
Es ist wieder Fußball-WM; das kann man gut finden oder auch nicht. Doch ob nun die FIFA, Donald Trump oder wer auch immer die Fußballleidenschaft von Menschen überall auf der Welt benutzt, um die eigene Macht zu pflegen, das Ego zu pinseln, Geld zu scheffeln: Fußball – also das echte, leidenschaftliche Spiel, das keine FIFA dieser Welt je kaputt bekommt – ist sowieso regional. Das sagt zumindest der Präsident meines heimischen Fußballvereins. Über den Verein hatte ich hier schon geschrieben. Und ich glaube, unser Vereinspräsident hat recht. Dass Fußball vor allem regional ist, kann man sogar hören.
Eine ziemlich beständige Angelegenheit: Fußballfangesänge
Vor etlichen Jahren schrieb ich ein Interview mit Professor Reinhard Kopiez, einem Musikwissenschaftler, der bis 2025 einen Lehrstuhl für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover innehatte und inzwischen pensioniert ist. Professor Kopiez wurde eine Zeit lang sehr oft interviewt. Er hatte zu einem Thema geforscht, das die Medien mochten: Fußballfangesänge. Ich fand das Fußballfangesänge auch interessant, schließlich ist das was zum Hören. Obwohl Fußballfangesänge als Forschungsthema vermutlich relativ bald langweilig werden. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass Professor Kopiez fand, dass es – nach einiger Zeit der Erforschung – nicht mehr viel zu entdecken gab. Auch weil Fußballfangesänge eine ziemlich beständige Angelegenheit sind. Sie werden nicht jeden Tag neu erfunden.
Das hat andererseits den Vorteil, dass man ein uraltes Interview über die Erforschung von Fußballfangesängen auch nach Jahren wieder vorholen kann und immer noch nicht viel anders ist: Geht es um Fangesänge, sind Fußball-Weltmeisterschaften ein erbärmlicher Abklatsch von dem, was in regionalen Stadien abgeht. Fast so einfallslos wie die Gesänge, die deutsche Nationalteams bei früheren Weltmeisterschaften regelmäßig abliefern mussten: „Buenos Dias Argentina“, „Far Away in America“, „Mexico Mi Amor“ oder „Sempre Roma“.
„Sempre Roma“ ist von 1990. Da wurde Deutschland Weltmeister und Professor Kopiez stieß in einer Pizzeria auf sein Forschungsfeld: „Ich interessierte mich überhaupt nicht für Fußball. Aber in dieser Pizzeria lief nebenbei das Eröffnungsspiel zur WM. Das Lärmen des Spiels zog durch den Raum. Und plötzlich fiel mir auf, dass da viel mehr war als nur eine diffuse Geräuschkulisse. Die singenden Fans auf den Rängen schienen einer Art Ritual zu folgen. Alles war planvoll wie bei einem Konzert.“ – Der Pizzeria-Besuch war für Professor Kopiez die Initialzündung, und er begann, sich mit Fangesängen zu beschäftigen: „Mich packte eine detektivische Neugier. Bald darauf zog ich das erste Mal ins Stadion – mit Notizblock, Stoppuhr und einem Aufnahmegerät.“ – Er fing an, sich Fußballspiele anzuhören und Fangesänge herauszufiltern. Schließlich schrieb er ein Buch darüber.
„Ich war fasziniert von dieser Atmosphäre inmitten der Masse und von den Emotionen, die sie in mir wachrief“, so Professor Kopiez über seine Stadionbesuche. „Die Gesänge tausender Fans sind eine Art akustische Gewalt. Das sind Pegel wie bei einem startenden Düsenflugzeug. Es war mir unmöglich, mich dieser stimmlichen Macht zu entziehen. Man wird Teil der Masse, fühlt sich aufgehoben in ihr. Das ist pure Gänsehaut, Faszination und Bedrohung zugleich. Für mich war das beeindruckend.“
Singende Gruppen – ein Erfolgsmodell unserer Entwicklungsgeschichte
Im Stadion stellte Professor Koppiez fest, dass es keineswegs erholsam und entspannend ist, ein singender Fußballfan zu sein: „Schöne Spielzüge kann man vor dem Fernseher vermutlich besser verfolgen. Die Fans im Stadion hingegen sind überaus leidensbereit. Sie stehen im Winter bei Minustemperaturen. Sie nehmen oft stundenlange Fahrten zu den Auswärtsspielen in Kauf. Das ist nicht nur Vergnügen. Das ist richtig anstrengend; auch wenn es den Fans nicht bewusst ist.“
Früher, als es Gesang und Musik nur live gab, wurde viel mehr gemeinsam gesungen – in der Familie, in der Schule, in der Kirche, bei der Arbeit, in Vereinen, beim Wandern, im Krieg. (Auch Emotionen, die beim gemeinsamen Singen entstehen, kann man Machtinteressen benutzen bzw. missbrauchen.) Heute kommt gemeinsames Singen kaum noch vor. Professor Kopiez nannte die Fangesänge daher die „zahlenmäßig größte Massenkultur des Singens in unserer Zeit“.
„Die Motivation dazu entspringt einem massenpsychologischen Phänomen, das als Entindividualisierung bezeichnet wird. Das hat etwas mit unserem evolutionären Erbe zu tun. Seit Urzeiten erlebt der Mensch seine eigentliche Stärke im Sozialen. Wir haben eine starke Tendenz zur Gruppenbildung. Die Gruppe ist eine Art Erfolgsmodell unserer Entwicklungsgeschichte. In ihr fühlen wir uns sicher, geborgen und geschützt vor der Außenwelt. Wir werden eins mit Gleichgesinnten, werden mächtig und stark. Dieser Wunsch nach Aufgehen in der Gemeinschaft ist eine Art Ursehnsucht, die wir in uns tragen. Doch in der modernen Welt – mit immer mehr Singles, einer abnehmenden Bedeutung der Familie etc. – gibt es kaum Gelegenheiten, dieser Sehnsucht nachzugehen.“

Wie etwa Social Media die Gemeinschaft von Menschen verändern würde, konnte Professor Kopiez damals noch nicht wissen – so alt ist das Interview schon. Aber im Fußballstadion gibt’s die Gemeinschaft heute immer noch: Keiner ist ausgeschlossen, und in der Gruppe sinken die Hemmschwellen: „Wir fühlen uns so stark, dass wir glauben, den Spielverlauf beeinflussen und kontrollieren zu können. Und wir entgehen ein Stück weit der gewohnten sozialen Kontrolle. Wir machen plötzlich Dinge, die wir sonst niemals machen würden.“
Und der Gesang – so Professor Kopiez – macht gute Laune: „‘Einer geht noch, einer geht noch rein‘ etwa ist ein typischer Gesang, um eine euphorische Stimmung, die ein Tor bei den Fans wachruft, möglichst lange aufrecht zu erhalten. – Ebenso grenzt Gesang von anderen ab. – ‚Hier regiert der BVB!‘ – Das ist ein bisschen wie bei einem Hund, der sein Revier markiert. Die Fans verteidigen mit ihren Liedern das eigene Terrain. Wir haben für den Fangesang eine ganze Reihe von Funktionen klassifiziert: Man nutzt ihn als Ventil für die eigene emotionale Anspannung. Man feuert seine Mannschaft an, huldigt einzelnen Spielern und beschwört die Treue zum Verein. Und man schmäht und verhöhnt den Gegner.“
Karnevalslied oder Erbauungshymne – Fußballfans als „musikalische Allesfresser
Auch beim Schmähen und Verhöhnen – so Professor Kopiez – stünden Fangesänge oft jenseits der sonst üblichen sozialen Normen: „Ob ‚Ihr seid nur ein Karnevalsverein!‘ oder ‚Zieht den Bayern die Lederhosen aus!‘ – man sucht den wunden Punkt, zielt unter die Gürtellinie. Das ist auch eine Art psychologische Kriegsführung. Besonders ausgeprägt – so unsere Ergebnisse – ist Fangesang als Mittel der Diffamierung übrigens in den unteren Ligen im Osten Deutschlands.“
Das hat Professor Kopiez vor fast 20 Jahren gesagt, vermutlich stimmt auch das heute immer noch. Fußballfangesänge ändern sich eben nicht so schnell. Spezielles Fanverhalten mit wilden Ausschreitungen gab es schon in der Antike – bei Gladiatorenkämpfen und Wagenrennen. – „Gesungen wurde dort aber höchstwahrscheinlich noch nicht. Nur rhythmisch gerufen. In den deutschen Stadien der 50er Jahre gab es auch vorerst nur Klatschen, Pfeifen, Johlen und Buhen. Bestenfalls wurde nach errungenem Sieg ein altes Karnevalslied angestimmt: ‚So ein Tag, so wunderschön wie heute…‘. Die Wiege des modernen Fangesangs stand in England. In den 60er Jahren gab es dort bereits Erbauungshymnen wie “Abide with me”. Als die Urhymne des Fangesangs gilt „You’ll never walk alone“ von Gerry & The Pacemakers, das 1963 zum ersten Mal in einem englischen Stadion angestimmt wurde.“
Ob Karnevalslied oder Erbauungshymne – „Fußballfans sind musikalische Allesfresser, die ungeniert vorhandene Melodien und Lieder aufgreifen“, so Professor Kopiez: „Waren es früher eher Volkslieder bzw. Traditionals, reicht die Bandbreite heute von Opern-Motiven über deutschen Schlager und Pop bis zum Karneval und zu Erkennungsmelodien von Kinder-TV-Serien wie ‚Flipper‘ oder ‚Pippi Langstrumpf‘. In aller Regel sind es Melodien, die bereits der Elterngeneration im Stadion bestens vertraut sind.“
Die Gemeinschaft ist eine aus verschiedenen Generationen. Auch da sinken die Grenzen. Deshalb singen auch junge Fans im Stadion alte Melodien. – „Die eher konservative Liedauswahl ist zudem eine Art Selbstschutz; denn Fankultur wird allein mündlich überliefert und kann nur dann fortbestehen, wenn sie sich nicht so schnell verändert.“
Fußballspiele der oberen Spielklassen sind immer auch Open-Air-Konzerte
Ich habe den Professor gefragt, ob es musikalische Merkmale gibt, die dafür sorgen, dass ein Lied zu einem Fangesang wird? – „Den einen ‚Hitfaktor‘ gibt es nicht“, meinte er. „Stadiontauglich sind kurze und einfache Melodien, die man bereits nach einmaligem Hören nachsingen kann: ‚Wir singen Bochum, Bochum, Zweite Liga. Wie ist das schön, Euch nie mehr zu sehn…‘ – Das auf die Titelmelodie von ‚Flipper‘ zu singen, ist kinderleicht. Oder ‚Go west!‘ von den Pet Shop Boys: ‚Steht auf, wenn ihr Schalker seid!‘ – Meist sind die Melodien kurz. Nur in Ausnahmefällen werden komplette Lieder nachgesungen. Es gibt keinen großen Tonumfang, so dass auch ungeübte Stimmen mitsingen können. Alles ist eingängig: ‚Auf Wie-der-sehn, auf Wie-der-sehn‘. Häufig findet man eine Sext-Quint-Terz-Struktur wie bei Kinderliedern: ‚Lukas Po-dol-ski‘. Es gibt Endlosschleifen wie bei ‚Guantanamera‘, die den Sängern beliebig viele Wiederholungen ermöglichen: ‚Ruhr-pott-kana-ken, ihr seid die Ruhr-pott-kana-ken…‘. Und es gibt Tonwiederholungen wie bei ‚Zieht den Bayern die Lederhosen aus‘.“

Viel entscheidender als die Melodie, die zumeist einfach aufgegriffen und wiederverwertet wird, sei bei Fußballfangesängen jedoch der Text, so Professor Kopiez: „Zur Entstehung eines neuen Fangesangs kann oft schon der Name eines gefeierten Spielers genügen. Man singt ‚Bruno Labadia‘ an Stelle von ‚Vamos a la Playa‘, und schon gibt es einen neuen Gesang.“
Regionale Unterschiede hatte Professor Kopiez bei seinen Forschungen in der Bundesliga eher weniger feststellen können – vielmehr entdeckte er Gemeinsamkeiten: „Die Fußballspiele der oberen Spielklassen sind immer auch Open-Air-Konzerte. Jeder Verein hat seine Lieder, wobei es im Wesentlichen 50 bis 60 Melodien gibt, die man überall wiederfindet. Gesungen wird im Süden wie im Norden immer in Dur. Und das Liedrepertoire folgt der Regel: harter Kern, weicher Rand. D. h. die treuesten Fans verfügen über ein Repertoire von 30 bis 50 Liedern, die sie ständig pflegen und nur langsam durch neues Liedgut ersetzen. Die anderen singen mehr oder weniger mit.“
In punkto Sangesfreudigkeit zeigten die damaligen Studien aber durchaus Unterschiede: So waren die Fans des FC Bayern München mit 1,3 Gesangsaktionen pro Minute am aktivsten. Im Vergleich dazu gab es bei den Kölner Fans nur 1,1 Aktionen pro Minute und bei den Dortmundern nur 0,9. – „Zudem hat jeder Verein auch seine eigenen Lieder. Die Existenz von ganzen Vereinshymnen setzt allerdings eine hohe Vereinskultur voraus, die es nicht überall gibt. In Dortmund etwa singt man seit Urzeiten ‚Wir halten fest und treu zusammen‘ – ein Marschlied von 1934.
90 Minuten Fußball: „ideale Bedingungen für die Freisetzung vokal geäußerter Emotionen“
In meinem heimischen Fußballverein haben wir auch eine Vereinshymne. Aber von Bundesliga konnten wir damals, als Professor Kopiez die Fußballfangesänge erforschte, nur träumen…
Ein Ergebnis seiner Studien war auch, dass die Intensität des Fangesangs vom unmittelbaren Spielgeschehen abhängt: „Hier gilt: ‘You only sing when you are winning’. Ist das Spiel schwach, ist der Gegner unattraktiv oder steht es schlecht um die eigene Mannschaft, dann sinkt augenblicklich die Gesangsaktivität auf den Rängen. – Es sei denn, rivalisierende Fangruppen begeben sich in eine Art Wechselspiel, bei dem mit Schmähliedern der Spielverlauf aus zweierlei Blickwinkel kommentiert wird. – Andererseits ist es gerade die zeitliche Dynamik eines Fußballspiels, die den Fangesang überhaupt erst möglich macht. Es gibt nur selten Tore. Es gibt ein ausgewogenes Verhältnis von Höhepunkten und vorbereitenden Abschnitten, damit ideale Bedingungen für die Freisetzung vokal geäußerter Emotionen. Das ist ganz anders als etwa beim Handball oder Basketball, wo durch die ständigen Höhepunkte kaum Zeit zum Singen bleibt. Eine dem Fußball vergleichbare Gesangskultur haben wir einzig und allein beim Eishockey feststellen können.“

Ein weiteres Ergebnis der Erforschung von Fangesängen war, dass es im Stadion eine Reihe ungeschriebener Regeln gibt. Das gemeinsame Singen folgt einer eigenen Ordnung: „Mitunter gibt es ganze Inszenierungen, die von den Fan-Organisationen minutiös geplant werden. In jedem Fanblock existieren ‚Chant-Leader‘, die einen Gesang anstimmen – stimmlich oder auch instrumental. Diese ‚Chorleiter‘ sind grundsätzlich Fans, die sich seit langem mit ihrem Verein identifizieren und unter den Anhängern geradezu einen Kultstatus genießen. Die heißen dann z. B. ‚RWE-Lothar‘ oder ‚Schalke-Willi‘. Sie sind immer dabei – egal wo die Mannschaft spielt. Sie beherrschen das gesamte Liedrepertoire des Vereins. Und sie müssen stimmlich und körperlich robust sein, damit sie das anstrengende Vorsingen überhaupt durchhalten. – Im Dortmunder Westfalenstadion etwa wird der Vorsinger trotz Verwendung eines Megaphons nach einer Halbzeit ‚ausgewechselt‘.“
Stimmt hingegen irgendwer ein Lied an, der nicht den Status eines ‚Chant-Leaders‘ hat, singt meist kaum jemand mit. – „Mitunter wird er sogar zurechtgewiesen. Der ‚Chant-Leader‘ aber steht permanent im Kontakt mit Spielfeld und Anhängerschaft. Er muss beobachten, was auf dem Rasen vor sich geht, um je nach Spielsituation den entsprechenden Gesang anstimmen zu können. Dann aber steht er mit dem Rücken zum Spielfeld und dirigiert. – Um ihn herum steht der harte Kern, die so genannten Ultras, die ebenfalls bei keinem Spiel fehlen und als erste einstimmen. Von diesem Zentrum breitet sich der Gesang schon nach wenigen Takten aus. Nach zirka 15 Sekunden singt die gesamte Fankurve. Danach klingt alles wieder ab und beginnt von neuem. Am Ende des Spiels sind die Sänger stimmlich ruiniert und kühlen ihre heiseren Kehlen mit Bier.“
Fußball-Weltmeisterschaften: musikalisch gesehen eher Schmalkost
Wie kommt es, dass bei einem riesigen Chor aus meist völlig ungeübten Sängern überhaupt noch der Eindruck eines einheitlichen Liedes entsteht? – „Dass man eine Melodie erkennt, wenn tausende Stimmen sich dieser nur mehr oder weniger annähern, ist eine Leistung unseres Gehirns. Es filtert die eigentliche Melodie aus einer Vielzahl von Tonhöhen heraus. – Die Fans selbst können einen Mangel an Sangesfertigkeit auf verschiedene Arten ausgleichen. Am einfachsten ist es, die bloße Kontur der Tonfolge zu singen. Man trifft nicht den genauen Tonschritt, sondern nur die Richtung: rauf und runter. Und es gibt unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Das unterste Level sind einfache Mitmach-Aktionen wie Pfeifen und Rufen. Die nächste Stufe ist rhythmisches Klatschen bzw. Rufen: klatsch – klatsch – klatsch klatsch klatsch klatsch klatsch – ‚Sieg!‘. Stufe drei sind Kurzgesänge: ‚Jür-gen-Klins-mann‘. Und erst auf Level vier folgen längere Lieder: ‚Zweite Liga, nie mehr, nie mehr, nie mehr‘.“
Doch zurück zur Fußball-WM: Sind Fangesänge bei Weltmeisterschaften weltmeisterlich? – Da hatte Professor Kopiez ein klares Urteil: „Musikalisch gesehen sind Fußball-Weltmeisterschaften eher Schmalkost. Angereist kommen weniger die typischen Fans, die Woche für Woche ins Stadion ziehen und dort ihre Fankultur pflegen. Es kommen vor allem Leute mit Geld. Und die Zuschauer sind wild zusammengewürfelt. Sie identifizieren sich oft nicht in dem Maße wie die Anhängerschaft eines Vereins. Entsprechend begrenzt ist das Lied-Repertoire. Das ist dann nur so eine Art kleinster gemeinsamer Nenner. Bei der WM 2006 konnten wir für die deutsche Anhängerschaft nicht mal ein Dutzend Lieder ermitteln. Und auch bei den anderen Teams gab es nicht viel zu holen. Die Engländer sangen ‚God Save the Queen‘, die Schweizer ‚Hop Schwiiz‘ und lediglich die Koreaner überraschten mit einer eigenen Version von ‚Freude schöner Götterfunken‘. In andere Ligen übernommen werden die Fan-Darbietungen solcher Großveranstaltungen so gut wie nie.“

Bei jedem internationalen Fußballtournier gibt’s das eine oder andere Teilnehmerland, dessen Fans sich gesanglich abheben. Bei der EM 2024 waren es die Fans aus Schottland, die mit ihrer Textsicherheit und Hits wie ‚No Scotland, No Party‘ oder ‚Scotland’s on fire‘ (nach der Melodie von ‚Freed from Desire‘) von sich Reden machten. Aber mit regionalen Fußballfangesängen halten auch die besten WM- oder EM-Fangesänge nicht mit. Als absoluter Tiefpunkt internationaler Fußballfangesänge kann vermutlich auch heute noch Südafrika 2010 gelten: die WM der Vuvuzelas. Die Plastik-Tröten (die übrigens nichts mit südafrikanischer Musik zu tun haben) maskieren ein sehr breites Klangspektrum von 220 bis 15.000 Hertz, damit den kompletten Bereich, in dem sich menschlicher Gesang ausbreiten könnte. Und die Vuvuzelas sind laut: ein Schalldruckpegel von ungefähr 115 Dezibel, also so viel, wie extrem laute Rockkonzerte und knapp unterm Presslufthammer.) Obendrein gibt’s einen konstanten Ton – wie ein Warnsignal oder ein Staubsauger. Das war einfach nur Lärm, Stress, hörschädigend und alle Fußballfangesänge vernichtend.
Fußballfangesänge und ihre Wirkung auf das Spiel: ein ernüchterndes Forschungsergebnis
Eine letzte Frage, die ich Professor Kopiez damals stellte, war die nach der Wirkung der Fangesänge auf den Spielverlauf: Gewinnt eine Mannschaft eher, wenn ihre Fans gut singen?
Seine Antwort war ernüchternd: „Leistungssteigernd wirken sich lautstarke Publikumsreaktionen nur dann aus, wenn es um die Ausdauer der Akteure geht. Ganz anders verhält es sich jedoch bei komplexen Bewegungsabläufen – etwa bei schnellen Kombinationen oder spontanen Spielzügen. Hier wirkt sich der akustische Background eher wie Störschall aus, der beim Spieler sogar zu Fehlern führen kann – ganz ähnlich wie bei einer Aufgabe mit besonderen Anforderungen an die Konzentration. Sportpsychologisch gesehen könnte man also empfehlen, beim Angriff der eigenen Mannschaft still zu bleiben und genau dann zu lärmen, wenn der Gegner zum Torschuss kommt. Doch die Fans werden natürlich weiter daran glauben, dass ihre Stimmen ein Spiel drehen können, und auch 80 Prozent der Spieler sagen, dass ihnen diese stimmliche Unterstützung hilft. Ein Widerspruch, der eben auch zur Faszination dieses Spiels dazugehört.“

PS 1: Die eingefärbten Fotos zum Artikel über Fußballfangesänge stammen aus meinem heimischen Stadion.
PS 2: Das erwähnte Buch „Fußball-Fangesänge: Eine Fanomenologie“ von Reinhard Kopiez und Guido Brink ist im Verlag Königshausen & Neumann erschienen. Man bekommt es auf jeden Fall noch antiquarisch – sogar mit Fußballfangesänge-CD.

