Ohrentesten selbstgemacht

10 typische Anzeichen für Schwerhörigkeit
Fassade mit aufgeklebtem Mund

Kannst du noch hören? – Klar, wenn man sein Leben lang gewohnt ist zu hören, scheint die Frage oft ziemlich weit hergeholt. Schließlich ist Hören etwas, was immer da ist. Und natürlich kann man noch hören. Wenn man nichts mehr hören könnte, würde einem das sofort auffallen. Denn: Dann hört man ja nichts mehr. – Aber so ist es eben nicht.

Wie ich schon in einem anderen Artikel geschrieben habe, kommt ein Hörverlust meist nicht von heute auf morgen. Er kommt schleichend. Es gehen lediglich ein paar hohe Töne verloren, nach und nach, und immer noch ein paar. Bis es so weit ist, dass man gesprochene Worte weniger gut versteht. Und auch dann ist es längst nicht so offensichtlich, dass man es zwangsläufig merkt. Obwohl es spätestens dann höchste Zeit ist, etwas zu unternehmen. Über die Gründe dafür habe ich auch schon an anderer Stelle geschrieben. Hier geht es nun darum, welche typischen Anzeichen für Schwerhörigkeit es gibt.

Wer geht schon zum Hörtest…?!

Diese Anzeichen aufmerksam wahrzunehmen, ersetzt natürlich keinen Hörtest, den man beim Ohrenarzt oder beim Hörakustiker macht. (Beim Hörakustiker kommt man vermutlich meist schneller dran…) Dennoch ist unser Selbsttest kein Pille-Palle. Es wird zwar empfohlen, einmal im Jahr einen Hörtest zu machen. Aber auch, wenn dieser Test beim Hörakustiker kostenlos ist, ganz schnell geht und kein bisschen weh tut… – wer macht das schon?! Und vor allem: Wer geht zu so einem Test, wenn er sein Leben lang gehört hat und deshalb gar nicht auf die Idee kommt, dass das eigene Gehör nachlassen könnte?! Dabei ist Hörverlust keine seltene Krankheit, sondern Normalität – so wie Augen, die irgendwann schwächer werden, oder Haare, die irgendwann grau sind. Nur dass es da sehr bald auffällt.

Bleiglasmalerei Vogel und Schmetterling

Deshalb hier mein kleiner Ohrentest zum Selbermachen – 10 absolut typische Anzeichen für Schwerhörigkeit bzw. dafür, dass dein Gehör nicht mehr so fit ist wie früher:

1. Anzeichen: Alle nuscheln so

„Die jungen Leute von heute kriegen ihre Zähne gar nicht mehr auseinander!“ – „Und die Moderatoren im Fernsehen lernen auch nicht mehr richtig sprechen!“ – „Die Schauspieler auch nicht!“ – Es mag ja Leute geben, die tatsächlich nuscheln. (Und es spricht einiges dafür, dass einer von ihnen Til Schweiger heißt.) Aber der Anteil der Nuschler an der Gesamtbevölkerung war vermutlich früher nicht geringer als heute. Das ist keine Frage von Generationen. Und deutliches Sprechen gehört immer noch zum Werkzeug von Moderator*innen oder Schauspieler*rinnen.

Wissen sollte man hingegen: Wer schlecht hört, neigt dazu, sein Problem (unbewusst) nach außen zu verlagern: „Ich verstehe dich nicht, also sprich deutlicher!“ – Typisches Anzeichen für Schwerhörigkeit.

2. Anzeichen: „Wie bitte?“

Wenn man hin und wieder mal nachfragen muss, ist das normal. Wenn man es ständig muss, nicht. Schon gar nicht, wenn man mehrmals nachfragen muss und die Umgebung nicht übermäßig laut ist. Aber auch das fällt nicht unbedingt auf – weil die Leute „immer so nuscheln“. Der Betroffene selbst merkt nichts. Auffällig ist es oft nur für die Menschen, die täglich mit ihm zu tun haben – Partner, Familie, Freunde. Hörakustiker*innen erzählen mir davon was immer wieder.

alte Schallplatte

3. Anzeichen: Viele Menschen = anstrengend

Besonders schwierig ist Hören immer, wenn man mit vielen Menschen zusammen ist. Alle reden durcheinander. Oder man ist in einer Diskussionsrunde, wo zwar nicht alle gleichzeitig reden, aber immer andere, die immer woanders sitzen. Ein voll leistungsfähiges Gehör kann die Sprecher orten und vor allem herausfiltern. Das ist eine der wunderbarsten Eigenschaften, die das Gehör hat: Es kann Stimmen oder Geräusche herausfiltern – aus einem Wust an Stimmen und Geräuschen. Und genau das fehlt jetzt. Man muss sich anstrengen, um noch mitzukommen. Obendrein noch mitzureden, ist umso schwieriger.

4. Anzeichen: Laute Umgebungen nerven

Das passt zum vorherigen Anzeichen. Gemeint sind hier aber vor allem bestimmte Orte: Restaurants und Cafés, Familienfeiern, Partys. An solchen Orten zuverlässig zu verstehen, ist sozusagen die Königsdisziplin beim Hören. Auch mit fittem Gehör kommt man an Grenzen. Und wer schlecht hört, fühlt sich in so einer Umgebung schnell ziemlich verloren. Man kann noch sitzen, essen, trinken – und warten, bis die Sache vorbei geht. Man kann beobachten, wie gut (oder weniger gut) sich die anderen verstehen, und freundlich lächeln und nicken, wenn man doch einmal etwas gefragt wird. Es sind die typischen Situationen, in denen Hörprobleme anfangen, zu sozialen Problemen zu werden. Zum Beispiel, weil man beschließt, zu derart nervenden Runden nicht mehr hinzugehen.

5. Anzeichen: Überraschende Momente auf der Straße

Kannst du dich an überraschende Momente im Straßenverkehr erinnern? Zum Beispiel, dass plötzlich ein Auto kam, das du nicht erwartet hattest? Der Motor eines Autos klingt eher nicht hoch. Also wirst du das Auto auch mit nachlassendem Gehör noch hören. Es verringert sich jedoch die Fähigkeit, in einem Mix von Geräuschen ein ganz bestimmtes Geräusch zu orten. Man hört also noch das Auto. Aber man weiß nicht mehr zuverlässig, von wo es kommt. Als sich Menschen noch vom Jagen und Sammeln ernährten, war diese Fähigkeiten überlebenswichtig. Den Bären oder das Mamut hörte man, bevor man sie sah. Überlebenswichtig sind diese Fähigkeiten aber manchmal auch heute noch.

Hörgräte und Straßenverkehr

6. Anzeichen: Zuhören macht müde

Schlechtes Hören ist anstrengend und ermüdend. Man muss sich nämlich mehr konzentrieren, um noch alles mitzubekommen. Das Gehirn versucht automatisch, das, was nicht gehört wurde, auf anderem Weg zu erfahren – vor allem über die Augen. Das funktioniert zwar oft noch ganz gut, ist aber Schwerstarbeit. Kein Wunder, dass man nach einem Tag, an dem man ständig schwer gearbeitet hat, erschöpft ist. Und mit nachlassendem Gehör ist das fast jeden Tag so. Problem ist: Man spürt zwar die Erschöpfung. Oft braucht es jedoch lange, um zu verstehen, was ihre Ursache ist.

7. Anzeichen: laute Fernseher

Das ist ein echter Klassiker. Im Prinzip kannst du dich abends in ein Berliner Treppenhaus stellen; und wenn du ein bisschen gelauscht hast, weißt du, hinter welcher der Türen jemand mit Hörverlust wohnt. Die besondere Herausforderung beim Fernseher besteht im Mix aus Sprache, Musik und Geräuschen. Gerade bei Spielfilmen, in denen viel los ist, kommt das zum Tragen – bei Krimis zum Beispiel. Und wer – bewusst oder unbewusst – auf die Lippen-Bewegungen von Sprechern achtet, um das Nicht-Gehörte auszugleichen, der ist bei synchronisierten Filmen erst recht schlecht dran. TV-Entspannung wird zum Kraftakt. Also stellt man lauter. Hilft aber auch nicht wirklich, wie ich an anderer Stelle schon erklärt habe.

alter Röhrenfernseher

8. Anzeichen: hohe Geräusche fehlen

„Warum gehst du denn nicht ans Telefon, wenn es klingelt?“ – „Hast Du die Türklingel wieder nicht gehört?“ – „Du sitzt wohl wieder auf Deinen Ohren?“ – Wer das häufiger zu hören bekommt – und dann das Telefon oder die Türklingel tatsächlich nicht gehört hat – sollte stutzig werden. Wie gesagt, bei einem nachlassenden Gehör fehlen in aller Regel zuerst die hohen Töne. Bei Grillenzirpen oder Vogelstimmen (Krähen sind ausgenommen) fällt das in einer Großstadt vielleicht nicht so auf. Und bei Türklingeln ist es meist nicht dramatisch (nur etwas ärgerlich, weil man den Paketboten wieder verpasst hat.) Aber es kommt noch mehr hinzu. Bei Musik gehen Geigen und Flöten flöten. Hohe Kinderstimmen werden schwierig. Und hoch klingen auch Fahrradklingeln oder Rauchmelder. Wenn man die nicht hört, kann es schon riskant werden…

9. Anzeichen: schlechter Telefon-Empfang

Auch das ist klassisch: Es fällt schwer, den anderen am Telefon zu verstehen. Das geht heute übrigens schon vielen Leuten ohne Hörverlust so. Mobilanrufe bekommt man eben selten in ruhiger Umgebung.

Telefon-Tasche

Hinzu kommt, dass beim Telefonieren nur bestimmte Bereiche (Frequenzen) der Stimme übertragen werden. Und es fehlt wieder das Lippenbild, aus dem man lesen könnte. Wer gut hört, kann sich das vermutlich schwer vorstellen. Aber Menschen, die schlecht hören, entwickeln oft erstaunliche Fähigkeiten darin, Worte von den Lippen abzulesen.

10. Anzeichen: Leise Geräusche fehlen

Wer eine mechanische Uhr am Handgelenk trägt, der hat seinen Hörtest sozusagen immer mit dabei. Ich kann das Ticken einer Armbanduhr hören – oder eben nicht. Genauso ist es mit Flüstersprache, mit dem Rascheln von Papier oder Herbstlaub, mit dem Geräusch, das entsteht, wenn der Stoff von Hosenbeinen beim Gehen aneinander reibt… – Wenn ich Leute mit Hörgeräten frage, was sie jetzt wieder hören können, dann nennen sie oft auch solche Geräusche. Die sind zwar meist so nebensächlich, dass sie Leute mit gutem Gehör kaum bemerken. Aber wer diese Geräusche jahrelang nicht mehr gehört hat, der erlebt sie manchmal wie ein schönes Geschenk.

Herbstwald auf dem Kopf

PS: Die Fotos zeigen lauter Dinge, die man mit nachlassendem Gehör nicht mehr gut hört bzw. versteht oder die sonst irgendwas mit Anzeichen von Schwerhörigkeit zu tun haben: eine alte Häuserfront in Berlin-Friedrichshain, auf die jemand einen Mund geklebt hat (von dessen Lippen man ablesen könnte); ein auf Bleiglas gemalter kleiner Singvogel im Museum Willet-Holthuysen, einem alten Grachtenhaus in der Herengracht 605 in Amsterdam; eine Schellack-Schallplatte aus dem Technik-Museum in Wien; die Hörgräte an der Ecke Hardenbergstraße / Joachimsthaler Straße, gleich neben dem Bahnhof Zoo (Berlin); ein alter Fernseher namens „Rembrandt“ aus dem Museum auf dem Funkerberg in Königs-Wusterhausen; eine Telefon-Tasche aus dem Amsterdamer Taschen-Museum und ein auf den Kopf gestellter Wald mit raschelnden Blättern in Berlin-Hirschgarten.


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4 Kommentare. Leave new

  • Mittlerweile fühle ich mich wirklich sehr müde, wenn ich viel zuhören muss. Außerdem finde ich eine Umgebung mit vielen Menschen recht anstrengend. Deinen Anzeichen nach sollte ich einen Hörtest in Erwägung ziehen.

    Antworten
    • MSchaarschmidt
      8. Mai 2019 18:57

      Ja, das würde ich dir dann tatsächlich sehr empfehlen. Nicht warten. Einfach mal im Hörakustik-Geschäft vorbeigehen und einen Hörtest machen. Tut nicht weh, kostet nix, geht schnell und kann ggf. viel bringen.

  • Ein interessanter Selbsttest, den Sie hier mit den lauten Fernsehern angesprochen haben. Ich höre tatsächlich keine laufenden Fernseher durch die Türen in meinem Wohnblock mehr. Vielleicht sollte ich mal zur Hörberatung gehen.

    Antworten
    • MSchaarschmidt
      27. Juni 2019 20:11

      Ja, das sollten Sie – zumindest mal einen kleinen Hörtest beim nächsten Hörakustiker machen. Viel Erfolg damit!

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