Hören und Demenz

Zusammenhänge zwischen Hörverlust und nachlassenden geistigen Fähigkeiten
Hören und Demenz - alte Kinderfotos

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Hören und Demenz – oder besser gesagt: zwischen nachlassendem Gehör und Demenz? Wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre sprechen immer wieder davon. Wobei es nach bisherigem Stand so ist: Wenn ein Mensch dauerhaft schlecht hört, dann ist das schlechte Hören nicht der eigentliche Auslöser von Demenz. Aber das schlechte Hören macht, dass die Krankheit im Schnitt deutlich früher ausbricht und schneller voranschreitet.

Es geht also nicht um die Frage, Demenz oder nicht. Es geht jedoch um Zeit, die man gewinnt, und es geht um ein wichtiges Ding: Lebensqualität.

Ein Besuch bei Volker

Die letzten zwei, drei Jahre vor seinem Tod war Volker dement. Das war allen klar. Und es war klar, dass es besser ist, ihn im Pflegeheim unterzubringen. Zu Hause ging es nicht mehr.

eine Fußballlmannschaft

Einerseits klar, andererseits schwer zu verstehen. Volker war Arzt. Er kannte sich aus mit Krankheiten. In lichten Momenten verwendete er immer noch mit beeindruckender Beiläufigkeit all die medizinischen Fachbegriffe. In lichten Momenten wusste er noch, wer ich bin. Zumindest schien es mir so.

Dann saßen wir eine Zeit lang schweigend in seinem Zimmer im fünften Stock des Heims und blickten beide aus dem Fenster hinüber zum Gebäudekomplex des DRK-Krankenhauses. Bis Volker von mir wissen wollte, warum da jetzt wieder ein Hakenkreuz auf dem Dach ist. Ich verstand erst gar nicht, was er meinte. Bis ich den Kreis mit dem Roten Kreuz auf dem Krankenhausdach entdeckte. Volker war irgendwo in seiner Kindheit, weit weg in einer jener Geschichten, die er vor seiner Erkrankung häufig erzählt hatte.

Demenz in Fakten

In Deutschland leben etwa 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenz-Erkrankung. Demenz ist aus dem Lateinischen; und es bedeutet so viel wie „ohne Vernunft“ bzw. „unvernünftig“. Es gibt verschiedene Formen, am häufigsten und am bekanntesten ist Alzheimer (bzw. die Alzheimersche Krankheit). Gemeinsam ist den Demenz-Erkrankungen, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns nachlässt. Die Fähigkeit, klare Gedanken zu fassen, nimmt ab. Das Gedächtnis, die Sprache, das Orientierungs- und Urteilsvermögen, die Fähigkeit zur Bindung zu anderen Menschen, die eigenen Gefühle – alles ist betroffen. Die Persönlichkeit verändert sich. Man ist immer weniger der, der man ein Leben lang war.

Hören und Demenz - altes Foto eines Liebespaars

Mit zunehmendem Alter steigt die Häufigkeit der Demenz-Erkrankungen. Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft (DAG) sind zwei Drittel der Betroffenen über 80. Man kann auch Jahrzehnte früher erkranken. Da wir im Schnitt immer älter werden, wird die Zahl der Demenz-Erkrankungen steigen; es sei denn, es tut sich was bei Therapie und der Vorsorge.

Demenz und Hören

Genau das führt zum Hören. Zuerst einmal fällt auf, dass Demenz und Schwerhörigkeit ganz ähnliche Symptome haben: Ein Schwerhöriger kann nicht alles verstehen, und Dementen fällt es oft schwer, Worte zu erkennen. Sowohl Schwerhörigkeit als auch Demenz erzeugen oft Gefühle von Angst und Unsicherheit. Häufig ist in beiden Fälle auch die Kommunikation zu anderen Menschen beeinträchtigt; es entstehen z. B. Missverständnisse und Irritationen. Sowohl Schwerhörige als auch Demente ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück.

Hören und Demenz - altes Foto, ein Mann führt ein Pferd

Es gibt eine Reihe von Studien, in denen der Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und Demenz untersucht wurde. Nun gibt es zu vielen Dingen irgendwelche Studien… Aber dieser Zusammenhang wurde von einer ganzen Reihe von Wissenschaftler*innen überall auf der Welt untersucht. Alles spricht dafür, dass es diesen Zusammenhang tatsächlich gibt.

Vier Thesen zum Thema

Aus der aktuellen Forschung ergeben sich vier Thesen – also keine absoluten Gewissheiten, aber doch wahrscheinliche Annahmen, über die die Forscher*innen diskutieren. Die Thesen habe ich dir hier – in Anlehnung an eine Ausarbeitung der Bundesinnung der Hörakustiker – mal kurz zusammengestellt:

These 1: Wenn dein Gehör nachlässt, dann verlierst du zumeist hohe Töne bzw. Frequenzen. Du verstehst zwar immer noch was, aber in vielen Worten, die du hörst, fehlen dir Buchstaben bzw. Teile. (Das habe ich hier schon ausführlich erklärt.) Dein Gehirn gibt sich jede Mühe, die fehlenden Buchstaben zu ersetzen, so dass du möglichst immer noch verstehst. Das ist jedoch sehr anstrengend. Durch diese Anstrengung lässt dein Gehör in seiner Leistungsfähigkeit nach. Es fällt ihm schwerer, sich zu erinnern.

These 2: Wenn das Gehirn nachlässt, bedeutet das eine zusätzliche Belastung für das Denken, die Wahrnehmung und das Erkennen. Durch diese Belastung verändern sich Strukturen im Gehirn. Das Gehirn funktioniert dadurch anders.

Hören und Demenz - viele vergessene Gesichter, Soldatengruppe

These 3: Wer schlecht hört, meidet soziale Kontakte und zieht sich zurück. Und dieser Mangel an Kontakten befördert die Demenz.

These 4: Es gibt gemeinsame Ursachen von Schwerhörigkeit und Demenz. Der Hörverlust weist darauf hin, dass es krankhafte Veränderungen im Gehirn gibt.

Fazit: Hören und Demenz

Nachzuweisen, welche dieser Thesen nun stimmt, wird die Hörforschung noch eine Weile beschäftigen. Festhalten können wir, dass etwas dran ist: Hörverlust und Demenz haben mit einander zu tun. Wenn man sich bewusst macht, wie Hören und Denken zusammenhängen, scheint das auch nahe liegend. Eine andere Frage ist, welchen Schluss man aus diesem Zusammenhang zieht – für sich selbst. Das ist Thema eines anderen Beitrags.

ein altes Foto von einem Baby in einem Kinderwagen (Prinzessin Beatrix)

PS: Die Bilder zum Beitrag über Hören und Demenz zeigen alte Erinnerungen bzw. Fotos, die ich in einem Bananen-Karton auf dem Waterlooplein-Flohmarkt in Amsterdam gefunden habe. In dieser Kiste waren sie vermutlich gelandet, weil sich niemand mehr an die Menschen auf diesen Fotos erinnern konnte. (Außer vielleicht an das Baby auf dem letzten Bild, denn das ist Prinzessin Beatrix, später Königin der Niederlande.)


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