren Künstlerkarriere – weniger durch ein herausragendes schauspielerisches Talent, umso mehr jedoch durch ihr Aussehen überzeugt haben. Noch vor dem Skandal-Film hatte sie mehrere Filmrollen. 1931 war sie in “Man braucht kein Geld” an der Seite von Heinz Rühmann und Hans Moser zu sehen – in hautengem Badeanzug.

Vermutlich hatten Hedys Eltern mit ihrer Tochter andere Pläne, als sie der Schauspielerei zu überlassen. 1933, also noch im gleichen Jahr, in dem der Skandalfilm erschienen war, hat sie geheiratet. Ihr Mann war ein 14 Jahre älterer Industrieller, hieß Fritz Mandl und war sehr reich. Die Medien hatten auch ihm einen aufsehenerregenden Titel verpasst: Patronen-König. Grund dafür war, dass Mandl damals einer der führenden Waffenproduzenten Europas war. Außerdem soll er sehr eifersüchtig gewesen sein. Angeblich betrachtete er seine junge Frau eher als schmückendes Beiwerk bzw. als eine Art Trophäe. (Trophäe sagt man ja auch zu den Tierköpfen, die sich Jäger gerne in die gute Stube hängen…)

Filmtheater Tuschinski, großer Saal

Die Hochzeit fand übrigens in der berühmten Karlskirche am Karlsplatz in Wien statt. – Hedy musste für ihren Mann vom jüdischen zum katholischen Glauben wechseln, außerdem verbot er ihr die Schauspielerei. Und als schmückendes Beiwerk musste sie sich fortan ziemlich langweilen. Sie soll stundenlang nur so lächelnd dabei gesessen haben, während ihr Patronenkönig seine wichtigen Gespräche über Geld und Waffen führte. Er unterhielt sich mit „hohen Leuten“ aus Wirtschaft und Politik, auch Benito Mussolini und Adolf Hitler sollen zu ihnen gehört haben. Und sie hockte hübsch rum und musste sich jedes Mal sonst was für langweiliges Zeug anhören – über die Störanfälligkeit der Funkfernsteuerung von Torpedos zum Beispiel.

Mit „Ekstase“ hatte das natürlich nichts mehr zu tun… Der Patronen-König Mandl soll übrigens versucht haben, alle Kopien des Skandal-Films aufzukaufen, damit niemand mehr seine Frau nackt sehen konnte. Und er ließ sich auch sonst einiges einfallen. Er beauftragte eine Haushälterin, Hedy auf Schritt und Tritt zu kontrollieren. Sie soll wie seine Gefangene gelebt haben.

Eine Flucht und ein Herr Mayer

Man kann eine junge Frau natürlich nur beglückwünschen, wenn sie stark genug ist, sich so was nicht dauerhaft bieten zu lassen. Hedy hatte bereits vier Jahre auf Mandls Gut in Niederösterreich gelebt. Schließlich war das Maß voll und sie ist einfach auf und davon. Um unbemerkt zu entkommen, hatte sie der Haushälterin Schlaftabletten verabreicht. Dann ist sie über Paris nach London gefahren.

Ich finde, die Story ist schon bis zu diesem Punkt „mächtig gewaltig“. Das verrückte ist, dass sie längst nicht zu Ende ist. Sie ist nicht nur wie eine Hollywood-Story, sie führt auch geradewegs nach Hollywood.

Filmtheater Tuschinski

In London trifft die junge Frau Herrn Mayer. Das ist natürlich nicht irgendein Mayer, sondern der Louis B. Mayer, Filmproduzent und Mitinhaber von MGM bzw. Metro-Goldwyn-Mayer. (Das sind die, wo am Anfang jedes Films heute noch ein Löwe durch ein Loch guckt und brüllt.) Herr Mayer war damals überall auf der Suche nach neuen Talenten. Und von Hedy mit ihren langen dunklen Haaren und ihren schönen Augen soll er sofort begeistert gewesen sein.

Also reiste sie mit ihm auf einem großen Dampfschiff nach Amerika. Unterwegs unterschrieb sie den ersten Filmvertrag, während er sich schon mal um die PR kümmerte. Der Name Kiesler schien Herrn Mayer nicht wirklich überzeugt zu haben. Außerdem wollte er wohl nicht mit dem Skandalfilm in Verbindung gebracht werden. Deshalb wurde aus Hedy Kiesler auf dem Weg nach Hollywood Hedy Lamarr – in Anlehnung an die damals bekannte Stummfilm-Schauspielerin Barbara La Marr. (Die war einige Jahre vorher an ihrer Drogensucht zugrunde gegangen.)

Tür im Kino Tuschinski

„exotische Verführerin“ und „Männer mordender Vamp“

Herr Mayer hatte sich nicht verrechnet: In der Traumfabrik Hollywood gehört Hedy Lamarr schon bald zu den begehrtesten weiblichen Stars. Sie bekommt Hauptrollen in zahlreichen Filmen. MGM vermarktet sie als die „schönste Frau der Welt“. Sie ist sogar als weibliche Hauptdarstellerin für “Casablanca” im Gespräch. Die Rolle ging dann jedoch an Ingrid Bergman, weil die vermutlich besser passte. Die Lamarr bekam eher die Rollen als „exotische Verführerin“.

Ihren größten Erfolg feierte sie 1949 als betrügerische Philisterin im Actionfilm „Samson und Delilah“. (Aus dem stammt auch das Motiv auf unserem Titel-Foto.) Im Übrigen soll das auch ihrem privaten Ruf entsprochen haben. Angeblich galt sie als „männermordender Vamp“. Sie war nämlich mit jeder Menge Männern zusammen – mit Schauspielern, Filmproduzenten, Musikern und einem texanischen Ölbaron. Mit sechs von ihnen war sie auch verheiratet und anschließend wieder geschieden. Mit Frauen war sie auch zusammen. (Aber die konnte sie damals natürlich noch nicht heiraten, um sich anschließend wieder scheiden zu lassen.)

Wenn du dich jetzt fragst, wie wir nach dem bisherigen Verlauf dieser Geschichte noch beim Thema Hörtechnik ankommen wollen, könnte ich das gut verstehen. Aber das wird noch – im zweiten Teil unserer Story. Die folgt in der kommenden Woche.

Filmtheater Tuschinski

PS 1: Fotos von Hedy Lamarr gibt es im Internet jede Menge. Deshalb habe ich hier lieber Fotos vom schönsten Kino der Welt eingestellt. (Zumindest ist es mein schönstes Kino der Welt; ich kann natürlich nicht jedes Kino kennen.) Die Aufnahmen stammen aus dem „Tuschinski“ in Amsterdam. Vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit mal über dieses Kino – als eine Art besonderen Hör-Ort, der auch eine bewegte Geschichte hat.

PS 2: Wie schon beim Einstieg in den Hörgräten-Blog erklärt, geben wir Quellen nur dann an, wenn uns das zwingend geboten erscheint. Bei vielen Erkenntnissen ist schwer zu sagen, wer als erster darauf gekommen ist. In solchen Fällen verweisen wir grundsätzlich nur auf die allwissende Müllhalde Marjorie Google. Auch für den Artikel über Hedy Lamarr haben wir mehrere Quellen genutzt. Genannt werden muss der Artikel „Filmdiva Hedy Lamarr – Sexbombe in geheimer Mission“ von Danny Krigiel, der 2011 auf Spiegel-Online erschienen ist.


Vorheriger Beitrag
Über Schlappohren
Nächster Beitrag
Die Hedy Lamarr Story (Teil 2)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Fill out this field
Fill out this field
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Mit unserem News­letter erhalten Sie regelmäßig Artikel, Geschichten und Neuigkeiten rund um das Hören mit und ohne Technik. Informationen zu den Inhalten, der Proto­kollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Aus­wertung sowie Ihren Ab­bestell­­möglichkeiten, erhalten Sie in unserer » Datenschutzerklärung

Neueste Beiträge

Kategorien

Menü