Nasenfahrrad und Fleischbanane

Über das Image von Brillen und Hörgeräten – früher und heute
"Brille gefunden" Schild

Schlecht sehen, aber aus Eitelkeit keine Brille tragen? Das soll es noch geben. Ich kenne sogar jemanden, bei dem das offensichtlich so ist. – Ist allerdings ganz schön blöd, weil man schnell ziemlich aufgeschmissen ist, wenn man irgendwas nicht mehr erkennen oder lesen kann. Außerdem sind Brillen doch heute total normal…

Und Hörgeräte? In der Hörgeräte-Industrie und in der Hörakustik ist das unterschiedliche Image von Brillen und Hörgeräten immer mal wieder Thema: Man müsste bei Hörgeräten einen Image-Wandel schaffen, wie es den bei Brillen auch gegeben hat. Schließlich gehören Sehen und Hören doch zusammen. Die Leute müssten auch Hörgeräte neu erleben – wie Brillen eben; als eine Art modisches Accessoire…

goldfarbene Brillenfassung über Optiker-Tür

Brillenmode. – Ich glaub nicht, dass dieser Begriff heute noch jemandem aufstößt, wenn er irgendwo fällt. Natürlich sind Brillen auch Mode. Auch wenn Mode (meist) nicht der eigentliche Grund ist, um sich eine Brille zuzulegen. Aber es gibt unendlich viele Brillen, die schick sind bzw. von ihren Träger*innen für schick gehalten werden. (Womit sie dann natürlich auch schick sind.)

Brillen unterstreichen eben die eigene Note. Vermutlich noch mehr als irgendwelche Klamotten, die man viel häufiger wechselt. Und zudem trägt man Brillen nicht an Bauch oder Hintern, sondern im Gesicht, vor den Augen. Brillen prägen ein Gesicht mindestens ebenso wie Bärte, Lippenstifte, Nasenpiercings… Vermutlich sogar noch mehr. Denn wenn man dem oder der anderen in die Augen blickt, blickt man eben auch durch seine bzw. ihre Brille. – Brillen sind damit sozusagen in höchstem Maße kommunikativ. Aber das sind Hörgeräte auf ihre Art auch…

Brillenschlange und Professor

Ursprünglich waren Brillen natürlich auch nur eine Art Hilfsmittel – um einen eingeschränkten Sinn auszugleichen. Als ich sechs Jahre alt war, kam ich in die 1. Klasse einer Polytechnischen Oberschule in Berlin-Mitte, damals noch Hauptstadt der DDR. Ich saß mit 32 anderen in einem Klassenraum hinter meiner Schulbank und übte mich wie alle im Schönschreiben. Dafür hatte jeder ein Schönschreibheft, in das man Reihen von A, a, O, o, U, u usw. schreiben musste, möglichst so schön, wie sie vorne an der Tafel standen. Aber meine A und O wurden nicht schön. Das beschäftigte die Erwachsenen – bis sie feststellten, dass ich nicht gut sehen kann; weder die Tafel noch die Linien im Schönschreibheft.

Also bekam ich nicht nur – wie alle anderen 32 – ein blaues Pionier-Halstuch, sondern auch noch eine Brille – die ebenfalls blau war. Eine Brille hatte nur ich.

Deko mit verkleidetem Hund

Damals war es noch ziemlich üblich, das Wort „Brillenschlange“ zu verwenden. Das war dann witzig oder auch kränkend gemeint – also ungefähr wie „Feuerlocke“, „Suppenkasper“, „Zappelphilipp“. (Klingt heute vermutlich alles ziemlich old-fashioned.)

Es war kein Drama, aber es war auch nicht toll, die „Brillenschlange“ zu sein. (Obwohl „Brillenschlange“ ja eigentlich nur ein anderer Name für Südasiatische Kobra ist; und Südasiatische Kobras sind immerhin ziemlich respekteinflößend bzw. giftig…)

Später, als ich statt der kleinen hellblauen eine ziemlich monströse Horn-Brille trug (kein echtes Horn), wurde ich nicht mehr „Brillenschlange“ genannt, sondern: „Professor“. Das fand ich ok. Professoren sind ja meist patente Leute. In den Augen der anderen war meine Brille also zu einer Art Zeichen geworden – für so was wie Studieren, Lesen, Wissen, Intelligenz.

Mönche und Brillen

So ein Zeichen waren Brillen eigentlich schon immer – solange es sie gibt. Vermutlich kennst du den Film „Der Name der Rose“ nach dem historischen Kriminalroman von Umberto Eco. In dem gibt es eine Szene im Lesesaal der finsteren Abtei, in der Franziskaner-Mönch William von Baskerville (natürlich Sean Connery) sich mit einem Zweiglas über eine kostbare Handschrift beugt, um zu lesen – skeptisch beobachtet von den anderen Mönchen, die über das seltsame Ding vor seinen Augen tuscheln.

Die ersten Brillenträger – das waren Mönche des Mittelalters wie dieser William – also gebildete Leute, Geistesarbeiter, die – anders als 95 Prozent der Menschen – lesen und schreiben konnten, Handschriften vervielfältigten und dafür in besonderer Weise auf gutes Sehen angewiesen waren.

Hörgräte und Büchernarr

Die ersten Brillen stammten aus Italien, das grundlegende Optik-Wissen aus Arabien. Wer die Brille erfunden hat, lässt sich nicht genau sagen, zumal es mehrere Entwicklungsschritte gab – vom geschliffenen Lesestein über das Einglas (bzw. Monokel) zum Zweiglas. Der Dominikanermönch Alessandro della Spina aus Pisa soll 1280 erstmals zwei geschliffene Quarzlinsen durch ein Gestell aus Metall mit einander verbunden haben. Schon 1249 berichtet der Franziskaner und Philosoph Roger Bacon von Linsen, die das Sehen verbessern.

„Brillen-Spott“ im Mittelalter

Die älteste Darstellung von Brillen findet sich auf Fresken des italienischen Malers Tommaso da Modena (gemalt um 1352); hier werden zwei Kardinäle des Dominikanerordens mit Seh- bzw. Lesehilfe gezeigt. Das älteste Brillenbild nördlich der Alpen ist der sogenannte „Brillenapostel“ des Altars der Stadtkirche von Bad Wildungen, gemalt um 1403 von Conrad von Soest.

Die Hörgräte vor der Abbildung des Brillenapostel

Brille war also immer gleich Bildung. Später war die Brille zwar auch ein Ding, dass sich benutzen ließ, um ihre Träger zu verspotten. – Das gibt es zum Beispiel in der Darstellung des Büchernarren aus dem „Narrenschiff“ (nach 1500). Es soll auch so genannte Schandmasken mit Brillen gegeben haben, mit denen man unliebsame Personen an den Pranger stellte. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass so ein „Brillen-Spott“ Leuten galt, die durch Lesen, Wissen, Selber-denken Missfallen erregt hatten.

Schandmaske

Hörgeräte und Widderhörner

Brille = Lesen und Bildung. Das war im Mittelalter so, und in den Jahrhunderten danach auch. Das ist sozusagen etwas, was tief in unserer gemeinsamen Vorstellungswelt sitzt. Etwas, was man von früh an lernt, von den Eltern oder Lehrern, die es von ihren Eltern oder Lehrern gelernt haben usw.

Irgendwann in den 50ern, 60ern, 70ern ist aus der Brille außerdem noch was Schickes, Schräges, Modisches geworden. Da kamen Buddy Holly, John Lennon, Elton John, später Bill Gates, Harry Potter

geschnitzter Männerkopf mit Brille

Und nun die Hörgeräte… – Die wurden natürlich nicht von mittelalterlichen Mönchen getragen, denn es gibt sie überhaupt erst seit rund 100 Jahren. Wenn jemand im Mittelalter ein Hörproblem bekam, dann nahm er vielleicht ein abgesägtes Horn oder eine andere Art Trichter, um sich die ans Ohr zu halten und etwas besser zu verstehen. Es wird vermutet, dass das sogar schon Alexander der Große so gemacht hat. Denn es gibt alte Münzen, die ihn mit Widderhörnern an den Ohren zeigen.

„deaf“ und „doof“

Mit so einem Horn am Ohr wird alles etwas lauter. Es gibt ein paar Dezibel zusätzlich. Noch etwas mehr, als wenn man sich einfach nur die Hand hinters Ohr legt. Das heißt, zwischen diesen Hörhilfen und den smarten Hörgeräten von heute liegen Welten. Welten liegen schon zwischen den heutigen Geräten und denen vor zehn oder gar zwanzig Jahren. Mitte der 90er gab es die ersten digitalen Geräte – eine Revolution und zugleich Ausgangspunkt für rasant fortschreitende Entwicklungen.

Wenn man jedoch im Mittelalter und in den Jahrhunderten danach nicht gut hören konnte, sah es auch mit den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln ziemlich traurig aus. Man blieb erheblich eingeschränkt im Umgang mit anderen. Als Zeichen von Bildung und Intelligenz war ein Hörrohr ungeeignet. Gebärdensprache gab es zwar schon in der Antike. Aber spezielle Bildungsangebote für hörgeschädigte Kinder blieben ein Privileg weniger reicher Familien, soweit es diese Angebote überhaupt gab.

Die erste Schule für taube Kinder eröffnetet in Paris Mitte des 18. Jahrhunderts. Auch die Entwicklung der heutigen Gebärdensprache beginnt in dieser Zeit. Ohne passende Angebote konnten hörgeschädigte Menschen ihre geistigen Fähigkeiten oft überhaupt nicht entfalten. Das englische „deaf“ (taub) und das deutsche „doof“ haben einen gemeinsamen Ursprung. Dass diese Worte Unterschiedliches bedeuten, war vor hundert oder zweihundert Jahren noch längst nicht so selbstverständlich, wie es das heute ist.

Das Hörgerät als modisches Accessoire?

Und diese Selbstverständlichkeit hat nicht zuletzt etwas mit der Entwicklung der Hörtechnik zu tun. Ich bezweifle zwar, dass sich Hörgeräte jemals als modisches Accessoire etablieren, so wie das bei Brillen geschehen ist. Das Image von Brillen und Hörgeräten war nie gleich, und wird es wohl auch nie sein. Schließlich sitzen Hörgeräte ja auch nicht auf der Nase, sondern im oder hinter dem Ohr. Dafür aber bieten die Geräte heute eine Funktionalität, die viel, viel komplexer ist als die moderner Brillen. Und bei den smarten Hörgeräten gibt es außerdem immer mehr Zusatzfunktionen, die auch Menschen mit intaktem Gehör gerne hätten. Und auch wenn es nicht von heut auf morgen passiert – ich denke, das ändert schon eine Menge.

Vogel mit Sonnenbrille

PS: Auf den Fotos zum Beitrag über das Image von Brillen und Hörgeräten sind diesmal lauter Brillen zu sehen: ein Schild mit einer gefundenen Brille aus dem Schaufenster eines Hamburger Bücherladens, eine goldene Brille über einem Augenoptik-Geschäft in Amsterdam, ein Plakat von einem Hund mit Brille aus einem Schaufenster in Bad Schandau, die Hörgräte beim Belauschen des „Büchernarren“ und des „Brillenapostels“ (beide natürlich mit Brille), eine Schandmaske mit Brille aus dem Torture-Museum in Amsterdam (die mittelalterlich aber auch gefälscht sein kann), ein Männerkopf mit Brille an einem mittelalterlichen Haus in Marburg (der Brillen-Mann ist aber nicht mittelalterlich…) und ein Graffito-Küken mit Brille am Hunte-Ufer in Oldenburg.


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